Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann

Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann

ISBN: 9783423250627 - Verlag: dtv mehr

Gesamtbewertung Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann 4 Erfahrungsberichte lesen | Erfahrungsbericht schreiben | Frage stellen | Produkt zur Liste hinzufügen

... Der erste weisse Missionar, der in Samoa landete, kam in einem Segelboot. Die Eingeborenen hielten das weisse Segelboot aus der Ferne für ein Loch im Himmel, durch das der Weisse zu ihnen kam. – Er durchbrach den Himmel. (wörtlich aus: der Papalagi) Stell dir folgendes vor: du ... Bericht lesen





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Der Papalagi
Erfahrungsbericht von JuergenP über Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann
21.05.2001


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Selbstbeschau aus ungewöhnlicher Perspektive
Kontra: nichts

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Papalagi (sprich: Papalangi) heisst: der Weisse, der Fremde, wörtlich übersetzt der Himmelsdurchbrecher. Der erste weisse Missionar, der in Samoa landete, kam in einem Segelboot. Die Eingeborenen hielten das weisse Segelboot aus der Ferne für ein Loch im Himmel, durch das der Weisse zu ihnen kam. – Er durchbrach den Himmel.
(wörtlich aus: der Papalagi)


Stell dir folgendes vor: du kommt auf eine Insel, die von Eingeborenen bewohnt wird, die nie zuvor etwas anderes gesehen haben, als ihre Insel.
Stell dir vor, Ihr träfet auf den Häuptling des Stammes, einen ca. 30-jährigen Hünen von fast 2 m Größe und verstündet seine Sprache.
Stell dir vor, der junge Häuptling brennt förmlich nach Wissen, denn er ist außerordentlich intelligent, fragt und fragt und fragt. Am Ende dann, fragt er dich, ob er mitkommen dürfe, in deine Welt, um später dann seinen Stammesbrüdern darüber zu berichten. Er würde alles aufschreiben.
Stell dir vor, du hättest ihn mitgenommen.
Kannst du dir vorstellen, wie dieser Mann unsere Welt sieht? Uns? Die hochtechnisierte, hochkultivierte Zivilisation?
Sicher vermutest du jetzt, er käme aus dem Staunen nicht wieder heraus und würde mit offenem Mund unsere Errungenschaften bewundern. Unsere Kultur, unsere Reichtümer, Annehmlichkeiten, unseren Luxus, eben alles, worauf wir selbst auch stolz sind.

Wartet es ab...

Dies, was du dir vorstellen solltest ist so geschehen.
Erich Scheumann, ein Samoaexperte, traf gegen 1900 auf eine kleine Insel, namens Upolu, einer Insel aus der Samoa-Gruppe. Er kam mit einem Segelboot.
Hier lebte ein Volk, dass von der Existenz einer anderen Welt nichts wusste. Der verhältnismäßig junge und hochgewachsene Häuptling Tuivaii schloss schnell Freundschaft mit Scheumann, der sich bald mit Tuivaii verständigen konnte, denn er beherrschte die Sprache anderer Eingeborener auf Samoa.

Tuivaii wollte, das Scheumann ihn mitnähme nach London. Er wollte alles über uns Papalagis, so nannte er die Weissen, wissen. Auch Scheumann hielt dies für außerordentlich interessant, denn was dieser wohl sagen würde, zu seinem London, das reizte ihn.
Tuivaii schrieb all seine Eindrücke auf und wollte seinem Volk, bei seiner Rückkehr eine Rede halten.

So entstanden die Reden des Südseehäuptlings Tuivaii aus Tiavea, dem Dorf in dem er lebte.

Was nun folgt ist kaum mit Worten zu beschreiben. Für die meisten Dinge, die er sah, gibt es in seiner Sprache keine Wörter, also ersetzte er sie in Worte, die seine Genossen verstanden.
Er unterteilte seine Rede in Kapitel:


> Vom Fleischbedecken des Papalagi, von seinen vielen Lendentüchern und Matten <


Kleider waren Häute, Kragen und Manschetten – Kalkringe, festere Kleider – Matten, Knöpfe – Muscheln, Schuhe – Fussschiffe ...
So sehr wie uns über die kindliche Sprache auch amüsieren, so wird dem Leser schnell klar, was Tuivaii von uns und unseren seltsamen Gebräuchen hält. Er, der nur Lendentücher kennt, kann nicht verstehen, warum wir Papalagis uns so bedecken, damit die Sonne nicht an den Körper kann, und wir weiss und krank aussehen, warum sich Frauen einschnüren bis sie fast ohnmächtig werden (1900!) , warum wir Schuhe haben, die die Füße verkümmern lassen, bis sie schlecht riechen und und und.
Schon in diesem ersten Kapitel, in dem du dich fast wegschmeißt vor Lachen, bekommst du den Spiegel vorgehalten. Nicht unsereins ist es, die den armen nichtswissenden, ja kindlich einfältigen Ureinwohner bedauert, nein er bedauert uns!!!
Welch ein grauenhafter Unsinn in seinen Augen...

>Von den steinernen Truhen, den Steinspalten, den steinernen Inseln und was dazwischen ist <

Es geht weiter. Der Papalagi wohnt in Steintruhen. In den Truhen sind wieder Steinwände und machen noch mehr Truhen. Oft sind es viele Truhen übereinander und in einer grossen Truhe wohnen mehr Papalagis, als in seinem ganzen Dorf. Die Truhen stehen Schulter an Schulter, man kann nicht durch sie hindurchgehen. Auf der anderen Seite dasselbe, dazwischen ein Steinweg, lang wie ein Fluss. Wie eine Schlucht. Immer kommen neue Schluchten, die den Weg kreuzen. So geht das immer weiter...

Tuivaii erlebt London. Er kann uns Papalagi immer weniger verstehen, weil wir das alles für vernünftig halten. Langsam beginnt der Häuptling uns immer mehr zu bedauern.


> Vom runden Metall und schweren Papier <


Das liebe Geld. Tuivaii erkennt schnell, was für ein Teufelszeug das ist und wie es die Menschen verdirbt. In diesem Kapitel spricht er dann auch zum ersten Male eine deutliche Warnung an seine Stammesbrüder aus.


> Die vielen Dinge machen den Papalagi arm <


Weil der Papalagi alle Palmen und Hügel weggemacht hat um solche Stellen zu bauen, die er Städte nennt, ward der Papalagi irre und spielt den grossen Geist, damit er vergessen kann, was er nicht hat. Weil er so arm und sein Land so traurig ist, greift er nach Dingen, sammelt sie, wie der Narr, der welke Blätter sammelt, und überfüllt seine Hütte damit.

Da wollten wir Tuivaii all die schönen Dinge zeigen, die wir besitzen und gesammelt haben. All unsere Schmuckstückchen und Kostbarkeiten – und er sagt wir sind irre.
Alles hat sich längst umgekehrt. Nicht wir sind die Missionare, Tuivaii ist es, der den Leser missioniert.


> Der Papalagi hat keine Zeit <


Der Papalagi ist immer unzufrieden mit seiner Zeit und er klagt den grossen Geist dafür an, dass er nicht mehr gegeben hat. Er macht viel Wesens und alberne Rederei darum. Obwohl nie mehr davon vorhanden ist, als zwischen Sonnenaufgang und –untergang hineingeht, ist es ihm doch nie genug. Viele tragen an Lederstreifen eine kleine, platte, runde Maschine, von der sie die Zeit ablesen können. Dieses Ablesen ist nicht leicht. Man übt es mit den Kindern, indem man ihnen die Maschine ans Ohr hält, um ihnen Lust zu machen.

In diesem Kapitel, versucht Tuivaii, der sehr wohl weiss, was Zeit ist, zu verstehen, wie wir mit ihr umgehen. Er zählt viele Absurditäten auf, in denen sich jeder einzelne von uns wiederfindet, und kommt letztendlich zu dem Schluss: Der Papalagi hat die Zeit nicht erkannt, er versteht sie nicht und darum misshandelt er sie mit seinen rohen Sitten.


> Der Papalagi hat Gott arm gemacht <


O Brüder wie denkt ihr über einen Mann, der eine Hütte hat, gross genug für ein ganzes Samoadorf, und gibt nicht dem Wanderer sein Dach für die Nacht? Wie denkt ihr über einen Mann, der eine Traube Bananen in der Hand hält und gibt dem nicht eine einzige Frucht, der da hungernd darum bittet? Das ist das Tun des Papalagi zu jeder Stunde.

Die Palme wirft ihre Blätter und Früchte ab, wenn sie reif sind. Der Papalgi lebt so, wie wenn die Palme ihre Blätter und Früchte festhalten wollte: Es sind meine! Ihr dürft sie nicht haben und davon essen! – Wie sollte die Palme neue Früchte tragen können? Die Palme hat viel mehr Weisheit als der Papalagi.

Hier sieht der Häuptling wie wir mit Gott umgehen. Auch er kennt unseren Gott, den die Missionare brachten. Aber wir scheinen nicht mehr zu verstehen, was Gott uns aufgetan hat. Wir halten uns für wichtiger, als die Natur oder Gott.
Noch energischer als zuvor, warnt Tuivaii seine Dorfgenossen vor den bösen Reden und Handeln des Weissen. Er beginnt nun langsam uns zu verachten.


> Der grosse Geist ist stärker als die Maschine <


Hier erklärt Tuivaii seinem Dorf die Maschinen. Webstühle, Dampfer, Fotoapparate, Plattenspieler und Tonbänder, Flugzeuge und vieles mehr. Alles wieder umschrieben mit den einfachen Worten seiner Sprache. Für ihn ist das alles Zauber und er bewundert uns dafür. Gleichsam stellt er die Nützlichkeit all dieser Errungenschaften in Zweifel.

Denn so sehr alle Wunder und Fertigkeiten des Papalagi unsere Augen staunend machen könnten – im klarsten Sonnenlicht betrachtet bedeuten sie wenig mehr als das Schnitzen einer Keule, oder das Flechten einer Matte, und alles Tun gleicht nur dem Spielen eines Kindes im Sande. Denn es gibt nichts, das der Weisse gemacht hat und nur im entferntesten den Wundern des grossen Geistes gleichkäme.


> Vom Berufe des Papalagi und wie er sich darin verirrt <


Tuivaii macht sich seine Gedanken zu den Berufen des Papalagi. Alles, was man nur tun kann, machen wir zu einem Beruf. Diesen und nichts anderes machen wir dann bis wir alt sind. Tuivaii versteht das nicht recht, weil er meint Gott habe ihm nicht seine Hände, Füsse und seinen Kopf gegeben, damit er nur eine Sache macht. Der Insulaner baut seine Hütte selbst, fischt, pflückt seine Früchte, bestellt sein Feld, flicht seine Matte und geht selbst auf die Jagd. Der Papalagi macht aber aus allem einen Beruf und jeder macht immer nur ein Ding.
Obendrein ist er meist darüber verärgert und schimpft auf seinen Beruf.

Wieder einmal bedauert uns Tuivaii zutiefst.


> Vom Orte des falschen Lebens und von den vielen Papieren <


Mit dem falschen Leben umschreibt der Häuptling ein Kino. Damals noch Stummfilm mit Klavierbegleitung. Wieder sehr belustigend, wie ein solch einfacher Mann ein Kino sieht.

Die vielen Papiere sind die Zeitung.

In diesen Papieren liegt die grosse Klugheit des Papalagi. Er muss jeden Morgen und Abend seinen Kopf zwischen sie halten, um ihn neu zu füllen und ihn satt zu machen...


> Die schwere Krankheit des Denkens <


Eine schon philosophische Betrachtung über das Denken des weissen Mannes. Was wir denken, worüber wir denken, wie wir denken, was das Denken bewirkt, welchen Stellenwert es in der Gesellschaft hat und was am Schluss sinnvolles zurückbleibt, all dies untersucht Tuivaii in diesem Kapitel. Das Fazit ist wieder für den einfachen Insulaner klar:

Wir müssen uns hüten vor allem, was unseren Geist verdunkelt und ihm sein helles Licht nimmt, vor allem, was unseren Kopf in Streit mit unserem Leibe bringt. Der Papalagi beweist uns durch sich selbst, dass das Denken eine schwere Krankheit ist und den Wert eines Menschen um vieles kleiner macht.


> Der Papalagi will uns in seine Dunkelheit hineinziehen <


Eine letzte Abrechnung mit uns Weissen. Er sieht in dem Wort Gottes das Licht, dass Missionare auf seine Insel brachten. Dafür ist er dem Papalagi sehr dankbar. Doch nun, als er seine Welt gesehen hat, wurde ihm klar, dass wir nicht nach diesem Licht streben, sondern in der Dunkelheit leben.
So schliesst dieses kleine Buch mit dem Satz:
Gott möge helfen, dass uns sein Licht nicht blendet und in die Irre führt, sonern dass es alle Wege klarmacht und wir in seinem Lichte gehen können und sein herrliches Licht in uns aufnehmen, das ist. Uns untereinander lieben und viel, Talofa* im Herzen haben.

* samoanischer Gruß, wörtlich: ich liebe dich

Diese kleine Buch, welches man in fast zwei Stunden ausgelesen hat, hat mich sehr bewegt. Zum einen ist es natürlich lustig, wie dieser Tuivaii all unsere gebräuchlichsten Dinge des Lebens beschreibt, zum andern hat es eine Botschaft.

Der Leser, zwangsläufig ein Papalagi und ordentliches Mitglied unserer Gesellschaft, bekommt von diesem Ureinwohner einen Spiegel vor die Nase gehalten.

Er fragt uns auf seine Weise immer wieder: DASS soll Zivilisation sein, DASS nennt ihr Leben? Und obwohl ein jeder von uns sich im Unterbewusstsein für intelligenter, reifer und weiser hält, als ein Eingeborener eines Naturvolkes, so werden wir doch beim Lesen Stück für Stück kleiner und demütiger, bis es sich letztlich sogar umkehrt.

Dies macht den Reiz dieses Buches aus.
Er zeigt dem Leser uns selbst in einer Art und Weise, wie wir uns selber nicht mehr sehen können.


Der Papalagi ist erstmalig erschienen 1920 und wurde mehrfach neu aufgelegt, inzwischen über eine Million mal. Er ist in viele Sprachen übersetzt.

In good old germany kostet er 16,90 DM

ISBN 3-85931-015-1
   
weitere Erfahrungsberichte
Von der Sehnsucht zur Natur
Bewertung für Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann von Winfried Koelsch

Pro: eine KULT-Bibel
Kontra: kein Lesebuch

Ende der 70iger Jahre erschien ein kleines weißes Buch. Ein Buch, das nicht für die Öffentlichkeit gedacht war und das, ginge es nach dem Verfasser allein, auch nie gedruckt worden wäre. Der Verfasser selber, ein Häuptling namens Tuiavii eines Stammes aus ... Bericht lesen

Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
sehr hilfreich

16.05.2002
(26.05.2002)
Die Verrücktheiten des "Weißen Mannes"
Bewertung für Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann von kirsten31

Pro: Die ungewöhnliche Perspektive
Kontra: Das mag jeder für sich entscheiden

...Vor mir liegt ein kleines schmales Buch. Es ist ein recht altes Buch,herausgegeben wurde es zum ersten Mal 1920 und es hat eine so denkwürdige Hintergrundgeschichte,daß ich erst davon erzählen möchte bevor ich zum Inhalt selber komme. Der Verfasser,Er ... Bericht lesen

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23.02.2003
Die Himmelsdurchbrecher
Bewertung für Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann von HEMASCH

Pro: viele Denkanstösse
Kontra: -

DER PAPALAGI (Scheumann, Erich) ALLGEMEINES ////////// Der Papalagi (ausgesprochen Papalangi) bedeutet „Der Weiße“ oder wörtlich übersetzt „Der Himmelsdurchbrecher“. Der erste Missionar kam mit einem Segelboot nach Samoa und die Insel ... Bericht lesen

Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
sehr hilfreich

20.03.2004
(02.08.2004)


Der Papalagi - Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea / Erich Scheurmann

Haupteigenschaften

Produktform: Einband - flexibel (Paperback)

Erscheinungsdatum: 1991

Seitenzahl / arabisch: 144

ISBN: 3423250623

EAN: 9783423250627

Titel: Der Papalagi

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