Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Interessante Idee, leicht und zügig zu lesen |
| Kontra: |
Teilweise zu absurd und unnötige Längen |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Da am kommenden Montag für mich wieder die Uni beginnt, habe ich heute mit der Pflichtlektüre für ein Deutschseminar begonnen. Praktischerweise steht die Lektüre, die vorausgesetzt wird, auch auf meiner Leseliste fürs Examen. So möchte ich heute über Kafkas „Der Proceß“ berichten ...
INHALT
Josef K. wundert sich am Morgen seines dreißigsten Geburtstags, dass er kein Frühstück serviert bekommt. Frau Grubach, seine Vermieterin, sorgt normalerweise dafür, dass er pünktlich um acht Uhr sein Frühstück erhielt, doch heute ließ man ihn warten. K. läutet nach dem Zimmermädchen, doch stattdessen erscheint ein ihm unbekannter Mann. Und auch im Vorzimmer gehen seltsame Dinge vor, denn offenbar wird es von ihm fremden Männern belagert, die ihn davon unterrichten, dass er verhaftet sei. K. ist zunächst nur verwundert und glaubt an einen Scherz anlässlich seines Geburtstages, doch dann wird er im Zimmer seiner Nachbarin zu einer Anhörung gebeten.
Hat es K. schon verwundert, dass er angeblich verhaftet werden soll, so ist er noch erstaunter darüber, dass man ihm offenbar noch nicht einmal einen Grund nennen kann, weshalb. Niemand, und schon gar nicht K. selbst, ist sich eines Vergehens bewusst, nur dass K. angeklagt ist, das sei wohl sicher. Trotz alledem gehen die Männer nach einer Weile wieder und K. darf zu seiner Arbeit auf die Bank gehen. Die Sache scheint zunächst im Sande zu verlaufen, doch bald schon erhält er einen Anruf, dass er sich zu einer Anhörung einzufinden habe. Er geht zu der Anhörung, die alles andere als üblich verläuft, wo er den Versammelten mitteilt, dass es sich um einen Irrtum handeln müsse. In den nächsten Wochen und Monaten geschieht nichts in seinem angeblichen Prozess, trotzdem nimmt K. sich auf Anraten seines Onkels einen Anwalt. Noch immer weiß K. nicht, weshalb er angeklagt ist, dafür scheint aber die ganze Stadt von seinem Prozess zu wissen ...
MEINUNG
Weiter möchte ich nicht auf den Inhalt eingehen, da ich sonst schnell zu viel verraten würde. Das Grundgerüst der Geschichte habe ich angerissen, beinahe jede weitere Handlung ginge jedoch zu sehr ins Detail. Im Grunde passiert in Kafkas Roman reichlich wenig, obwohl zwischen der Verhaftung und dem Ende des Prozesses genau ein Jahr liegt. So viel sei gesagt, das Ende ist überraschend, wenn auch, für Kafka nicht unüblich. Man hätte beinahe nichts anderes erwartet. Als ich den Roman zu lesen begann, dachte ich, dass in diesem Roman möglicherweise die Verhandlungen im Vordergrund stehen, doch dies ist keineswegs der Fall. Viel mehr arbeitet Kafka eben dieses Nichtsgeschehen besonders heraus. Die Idee der Geschichte an sich, so ungewöhnlich sie auch sein mag, fand ich im Großen und Ganzen nicht schlecht. Jemand wird angeklagt, weiß aber nicht weshalb. Der Mann wird verhaftet, darf sich aber frei überall hinbewegen. Er muss sich zu Vernehmungen einfinden, erhält aber nie ein öffentliches Schreiben.
Überhaupt fragt man sich schon nach ein paar Seiten, warum K. dies alles mit sich machen lässt. Zuerst hält er es für einen Scherz und selbst, als er erkennt, dass die Sache nicht als solcher gedacht ist, nimmt er sie nicht ganz ernst. Die erste Anhörung nutzt er nicht wirklich um sich zu rechtfertigen, stattdessen macht er Vorwürfe und gibt Verbesserungsvorschläge. Er glaubt, es müsse sich um ein Versehen, vielleicht auch eine Verwechslung handeln. Doch dann, als er merkt, dass sein Prozess andauern wird, aber nichts geschieht, nimmt K. die Sache immer ernster und steigert sich hinein. Nicht mehr die Frage, was er überhaupt Gesetzloses getan haben soll beschäftigt ihn, sondern wie er aus der Sache herauskommt. Dabei sucht er Hilfe bei den unterschiedlichsten Leuten, vernachlässigt seine Arbeit und findet sie doch nicht.
Schon aus anderen Erzählungen von Kafka waren mir dessen, für uns doch recht absurden Ideen bekannt. Sei es Gregor Samsa, der sich in einen übergroßen Käfer verwandelt, oder Georg Bendemann, der von der Brücke springt, weil sein Vater ihm zum Tod durch Ertrinken verurteilt. Auch Josef K. steht dem in nichts nach. Die Idee an sich, dass jemand ohne schriftlichen Bescheid und Wissen, weshalb er angeklagt ist, einen Prozess akzeptiert, der im fünften Stock eines heruntergekommenen Wohnhauses abgehalten werden soll ist schon sehr merkwürdig, doch gerade das Drumherum rundet diese fantastische Geschichte ab.
Um nur einige Beispiele zu nennen, möchte ich die beiden Wächter erwähnen, die K. im ersten Kapitel verhaftet haben. Sie aßen das Frühstück auf, das für K. bestimmt war, und wollten sich an dessen Kleidung bereichern. K. erwähnt dies bei seiner Anhörung und macht einen Tag später eine merkwürdige Entdeckung in der Rumpelkammer seiner Bank. Die beiden Wächter werden dort von einem in Leder gekleideten und mit Peitsche ausgestatteten „Prügler" ausgepeitscht. Nicht weil sie sich nicht an die Vorschriften gehalten haben, sondern weil K. sie gemeldet hat. K. möchte den Prügler abhalten, was ihm nicht gelingt und so sind Wächter und Prügler auch am nächsten Abend noch in der Rumpelkammer.
Ein weiteres Beispiel sind K.’s Beziehungen zu Frauen, die vermutlich Kafkas eigene Unfähigkeit in puncto Beziehung widerspiegeln. K. hat eine Liebschaft mit einer Frau namens Elsa, die aber weder warmherzig noch zärtlich zu ihm ist. Eines Nachts möchte er sich bei seiner Nachbarin Fräulein Bürstner entschuldigen, weil deren Zimmer für die Vernehmung bei der Verhaftung gebraucht wurde. Als sie ihn schließlich bittet zu gehen, weil es schon spät ist und jemand unzüchtig von ihr denken könnte, küsst K. sie plötzlich übers ganze Gesicht und über den Hals. Fräulein Bürstner lässt sich alles gefallen, später kaum mehr die Rede von ihr. Neben der Frau des Gerichtsdieners die in den Kanzleien, die sich merkwürdigerweise auf den Dachböden der Mietshäuser befinden, herumgereicht wird, und die auch K. begehrt, gibt es außerdem noch Leni, die Pflegerin seines Anwalts. Eigentlich findet er sich nicht attraktiv, doch Leni setzt sich auf seinen Schoß, sagt ihm, er solle Elsa doch gegen sie eintauschen und K. tut es.
Die Geschichte und sämtliche außergewöhnlichen, meist sogar absurden Details sind interessant zu lesen, da alles so anders ist, als in andere Romanen. Die Sprache ist zudem leicht verständlich, wenn sie im Großen und Ganzen auch so belassen wurde, wie Kafka sie damals benutzte, daher auch die Schreibweise (Der Proceß) des Titels. Da sich die ungewohnten Wörter aber nur auf kleine Änderungen wie „gieng“ statt „ging“ oder „endgiltig“ statt „endgültig“ beschränken, ist der Text verständlich und flüssig zu lesen. Ziemlich störend empfand ich allerdings, dass gegen Mitte des Romans rein gar nichts mehr passiert. Nun, es passiert schon ohnehin recht wenig, doch zumindest gab es Rahmenhandlungen. In der Mitte des Romans gibt Kafka jedoch Gedanken wieder, die er selbst zuvor als langweilig und unnötig abgetan hat. So hält K. die unnützen Belehrungen seines Anwalts für langweilig und hört selbst immer weg, muss aber für den Leser alles wiedergeben. So liest man seitenweise Ausführungen über Winkeladvokaten und hofft nur, dass möglichst bald etwas geschieht.
Die Längen im Roman treten gegen Ende hin auch zunehmend häufiger auf. War die Geschichte anfangs noch interessant und durch die Absurdität außergewöhnlich, beginnt man sich in der zweiten Hälfte deutlich zu langweilen, da K. nur über das Gericht nachdenkt und über die Unfähigkeit der Gesetzesleute schimpft. Diese Passagen empfand ich sehr anstrengend und auch die Schlüsselszene, das Kapitel „Im Dom", das Kafka als Fragment bereits unter dem Namen „Vor dem Gesetz" veröffentlichte, fand ich recht fraglich. Zwar waren einige Denkanstöße durchaus schlüssig, jedoch waren auch dies unnötig in die Länge gezogen. Das Ende schließlich mag für Kafka-Unbelesene überraschend gewesen sein, ist man jedoch schon mit anderen seiner Werke vertraut, musste es fast so oder so ähnlich kommen.
„Der Proceß" von Kafka ist sicherlich ein durchschnittlich interessanter Roman und bietet viel Raum für Interpretationen, auf die ich aber im Weiteren verzichten möchte, da sie sehr vielseitig sein können und den Rahmen sprengen würden. Sicherlich findet man aber auch in diesem Roman, Kafkas übliche Motive wieder. So hat K. anstatt seines Vaters den Onkel als Vormund, was sicherlich auf Kafkas angespanntes Verhältnis zu seinem Vater zurückzuführen ist. Auch dass die Hauptfigur K. heißt, ist sicherlich ein Hinweis, dass Kafka sich selbst in Josef K. wiederfindet. Nicht zuletzt das gestörte Verhältnis zu Frauen und das Gefühl im Leben nicht die Werte erreicht zu haben, die jeder Mann in der damaligen Zeit anstrebte, nämlich eine Familie zu gründen, finden sich hier wieder.
AUTOR
Franz Kafka wurde am dritten Juli 1883 in Prag als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns geboren. Er studierte Germanistik und Jura, promovierte und arbeitete in einer Versicherungsgesellschaft. Kafka schrieb den Roman „Der Proceß" in den Jahren 1914/1915. Ein Kapitel daraus, heute als „Im Dom" bekannt, veröffentlichte er unter dem Titel „Vor dem Gesetz". Die restlichen Kapitel seines Romans empfand er als weniger wichtig. So ließ er auch testamentarisch festhalten, dass all seine Manuskripte nach seinem Tod verbrannt werden sollten. Sein Freund Max Brod jedoch veröffentlichte Kafkas Werke jedoch nach dessen Tod. Kafka starb 1924 an Kehlkopftuberkulose. „Der Proceß" erschien 1925.
FAKTEN
Titel: Der Proceß
Autor: Franz Kafka
Erstmals erschienen 1925
Erschienen bei Reclam: 1995
Roman auf 211 Seiten + 34 Seiten Fragmente und Erläuterungen
Preis: 5,10 Euro
ISBN: 3150096766
FAZIT
„Der Proceß" ist ein Roman, der sich zügig lesen lässt und durch seine außergewöhnliche Idee durchaus interessant und lesenswert ist. Stellenweise zieht sich die Geschichte jedoch unnötig in die Länge, sodass man die Lust am Lesen verlieren kann. Die Gedankengänge sind, nicht unüblich für Kafka, wirken aber teilweise sehr übertrieben und sind nicht unbedingt nachvollziehbar. Einer an sich guten Idee hätten ein paar Seiten Gedanken weniger über das Gesetz sicherlich gut getan. Somit vergebe ich insgesamt nur drei Sterne, spreche aber eine Empfehlung aus, da Kafka immerhin leicht zu lesen ist und mal ein paar außergewöhnliche Ideen umsetzt.
| weitere Erfahrungsberichte |
Schuldig oder nicht schuldig ...
Bewertung für Der Prozess - Nachdruck der Erstausgabe von 1925 / Franz Kafka von
daedalos
Pro: nüchtern, aber hochspannend und ergreifend
Kontra: nichts
...Auf seine eigene Weise ist Franz Kafkas Roman "Der Prozeß" in der "Trilogie der Einsamkeit", den die drei Romane "Amerika", "Der Prozeß" und "Das Schloß" innerhalb dieses vom Autor zwar nicht als solchen benannten oder vorgegebenen, bei näherer Betrachtun ...
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sehr hilfreich
14.10.2001
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Prozess gegen wen?mich ,dich?!
Bewertung für Der Prozess - Nachdruck der Erstausgabe von 1925 / Franz Kafka von
Hellokittie
Pro: literarisches Meisterwerk
Kontra: juristischer Stil nicht gerade spannend
...Franz Kafka Wurde am 3.Juli 1883 in Prag als ältester Sohn eines jüdischen Geschäftsmannes geboren. Kafka litt als Kind an der herrischen Art des Vaters, dessen Anweisungen unwidersprochen zu gehorchen sind. Er besuchte von 1893 bis 1901 das Gymna ...
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sehr hilfreich
01.10.2001
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Willkommen in der Kafka-Realität
Bewertung für Der Prozess - Nachdruck der Erstausgabe von 1925 / Franz Kafka von
F.Dantes
Pro: Brillante Dialoge;Das Leiden des Protagonisten wird dem Leser intensiv vor Augen geführt
Kontra: Rätselhaft, scheinbar absurd und für den Normalsterblichen oft unverständlich
Übermütig wie ich bin, lieh ich mir kürzlich von einem Freund dieses Kafka-Werk aus, das viele Experten für dessen größtes halten. Da die Biographie des Autors sehr eng auch mit diesem Roman verbunden ist, sind ein paar Angaben zum Leben des Genies sich ...
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sehr hilfreich
23.08.2001
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Die Schuld spielt keine Rolle
Bewertung für Der Prozess - Nachdruck der Erstausgabe von 1925 / Franz Kafka von
chris_rabl
Pro: spannend, düster
Kontra: etwas schwierig
...Heute habe ich den sonnigen Vormittag genutzt und mein zuletzt begonnenes Buch „der Prozeß“ von Franz Kafka zu Ende gelesen. Jetzt möchte ich euch meine Eindrücke darüber mitteilen. Vorweg muss ich warnen, der Inhalt ist nicht ganz leicht zu v ...
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sehr hilfreich
04.05.2002
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Schuldlos Schuldig
Bewertung für Der Prozess - Nachdruck der Erstausgabe von 1925 / Franz Kafka von
changert
Pro: Einzigartiges Problem angesprochen
Kontra: Schwierige Lektüre
Franz Kafka - ein Autor, der heute nur noch sehr selten und dann zumeist im Deutschunterricht gelesen wird - obwohl er es anders verdient hätte. Aber ganz grundlos ist diese Entwicklung natürlich auch nicht, wie sich noch zeigen wird. Zu seinen bekanntest ...
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sehr hilfreich
30.10.2000
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