Erfahrungsbericht über

Der Strand - Roman / Alex Garland

Gesamtbewertung (73): Gesamtbewertung Der Strand - Roman / Alex Garland

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Ein Paradies wird zur Hölle

5  18.08.2002 (07.01.2009)

Pro:
leicht zu lesen,toller Klimax,tiefgründig

Kontra:
etwas lange Einleitung

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Argento

Über sich: Es fehlen 34 Berichte+17000 Punkte!Nach langer Abstinenz habe ich mich von mir zu einer Rückkehr zu ...

Mitglied seit:01.01.2002

Erfahrungsberichte:85

Vertrauende:23

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 42 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Der junge Londoner Richard ist ein fanatischer Rucksack- Reisender, zählt sich aber nicht zu jener Mittelschicht, die denn doch auf ausgetretenen Pfaden wandern und nur vermeintliche Individualisten sind. Vielmehr ist er stets auf der Suche nach etwas außergewöhnlichem. Das einschneidende Erlebnis, daß sein noch junges Leben verändern sollte, hat er in einem Hotel in Bangkok. Ein ihm schon vorher als unheimlich aufgefallener Mann, der kurze Zeit später vermeintlich Selbstmord begeht und sich als "Mr. Daffy Duck" herausstellt, spielt ihm eine seltsame, von ihm gezeichnete Karte zu, die von einem versteckten Strand berichtet, von dem er selber getürmt ist.
Im Hotel trifft Richard ein junges französisches Pärchen, Etiénne und seine gutaussehende Freundin Francoise, die von einer Art verstecktem Paradies im Naturschutzgebiet auf einer Insel gehört haben, wobei es sich um eben jenen Strand zu handeln scheint. Nach einigem zögern, abwägen und diversen Problemen, die aber eher von Richard ausgehen, als von dem euphorischen Pärchen, beschließt man denn, sich von einem der thailändischen Fischer ins Naturschutzgebiet übersetzten zu lassen. Obwohl dort ein längerer Aufenthalt verboten ist, planen die drei, jenen verborgenen Strand entschlossen zu suchen, bis man ihn gefunden hat.
Bei der Suche stoßen sie in der Tat an ihre persönlichen Kraftreserven, da man außerdem von der Insel, zu der sie der Fischer brachte, eine erhebliche Strecke schwimmend zurücklegen muß. Das Gepäck, das lediglich aus Zigaretten, ein wenig Gras (also Drogen), einem kleinen Wasservorrat und ein paar "Maggi"- Nudeln besteht, transportiert man mittels Müllsäcken, die dank Lufteinschluß auf dem Wasser schwimmen.
Als die drei auf der Insel, wo sich der Strand laut Karte befinden soll, ankommen und sich im verlassen scheinenden Dschungel umschauen, stoßen sie unvermittelt auf eine große, illegale Haschisch- Plantage, die zu allem Übel von bewaffneten Männern bewacht wird.
Man ist davor umzukehren, doch als sich Richard nach all der Anstrengung noch überwindet, einen großen Wasserfall hinunterzuspringen, wird er tatsächlich von einem jungen Mann in Empfang genommen, der unverkennbar schon länger fernab der Zivilisation lebt.
Im hinteren Teil der Insel hat sich eine Gruppe von Aussteigern, die aus den verschiedensten Teilen der Erde stammen, ein eigenes Strand- Leben, mit eigenen Gesetzen und Regeln, aufgebaut, verborgen durch hohe Felsen und unter einem riesigen Laubdach, daß tatsächlich einem unberührten Paradies gleicht und in dem man friedlich Leben, sich ungefragt in jedes Gespräch einschalten kann und jeder des anderen Freund ist. Nachnamen existieren nicht.
Nachdem sich Richard von einem Fieber erholt hat, wird er, wie Etiénne und Francoise bereits, den "Fischern" zugeteilt. Er freundet sich besonders mit dem Schwarzen Keaty an, dessen Hobby sein "Gameboy" ist.
Da auch Richard Videospiele mag, ist der Vorrat an Batterien bald aufgebraucht und eine Reise zum Festland wird nötig, zumal sich auch der Vorrat an Reis dem Ende zuneigt.
Zusammen mit Jed übernimmt er den anscheinend ungeliebten Auftrag, zumal er sich nach Monaten des Strand- Lebens nach einer Abwechslung seht und auch merkt, daß die Idylle auch ihre Schattenseiten hat.
Er hat zwar den Großteil seines "alten Lebens" vergessen (der Strand hat tatsächlich eine Art "Amnesie- Effekt, was er besonders an Etiénne und Francoise erkennt, an die er sich die erste Zeit noch recht klammert, da sie auch in seiner Arbeitsgruppe sind). Doch will nicht alles in ihm "absterben". So verspürt er das Bedürfnis, seinen Eltern seinen Aufenthaltsort mitzuteilen oder zumindest, das es ihm gut geht.
Auf dem Festland, von wo aus er vor Monaten mit Etiénne und Francoise startete, erfährt er jedoch nicht nur eine ihm vorher so nie aufgefallene Zivilisations- Stupidität, sondern auch von Zeph und Sammy, denen er vor seiner "Abreise" eine selbst gemalte Karte der Lokalität des Strandes zukommen ließ. Nun schnüffeln diese beiden ihm vormals willkommenen Gefährten herum, fragen Leute nach dem vermeintlichen Weg und machen den geheimen, illegalen Strand so publiker, als es nicht nur ihm lieb ist.
Doch wird dies nicht das größte Problem, das Richard auszustehen hat. Oder doch ?
Als Richard vom Festland zurückkommt, von den "Fischern" versetzt wird, damit Keaty, der bei den "Gärtnern" arbeitete, aus moralischen Gründen seinen Platz einnehmen kann und er in Folge zusammen mit Jed, den Daffy nie leiden konnte und der deswegen diesen einsamen Beobachterposten bekam, das offene Meer im Auge behält, scheint es zunächst, als würde die Idylle von Zeph und Sammy bald gestört. Doch können diese sich nicht entschließen, von der gegenüberliegenden Insel auf jene zu schwimmen.
All dies wird plötzlich bedeutungslos, als Keaty versehentlich einen bereits tot gewesenen Tintenfisch zum Essen mitbringt und folgend fast die gesamte Gruppe an akuter Lebensmittelvergiftung leidet.
Damit beginnen sich die schon lange schwelenden Unstimmigkeiten, die unter den unterschiedlichen Charakteren ob der Hierarchie, besonders dank des arroganten Bugs und der vermeintlichen Anführerin Sal, herrschen, in Abgründe zu verstärken, die das anfängliche Paradies unwiderruflich bröckeln lassen.
Da der "Geburtstag" des Strandes bevorsteht, den man gebührend feiern sollte, versucht Sal, welcher der Strand alles bedeutet, verzweifelt, einen Waffenstillstand zu erwirken und die Parteien, die sich gebildet haben, zusammenzuführen. Doch das Fest wird der Anfang von Ende.

Kritik

Die Geschichte ist derart komplex und facettenreich, steckt so voller Details und eigentlich unumreißbarer Wichtigkeiten, daß es, sicher nicht nur mir, kaum möglich ist, den Inhalt allumfassend geballt wiederzugeben, vor allem, ohne Überraschungen vorweg zu nehmen.
Denn außerdem wird die angedeutete Handlung in unregelmäßigen Abständen von Traumvisionen unterbrochen, in denen Richard mehr oder minder sofort aufschlußreiche Begegnungen mit Daffy "Mr. Duck" hat. Jenem Mann, von dem er die Karte zugespielt bekam. (Jener war einst einer der drei Entdecker des Strandes, zusammen mit Bugs und Sal. Der Bezug zum Vietnam- Krieg und Saigon spielt dabei eine gewichtige Rolle.)

Mit seinen rund 450 Seiten zählt das international ungemein gefeierte, 1996 herausgegebene Debüt des 1970 geborenen Engländers Alex Garland zwar nicht unbedingt zur Art kurzer, knapper Literatur, aber keinesfalls auch zur Sorte in die Länge gezogener Trivialliteratur, wie es die sehr ungenügende, um nicht zu sagen bekloppte Verfilmung Danny Boyles aus dem Jahre 1999, welche nahezu alle Aussagen des Romans verwässert, vermuten läßt.
Es wäre mehr als schade, das Buch wegen eines kürzeren und, aus welchen Gründen auch immer, vielversprechenderen Werkes links liegen zu lassen.

Bemerkenswert ist zunächst die Authentifizierungsstrategie, die Garland zu Beginn der eigentlichen Geschichte vornahm. Er bezeichnete dieses einleitende Kapitel als "Schlupfloch" und meint damit ein jenes, das jeder Schweige- Kodex hat, um eine Geschichte doch irgendwie an den Mann bringen beziehungsweise über ein Erlebnis sprechen zu können. Man tarnt das Ganze als fiktiv und gibt sich einen anderen Namen. Da Garland wie der "Held" Richard Engländer, sogar Londoner ist, fragt man sich tatsächlich, wieviel Wahrheit an der geschilderten Geschichte ist, ja ob es sich tatsächlich um einen autobiographischen "Reisebericht" handelt. Das Gegenteil kann man jedenfalls nicht beweisen.

Und etwas unspektakulär ist dieser "Reisebericht" anfangs schon. Trotz des einen oder anderen Schocks, der schon eine gewisse Umschreibungsfreude an grotesken Details und einen Zynismus zeigt, der sich im Verlauf noch ausweitet, so das Auffinden der Karte oder die fast mysteriös geschilderte Begegnung mit der Reinigungskraft, dauert es ein wenig, bis das Interesse an der Geschichte so richtig da ist. Dank der spannenden und vor allem malerischen Bildsprache (es schien, als hätte sie den Mund voller Wespen) und ironischen, teils schön gleitenden Erzählweise, die stets aus der Sicht Richards als "Ich- Erzähler" berichtet, erlahmt das Interesse jedoch nicht.
Man findet sich doch recht schnell in die eigene Welt Richards, in seine Ideologie und akzeptiert Dinge, die teils wohl für jeden etwas Vertrautes bergen, andererseits aber auch ein wenig schrägen Charakter tragen. (Er bezeichnet sich zum Beispiel "als Süchtiger unter den Süchtigen" und meint damit sicher nicht nur seinen Zigarettenkonsum.) Auch die mitunter auffällig nach der realen Sprache und akustischen Mimik ("Mhh.", "Oh.", "Ahh.", "Äh,...") geschriebenen Mono- vor allem aber Dialoge legen Richard als einen normalen, ungekünstelten Charakter an, der nicht immer im richtigen Moment die richtigen Worte findet. (Zum Beispiel, als er die insgeheim geliebte Francoise fragt, ob er im Delirium irgend etwas "dummes" gesagt habe.)

Recht lange dauert es auch, bis das passiert, was schon seit einigen Seiten unvermeidlich scheint, nämlich die Reise zu besagtem Strand.
Mit Richard ist auch der Leser etwas enttäuscht, statt einer großen Überraschung und bizarrer Geheimnisse zunächst einer Art Freiluft- Anarchisten- Treffen beizuwohnen und vermißt ebenfalls das, was sich Richard ausmalte, eine Art "Ideologie". Das dies aber nur täuscht, verrate ich, mehr aber nicht.
Es zeigt sich denn auch, wie wichtig es war, eine auf den ersten Blick etwas zu ausführliche Exposition auszubreiten und den schwierigen Weg zum Strand auch für den Leser etwas schwierig zu gestalten.
Selten ist mir, in welcher Art auch immer, ein derart überzeugender, düsterer und in sich geschlossener Klimax untergekommen, der menschliche Abgründe offenbart, die so oder ähnlich sicher die meisten Leser schon selbst einmal hautnah miterleben mußten.

Das Ende ist von einem drückenden, wahrhaft unfaßbaren, fast apokalyptischen Charakter, daß man die eine oder andere Passage zweimal lesen muß, um sie zu begreifen. (Dabei wirkt der "Wahnsinns- Trip" nicht als Anti- Drogen- "statement", sei angemerkt. Überhaupt bezieht der Roman keine Stellung zum geschilderten Haschisch- Konsum. Es handelt sich also weder um einen lacksen "Kiffer- Roman", noch um eine Warnung. Alles geht in eine andere Richtung.) Die Sprache, die Garland dabei fand, ist wirklich vom feinsten. (Und entbehrt auch brutaler, blutiger Details nicht.)

Garland gelangen zudem mitunter wirklich intensive (realistische) Horror- Szenarien. Wenn Richard sich tauchend in einer Höhle unter dem Meeresspiegel verirrt, es um ihn, als er auftaucht, komplett dunkel ist, es plötzlich faulig stinkt und er bald "in seiner eigenen Kotze schwimmt", so ist das schon ziemlich packend.
Nicht nur an dieser Stelle offenbart Garland starkes Können darin, Gefühle und nachvollziehbare Reaktionen zu beschreiben.
So liest sich der Roman auch sehr gut. Schachtelsätze wurde vermieden und die vermehrten wörtlichen Reden tragen ebenfalls dazu bei.

"Wenn einem etwas merkwürdig vorkommt, dann stellt man es in Frage, aber wenn die Außenwelt so weit weg ist, daß man sie nicht mehr zum Vergleich heran ziehen kann, dann kommt einem nichts mehr merkwürdig vor."

Wer sich jetzt, abgesehen von den Parallelen zu "Lord Of The Flies"/"Herr Der Fliegen" von William Golding, nicht an einen realen Fall erinnert fühlt, dem sei angeraten, im www doch mal den Namen Jim Jones, Stichworte "Jonestown" oder "Peoples Temple" einzugeben. Die Predigten und der Wahn des Sektenführers Jones kosteten Ende 1978 über 900 Menschen das Leben.

Erschienen ist der Roman beim Goldmann- Verlag als Taschenbuch

Fazit

Gefeiert als "einer der ungewöhnlichsten Debüt- Romane der letzten Jahre", versteht er es ausgezeichnet, den Leser auf zunächst langsame, später aber um so erschreckendere Art in eine eigene, komplexe Welt zu entführen und glaubhaft zunächst sehr bizarr scheinende Dinge zu akzeptieren.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Kenji16

Kenji16

14.11.2002 22:52

Werde das Teil demnächst für die Schule lesen müssen ...und scheint ja nich so schlecht zu sein. ;) Kenji

Die_Buchhaendlerin

Die_Buchhaendlerin

04.10.2002 19:05

mal eine Buch- anstatt einer Filmbesprechung! Habe ein paar deiner Berichte gelesen und werde dich ab jetzt in mein CIS aufnehmen. Gefällt mir alles sehr gut!

DianaN

DianaN

20.08.2002 21:48

genau den Einband von dem Bild *nachobenschiel* habe ich ;o)

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