Erfahrungsbericht über "Der Tagesspiegel"

veröffentlicht 04.03.2002 | Klaus Alfred
Mitglied seit : 18.11.1999
Erfahrungsberichte : 69
Vertrauende : 87
Über sich :
Nach einer längeren Pause bin ich wieder dabei. Zum Wiedereinstieg stelle ich noch einmal meine Typologie nach vorn. Ein Hinweis: Fragebögen sowie Berichte über Kosmetikartikel interessieren mich nicht.
Gut
Pro Gute Autoren, ausführliche Veranstaltungstipps
Kontra Viele handwerkliche Fehler
sehr hilfreich
Informationsgehalt
Layout:
Berichterstattung Politik:
Berichterstattung Wirtschaft:
Berichterstattung Feuilleton:

"Ein Ehemann liest Zeitung (Update)"

Klaus Alfred liest den Tagesspiegel

Klaus Alfred liest den Tagesspiegel

Statt eines Vorwortes - ein Ereignis, drei Schlagzeilen

„Zwei deutsche Soldaten in Kabul getötet“ (Der Tagesspiegel)
„Zwei deutsche und drei dänische Soldaten in Kabul getötet“ (Berliner Zeitung)
„Fünf Soldaten sterben bei Explosion in Kabul“ (Süddeutsche Zeitung)

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Klaus: „Ich versteh‘ das nicht.“ Helma: „Hmm. Was?“ Klaus: „Wie die auf die Idee kommen, diese Schröder-Rede riesig aufzumachen und die Sauerei mit der Arbeitsvermittlung mit einem Einspalter abzutun.“ Helma kaut schweigend. Klaus, blättert weiter, schenkt sich Tee nach: „Guck doch mal hier, das Aufmacherfoto vom Lokalen, da fehlt in der Bildunterschrift doch ein Wort.“ Helma, schenkt sich Kaffee nach: „Ja und?“

Diese Szene vom 5. Februar 2002 ist nicht erfunden, und Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind gewollt. Helma, was mein Weib ist, liebt den Tagesspiegel. Sie stammt aus Charlottenburg, und schon ihre Eltern hatten diese Zeitung abonniert. Ich mag einige Schreiber auch sehr, ziehe von den lokalen Blättern aber die „Berliner Zeitung“ vor. Und auf die Süddeutsche lasse ich nichts kommen. Aber heute will ich mich mit dem Blatt befassen, das ich jeden Morgen als erstes sehe, zunächst beim Frühstück, dann noch in der U-Bahn, jedenfalls so lange mein Weib neben mir sitzt. Am Potsdamer Platz steigt Helma aus und nimmt ihren Tagesspiegel mit.

Warnung und Kurzfassung

Wenn ein Journalist, der selbst bei Tageszeitungen gearbeitet hat, über eine Zeitung schreibt, dann kann es nicht kurz zugehen. Und seine professionellen Instinkte kann er nicht unterdrücken. Deshalb für eilige Leser hier eine Kurzfassung:

Der Tagesspiegel, nach der Auflage die drittstärkste Berliner Lokalzeitung, ist vor allem was für Leser, die Zeit haben und sich über gut geschriebene Artikel freuen. Es hat eine Reihe guter Autoren, die sich feuilletonistisch auszudrücken verstehen. Für Leser, die sich in ihrer Tageszeitung vor allem über die aktuellen Geschehnisse unterrichten wollen, ist der Tagesspiegel hingegen nicht so zu empfehlen. Seine Nachrichtenauswahl in Politik, Sport und Kultur ist eher zufällig. Er strotzt zudem von handwerklichen Fehlern.

Trotzdem spielt der Tagesspiegel in der höchsten deutschen Liga gut mit. Die meisten deutschen Tageszeitungsleser – auch in den meisten Großstädten – könnten sich glücklich schätzen, wenn jeden Morgen eine so ausgezeichnete und vergleichsweise preiswerte Zeitung in ihrem Briefkasten steckte. (Ende der Kurzfassung)

Ein paar Worte zur Geschichte

Der Tagesspiegel ist eine relativ junge Tageszeitung. Mit jeder neuen Ausgabe verkündet er auf dem Titel, um die wievielte Ausgabe es sich handelt und in welchem Jahrgang sie sich befindet. Mit ihrem für den Westteil Berlins typischen siebenmaligen Erscheinen in der Woche ist sie mittlerweile auf über 17.000 Ausgaben gekommen, und sie befindet sich im 58. Jahrgang. Ich rechne: Dann muss sie 1945 nach dem Kriegsende zu einer der ersten von den Siegermächten lizenzierten Zeitungen gehört haben. Man kann zwar auf der Homepage des Tagesspiegels gut die aktuelle Ausgabe lesen oder im Archiv suchen, aber da das nicht bis 1995 zurückreicht und auch sonst keine Selbstdarstellung online zu finden ist, bleiben meine Angaben über die Geschichte der Zeitung leider lückenhaft.

Jedenfalls gehörte der Tagesspiegel nach Kriegsende „zu den Blättern der ersten Stunde“, wie Hermann Meyn in seinem Paperback „Massenmedien in der Bundesrepublik Deutschland“ schreibt. Die Zeitung galt und gilt heute noch als „bürgerlich-liberal“. 1946, als bei den Sozialdemokraten der Kampf um die Vereinigung mit der KPD tobte, schlug sich der Tagesspiegel auf die Seite derjenigen, die die Einheitspartei ablehnten und öffnete den antikommunistischen SPD-Politikern seine Spalten. Ende der 60er Jahre bildete die Zeitung in Westberlin einen Hort der Liberalität im Westberliner Blätterwald, der sonst von den Springer-Zeitungen mit ihrer Hetze gegen die Studentenbewegung beherrscht wurde.

Position im Berliner Zeitungskampf

Der Tagesspiegel ist die einzige Berliner Tageszeitung, die seit 1992 kontinuierlich an Auflage zulegt. So auch wieder im letzten Quartal 2003. Sie steigerte ihre werktags verkaufte Auflage auf durchschnittlich 145.633 Exemplare, rund 5.000 mehr als zwei Jahre zuvor. Die beiden Konkurrenten unter den Abonnnementszeitungen verloren hingegen weiter an Boden.

Die „Berliner Zeitung“, die in der Hauptstadt immer noch den Spitzenplatz behauptet, verkaufte nur noch 188.048 Exemplare, rund 9.000 weniger als im letzten Quartal 2001. Ganz schlimm erwischte es Springers „Berliner Morgenpost“, die ihren zweiten Platz an den Tagesspiegel und zugleich ihre redaktionelle Unabhängigkeit an die "Welt" verlor. Sie verkaufte mit 140.686 Exemplaren gar 15.000 weniger als zwei Jahre zuvor. (Der ältere Herr aus Charlottenburg denkt daran, wie vor vier Jahren in der Redaktionskonferenz ein später in die Wüste – sprich Springer-Journalistenschule – geschickter BM-Chefredakteur sich selbst auf die Schulter klopfte, weil erstmals in einem Quartal die Auflage um ein paar Exemplare auf fast 180.000 Stück gestiegen war.)

Das Äußere: Garcias Kampf

Bis in die neunziger Jahre kam der Tagesspiegel äußerlich sehr bieder daher. Während die Konkurrenten, vor allem die Morgenpost, mit großen Fotos und bunten Anreißern auf der Titelseite auch die Laufkundschaft zu gewinnen suchten, verbreitete das Layout des Tagesspiegels gepflegte Langeweile, die von manchen Zeitungsmachern (ich denke u. a. an die in Frankfurt und Zürich) mit Seriosität verwechselt wird.

Dann aber verpflichtete der Verlag – der Tagesspiegel gehört heute zum Holtzbrinck-Verlag – den berühmten amerikanischen Zeitungsdesigner Mario Garcia. Der erzählt, von den rund 160 Blättern, denen er ein neues Outfit verschafft habe – sei der Tagesspiegel einer der schwierigsten Kunden gewesen. Mit Zähnen und Klauen kämpften die Redakteure gegen optische Neuerungen. Garcia: „Der Kampf ging zum Beispiel darum, die Fotos auf der Titelseite nach oben zu bringen. Bis zum 2. September 1994 hatte diese Zeitung noch nie ein Foto über dem Bruch (also in der oberen Hälfte der Titelseite). Das dauerte neun Monate, brachte Querelen und Auseinandersetzungen und fast einen Selbstmord.“ (Na ja, ein wenig wird er übertrieben haben – so sind Designer halt.)

Jedenfalls sind große vierfarbige Fotos auf der Titelseite heute kein Thema mehr. Und natürlich reißt auch der Tagesspiegel die wichtigsten Themen auf seiner Seite eins in der linken Spalte an. Und dass die Zeitung nicht zu modern wirkt, dafür sorgt die eigentliche Titelzeile mit der Weltkugel und dem lateinischen Sinnspruch „Rerum causas cognoscere“ (Die Ursachen der Dinge erkennen).

Die Sonntagsausgabe hat der Verlag dem Trend der Zeit entsprechend noch etwas mehr aufgepeppt. Hier befinden sich Anrisse für Themen im Inneren mit freigestellten Fotos gleich unter dem Titel. Da kann auch einmal eine große Comicfigur dem Leser entgegenschreiten.

Noch ein paar Fakten

Im Abonnement kostet der tägliche Bezug des Tagesspiegels monatlich 22,50 Euro. Hat man das Geld für die jährliche Zahlung von 251,10 Euro übrig, dann spart man etwas. Studenten müssen monatlich 12,50 Euro überweisen. Für die Einzelausgabe zahlt man in Berlin und Brandenburg unter der Woche für die normalerweise 32 Seiten 0,75 Euro. Die dicke Sonntagsausgabe kostet 1,35 Euro.

Die Normalausgabe ist in vier Bücher zu jeweils acht Seiten unterteilt: Vorn stehen wie üblich die Ressorts Politik und Meinung. Es folgen Berlin und Brandenburg, Wirtschaft und Sport sowie das Sammelsurium Kultur, Wissen, Medien, Vermischtes. Es fällt auf, dass für Brandenburg (das Umland, wie die Berliner manchmal etwas hochtrabend sagen) normalerweise nur eine Seite zur Verfügung steht, die oft auch noch mit einer fetten Anzeige verziert ist.

Die Inhalte – Positiv: Ideen und Autoren

Manchmal liebe ich diese Zeitung. Wenn sie wie am 7. Juli 1999 eine schlichte, aber grandiose Idee hat und umsetzt. Da hat das Bundesverfassungsgericht eine Entscheidung zur Verbesserung des Schicksals der Legehennen getroffen. Der Tagesspiegel demonstriert den Platz, der der ausgebeuteten Kreatur nach Umsetzung des Urteils bleibt, mit den Platzverhältnissen einer Zeitungsseite: dem Huhn bleibt dann gerade eine gute halbe Seite.

Und oft freue ich mich über die guten Schreiber. Da fällt mir zuerst einmal Harald Martenstein ein, der nach der Vergabe der Fußballweltmeisterschaft nicht in die Medienlobgesänge auf „Kaiser Franz“ einstimmte und mir am 7. Juli 2000 mit einer Glosse über Beckenbauer voll aus der Seele schrieb (siehe Schluss). Ähnlich Helmut Schümann aus dem Sportressort, der den Rummel um den "Kaiser" immer wieder genüsslich aufspießt.

Martenstein und Schümann gehören auch zu den Autoren der täglichen Rubrik „Was machen wir heute?“ Jeden Tag schreiben sie ihre Beobachtungen am Rande des Berliner Großstadtlebens auf, montags „die Mutter“, dienstags der „Berliner, West“, mittwochs der „Berliner, Ost“, donnerstags der „Neu-Berliner“, freitags der „Partygänger“, sonnabends der „Vater“ und sonntags immer Elisabeth Binder. Die kleinen Feuilletons dieser vorzüglichen SchreiberInnen schmücken die sehr nützliche Seite mit den Tagestipps zu Veranstaltungen mit den Themen Theater, Show, Klassik, Rock-Pop-Jazz, Party, Literatur, Vorträge, Führungen, Kinder, Kunst. (Donnerstags gibt es eine entsprechende Beilage für die ganze kommende Woche unter dem Titel "Ticket".)

Elisabeth Binder veröffentlicht im Wechsel mit Bernd Matthies sonntags auch eine Restaurantkritik. Die ist amüsant formuliert und in der Regel auch nützlich, auch wenn Matthies mit seinen wohlwollenden Artikeln über das „Soufflé“ einmal völlig daneben lag. (Meine Erfahrungen darüber könnt Ihr bei Ciao und Dooyoo nachlesen.)

Die Edelfedern: Karasek & Co.

Die guten Schreiber beim Tagesspiegel sollte man nicht verwechseln mit den Menschen mit einem bekannten Namen. Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, der sein Amt Anfang 1999 übernahm, war bis dahin bei der Süddeutschen Zeitung für die berühmte Seite 3 zuständig, wo guten Schreibern Raum für ungewöhnlich gute Texte gegeben wurde. Jetzt schmückt der Jaguarfahrer seinen Chefredakteurshut gern mit so genannten „Edelfedern“, die in meinen Augen vor allem Langeweile verbreiten.

So darf Herausgeber Hellmuth Karasek, bekannt durch Film, Funk, Fernsehen, sich sonntags erinnern, welche berühmten Leute er in seinem Leben schon getroffen hat. So ein Stück heißt zum Beispiel „Wie ich mit Otto Sander und Bruno Ganz finnisches Bier trank“, und genau so liest es sich. Da schreibt Karasek zum Beispiel, „soweit ich mich erinnere“, habe er mit den beiden Schauspielern in Helsinki „in einer Art Wintergarten mit trüben Scheiben“ Bier getrunken. Karasek erinnert sich oft nicht sehr gut, und da er sich Publizist nennt und nicht Journalist, ist Recherche wohl unter seiner Würde.

Also schreibt er in seinem Stück „Wie ich die junge Liv Ullmann zu spät kennen lernte“: "Zu meinem Bedauern ist mir entfallen, warum der Neofaschismus im September '64 so besonders bedrohlich war, und was ihn so bekämpfens-notwendig machte, aber jedenfalls hatte Palitzsch nach der Generalprobe beschlossen, am Ende der Aufführung den Eisernen Vorhang herunterzulassen; die Schauspieler sollten keinen Beifall entgegennehmen, dazu, so Palitzsch, sei die Situation einfach zu ernst.“

Mir entfällt auch öfter was, das Alter fordert seinen Tribut. Aber weil ich Journalist und nicht Publizist bin, muss ich in solch einem Fall halt recherchieren. Und da finde ich sehr schnell heraus, dass 1964 eine Partei namens NPD gegründet wurde.

Zu den Edelfedern mit dem bekannten Namen gehört auch Josef Joffe. Der offensichtlich nicht ausgelastete Co-Chefredakteur der „Zeit“ darf jeden Montag dem Leser des Tagesspiegels Antworten auf vier Fragen geben unter dem Titel „Was macht die Welt?“. Dass das keinen sonderlichen Informationswert hat, versteht sich. Aber auch vom Schreiberischen können die beiden Edelfedern mit vielen anderen Tagesspiegel-Autoren nicht mithalten. Für mich also Texte, die man nicht zu lesen braucht.

Falsche Prioritäten: Fußball, immer wieder Fußball

Ihr seht, ich komme allmählich zu den Schwächen des Tagesspiegels. Eine ist zweifellos der Hang zu langen Riemen, wie die Journalisten sehr lange Artikel nennen. Das mag bei einer sehr gut geschriebenen Seite-3-Story angebracht sein, der Trend zur Länge macht sich aber inzwischen im ganzen Blatt breit. Ein Beispiel ist die Seite 2, auf der ein aktuelles Thema behandelt wird. Wenn dieses schon auf der ersten Seite vorkam, dann tauchen oft hier dieselben Formulierungen noch einmal auf. Getretener Quark, der bekanntlich breit, aber nicht stark wird.

Auch im soliden Wirtschaftsteil gibt es diese offenbar von der Chefredaktion geförderte Entwicklung zur Länge. An dem Tag, an dem ich das schreibe (28.2.02) hat der Tagesspiegel als Aufmacher auf der Seite 1 die Zeile „Das Ende der Mark – jeder zweite trauert“. Das kann man machen, auch wenn die Umfrage die Trauer nicht hergibt (und die Mark auch schon zum Jahresende abgelöst worden war). Aber dass diesem Thema noch ein Kommentar, ein Bericht im Lokalen und eine ganze Seite in der Wirtschaft gewidmet werden – das ist journalistischer Overkill.

Der Wirtschaftsteil ist aber in der Regel der weitaus interessanteste Teil der Zeitung. Ihm ist die Zusammenarbeit mit dem "Handelsblatt" gut bekommen. Der Tagesspiegel profitiert davon durch die Übernahme sachkundiger aktueller Hintergrundberichte.

Schlimm wird es, wenn das Längenwachstum von Texten und Fotos zu Lasten der Gesamtinformation geht. Das spüre ich ganz deutlich vor allem im Sportteil, wo wichtige Ereignisse oft gerade noch in den Ergebnistabellen stattfinden. Da kommt es vor, dass bei den Olympischen Spielen der Zwischenstand im Viererbob überhaupt nicht erwähnt wird, nur das Ausscheiden des Deutschen Christoph Langen. Dass André Lange – der spätere Sieger – auf dem zweiten Platz liegt, findet keine Erwähnung.

In nichtolympischen Zeiten zeigt sich noch deutlicher, wo die Sportredaktion ihre Prioritäten setzt. Wintersport und Tennis sind Stiefkinder. Ich habe es schon erlebt, dass über ein Grand-Slam-Tennisturnier nicht mehr berichtet wurde, nachdem der letzte Deutsche ausgeschieden war. Und obwohl im Winter fast jeden Tag spannende alpine Rennen oder Biathlon-Wettbewerbe im Fernsehen zu verfolgen sind, hat der Tagesspiegel dafür nur etwas übrig, wenn ein Deutscher gewinnt. Aber auch für den überraschenden Erfolg von Maria Riesch im Weltcup-Slalom am 29. Februar 2004 veröffentlichte der Tagesspiegel nur ein Foto mit Unterschrift, keinen eigenen Bericht. Schließlich braucht er Platz für Lokales („Albas Wendell Alexis und sein Leben als Schwarzer in Berlin“) und Fußball, immer wieder Fußball. Und dann noch die Eisbären. Nein, der Sportteil ist einer Zeitung mit überlokalen Ambitionen nicht angemessen.

Auch auf der Seite eins werden wie auch in meiner Einstiegszene oft Prioritäten gesetzt, die ich schlicht nicht nachvollziehen kann. Nachdem die Redaktion das Thema Arbeitsvermittlung am Anfang verpennt hat, ließ sie es die nächsten Tage überhaupt nicht mehr los. Zum Ausgleich vernachlässigte sie die Berliner Finanzsituation. Dass sich quasi über Nacht die Neuverschuldung der Stadt fast verdoppelt hat, hält der Tagesspiegel nicht für einen Aufmacher. Und am Sonntag macht er fast grundsätzlich mit seinem Sonntagsinterview auf, egal, wie wenig da drin steht. So verkündete der Tagesspiegel am Sonntag, den 3. März, seinem staunenden Leser per Hauptschlagzeile, dass sich Joschka Fischer für einen Patrioten hält. Tolle Nachricht.

Diese Unsicherheit in der Beurteilung von Nachrichten wird ergänzt durch einen Hang zur Übertreibung. Nehmen wir zum Beispiel den 29. Januar 2001, an dem alle Zeitungen über das schlimme Erdbeben in Indien berichten. Der Tagesspiegel hat die Schlagzeile „Bis zu 30.000 Tote nach Beben in Indien“. In der Berliner Zeitung heißt es: “Mehr als 20.000 Tote...“ Und am nächsten Tag legt der Tagesspiegel noch einmal 70.000 Tote drauf. Jetzt heißt es sogar: „100 000 Tote befürchtet“. Noch Tage später wird erneut diese Zahl verbreitet. (Das Rote Kreuz spricht ein Jahr nach der Katastrophe von rund 20.000 Toten.)

Konkurrenz für "Bild"?

Und nach dem 11. September macht der Tagesspiegel mit seinen Schlagzeilen seinen Lesern Angst und „Bild“ Konkurrenz. Am 13. Oktober verkündet er in seiner Hauptschlagzeile: „Fall von Milzbrand in New York“, am 12. November: „Airbus auf New York gestürzt“. In der Unterzeile heißt es sehr viel kleiner: „US-Regierung geht von Unfall aus“. Eine subtile Art, seine dicken Überschriften im folgenden zu dementieren.

Und das geht nach dem Anschlag von Dscherba munter weiter. Zum Beispiel am 27. April 2002, wo der Tagesspiegel aufgrund windiger - und sehr schnell dementierter - Informationen das Schlagzeile verbreitet "30-Terror-Kämpfer in Deutschland". Will sich di Lorenzo wirklich für die Chefredaktion der Bild-Zeitung qualifizieren?

Und weil es immer gut ist, einen seriösen Zeugen für seine Aussagen zu haben, kommt mir am selben Tag eine kleine Meldung in der Süddeutschen mit der Überschrift "Terroristen beim 'Tagesspiegel'" zupass, die ich Helma auch gleich unter die Nase reibe. Ich zitiere sie hier mal in voller Länge:

"Schwer zu sagen, was sich der Tagesspiegel dabei gedacht hat, gestern, beim Lokalteil-Aufmacher: 'Flugzeug über Atomreaktor: Terrorverdacht bestätigt. Al-Tawhid-Hauptverdächtiger forschte offenbar Hahn-Meitner-Institut aus'. Wer weiter las, erfuhr, dass kurz nach dem 11. September zwei Kleinflugzeuge über den Kernreaktor des Forschungszentrums geflogen waren. 'Die damals eingeleiteten Ermittlungen der Bundesanwaltschaft führten nun offenbar zu der bundesweiten Razzia gegen die islamistisch-extremistische Gruppe Al-Tawhid. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) bestätigte die Flüge', so der Tagesspiegel.

Vielleicht dachte die Zeitung: Flugzeug plus Atomreaktor plus Araber gleich Aufmacher. Wahrscheinlicher ist aber, dass überhaupt nicht gedacht wurde. Natürlich bestätigte Körting die Flüge, denn die hatte es gegeben – ebenso wie die Erkenntnis, dass sie gar nichts mit einem Anschlag zu tun hatten. Der erste Flug erfolgte im Auftrag der Stadt. Eine Deponie wurde aus der Luft fotografiert. Beim zweiten wurden für einen Hamburger Verlag Golfplätze abgelichtet. Ein Polizeisprecher sagte gestern: 'Wir haben dem Autor am 25. April unmissverständlich mitgeteilt, dass sich beide Flüge nach intensiver Prüfung als absolut harmlos herausgestellt haben. Absolut harmlos? Das ist doch keine Geschichte – vielleicht hat man das gedacht."

Welche Erkenntnis ziehe ich aus dem Vorgang? Schreibt der Tagesspiegel bewusst die Unwahrheit, um seine Auflage zu steigern? Ich mag es nicht glauben.

Patzer und Pannen: Handwerk ist angesagt

Die augenfälligste Schwäche des Tagesspiegels liegt aber im Handwerklichen. Es häufen sich die Redigierfehler auch in Artikeln, die nicht kurz vor Redaktionsschluss ins Blatt gehoben wurden. Was seine Patzer und Pannen angeht, da ist der Tagesspiegel sehr vielseitig. Da gibt es falsche Unterzeilen. So hieß es vor der Abgeordnetenhauswahl in einem lokalen Aufmacher im Lokalen in der Unterzeile: „SPD 36, CDU 26 Prozent: Aber noch haben sich 57 Prozent der Berliner nicht entschieden“. Im Text heißt es dann: „Erst 57 Prozent der Wähler haben sich auf eine Partei festgelegt, 25 Prozent sind noch unentschieden.“ Und am Abend meint unsere Freundin Moni gleich, 57 Prozent der Berliner seien noch unentschieden. Ja, die meisten lesen halt nur die Überschriften.

Oder wenn in einem Interview über die Deutsche Oper etwas in der Überschrift steht, das im ganzen Text nicht mehr vorkommt. Da war genau das Entscheidende weggekürzt worden.

Und noch ein Beispiel: Am 3. März 2002 veröffentlicht der Tagesspiegel im Sportteil einen zweispaltigen Vorbericht zu den am Vortag begonnenen Leichtathletik-Hallen-Europameisterschaften, in dem es heißt, der deutsche Hürdenläufer Mike Fenner hoffe auf eine Medaille. In der Ergebnisspalte auf derselben Seite erfahre ich bereits, wer gewonnen hat. Und über das Schicksal von Fenner schreibt das Blatt auch am nächsten Tag nicht ein einziges Wort.

Nun gut, Fehler sind im manchmal hektischen Zeitungsgeschäft unvermeidlich. Aber wenn ich am Samstag im Lokalen einen Artikel über eine Familie lese, die Knollenblätterpilze gegessen hat und deren beiden kleinen Kinder in Lebensgefahr schweben, dann erwarte ich von meiner Zeitung, dass sie dranbleibt. Also gucke ich am nächsten Tag gleich nach: Was ist mit den Kindern? Ich blättere ein Mal, ich blättere zwei Mal – kein Wort. Sie verstehen das Handwerk nicht. Jeder Volontär lernt nämlich als erstes, dass man bei wichtigen Storys dran bleiben muss. Und selbst, wenn es nichts Neues gibt, muss man das dem Leser mitteilen.

Aber für den Tagesspiegel ist offenbar anderes wichtig. Zum Beispiel die unsägliche Geschichte über das norwegische Kronprinzenpaar, das nach der bei diesen Royals üblichen Tele-Traumhochzeit plötzlich in Düsseldorf aufkreuzte. Dann brachte der Tagesspiegel jeden Tag eine Nonsense-Meldung, wo unser „Traumpaar“ nun vielleicht sein könnte. Das konnte man schlicht erfinden. Glamour ist halt einfacher als handwerklich gute Arbeit zu leisten.

Das über Gebühr viele Schreib- und Redigierfehler selbst in Bildzeilen und Überschriften vorkommen, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Als groben handwerklichen Fehler kreide ich der Redaktion aber an, wenn der Leitartikel von einem bereits als überholt erkannten Sachverhalt ausgeht. Dann muss der Schreiber sich schon die Mühe machen, auf die veränderte Situation einzugehen. So schreibt Bernd Ulrich am 13. November 2001 einen Leitartikel, in dem es um die bevorstehende Bundestagsabstimmung über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr geht.

Bernd Ulrich schlägt mächtig zu. Er erinnert an den „drohenden Ton“, in dem Schröder und Müntefering „all jene Genossen anherrschten, die beim Mazedonien-Einsatz von der Fraktionsdisziplin abwichen“. Doch nun verzichte der Kanzler auf eine „eigene Mehrheit“. Zitat: „Ganz weich ist er (Schröder) plötzlich in dieser ach so harten, existenziellen, historischen Entscheidung über Leben und Tod. Diese Wende des Kanzlers könnte als eine der größten Unverschämtheiten in die Geschichte des deutschen Parlamentarismus eingehen.“ Gut gebrüllt, Löwe, doch leider zu früh.

Bernd Ulrich scheint zufrieden nach Hause gegangen zu sein, nachdem er es dem Kanzler so gegeben hatte. Nur ging die Welt an diesem Tag ein bisschen schneller weiter als gewohnt. Und so findet sich auf derselben Seite eins ein Vierspalter mit der Überschrift, der den rechts stehenden Leitartikel dementiert. Pech gehabt. Denn der Kanzler ist überhaupt nicht weich, sondern er droht mit dem Ende der Koalition. So steht es jedenfalls in der Überschrift. Und im Text heißt es, Schröder wolle „doch noch“ eine eigene rot-grüne Mehrheit zu Stande bringen.

(Für Bernd Ulrich hat sich das Löwengebrüll aber ausgezahlt. Er kann sich inzwischen als Leiter der Berliner Parlamentsredaktion der "Zeit" auch noch mit dem Titel des stellvertretenden Chefredakteurs der Hamburger Wochenzeitung schmücken.)

Exkurs: Der Tagesspiegel und der Krieg

Damit sind wir bei der Berichterstattung über die vielen Konflikte in dieser Welt. Da mutiert bei dem einen oder anderen Kommentator ganz schnell der Pegasus zum Panzerwagen: „Redaktionsdirektor“ Gerd Appenzeller verteidigt zu Ostern 1999 in einem Leitartikel auf der Seite eins die Nato-Angriffe auf Jugoslawien und macht sich zugleich zum Propagandisten. Ähnlich wie Scharping und Fischer, die immer kräftigere Begriffe für bewiesene und nicht bewiesene serbische Kriegsverbrechen suchten und fanden, um ihre eigenen Entscheidungen zu rechtfertigen, formuliert auch dieser Journalist am Berliner Schreibtisch: „Völkermord? Haben wir die Beweise dafür? Das Wort scheint nicht übertrieben. Seit Jahren flüchten Menschen vor der serbischen Soldateska. Inzwischen sind es mehr als drei Millionen. Völlig verzweifelte Frauen, Kinder und Greise kommen über die Grenzen zu den Nachbarländern. Die Männer zwischen 16 und 60 aber sind verschwunden. Die furchtbare Erinnerung an die Massengräber von Srebreniza kommt hoch. Zum letzten Mal ist Vergleichbares in Europa unter Adolf Hitler geschehen. Da sollten wir wegschauen?“

Der brave Redaktionsdirektor hätte selbst hinschauen sollen, zum Beispiel einfach mal auf die Fotos, die seine Redaktion am selben Tag für den Abdruck ausgewählt hat. Denn am selben Tag, in dem sein Hinschau-Kommentar erscheint, ist ein großes fünfspaltiges Foto von AFP-Bildreporter Eric Fefferberg gedruckt. Im Vordergrund Uniformierte, dahinter viele viele Menschen. Über dem Foto das Wort „Heimatlos“. Die Bildzeile erklärt, dass es sich um Flüchtlinge aus dem Kosovo handelt, die von mazedonischen Soldaten umringt auf ihre Aufnahme im Nachbarland warten. Schaut man jetzt nicht weg, sondern genauer hin, dann sieht man deutlich: Bei den Flüchtlingen handelt es sich zum größten Teil um Männer zwischen 16 und 60 – also die, die nach Darstellung von Appenzeller dem serbischen Völkermord angeblich zum Opfer gefallen sind,

Mitte April, als nach dem „versehentlichen Angriff“ eines Nato-Piloten auf albanische Flüchtlinge die Diskussion über die Rolle der Medien im Kosovo-Krieg stärker aufkommt, schreibt Tagesspiegel-Chefredakteur di Lorenzo einen Leitartikel „Wir Propagandisten des Krieges.“ Wie recht er in diesem Fall hatte.

Ehe ich zum Schluss komme...
(Beckenbauer-Fans sollten hier nicht weiter lesen)

Ehe ich zum Schluss komme, möchte ich mich bei Dir, lieber Leser, ganz besonders herzlich bedanken. Du hast durchgehalten und mir damit das höchste Lob ausgesprochen, das ein Schreiberling erhalten kann: die Aufmerksamkeit seines Lesers. Die habe ich dieses Mal ganz besonders strapaziert.

Als Dank will ich Dir hier Auszüge aus der schon erwähnten Martenstein-Glosse über Beckenbauer präsentieren. Als Kostprobe nur den phantastischen Einstieg und den furiosen Schluss:
„Welches Geschöpf kann es an Größe mit Franz Beckenbauer aufnehmen? Na gut, Gott, falls es ihn geben sollte. Elvis, Einstein, die Beatles - vielleicht. Adenauer, Erhard? Das Wirtschaftswunder lag damals irgendwie in der Luft. Der Abstimmungserfolg gegen Südafrika dagegen war extrem unwahrscheinlich... Vergessen wir nie, dass Franz Beckenbauer einer der schlechtesten Schlagersänger aller Zeiten gewesen ist. Sein Leben lässt sich auch als eine Kette von Misserfolgen aufschreiben. Während seiner Laufbahn als Fußballer hat Franz Beckenbauer zum Beispiel eine nicht enden wollende Reihe von Eigentoren geschossen. Besonders schnell war er auch nicht... 1984 wurde er Teamchef der Nationalmannschaft und richtete bei der WM 1986 in Mexiko ein nie erlebtes Chaos an - die Mannschaft stritt sich pausenlos, kam zwar ins Endspiel, aber spielte so abtörnend schlecht wie erst wieder im Jahre 2000. Bei der Europameisterschaft im eigenen Land scheiterten Beckenbauers Deutsche im Halbfinale an den Holländern. Der Versuch, Olympique Marseille zu trainieren, endete nach wenigen Monaten in einem Fiasko. Dann erzählte Franz Beckenbauer auch noch in einem "Penthouse"-Interview, dass er an die Wiedergeburt glaubt und in seinem nächsten Leben ein Kind gebären will. In den Zeitungen stand daraufhin: ‚Früherer Teamchef plant Comeback als Frau‘. Inzwischen weiß man, dass Beckenbauer auch dies gelingen wird. In ein paar Jahren wird er nackt als Titel-Girl für ‚Penthouse‘ posieren und anschließend Elflingen das Leben schenken.“

Den kompletten Text findest Du unter:

http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/06.07.2000/ak-sp-fu-24051.html

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • manuelmama veröffentlicht 05.01.2017
    sh
  • joanbaez veröffentlicht 30.04.2011
    Dein Bericht hat mehr Inhalt als die Bild. ;-))
  • fredbaer veröffentlicht 29.10.2010
    Ein brilianter Bericht. Selbst BH ist hier noch zu wenig.
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