Erfahrungsbericht über

Der Turm / Uwe Tellkamp

Gesamtbewertung (3): Gesamtbewertung Der Turm / Uwe Tellkamp

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Das traurige Leben eines Landes

5  08.03.2009

Pro:
Thema DDR, Sprache, Kritik

Kontra:
angerissene Geschichten

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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olsen77

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:134

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 117 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

„Warum hielten die Menschen die Stille nicht aus.“


Der heutige Blick auf das Land mit den drei Buchstaben teilt sich. Es gibt jene, die melancholisch die Vergangenheit mit der Gegenwart vergleichen, die Jahre zwischen 1949 und 1989 regelrecht vermissen, das gestrige Gute gegen das heutige Schlechte stellen. Und es gibt jene, die jene vierzig Jahren verfluchen, froh sind über den Lauf der Geschichte, der in Deutschland und auch in Osteuropa die Wende brachte. Beide Menschengruppen haben die DDR auf ihre Art erlebt, waren Bürger dieses Landes, das so richtig nicht Geschichte werden will, das noch immer herumgeistert in Gesprächen und Gedanken. Und auch die Literatur trägt ihren Teil dazu bei, dass das vielgestaltige, oft groteske Bild der Deutschen Demokratischen Republik die Gegenwart erfüllt. Nach Werner Bräunings „Rummelplatz“ erschien im vergangenen Jahr ein weiterer Mauerstein-dicker Roman über die DDR: Uwe Tellkamps „Der Turm“. Er widmet sich den letzten Jahren des Landes, wurde mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet und zeigt, was das Leben in der DDR wirklich bedeutete.


DAS KLEINE LAND MIT DEN DREI BUCHSTABEN

Es ist Dezember. Kälte liegt über dem Land im Jahr 1982. Der 17-jährige Christian Hoffmann ist auf dem Weg von seinem Internat in Waldbrunn in das heimische Dresden. Sein Vater Richard, Chirurg in der Medizinischen Akademie, feiert den 50. Geburtstag in einem Restaurant direkt im Villenviertel rund um die Dresdner Turmstraße.

Hier kommen die Menschen zusammen, die in den folgenden 900 Seiten und sieben Jahren der Handlungszeit des Romans agieren. Neben Christian und seine Eltern sind das sein Onkel Meno, Biologe und Lektor im renommierten „Hermes-Verlag“, die weitere Verwandtschaft und Schwestern und Brüder seiner Eltern sowie Kollegen des Dresdner Arztes. So versammelt sich das Bildungsbürgertum, die Intelligenz des Landes, um zu feiern, auch mit Dingen, die es in der DDR nur im geringen Maße und meist nur mit Beziehungen gab. Das übliche DDR-Thema, die Mangelwirtschaft, bleibt jedoch nicht das einzige. Schnell wird auf der Feier klar, die Auftakt für ein furioses Bild des Landes ist, das Unzufriedenheit und Kritik im und am Land vorerst leise, schließlich lauter wird, und Grundlage bildet für die überraschenden Wende in der deutschen Geschichte.

Doch vor den Aktionen der Opposition, den Demonstrationen, die immer größer und häufiger werden, leben die Personen mit der DDR. Und Tellkamp lässt es nicht aus, alle Themen in dieses Buch hineinzuschreiben. Sei es der Einkauf im Konsumladen, in dem man sich um die Kokosnuss streitet, sei es wichtiges medizinisches Material, das in der Klinik dringend gebraucht wird, aber nicht vorrätig ist, um die medizinische Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Aber auch das Thema Zensur der Literatur, die Sanktionen gegen Regimekritiker und die Ausreisewilligen sowie Republikflüchtlinge finden in dem Roman ihren Raum.

Alle handelnden Personen – es sind nahezu 100 – erhalten ihre kleine oder große Geschichte, so dass es schwer fällt, den Verlauf der Handlung nachzuerzählen. Es tauchen Charaktere auf und verschwinden wieder. Drei Männer sind jedoch die Hauptpersonen, aus deren Blickwinkel die letzten sieben Jahre der DDR geschildert wird:

Der 17-jährige Christian ist Sohn von Richard und Anne. Nach seinem Abitur auf dem Internat Waldbrunn verpflichtet er sich für einen dreijährigen Wehrdienst in einer Panzerkompanie. Nachdem er bereits auf der Schule mit den schwierigen politischen Umständen und deren Gesetzgebung in Konflikt kam, wird er nach einem Unfall und einigen kritischen Bemerkungen gegenüber den Kommandanten in das Militärgefängnis Schwedt geschickt, um dort Zwangsarbeit zu leisten. Im Herbst 1989, nach seiner Arbeit in den Braunkohle-Tagebauen, wird er in Dresden während einer Demonstration eingesetzt.

Sein Vater Richard ist Chirurg und ebenfalls kritisch gegenüber dem Land eingestellt. Er wird gezwungen, sich der Staatssicherheit anzuschließen, um nicht ein Geheimnis preiszugeben. Er hat eine Affäre und zudem eine kleine Tochter mit einer Krankenschwester. Nach einer weiteren Affäre mit einer Freundin von Christian ist die Ehe nahezu zerrüttet. Während sich seine Frau Anne der Opposition anschließt, verfällt Richard Depressionen.

Der dritte im Bunde ist Christians Onkel Meno. Als Biologe und Lektor eines bekannten Dresdner Verlages hat er Zutritt zur künstlerischen und wissenschaftlichen Intelligenz des Landes, in der es neben Verfechtern des Sozialismus auch Kritiker gibt wie die junge Autorin Judith Schvola. Meno schreibt selbst seinen Blick auf das Land nieder.


KÜHLER RÜCKBLICK

Nach dem Lesen der letzten Seite, die die Nummer 973 trägt, weiß man ganz sicher: Das Buch muss man ein zweites, wenn nicht gar drittes Mal lesen. Denn allzu umfangreich sind die Themen, das Ausmaß der Personen, die in dem Roman angesprochen und lebendig werden.

Und es ist nicht nur der Inhalt, der dem Buch das Siegel „Hoher Anspruch“ verleiht. Es ist auch die Sprache Tellkamps, die es an einigen Passagen schwer macht, jene Situation einzuordnen, gar zu verstehen. Die Sprache wechselt zwischen realistisch zu poetisch, fast abstrakt, erzählt oft kühl, dann wieder mit einem ironischen Augenzwinkern, vom Leben und vom Leid mit seinen Facetten, seinen kuriosen und traurigen Geschichten. Andere Szenen fließen manchmal unreflektiert am Leser vorbei, an anderer Stelle entsteht Entsetzen (siehe Kurzer Auszug ) oder wird zum Schmunzeln angeregt

Wer die DDR und das Leben darin kennt, wird wieder mit Wunden zu kämpfen haben, wer das deutsche Nachbarland nur aus der Ferne betrachtet hat, wird vielleicht mit dem Kopf schütteln. Doch die ehemaligen DDR-Bürger können auf diese Geste wiederum mit dem Kopf nicken und sagen: Ja, so war es. Ja, es gab die Bananen sehr selten, manche wussten nicht, wie die Kokosnuss zu öffnen ist. Ja, es gab die Staatssicherheit und ihre unmenschlichen Methoden. Von dem Spießrutenlauf, den Menschen erleben, wenn sie die Ausreise beantragen wollten oder der Politik kritisch gegenüberstanden, ganz zu schweigen. Die DDR war keine freie Republik, sondern eine Diktatur. Wer sie verteidigen will mit den Argumenten der guten sozialen Versorgung, wusste nichts von der Realität und unterschätzt den Drang der Menschen zur Freiheit, auch wenn diese andere Opfer fordert.

Verfolgt man den Lebenslauf Tellkamps wird einem auch klar, dass viele seiner Erlebnisse in dieses Buch flossen. Vor allem in der Gestalt des Christians, der um Medizin zu studieren, einen mehrjährigen Wehrdienst absolvieren muss und schließlich die Waffen des Landes gegenüber seinen „Feinden“ zu spüren bekommt. In Dresden ist der Autor bekanntlich aufgewachsen.

Eine Kritik könnte man gegen diesen dicken und sonst hervorragenden Roman anmerken. Oft hat man während des Lesens das Gefühl, Tellkamp will alles „reinpacken“, was rein muss, um es mal salopp zu sagen. Dass er damit allerdings ab und an Figuren nur anreist und ihre Geschichte nicht weiterfolgt beziehungsweise etwas unbefriedigt abschließt (die Freundin der Familie, die ausreist; die Geliebte Richards), fällt deshalb kritisch ins Gewicht. Dem gegenüber stehen beispielsweise Szenen, die einer Kürzung nicht geschadet haben, wie die Zeit Christians bei der NVA, die in ihren Einzelheiten oft wiederholt wird, ohne den Lauf der Geschichte voranzubringen.


Letztlich ist und bleibt „Der Turm“ ein grandioses Werk, das zweifellos die Preise verdient hat, die es bekam oder noch bekommen wird. Es ist für alle jene Pflichtlektüre, die Interesse an der Geschichte der DDR zeigen und die Freude an einem anspruchsvollen Buch und an Sprache haben.


EIN KURZER AUSZUG

„Die Soldaten blieben vor der Heinrich-Mann-Buchhandlung stehen, sperrten die Prager Straße ab. Christian sah Anne. Sie stand ein paar Meter entfernt vor der Buchhandlung in einer Menschengruppe und sprach auf einen Polizisten ein. Der Polizist hob den Stock und schlug zu. Einmal, zweimal. Anne fiel. Der Polizist bückte sich und prügelte weiter. Trat zu. Bekam sofort Verstärkung, als jemand aus der Gruppe versuchte, ihn abzuhalten. Anne hatte die Arme vor dem Gesicht gelegt wie ein Kind. Christian sah seine Mutter, die am Boden lag und von einem Polizisten getreten, geprügelt wurde. Lampen glitten vorbei wie Taucher. Um Christian war ein leeres Gebiet, ein verlorenes Dunkel, in das alles rutschte, was er an Schweigen und Schutz und Gehorsam angesammelt hatte. Er nahm den Knüppel in beide Hände und wollte sich auf den Polizisten stürzen, um ihn zu schlagen, bis er tot war, aber jemand hielt Christian, jemand umklammerte Christian, jemand schrie: Christian! Christian! Und Christian schrie zurück und heulte und strampelte mit den Beinen und urinierte vor Ohnmacht, dann war es vorbei, und er hing in Pfannkuchens Schraubstockgriff wie ein junger Hund, dem man das Genick gebrochen hat (…).“


DER AUTOR

Uwe Tellkamp, geboren 1968 in Dresden, studierte nach dem Abitur und einem mehrjährigen Wehrdienst Medizin in Leipzig, New York und Dresden und praktizierte anschließend in einer Münchner Klinik als Arzt. Heute lebt er gemeinsam mit seiner Familie in Freiburg. 2004 erhielt Tellkamp den Ingeborg-Bachmann-Preis für einen Auszug aus dem unvollendeten Roman „Der Schlaf in den Uhren. 2005 veröffentlichte der Autor seinen Roman „Der Eisvogel. Für seinen jüngsten Roman „Der Turm“ erhielt Tellkamp im vergangenen Jahr schließlich den Deutschen Buchpreis.


DATEN ZUM BUCH

„Der Turm – Geschichte aus einem versunkenen Land“ erschien im Mai 2008 im Suhrkamp Verlag.
ISBN: 978-3-518-42020-1, Seiten: 975, Preis: 24,80 Euro


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
aquarius2

aquarius2

08.10.2009 23:54

Den kenne ich noch aus München...

Leo56

Leo56

05.07.2009 09:53

Super geschrieben. Dennoch werde ich mir dieses Buch nicht antun, wir haben unsere eigene Geschichte, die sicher ähnlich verlief und auch viele schöne Seiten hatte. Das Drumherum ist glücklicherweise vorbei und ich widme mich lieber schöneren Themen.Dennoch hat dein Bericht ein BH verdient. Vielleicht lesen es mal meine Enkel. LG Elke

Kjeldi

Kjeldi

02.07.2009 19:16

Na ja- ixh kanns ne mehr ertragen. Trotzdem super Bericht. LG

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