PROLOG
Als ich den Titel "Der Zerrissene" zum ersten Mal las, hatte ich keine konkrete Vorstellung, was mich erwartete. Nestroy, den Dichter, kannte ich nur von seinem vielleicht bekanntesten Theaterstück "Lumpazivagabundus", wusste sonst nichts über ihn. Also machte ich mich schlau, schließlich ... Bericht lesen
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Erfahrungsbericht von uweBeelitz39 über Der Zerrissene / Nestroy, Johann 22. Juli 2004
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
anspruchsvoll
Unterhaltungswert:
hoch
Spannung:
wenig spannend
Humor:
ziemlich humorvoll
Aufmachung:
ok
Pro:
amüsant - heitere Posse mit der Lizenz zum Denken
Kontra:
immer diese Kapitalisten . . . !
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
PROLOG
Als ich den Titel "Der Zerrissene" zum ersten Mal las, hatte ich keine konkrete Vorstellung, was mich erwartete. Nestroy, den Dichter, kannte ich nur von seinem vielleicht bekanntesten Theaterstück "Lumpazivagabundus", wusste sonst nichts über ihn. Also machte ich mich schlau, schließlich ist er einer der ganz bedeutenden Autoren Österreichs. Doch davon später. Zerrissensein und Hypochondrie (Trübsinn, Schwermut) sind Modeerscheinungen, die zu Nestroys Zeit kultiviert wurden. Darüber hinaus sind sie psychopathologische Signaturen (Entschuldigung! Auf Deutsch: "Psychopathologie ist die Lehre von krankhaften Erscheinungen und deren Ursachen im Seelenleben; die Lehre von den durch körperliche Krankheiten bedingten seelischen Störungen"; Duden, 21. Aufl., S. 594). Daran lässt sich die gesellschaftliche Lage ablesen: die Erwartungsangst, der Ich-Verlust, der hervorgegangen ist aus der Selbsterfahrung, und letztlich die Qual der Langeweile. Eine Art "Eitelkeit des Befindens", die ständig auf der Flucht ist vor sich selbst oder vor dem überall lauernden Tod oder vor eingebildeten Bedrohungen. Zerrissenheit wird durch Willensschwäche charakterisiert. Der Zerrissene weiß nicht, was er will, er ist ein schwankender Charakter, raschen Stimmungswechseln unterworfen. Auslöser kann dabei ebenfalls die aus übergroßem Wohlstand herrührende Langeweile sein - und damit wären wir gedanklich durchaus auch in unserer heutigen Gesellschaft angelangt, in der Auswüchse bis zur Kriminalität unter anderem ihre Ursachen in unserem Wohlstand haben können.
JOHANN NEPOMUK NESTROY
Aber zurück zu unserem Dichter und seinem Werk! Nestroy wurde am 7. Dez. 1801 in Wien geboren, war der Sohn eines reich gewordenen Advokaten und wollte zunächst auch Advokat werden. Doch er wurde Schriftsteller und Schauspieler, schrieb über 80 Theaterstücke; in einigen davon wirkte er selbst mit; er leitete das berühmte "Theater an der Wien" und später das Carl-Theater. Seine heute noch bekanntesten Stücke dürften "Lumpazivagabundus", "Einen Jux will er sich machen", "Die Freiheit in Krähwinkel" und vielleicht "Der Zerrissene" sein, wobei ich inzwischen beim Lesen festgestellt habe, dass es sich durchaus lohnt, auch manche andere seiner Stücke zu lesen. Auf Nestroys Privatleben will ich hier nicht näher eingehen; sein Leben war bestimmt vom Theater und von vielen Gastspielen innerhalb Europas. Nestroy starb am 4. März 1862 in Graz nach einem Schlaganfall.
DER ZERRISSENE
Entstanden ist dieses dreiaktige Schauspiel 1844 und wurde damals zu einem der größten Erfolge Nestroys. Er greift die Problematik vorhergegangener Stücke auf, wonach Reichtum, der nicht aus eigener Hände Arbeit stammt, wenig Gutes mit sich bringt. Ich denke, dies ist in unserer heutigen Zeit mit ihren überzogenen Zahlungsleistungen, z.B. bei Sportlern, Top-Managern, Politikern… ein ebenso überdenkenswertes Thema! In der Gestalt des Schlossers Gluthammer und des Herrn von Lipps treffen zwei Repräsentanten der gesellschaftlichen Entwicklung aufeinander: der vom Ruin bedrohte Handwerker und der im Überfluss lebende Kapitalist. Gluthammer muss sich durchs Leben schlagen, Herr von Lipps langweilt sich in seinem Reichtum und sucht nach Auswegen aus diesem Zustand. Weder Abenteuer noch Spiel besitzen für ihn einen Reiz. Nur ein Schicksalsschlag könnte als "Impuls", sich zu ändern, wirken. Daher setzt er in diesem Schauspiel auf den Zufall, auf die Laune des Schicksals. Allerdings bekennt er, dass der andere Zustand für ihn ebenso unannehmbar ist: "Armut ist ohne Zweifel das Schrecklichste. Mir dürft´ einer zehn Millionen herlegen und sagen, ich soll arm sein dafür, ich nehmet´s nicht". Nestroy verspottet alle gängigen Freizeit-Modetrends, die damals in Wien bei der reichen Bürgerschaft üblich waren, besonders die "Anglomanie", die besonders in einer überzogenen Huldigung des Pferdesportes geäußert wurde. Anglomanie - wie ist das eigentlich heute?!
INHALT
Der Schlosser Gluthammer will an einem Balkon des Gartenpavillons bei Herrn von Lipps ein Geländer anbringen. Er stellt es nur in Position, doch um die dort feiernde Gesellschaft nicht durch Arbeitslärm zu stören, unterlässt er die Befestigung des Geländers. Kathi, deren Pate Herr von Lipps ist, kommt herzu, um Schulden bei dem Paten zu begleichen. Ihr erzählt Gluthammer, dass seine Verlobte Mathilde Flink spurlos verschwunden sei, nachdem er ihr mit eigenem finanziellen Kraftaufwand ein Modegeschäft gekauft hatte. Herr von Lipps lässt sich von den beiden nicht sprechen, erleidet vielmehr einen Anfall von Depression und beschließt, die erste Frau zu heiraten, die ihm begegnet. Diese ist die verarmte Witwe Madame Schleier, die seinem Antrag auch annimmt. Doch Gluthammer erkennt in ihr seine verschwundene Verlobte, verdächtigt von Lipps der Entführung und… Sie kämpfen miteinander und stürzen mitsamt dem nicht befestigten Balkongitter in den darunter fließenden Fluss. Natürlich sind sie nicht tot, werden aber für tot gehalten. Gegenseitig fühlen sie sich schuldig am Tod des anderen und fliehen - jeder vom anderen unentdeckt - auf einen Pachthof von Lipps, dessen Pächter ein Freund Gluthammers ist. Von Lipps verdingt sich dort als Knecht. Er erlebt mit, wie seine Freunde als vermeintliche Erben sich den Besitz anschauen und sich nachteilig über ihn äußern. Er ändert daraufhin sein Testament zugunsten Kathis - es kommt zu einigen intriganten Gesprächen, fein erdacht und vom Dichter gut dargestellt. Ich will aber vom letzten Akt nicht noch mehr verraten - lest doch selbst!
ETWAS ZUR SPRACHE - EPILOG
Nestroy ist Österreicher, Wiener, und seine Sprache zeigt dies immer wieder deutlich. Er vermischt Schrift- und Umgangssprache, Hochdeutsch und Wiener Dialekt und erzielt damit vor allem den Effekt der Kontrastbildung. Das Hochdeutsche verallgemeinert einen Sachverhalt oder macht das Stück zur Satire, wenn sich Figuren bemühen, hochdeutsch zu sprechen, aber stets wieder in ihren Dialekt zurückfallen. Der Dialekt kann Maßstab werden für die soziale Stellung des Sprechenden; Hierarchie und gesellschaftliche Funktionsträger werden sprachlich zueinander abgestuft. Die Art der Figuren, ihre Unveränderlichkeit, zeigt sich auch im Gebrauch von Redensarten wie "Das schickt sich nicht" oder "Das ist klassisch"; im "Zerrissenen" fällt damit besonders der Pächter des Hofes, Krautkopf, auf, der wiederholt sagt: "An weh mein Kopf", als Zeichen, dass er vieles, was da um ihn herum geschieht, nicht versteht. "An ihrer Sprache sollt ihr sie erkennen" - dies gilt ohne Einschränkungen für Nestroys Bühnenpersonal.
ZUM SCHLUSS
Möchte ich ganz ehrlich sagen, dass es mir Spaß gemacht hat, mich mit Nestroy zu beschäftigen, der mir mehr "zufällig" in Form eines alten Buches aus der hinteren Regalreihe meines Bücherschrankes in die Hände gefallen ist. Man muss sich einlesen, etwas geduldig sein, sich Zeit nehmen und keine "Action" erwarten. Immerhin wurde "Der Zerrissene" schon mehrmals fürs deutsche oder österreichische Fernsehen aufgenommen; 1967 bei ORF mit Josef Meinrad als von Lipps.
Wie immer: Ich freue mich auf eure Lesungen, Bewertungen, Kommentare!
...handelt von einem reichen Mann, der mit allen Mit-teln versucht, der Langeweile zu entfliehen.
Herr von Lips schwimmt in Reichtum und in Langeweile.
Nichts kann ihn mehr beglücken, keine Feste, keine Geschenke. Sogar seine drei scheinen-den Freunde können ihn nicht unterhalten. Lips beschließt, sich in das Abenteuer Ehe zu stürzen und die Nächstbeste, die ihm über den Weg läuft, zur Frau zu nehmen..
Ein paar Minuten später läutet es an der Tür: ... ...auch Gluthammer im Hause, welcher der frühere Bräutigam und Anbeter der Schleyer ist. Er ist in dem Glauben, Madame sei entführt worden, doch jene wollte sich nicht noch einmal freiwillig in die Fesseln eines Mannes bringen. Während Madamchen und Herr von Lips den Hochzeitstermin besprechen, erfährt auch Glut-hammer von der Heirat. Er denkt, seine Angebetete sei seit ihres Verschwindens bei Lips ge-fangengehalten worden. Wutentbrannt stürzt er sich ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Humor:
Aufmachung:
sehr hilfreich
06.08.2002
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