Eine Nacht in den Ardennen

5  31.03.2006

Pro:
*  *  *  *  *

Kontra:
* räusper *

Empfehlenswert: Nein 

dahmane

Über sich: Entwicklungshilfe ist der Transfer von Geldern von den armen Menschen in reichen Ländern zu den reic...

Mitglied seit:07.03.2000

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"Magst du Tiere?" fragte der alte Mann plötzlich.
Mischa nickte. Ein wenig gleichgültig, ein wenig gelangweilt, ein wenig einsam. Außerdem war es wunderbar warm im Raum. Der schwere Kanonenofen in der Ecke wurde von sorgsam gespalteten Birkenscheiten befeuert, und draußen prasselte der letzte Märzregen auf die Ardennen nieder, die hier zum größten Teil aus Felsen, Fichten und flechten zu bestehen schienen.
Schienen. Ihre Gedanken wanderten. Draußen glänzten die Schienen im Regen. Der letzte Zug war vor einer halben Stunde abgefahren, ohne sie, weil sie - mit einem plötzlichen Anfall von Panik kämpfend - hastig ausgestiegen war, den leichten Mantel höchst nachlässig übergeworfen, und dann hatte sich auch noch eine Schultertasche irgendwo verheddert, und fast wäre der Riemen gerissen. Irgendwo mußte sie eben in den falschen Zug eingestiegen sein, denn dieser fuhr keineswegs nach Brüssel, sondern ostwärts, in die Dunkelheit.
Eine lang anhaltende Windbö schlug gegen das schmierige Fenster. Das Licht an der Decke flackerte und wurde wieder heller. Der Mann am anderen Ende des Tischs fixierte seine knotigen Hände, die gefaltet vor ihm lagen, als gehörten sie nicht zu ihm, sondern wären gerade eben von ihrer Seite zu ihm hingekrabbelt. Knotige Hände, dachte sie, aber stark und sehr geschickt. Sie widerstand dem Impuls, schon wieder aufzustehen, um auf den Fahrplan zu schauen, der neben der Türe an der Wand hing. Es ließ sich nicht feststellen, aus welchem Jahr er stammte, aber sie hatte nicht den Eindruck, er könne sonderlich aktuell sein. Auf diesem Fahrplan kam aber ohnehin heute nacht kein Zug mehr. Sie würde, irgendwo in den Ardennen, die Nacht mit einem alten Mann verbringen müssen und morgen früh keineswegs in Brüssel sein. Was sollte sie Hildberg sagen? Sie zog das Handy aus der Tasche und schaute mutlos auf das Display; dann steckte sie es wieder ein.

"Was sind deine Lieblingstiere?"
Am liebsten hätte sie gegähnt. Es gab hier nichts. Nichts. Nicht einmal Kaffee. In Rußland hätte auf dem Ofen wenigstens ein Samowar gestanden, und dane-
"Weißt du…" Er beugte sich vertraulich vor. Unter seinem Auge begann eine feine Narbe, ein feiner Strich, der über die Landschaft seines Gesichts mäanderte und dann über den faltigen Hals und im Hemdkragen verschwand. Der Alte roch nach trockener Erde, nach Leder, nach sehr gutem Kautabak (ohne Minze), nach schweren Leinenstoffen. Mischa schloß die Augen.
"Weißt du", wiederholte er bedächtig, immer noch über den Tisch gebeugt, "ich könnte gar nicht genau sagen, welche Tiere ich am liebsten mag. Mit einer Ausnahme." Er schwieg einen Moment, stirnrunzelnd, als müsse er sich daran erinnern, was er eigentlich sagen wollte, oder feststellen, ob er es überhaupt sagen wollte. Dann merkte sie, daß er auf etwas da draußen horchte. Aber das war nichts. Vielleicht ein ferner Laut? Er lehnte sich langsam in seinem Stuhl zurück. Mischa erkannte plötzlich, wie bequem der war. Breit, stabil, mit wunderschönen Armlehnen. Anscheinend saß der Alte öfters hier.
"Nein", sagte er, und dann holte er wahrhaftig eine Stange Kautabak aus einer unergründlichen Tasche in seiner Joppe - darunter trug er anscheinend so etwas wie eine breite Lederschürze, wie ein Schuster - und schnitt sich bedächtig einen kurzen Priem ab.
"Nein, kein Lieblingstier. Aber einmal habe ich etwas gegessen" - er steckte sich langsam den Priem zwischen schwere, leicht verfärbte Zähne hinter plötzlich gebleckten blassen Lippen -, "das kannst du dir nicht vorstellen, so lecker war das. Das war unglaublich." Stille. Dann hörte sie, wie er auf dem Tabak herumkaute, methodisch, genüßlich, forschend.

"Warum magst du grade diese Tiere?" Er schaute sie über eine imaginäre Brille hinweg an. In seinen Augenwinkeln lauerten viele Lachfältchen. "Das wolltest du doch fragen, nicht wahr?"
Mischa lächelte ihn an. Wie jemand, der gerade ins Abteil gekommen war und sich ihr gegenüber hingesetzt hatte. Ein sehr vorsichtiges Lächeln. Draußen war der Regen anscheinend heftiger geworden. Hilberg, dachte sie schläfrig, würde… Aber dann versandete der Gedanke.
"Ich war einmal irgendwo hier in der Gegend unterwegs, ich weiß nicht mehr genau wo, das habe ich vergessen, oder vielleicht hatte ich mich auch verlaufen…" Auch dieser Satz verlief sich irgendwo, aber dann ermannte sich der alte Mann plötzlich: "Es muß wohl doch weiter weg gewesen sein. Es ist auch schon lange her, irgendwann nach dem Krieg, als hier viel weniger Menschen wohnten und es trotzdem unruhiger war, weil Deserteure herumlungerten, Flüchtlinge, Parteimitglieder und Kollaborateure, die ihre Freiheit um jeden Preis verteidigen würden, da kam ich jedenfalls in das Haus. Sicherlich ein Gasthaus, auch wenn kein großes Schild über der Türe hing. Aber es duftete so wunderbar, schon von weitem." Unbewußt leckte er sich die Lippen.
"Drinnen war nur eine kleine Gaststube, zwei, drei Tische, und auch kein richtiger Tresen, aber eine dralle Frau - damals eine echte Überraschung, sage ich dir - trug gerade den Braten auf, als ich zur Türe hereintrat, müde, aber wachsam. Damals arbeitete ich für die Armee. Unsere Armee. Zuerst hinter den Linien, dann, als alles vorbei war, im Aufräumkommando. Mehr kann ich dir nicht sagen, ja? Jedenfalls muß man mir angesehen haben, daß ich für mich selbst sorgen würde."
Mischa gähnte. Damenhaft in sich hinein, wie das nur Frauen können, aber die Kinnbacken knackten doch ein wenig.

"Hast du Haustiere?" fragte er plötzlich. Seine Augen leuchteten im Widerschein des Feuers.
"Nein", sagte sie schläfrig. Sie wollte ihm nicht von ihren Katzen erzählen.
"Ich würde mir keine kaufen, weißt du", sagte er. "Ich suche immer nach welchen, die mir zulaufen. Am liebsten Kaninchen. Wir essen hier gerne Kaninchen. Die meisten Leute können ja ihre Haustiere nicht schlachten. Aber ich bin da ganz anders. Ich würde sie gut pflegen und sie gerne bei mir haben, aber eines Tages… eines Tages…" Im Ofen brach knisternd ein Scheit.
"Aber es müßten wilde sein. Die es nicht gewohnt sind, gefangen zu sein, das macht viel mehr Spaß. Vielleicht könnte ich sie ein bißchen zähmen. Das wäre bestimmt sehr gut. Es wäre einfach…" Der Rest des Satzes verwandelte sich in behagliche Kaugeräusche.weil ihm der Priem zwischen die Zähne geraten war. Er stand ächzend auf. Wahrhaftig, vor seinem Bauch hing eine alte Lederschürze, abgeschabt, fleckig, oft gesäubert. Er war doch ziemlich groß, aber nicht breit, sondern einfach nur zäh und stur. Er ging, unübersehbar humpelnd, zur Türe, öffnete sie und trat unter das Vordach des alten Bahnhofs. Mischa hörte, wie er kräftig durch die Nase hochzog und dann ausspuckte, den Tabaksaft wohl gleich mit. Ger nicht einmal unangenehm, dachte sie schläfrig. Irgendwie archaisch.
Die Türe schlug zu. Sie war wohl eingenickt. Jetzt machte er sich am Ofen zu schaffen. Er schlug das verbrannte Holz zu feiner Asche zusammen und schob neue Scheite nach. Die Glut hatte er dabei nicht zerstört. Dann holte er aus einer schmalen Kiste in der Ecke ein paar Brocken Steinkohle und warf sie in die Glut. Gleich kommt die Nacht, dachte Mischa. Am liebsten hätte sie den Kopf auf die Arme gelegt. Aber dafür war es noch zu früh. Vielleicht würde ja doch noch ein Zug kommen, den sie anhalten könnte. Sie zog noch einmal ihr Telefon aus der Tasche. Unverändert.

"Erzähl mehr?"
Er setzte sich wieder, behaglich in sich hineingrinsend. Mit ihm schlug ihr wieder diese Welle von Holz und Rauch und Leder und Tabak und Erde entgegen. Ein wenig erinnerte sie das an ihren Großvater. Es war auch ein anderer Duft darin, dachte sie plötzlich, und auch den kannte sie von ihrem Großvater, der ihn manchmal an sich trug, wenn er an nebligen Herbsttagen von draußen hereinkam und der Hirschfänger frisch abgewischt war und im Licht des Kaminfeuers tückisch glänzte. Vielleicht könnte sie sich auf die Bank dahinten legen, die Taschen unter dem Kopf und die Jacke, und einen Augenblick dösen, nur einen Augenblick. Das würde ihr helfen, wach zu bleiben. Ganz sicher würde das helfen.
"Wo war ich stehen geblieben?" Wieder dieses gemütliche Geräusch der kauenden Zähne. "Ja. Ich komme also in dieses Haus hinein und sehe die Krüge mit Stella Artois auf dem Tisch und den Braten und frisches Brot, und ich denke, wie gut, daß ich dieses Gasthaus gefunden habe und frage, ob sie mir auch eine Portion davon servieren könnten, und dann werfe ich das Gewehr auf den Tisch, diesen alten Zwillingsläufer, der ganz gewiß nicht nach Armee aussah, und lege meine Jacke daneben, und im Raum ist eine Stille, und dann reden plötzlich zwei, drei Leute auf einmal los. So war das, und ein paar Minuten später habe ich einen Teller vor mir stehen, mit schwerem frischen Brot und gut ausgesäuertem Kraut und zwei Scheiben von diesem wunderbaren Braten, innen saftig, außen ganz knusprig, mit einer schmalen Fettschicht. Gutes Muskelfleisch, Mädchen, das ist wichtig." Er seufzte plötzlich leise.
Mischa merkte, daß sie auf der Bank ihre Taschen übereinanderschichtete. Unter den Kopf würde nur eine passen und die Jacke. Mit dem Mantel würde sie sich zudecken. Der Alte hatte währenddessen weiterschwadroniert.
"Natürlich wollten sie mir nicht sagen, was sie da erlegt hatten. Sie müssen wohl gespürt haben, daß das nicht klug war. Vielleicht haben sie gewildert, aber das wollte ich nicht wissen, dazu hatte es viel zu gut geschmeckt. Unvorstellbar gut, wie nichts, was ich jemals zuvor gegessen hatte. Das vergißt man nicht. Ich habe später immer mal wieder darüber nachgedacht, und dann kam ich auf die Idee mit den Haustieren." Er lachte leise. Einen Augenblick nur, dachte sie. Nur einen Augenblick.
"Und jetzt fragst du dich natürlich:

Wieso hast du dich grade für dieses Haustier/e entschieden?"
Mischa überlegte, ob sie nicken sollte. Hinter den geschlossenen Lidern flackerte das Feuer im Ofen weiter. Es war wirklich wohlig warm.
"Ich muß sagen", sagte der alte Mann. Er schien etwas weiter weg zu sitzen als eben noch.
"Ich muß sagen", setzte er noch einmal an, oder war das das Echo in ihrem Kopf? "daß ich zuerst dachte, ich würde sie nur nehmen, weil sie so gut schmecken, aber sie machen einem alten Mann auch sonst viel Freude. Weißt du, ich habe nämlich das Haus vor ein paar Monaten wiedergefunden. Es war schon lange verlassen. Aber die beiden Ställe waren noch da, und das war ein guter Anfang, und der Tisch, und die Schürze…"
Plötzlich wurde der Ton wieder lauter, wie ein Sender, der für einen Augenblick verschwunden war.
"…nicht gerade gelogen", sagte der Alte, "denn viele, viele Jahre, fast ein Leben lang, habe ich nicht gewußt, wirklich nicht, wo dieses Haus gelegen haben könnte, und obwohl ich den Duft und den Geschmack niemals vergessen habe, habe ich ihn doch nicht mehr mit dieser Erinnerung in Verbindung gebracht, und eigentlich hat sich erst, als ich das alte Haus fand, alles wieder zusammengefügt, ganz und gar.
Müde?" Es war, als hätte er erst jetzt gemerkt, daß sie ihren Platz gewechselt hatte.
"Nun ja", sagte er heiter, "dieses Regenwetter kann einen auch müde machen, nicht wahr?"
Das Geräusch des Regens war furchtbar einschläfernd. Wie in diesem Streichquartett von Schostakowitsch.
"Aber ich habe mich gefragt", intonierte der alte Mann unverdrossen,

"würdest du gerne ein Haustier bzw. ein weiteres haben?
Das ist die Frage." Er gluckste. "Weißt du, schon das Fangen ist aufregend. Ein bißchen Spannung muß ja dabei sein. Wenn du einmal erlebt hast, wie die Karnickel abhauen, wenn sie merken, daß sie gejagt werden… Das heißt, wie sie versuchen, abzuhauen. Ich kenne meine Beute ja inzwischen gut genug. So viele Haken kann keiner schlagen, keiner so emsig und verzweifelt graben…" Er schiweg versonnen.

"Was würdest du gerne haben?
fragst du." Mischa hatte nichts dergleichen getan, Sie war so müde, daß es schmerzte, aber sie überlegte noch, immer noch und immer angestrengter, was für ein Geruch das gewesen war, den ihr Großvater aus dem Wald mit sich ins Haus gebracht hatte, wenn er mit gezogenem Hirschfänger heimkam. Manchmal überkommt uns das Bewußtsein, das erst die Erkenntnis mit sich bringen dürfte, schon vorher, als eine langsam anbrandende Vorahnung.
"Alles, was ich fangen kann, natürlich, vor allem aber das. Je klüger die Beute, sage ich dir, desto subtiler muß die Falle sein. Subtile Jagden, heißt ein buch von Ernst Jünger. Ich habe ihn noch gekannt, wüßtest du das? Fast wäre er ein Mann von drei Jahrhunderten geworden." Er schwieg wieder, eine lange Weile. Dann murmelte er etwas, das klang wie "verlockend".

"Warum?" sagte er plötzlich laut.
Mischa schreckte auf.
Dann Stille.


Diese Geschichte verdanke ich ausschließlich Dr. Labude.
Sie ist für ihn geschrieben, allerdings bitte ich ihn und alle
anderen Leser, ihr ihre Unvollkommenheiten zu verzeihen
Ich fühle mich, als läge ich auf einer harten Bank in einem
sehr warmen Raum in einem alten Bahnhof in den tiefen
Ardennen, denn auch hier regnet es inzwischen

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Fliegmaus32

Fliegmaus32

19.10.2008 13:28

Wunderschön!

Lukesky1A

Lukesky1A

30.11.2007 21:00

Ein schöner Bericht!

eva1973

eva1973

27.09.2007 23:14

einen Fragebogen in dieser Art und Weise "auszufüllen" verdient ein BH; Gruß Eva

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