Die Deutschen Single-Charts

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Die Situation = Es geht um die populäre Musik in den Charts. Ewig wird beklagt wie schlecht die hochplazierten Songs sind und die Musikbranche beklagt das neue Piratentum. Die Umsätze brechen dramatisch ein und schuld sind, wenn man auf die Labels hört, allein die vielen bösen Internetuser ... Bericht lesen





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Räuber und Gendarm
Erfahrungsbericht von Arieve über Die Deutschen Single-Charts
20.08.2004


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Einige wenige Perlen
Kontra: fast alles

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

Die Situation
==========
Es geht um die populäre Musik in den Charts. Ewig wird beklagt wie schlecht die hochplazierten Songs sind und die Musikbranche beklagt das neue Piratentum. Die Umsätze brechen dramatisch ein und schuld sind, wenn man auf die Labels hört, allein die vielen bösen Internetuser und Computerkids, die ihre Musik aus Tauschbörsen ziehen, oder sonst wie kostenlos auf CDs brennen. Als Gegenmaßnahmen werden außer lautem Jammern, Aktionen wie „Musikpiraterie ist kriminell und kann ins Gefängnis führen“, halbgare und sehr nervige Kopierschutzmechanismen und legale MP3-Shops mit seltsamen Einschränkungen geschaltet. Ich will nicht behaupten, dass die Musikpiraterie, die auch ich nicht gutheiße, an der Misere unschuldig wäre, aber es gibt auch andere Gründe, für die die Musikindustrie aber anscheinend blind ist.

Preise für Tonträger
===============
In Zeiten der CD-Massenproduktion, in der man eigentlich erwarten würde, dass man mehr Musik bekommt für sein Geld, zahlt man oft um die 16,- € für eine neuere CD, manchmal auch noch um einiges mehr. Vorbei die Zeiten, als man für maximal 20,- DM für ein Album schon gut dabei war, eigentlich sogar für eher weniger. Von den Maxi-CDs für 5,- - 10,- DM will ich gar nicht erst reden. Mein allererstes Pop-Album, immerhin „Music für the masses“ von „Depech Mode“ kostete mich ganze 5,- DM und das noch im Veröffentlichungsjahr.
In Zeiten, in denen das Geld nicht mehr so locker sitzt wie noch vor Jahren überlegt man es sich schon zweimal, ob man sich eine CD kauft. Man nimmt nicht einfach mal so einen Schwung CDs mit, egal ob alle Lieder darauf gut sind, oder nur zwei oder drei. Ich selbst habe mich ertappt bewusster zu kaufen, mich vorher zu fragen, ob ich die CD denn auch öfter hören werde und ob die Anzahl der mit gefallenden Songs den Preis der CD denn auch rechtfertigt. Ansonsten verzichte ich eben und höre lieber die CDs, die ich schon in meinem Musikschrank habe. Deren Kauf hat sich dann wenigstens auch rentiert.

Masse statt Klasse
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Es gab schon immer eine große Vielfalt an Musik und Künstlern. Für jeden Geschmack gab es etwas und natürlich gab es auch schon immer richtig schlechte Songs. Seit es Musik gibt wird auch gecovert, kopiert und sich an dem Massengeschmack angebiedert, was ich noch nicht einmal negativ meine. Selbst musikalische Eintagsfliegen und singende Promis, die des Gesangs wenig mächtig sind, gab es auch früher schon. Doch was damals die Ausnahme war ist heute die Regel und die heutigen Auswüchse wären vor einigen wenigen Jahren noch undenkbar gewesen.
Sehen wir uns doch einmal in den CD-Regalen um und wir werden eine unüberschaubare Vielzahl an „Künstlern“, Projekten und Bands entdecken, allerdings kommen nur wenige davon über ein zweites, oder gar drittes, Album hinaus. Für eine Vielzahl läuft die Karriere nach dem gleichen Schema ab: Ein Song in den Top-10, der zweite im Mittelfeld der Charts, wenn überhaupt, und dann, nach ein oder zwei weiteren Flops wird der Platten-Vertrag gekündigt und der Künstler verschwindet in der Versenkung. Dabei handelt es sich dann bei den Erfolgen größtenteils noch um vergewaltigte Coverversionen altehrwürdiger Klassiker, Bierzeltohrwürmer, Trittbrettlieder aktueller Erfolge anderer Künstler oder Ad-Hock-Produktionen welche den aktuellen Bekanntheitsgrad des Künstlers ausschlachtet, solange er noch besteht. Ein Bruchteil dieser zu „Superstars“ hochstilisierten Hoffnungsträger kann überhaupt singen, geschweige ein Instrument spielen und wenn doch, dann ist der Künstler meistens gezwungen irgendwelche Ultra-seicht-Songs zu trällern, die der jeweilige Produzent in der Schublade liegen hat, oder einfach mal so über Nacht runtergeschrubbt hat, Knebelvertrag machts möglich.
Sieht man sich die Alben genauer an, dann wird man entdecken, dass eigentlich nur die zwei oder drei auf Charttauglichkeit getrimmten Songs enthalten sind, die man später in den Single-Charts wiederfindet, der Rest ist entweder zu Geld gemachter Papierkorb für den Songabfall des Produzenten, oder leicht variierte Abwandlungen der Erfolgsongs, nur halt mit anderem Namen.
Natürlich gibt es auch noch die anderen Künstler, die richtig guten, die auch selber etwas können, aber die fristen entweder ein Schattendasein, weil sie in den Charts nicht vertreten sind, oder sie gehen in der Masse schlicht und ergreifend unter. Und wenn es dann doch mal einer schafft sich mit Können und viel Glück nach oben zu kämpfen, wird er mit absoluter Sicherheit irgendwann auf den kleinsten gemeinsamen Nenner der Massentauglichkeit zurechtgebügelt, oder er verschwindet wieder in der Versenkung, wo er die Masse der ausgebrannten Ex-Lieblinge der Massen trifft..
Wer kauft sich aber ein Album, von dem nur ein oder zwei Songs gut sind? Wer kauft sich Singles die 4 mal den selben Song in 3 nervtötenden Versionen und der einen gewünschten enthält? Wer hat so viel Geld, dass er sich ständig die CDs kauft die gerade „In“ sind? Schließlich kann er theoretisch die CDs von letzter Woche gleich wieder entsorgen, denn die sind ja eh schon wieder „Out“. Hier legen sich die Plattenfirmen selber ein Ei, klagen aber lieber über ihre kaufmüden und anscheinend kriminellen Kunden, anstatt etwas Selbstkritik zu üben und zurück zu besserer Qualität zu gehen.

Kommerz statt Kunst
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Wie bereits oben angedeutet werden Künstler verheizt, Alben schnell zusammengeschustert und Künstler mehr nach ihrer Vermarktbarkeit ausgesucht, statt nach ihrem Können. Die Musik ist weniger eine Kunst, sondern fast nur noch Kommerz. Man merkt das auch an der Zielgruppe, die verstärkt von der Musikindustrie angegangen wird. Wer ist leicht zu manipulieren? Wer hat noch genügend Geld? Wer schaut mehr auf Äußerlichkeiten als auf Qualität? Ich will hier nicht pauschalisieren, verallgemeinern oder diskriminieren, aber besonders die anvisierte Zielgruppe der 12 bis 25 Jährigen ist hier gut dabei. Die Suche nach Anerkennung ist noch groß, also wird gerne angenommen was durch die Medien als „hip“ und „in“ angepriesen wird. Der Gruppenzwang tut dann sein übriges, schließlich will niemand Außenseiter sein. Die Finanzkraft stimmt auch, zumindest oftmals, denn da es die Kinder besser haben sollen und die Eltern oft eh wenig Zeit für die Kinder haben wird vieles über die Höhe des Taschengeldes geregelt und so mancher verdient noch was nebenher dazu, von Omas zugesteckten Scheinchen ganz zu schweigen. Ein anderer Faktor ist die mangelnde Erfahrung. Viele bilden gerade erst ihren Musikgeschmack heraus. Woher sollen sie denn da wissen was gut und was einfach nur Kommerz ist? Man will sich ja schließlich vom Geschmack der Eltern abheben und die in den Medien omnipräsenten Schnuckel diverser Daily- und Reality-Soaps bieten halt nun mal eine breite Basis zur Identifikation.
Ins selbe Horn blasen die Castingshows. Hier geht es mehr ums Aussehen, Tanzen, allgemein die Präsentation und weniger um den reinen Gesang, denn schließlich sollen sich die Leute schnell mit den Kandidaten anfreunden, mit ihnen leiden. Das gibt Sympatiebonus und eine Fanbase, die dann die CDs kauft, auch wenn die mehr oder weniger talentierten, zu Superstars hochgeredeten, Newcomer weniger gefördert, als vielmehr aufs schlimmste ausgelutscht werden. Das potential dieser Shows ist manchmal nicht mal schlecht, aber da das schnelle Geld im Vordergrund steht werden auf Teufel komm raus unausgegorene CDs verkloppt, solange der Aktuakitätsbonus noch anhält und der Superstar danach ausgebrannt weggeschmissen, für Nachschub ist ja gesorgt.
Im Mittelpunkt steht also weniger die Musik (von Kunst gar nicht erst zu sprechen), noch nicht mal wirklich der Künstler, sondern die Labels und Produktionsfirmen, die dann auch das große Geld damit machen. In Marketing wird weit mehr investiert als in die Kunst selber und der Künstler bekommt ein Butterbrot und darf sich dafür dann aber täglich aufreiben.
Mittlerweile geht der Trend ja ein wenig dazu sich absichtlich von gecasteten Bands abzuheben. Statt dessen castet man eben nicht mehr so offensichtlich, verschlimmbessert die selbe Dutzendmusik mit rockigeren Rhythmen und klebt der Band das Label „Endlich mal keine gecastete Rockband“ auf. Was eine gute Publicity ausmacht ist nicht erst seit den inszenierten Lesbenküssen von Tatu bekannt, die wohl den größten Erfolgsfaktor des Duos ausmachten. Die Interpreten, ich wage nicht von Künstlern zu sprechen, stehen dabei tragischerweise eher in der Opferrolle, müssen das Schlamassel dann aber ausbaden, denn die im Hintergrund stehenden Produzenten haben ihre Schäfchen natürlich längst in trockenen.
Man braucht sich auch nicht zu fragen, warum die Masse mit dem Einheitsbrei der charttauglichen Radiosender zufrieden sind. Die Flut der medienwirksam in Szene gesetzten Eindrücke macht es eben auch hier. Wer sich tagaus tagein mit der alles überrollenden Lawine von Heavy-Rotation, Kaufhausgedudel, Boulevartmagazin-News und dergleichen konfrontiert sieht, gewöhnt sich auch an die Inhalte. Man braucht nicht denken, lässt Radiostationen, Labelbosse und angeblich den Geschmack des Volkes kennende Produzenten für sich entscheiden.
Glücklicherweise erkennt man langsam aber auch Ansätze einer Abkehr. Immer mehr Leute sprechen sich gegen die in Endlosschleife bei den Radiostationen laufenden „Superhits“ aus und gehen langsam aber sicher auch wieder in Konzerte lokaler Gruppen, auf Festivals alternativer Bands, die kein Majorlabel im Rücken haben und auch nicht mit imposanten Chartpositionen protzen können. Vielleicht hört man in Zukunft öfter mal Sendungen mit alternativer Musik, nachdem diese ein Randdasein fristenden, niveauvollen Radiostunden in der Vergangenheit immer mehr von der Bildfläche verschwunden sind und Anfragen nach alternativen Liedern von den Radiosendern pauschal mit „passt nicht in unser Sendekonzept“ abgelehnt wurden.
Die Hörer würden es sicherlich danken, wenn die Singlecharts mehr mitr dieser Art musik bevölkert wäre, denn heutzutage gilt in eingen Kreisen eine hohe Chartposition ihrer Lieblingsband fast schon als Sakrileg und Grund sich von der Band abzukehren. Es wäre schön wenn sich das ändern würde, denn Erfolg darf nicht auch gleichzeitig sein Synonym für mangelnde Songqualität sein.

Fazit
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Ohne die Musikpiraterie verharmlosen, oder gar befürworten, zu wollen sehe ich die Hauptursachen nicht nur in diesem Sektor begründet. Nicht jeder der sich Songs vom Internet runterläd würde sich die Single oder gar das Album kaufen. Außerdem hat nicht jeder die technischen Möglichkeiten sich Songs runterzuladen (mit meinem analogen Anschluss wäre das z.B. schwer möglich). Sicherlich mag die Masse der illegalen Filesharing-User einen gewissen Teil am verlorenen Kuchen der Musikindustrie ausmachen, aber das Problem darauf reduzieren zu wollen heißt nur, dass die Musikindustrie sich scheut ihre eigenen Fehler einzugestehen, die meiner Meinung nach auch zu einem großen Teil für die rückläufigen Einnahmen verantwortlich sind.
Abhilfe würde eine grundlegende Reform der Industrie schaffen können. Eine Rückbesinnung zur Musik als Kunst und eine Abkehr vom reinen Kommerzdenken. Natürlich kann man den Kids ihre Boy- und Girlgroups lassen, ich plädiere auch nicht Britney Spears abzuschaffen, aber ein längerfristiges Fördern talentierter Künstler und ein größerer Fokus auf Klasse statt Masse würde sicherlich einige der vergraulten Käufer zurückholen. Wenn dann noch der Preis der CDs auf ein normales Maß fallen würde und das Geld weniger in die Werbeüberflutung, sondern wirklich mehr in die Musik gesteckt würde, wäre das nicht auszudenken. Man hätte wieder mehr Grund in der CD-Handlung zu stöbern und könnte doch tatsächlich wieder neues Entdecken, ohne sich durch einen riesigen Berg Ausschuss zu quälen.
Eine andere Möglichkeit die Situation zu verbessern wäre bessere Flexibilität. Statt in MP3-Stores in ihrer Funktion sehr eingeschränkte Songs für teures Geld zu verkaufen könnte man sich zum einen auf wirklich interessante Preise einigen, zum anderen einige Appetithäppchen kostenlos anbieten, damit man sich mal ein Bild von der Musik machen kann und ich spreche hier nicht von 30-Sekunden-Schnippseln, die absolut nichts aussagen. Warum ist es noch nicht möglich in den CD-Läden seine individuelle AlbumCD nach eigenem Geschmack selber zusammenzustellen, für einen normalen Preis versteht sich?
Schluld sind eben nicht nur die anderen, sondern immer auch man selbst und wenn die Musikindustrie vor der eigenen Haustür gekehrt hat, kann sie immer noch, völlig zu recht, mit dem Finger auf die Leute zeigen, die ihnen ihre Musik stehlen, ohne, dass ein bitterer Beigeschmack bleibt.
   

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