Der Psyche auf der Spur
21. Aug 2003
Pro:
Spannung pur
Kontra:
Nichts für schwache Gemüter
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Humor:
Aufmachung:
mehr
 Minas_Tirit
Über sich:
Ende des Monats werde ich mich von Ciao verabschieden, da ich doch kaum noch Zeit habe, hier mal vor...
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„Ein Teil unserer Wahrnehmungen wird durch das reale Objekt vor uns bestimmt, das wir durch unsere Sinne erfahren, doch der andere und vielleicht größere Teil entspringt immer unserem Geist.“ Mit diesem Zitat von William James aus dem Werk „The Principles of Psychology“ beginnt der Autor Caleb Carr seinen Roman „Die Einkreisung“, über den ich heute einmal schreiben will. Bei diesem Roman, der in der Ich-Perspektive geschrieben ist, handelt es sich um in aller erster Linie um einen fiktionalen Thriller, in zweiter Linie erst erfährt der Leser auch ein wenig über die geschichtlichen Entwicklungen der Kriminalistik und Psychologie. Doch dazu mehr im Verlaufe des Berichts. Der Autor: Die Informationen über den Autor habe ich größtenteils aus dem Vorwort des Romans. Caleb Carr wurde 1955 in New York geboren und wuchs in der Lower East Side auf, wo er eine exzentrische Kindheit verlebte, da seine Eltern zur Beatnik-Generation gehörten. Bis heute lebt er in New York. Nach seinem Geschichts- und Politikstudium am der New York University arbeitet er als Journalist für einige Zeitschriften mit dem Schwerpunkt Politik und Militär. Aber auch dem Film bzw. Theater ist er nicht abgeneigt. Sein erster Roman "Die Einkreisung" wurde in internationaler Erfolg. Weitere Romane sind „Engel der Finsternis“ (The Angel of Darkness, 1997) und „Die Täuschung“ (Killing Time, 2000).
Der Roman: „08. Januar 1919 - Theodore ist unter der Erde.“ Vollkommen atypisch ist der Einstieg in diesen spannenden Thriller. Doch dieser Anfang macht durchaus Sinn, ließt man sich das erste Kapitel ganz durch. Dr. Laszlo Kreisler, Psychologe, und John Schuyler Moore, Reporter bei der New York Times, blicken nach der Beerdigung von Theodore Roosevelt, ehemaliger Polizeichef in New York und späterer US-Präsident, bei einem Abendessen auf den Fall zurück, um den es in diesem Roman geht. Dieses erste Kapitel dient eigentlich nur
als Einführung, bevor der Autor den Leser noch weiter mit in die Vergangenheit nimmt. Im Frühjahr 1896 wird auf der sich im Bau befindlichen Williamsburk Bridge die Leiche eines Strichjungen gefunden. Eigentlich ist es in den Elendsvierteln New Yorks an der Tagesordnung, dass Kinder einfach so verschwinden, aber die Ermordung des Jungen lässt den Polizeipräsidenten Theodore Roosevelt nicht in Ruhe. Er möchte den Fall unter allen Umständen aufgeklärt wissen. Da seine Polizisten aus Gründen falscher Moralvorstellungen das ganze lieber unter den Teppich kehren würden und außerdem eher Befehle der Gangsterbosse befolgen, beauftragt er seine Freunde Dr. Laszlo Kreisler und John Moore mit der Lösung des Falles. Die einzige Bedingung ist nur, dass nichts nach außen dringt, da es erstens ihm den Kopf kosten könnte und zweitens Laszlo als Psychologe neue Wege in der Täterbekämpfung- und Ermittlung gehen will. Zur Seite gestellt wird den beiden noch Roosevelts Sekretärin Sara Howard, die es sich in den Kopf gesetzt, erste Polizistin zu werden und die beiden Polizisten Marcus und Lucius Isaacson. Sofort nachdem sich diese Gruppe gefunden hat, macht sich das Team mit Hilfe neuer und moderner Methoden auf die Tätersuche. Ausgangspunkt für die nun anfangende Suche ist dabei die aufgefundene Leiche, dessen Leiche von einem der anwesenden Polizisten identifiziert worden ist. Vor allem auf die entfernten Augen legen sie wert. Im Gegensatz zur Polizei, welche die Entfernung der Augen den Ratten zuschreibt, erkennt die Truppe, dass die Augen mit sauberen Schnitten entfernt worden sind. Der Fall bleibt aber mysteriös, denn außer dem Namen gibt es nichts. Ein Besuch bei den Eltern des umgebrachten gibt ihnen noch mehr Rätsel auf als dass er sie voranbringt. Woher stammt das viele Geld, das die arme Familie auf einmal besitzt und welche Rolle spielen dabei die Würdenträger der episkopalischen Kirche? Etwas erfährt die Gruppe jedoch. Nämlich dass der Vater seinen Sohn regelmäßig durch Gewalt erziehen wollte, was jedoch dazu führte, dass der Sohn immer seltener nach Hause kam und ein Leben auf der Straße bevorzugte und sein Geld als Strichjunge in den billigen und heruntergekommenen Etablissements verdiente. Auch findet es die Gruppe komisch, dass jeder den Jungen nicht hat weggehen sehen. Er hätte also eigentlich in seiner Stube mit einem Kunden sein müssen. Dieses war jedoch nicht der Fall. Aus diesen insgesamt doch sehr dürftigen Spuren versucht die Truppe unter Federführung von Dr. Laszlo Kreisler ein Psychogramm des Täters zu erstellen. Doch weit kommen sie nicht, abgesehen davon, dass sie davon ausgehen, dass ein weiterer Mord geschehen kann. Und so passiert es dann auch wenig später. Die Befürchtung, dass es erneut einen Strichjungen erwischt hat, bestätigen sich auf grausame Art und Weise. Neben der Verstümmelungen fehlen auch hier wieder die sauber herausgetrennten Augen. Durch die Beziehung zu Theodore hat die Ermittlungsgruppe dieses mal jedoch freie Hand bei der Tatortbesichtigung. So können die Brüder Isaacson ihre neu erworbene Kunst der Fingerabdrücke vertiefen und die Leiche und den Tatort genau untersuchen. Auch hier stellt es sich später heraus, dass der Junge auf seiner Stube sein müsste. Es gibt deswegen für die Gruppe nur die einzig mögliche Schlussfolgerung. Der Täter muss über das Dach gekommen sein. Und tatsächlich finden sie dafür Beweise. Doch einen Hinweis auf den Täter finden sie erneut nicht. Nur wenig später kommt die Ermittlungsgruppe einem möglichen Muster auf die Spur, nachdem sie die Archive der verschiedenen Zeitungen nach Kindermorden durchforstet hat. Sämtliche Morde, die letzten beiden Morde stehen in direkter Verbindung zu früheren Morden, wurden an kirchlichen Feiertagen begangen. Da schon bald der nächste Feiertag naht, arbeitet die Gruppe nun vierundzwanzig Stunden am Tag. Die Konzentration gilt dabei der Fähigkeit des Täters, sich in der Anatomie des Menschen gut auszukennen und in der Kletterkunst geschult zu sein. Auch das Element Wasser, sämtliche Morde hatten etwas mit Wasser zu tun, spielt verstärkt eine zentrale Rolle. Aber das Motiv und die Eigenschaften können sie nur aufgrund des sich langsam entwickelnden Psychogramms abschätzen. Doch damit begeben sie sich in Gefahr, denn sie sind dem Täter schon nähergekommen. Zu nahe. Alles läuft darauf hinaus, ob sie den nächsten Mord verhindern können. Es beginnt eine Jagd auf einen Unbekannten über den Dächern von New York.
Die Gestaltung: Die Beschreibung dieses Romans entstand in Anlehnung an die Erstausgabe im Taschenbuchformat. Erschienen ist diese 1994 im Heyne-Verlag und kostete damals 16,90 DM. Bei Amazon.de bezahlt man heute 8,95 Euro für ein neues Exemplar, gebrauchte sind deutlich günstiger. Diese Auflage besitzt insgesamt 588 Seiten. Das Frontcover zeigt einen kleinen Ausschnitt eines Straßenzugs mit einer vorbeifahrenden Kalesche. In großen roten Lettern steht der Buchtitel. Die Rückseite enthält neben einer äußerst kurzen Inhaltsangabe drei Auszüge aus Rezensionen bekannter Zeitungen und Zeitschriften. Fazit: Der Roman „Die Einkreisung“ gehört für mich mit zum besten, was ich in jüngerer Vergangenheit an Kriminalliteratur gelesen habe. Vor allem die Verschmelzung von Geschichte und Kriminalistik gefällt mir sehr gut, auch wenn ich die Hintergründe über die Entwicklung kriminalistischer Methoden und der Erstellung eines Täterprofils nicht kenne. Caleb Carr schafft es, den Leser langsam in diese Methoden einzuweihen und sich zusammen mit den Personen der Ermittlungsgruppe zu entwickeln. Zudem beherrscht es der Autor, dass sich die Spannung kontinuierlich und gleichmäßig aufbaut. Decken die ersten dreihundert Seiten noch einen Zeitraum von mehreren Monaten ab, so nehmen die restlichen Seiten nur zwei, drei Wochen der Handlung ein. Das Ende ist dann nur noch Hochspannung pur. Ich habe beim ersten Lesen es nicht geschafft aufzuhören. Mit der Müdigkeit am nächsten Tag musste ich dann halt Leben. Alles in allem kann ich diesen Roman jedem begeisterten Leser nur empfehlen. Die Morde sind mit Sicherheit nichts für zarte Gemüter, aber für die Handlung unabkömmlich. Über Kommentare eurerseits freue ich mich. Ich habe versucht, die Romanbeschreibung so gut zu machen, wie ich konnte. Aber dieses mal ist es mir aufgrund der Komplexität des Romans sehr schwer gefallen.
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08.09.2003 22:51
Ich mag explizit dargestellte Morde ;))
25.08.2003 21:45
Echt klasse geschrieben vom Autor und auch von dir. Finde das Buch auch sehr spannend. Und dein Bericht steht dem nichts nach. Respekt.
22.08.2003 11:11
ein geniales buch.. les mal noch "engel der finsterniss" vom selben autor.. das ist nicht weniger genial.. greets müsli