Was ist geblieben?
08.10.2007
Pro:
Autor, genial geschrieben, schön gegliedert, fundiert
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
 Lukrezia123
Über sich:
Auf zum goldenen Punkt! Gegen- und Genussleserin, gerne auch Leserunden.
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Wie der aufmerksame Leser meiner Berichte inzwischen gemerkt haben wird, gibt es Autoren, nach denen ich geradezu süchtig bin. Neben Umberto Eco steht hier an der Spitze der Mittelalterhistoriker Jacques Le Goff. Heute stelle ich euch ein weiteres Meisterwerk von ihm vor. ~~~~~~Daten~~~~~~Autor: Jacques Le Goff Titel: Die Geburt Europas im Mittelalter Originalausgabe: L´Europe est-elle née au Moyen Age? Verlag: C.H. Beck Erscheinungsjahr: 2004 ISBN: 3 406 51762 5 gebundenes Buch: ja Preis: 24,90 € Hinweis: Das Buch ist inzwischen auch im Taschenbuchformat erhältlich und kostet als solches nur 12,50 €. ~~~~~~Der Autor~~~~~~ Jacques Le Goff, geb. 1924, ist einer der angesehensten und meistgelesenen Historiker weltweit, der einen ganz eigenen, "kulinarischen" Stil der Geschichtswissenschaft geprägt hat. Er war Professor für mittelalterliche Geschichte, Direktor der Pariser "Ecole des Hautes Etudes en Sciences Socailes", Mitherausgeber der Zeitschrift "Annales" und ist an verschiedenen historischen Forschungs- und Editionsprojekten beteiligt. Jacques Le Goff wurde unter anderem mit der Goldmedaille des CNRS (1991), dem Historikerpreis der Stadt Münster (1993) und dem Hegel-Preis der Stadt Stuttgart (1994) ausgezeichnet. ~~~~~~Klappentext~~~~~~ Wurde Europa im Mittelalter geboren? Welche Eigenarten Europas gehen auf das Mittelalter zurück? Was berechtigt dazu, von einer kulturellen Einheit Europas zu sprechen? Diesen Fragen geht der international renommierte Historiker Jacques Le Goff in seinem brillanten Buch nach, in dem er souverän historische Erzählkunst mit einem geradezu archäologischen Scharfblick auf lange Kontinuitäten und kaum merkliche Umbrüche verbindet. Er beschreibt anschaulich die Geschichte des Kontinents vom Ende des römischen Reiches bis zum 16. Jahrhundert und zeigt, wie sehr sich das mittelalterliche Europa, aber auch damalige Visionen von Europa, vom heutigen Europa unterscheiden. Trotzdem, so das Fazit, wird auch in Zukunft das europäische Mittelalter die wichtigste Erbschaft sein, die ein geeintes Europa antreten kann. ~~~~~~Zum Buch: Inhalt und Meinung~~~~~~ Das Buch ist aus einem bestimmten Anlass erschienen: Europaweit haben sich große Verlage zusammengetan, die mit den Wissenschaftlern ihres Landes Bücher zu verschiedenen Themen rund um Europa erarbeiteten. Das Motto der Zusammenarbeit war "Europa bauen" und das Spektrum der behandelten Gebiete reicht von Geschichte über Linguistik bis hin zur Politologie. Da sich in Europa wohl nur wenige Mittelalterforscher mit Jacques Le Goff messen können, wurde er für die Untersuchung ausgewählt, was denn die markanten Eigenheiten des Mittelalters waren, die unser heutiges Europa geprägt haben.Deshalb ist das Werk auch nicht so angelegt, dass von 500 bis 1500 einfach nur Fakten runtergerattert werden, sondern es werden nur die Punkte ausführlich behandelt, deren Nachwirkung sich heute noch in Europa zeigt. Auch, wenn dies eine chronologische Vorgehensweise erschwert, gelingt es Le Goff trotzdem, das Buch in sechs zeitlich aufeinander folgende Kapitel einzuteilen. Selbstredend werden diese Grenzen gelegentlich überschritten, sonst könnte man bei der Komplexität des Stoffes niemals einen roten Faden zustande bringen und so werden die Themen jeweils in die Epoche gesteckt, in der sie besonders stark geprägt wurden. Die Tatsache, dass nur bestimmte Blöcke aus der mittelalterlichen Geschichte herausgegriffen werden, macht es für den Laien vielleicht etwas schwierig, der Argumentation immer folgen zu können, weil ihm schlichtweg das Faktenwissen fehlt. Trotzdem würde ich das Buch nicht als nur für Experten geeignet bezeichnen. Ich denke aber ohnehin, dass die Leserschaft mittelalterinteressiert sein wird und daher ist das meiner Meinung nach kein Problem. (Außerdem wurde jeder Mittelalterforscher mal ins kalte Wasser geworfen, da muss man sich halt einfach durchbeißen.)Le Goff ist durchwegs um eine verständliche Sprache bemüht und bringt Fachtermini nur dann, wenn es erforderlich ist. Es ist nicht schlecht, wenn man rudimentäre Kenntnisse in Latein oder Französisch hat, denn kurze Einschübe in diesen Sprachen werden meist nicht übersetzt. Besonders schön finde ich, dass der Autor es nie unterlässt, darauf hinzuweisen, dass genau im jeweiligen punctum temporis eine Änderung eingetreten ist. Er tut das, indem er schreibt: "Das war die Geburt des modernen Ackerbaus/der Stipendien/des "Ich" in der Literatur etc." Dadurch wird man stets daran erinnert, was das Buch eigentlich behandelt und wo der rote Faden ist. Dadurch, dass Le Goff schon zu so vielen Themen publiziert hat, hat er natürlich ein ungeheures Wissen und das lässt er zwischen den Zeilen durchscheinen und schweift immer wieder ab. Als Beispiel will ich hier das Fegefeuer nennen, auf das er wieder und wieder zu sprechen kommt, weil es ihm wichtig ist, den Leser auf dieses Phänomen aufmerksam zu machen.Man meint beim Lesen zu spüren, wie sehr Le Goff es genossen hat, dieses Buch zu schreiben. Er musste mit dem Werk keinen akademischen Grad erreichen oder die Fachwelt beeindrucken, sondern ihm wurde freie Bahn gelassen und das macht sich beim Lesen bemerkbar. Es wurden keine Fußnoten gesetzt, sondern Le Goff nennt im Fließtext die mittelalterlichen oder geschichtswissenschaftlichen Quellen, die er verwendet hat. Einem einigermaßen selbständigem Menschen, der sich ein wenig mit Bibliothekskatalogen auskennt, ist es daher möglich, das Geschriebene zu überprüfen oder sich zu einem bestimmten Thema weiter zu informieren. Am Ende des Buches befinden sich noch zwei Karten und eine ausführliche Zeittafel, die eventuell fehlendes Faktenwissen beim Leser ausgleichen kann. Außerdem befinden sich im Anhang ein thematisch geordnetes Literaturverzeichnis, das sich vor allem durch seine Aktualität auszeichnet. ~~~~~~Leseprobe~~~~~~ "Ich möchte die hochmittelalterliche Periode, in der sich die Menschen des großen Aufschwungs und des Wandels aller Werte bewusst wurden und sich das Wertsystem grundlegend wandelte, als die Zeit des Abstiegs der Werte vom Himmel auf die Erde definieren. Denn die lateinische Christenheit hat im Umgang mit der Herausforderung, die der große Aufschwung für die traditionellen Werte des frühen Mittelalters bedeutete, unter verschiedenen kulturellen Lösungsmöglichkeiten die Bekehrung zur irdischen Welt gewählt - eine Umkehr innerhalb der Grenzen des christlichen Glaubens und ohne die Lehre von der Verachtung der Welt, contemptus mundi, die noch lange bestehen sollte, vollständig zu eliminieren. Der Umbruch der Werte kündigte sich dadurch an, dass sich die Neuerungen nur unter dem Deckmantel des Respekts vor den antiken, heidnischen oder christlichen Traditionen hatten entwickeln können." ~~~~~~Fazit~~~~~~ Wie ihr gemerkt haben müsst, bin ich von dem Buch mehr als begeistert. Natürlich ist es nicht eines von den Werken, die damit werben, dass man die wichtigsten Fakten über das Mittelalter kennt, wenn man damit durch ist. Vielmehr zeigt es auf, wo Knicke in der gesellschaftlichen, religiösen und politischen Ordnung stattfanden und wo durch die Jahrhunderte hindurch Kontinuität herrschte - und gerade das ist doch am spannendsten an der Geschichtswissenschaft.Le Goff tut das auf seine gewohnt charmante Art und Weise und somit wird das Lesen zu einem regelrechtem Genuss. Ich vergebe die volle Sternzahl!
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25.11.2012 10:36
BH - für ein geniales buch und einen super bericht... musste gerade intuitiv an fuhrmanns einladung ins mittelalter denken, auch wenn die beiden bücher thematisch etwas weiter auseinanderliegen... das sind einfach klassiker, die sich auf akademischen wie bellestristischen terrain bewegen können! lg manu
14.10.2012 18:29
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich an Geschichte nicht allzu sehr interessiert bin, aber das hört sich doch ganz interessant an. LG Kerry
25.04.2009 14:20
Aber bestand die Gemeinsamkeit in Europa neben (eingeschränktermaßen) der Religion nicht hauptsächlich in Kriegen?