Dieser Erfahrungsbericht wurde von 76 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich war letztes Wochenende mit Schnucki im Kino, in einem Film, in den ich glaubte gehen zu MÜSSEN, da alles, was ich von ihm hörte oder las einfach fantastisch gut klang. "Die Haut, in der ich wohne" von 2011 ist letzte Woche erst angelaufen und wird wie folgt verkauft und beworben: "Grotesker und faszinierender Thriller mit Horrorelementen von Pedro Almodóvar, in dem ein verrückter Wissenschaftler die perfekte Frau erschaffen will."
Ach ja. Ich liebe gut erzählte Geschichten. Eigenwillige, fantastische, gerne unheimliche Ausflüge in das Reich zwischen Schein und Sein. Ich mag das Aufdecken der Konstruiertheit und Willkür dessen, was wir als unsere Realität definieren - und ich mag Grenzüberschreitungen. Angeblich sollte der Film all dies bieten... und irgendwie tut er das sogar auch, aber es geschieht auf eine dermaßen misslungene, umstimmige, unberührende Weise, dass ich wirklich enttäuscht worden bin.
Und mit wie vielen Lorbeeren hat man Herrn Almodovars neuestes Werk bereits bedacht, ihn sogar mit dem einzigartigen Luis Bunuel verglichen...! Schon blöd, meine unvermeidliche Erwartungshaltung wurde in nahezu jeder Hinsicht ad absurdum geführt. Mehr noch: Ich würde mir den Film nicht noch einmal ansehen! Meine wesentlichen Kritikpunkte möchte ich nach einer obligatorischen, aber kurzen thematischen Orientierung - nur um dem geneigten Leser den Gegenstand der Handlung klarzumachen - hier zusammenfassen:
Um was es geht:
Da wäre also eine schöne junge Frau, gehalten wie eine Gefangene in der Villa eines Arztes, der - offenbar Tag und Nacht - an der Forschung und Entwicklung künstlicher Haut arbeitet. Rückwärts bzw. mit vielen zeitlichen Sprüngen - die störenderweise auch immer schriftlich im Bild eingeblendet werden - erfährt man häppchenweise die Vergangenheit des Docs, dass dessen schöne Frau nach einem entstellenden Unfall Selbstmord beging, dass er Jahre danach auch seine Tochter verloren hat und nun mit dieser "Patientin", die permanent beobachtet wird und an der er hauttechnisch herumbastelt und experimentiert, und einer Haushälterin alleine lebt. Alle Zusammenhänge erfährt man - wenn man solange durchgehalten hat - erst am Schluss und der soll ja wohl was ganz Dolles sein.
Jetzt kommen wir zu meiner Kritik:
Keine imaginierbare Geschichte, sondern eine konstruierte Kopfgeburt!
Die Story ist für meinen Geschmack tatsächlich ziemlich blöd. Wollte man hier eine moderne Schauergeschichte oder auch nur einen Thriller erzählen, so wurden nahezu sämtliche
Bilder von Die Haut, in der ich wohne (2011)
Die Haut, in der ich wohne (2011)
spannungserzeugenden und die Imagination anregenden Möglichkeiten verschenkt. Wollte man einen Film "zum Nachdenken" über die heutigen - teils sehr bedenklichen - Möglichkeiten wissenschaftlicher Forschung und Entwicklung zeigen, so hat man das Thema in aller Inkonsequenz verbraten. Wollte man gar zeigen, wie sehr der "Akteur" Mann immer noch das "Objekt" Frau "macht" - und die männliche Anmaßung und Selbstüberschätzung aufdecken? Selbst das - und am ehesten hat sich bei mir letzterer Eindruck verstärkt - selbst das verpufft. Es verpufft, weil die Geschichte - ja, welche Geschichte eigentlich? - nicht rund ist, weil sie einen nicht mitnimmt, weil es unsinnige und nur mäßig unterhaltsame Nebenhandlungen gibt (Die Sache mit dem Tiger ist sowas gewollt und nicht gekonnt, dass ich fast lachen musste!) und weil man sich nahezu nichts vorstellen kann. Da sieht man tolle Bilder, aber das Kopfkino bleibt dunkel, allenfalls formte sich bei mir nach gut einer halben Stunde erstmals ein Fragezeichen in meinem Kopf. Und wenige Minuten später stand die ausgesprochene Frage auf meinen Lippen. "Ist jetzt der Film doof - oder ich?" Überhaupt - dass man sich öfter fragen musste "Was soll das jetzt?" trug nicht wirklich zur einer stärkeren persönlichen Involvierung bei. Vielleicht auch weil einem die Antwort reichlich schnuppe war. Nach dem Ende, denn wir haben tatsächlich bis zum Schluss durchgehalten, war das (Ist der Film dumm oder ich?) jedenfalls keine Frage mehr. Ich kann mir zwar vorstellen, dass manche Leute das Ende ganz außergewöhnlich (es ist schon irgendwie sensationsheischend...) finden, aber gelungen ist es meiner Ansicht nach gar nicht. Wahrscheinlich, weil es mir - mit einem halbherzigen "Ach, der arme Vicente!" - doch sehr am Allerwertesten vorbei ging. Und das mag nicht zuletzt an Folgendem liegen:
Keine runden Charaktere, sondern das Verbraten von Klassikern und Geschlechterrollen-Klischees alive!
Zu den Frauen im Film kann und muss man nicht viel sagen. Sie sind allesamt fremdbestimmte, genormte Objekte und verhalten sich auch so. Sie werden vom Mann dominiert, genommen, weggetan, geformt, genormt - als eigenständig denkende, fühlende, menschliche Wesen haben sie keinerlei Geltung. Was das dem Zuschauer wohl sagen soll? Ich bin nun keine ausgesprochene Emanze, aber die Perspektive auf das weibliche Geschlecht, die der Film vermittelt, ist auf kranke Weise "männlich".
Die Männer selbst sind ebenso stereotyp wie die Frauen, sie spielen auch höchst klischeehaft - aber eben den aktiven Part. Dumm und geil oder machtgeil oder beides... auch sie können einem eigentlich leid tun. Bleibt die Hauptfigur, der Doktor. Ist er einen näheren Blick wert? Ist etwa - anknüpfend an Klassiker der Schauerliteratur gar der "mad scientist" wieder da?
Wir kennen sie alle: Dr. Frankenstein, Dr. Jekyll und andere verrückte Wissenschaftler, die - nicht zuletzt getrieben von grenzenlosem wissenschaftlichen Eifer, aber auch ihren sehr eigenen Vorstellungen von "Moral" nur Gutes erreichen wollten und dabei das Unmenschliche und "Böse" in die Welt gesetzt haben. Wobei die von ihnen künstlich geschaffenen "Wesen" zugleich hilflose und bedauernswerte Kreaturen bzw. ohne menschliches Bewusstsein sind, die von ihren Schöpfern in ein völlig unnatürliches Leben hineingezwungen werden. Aber irgendwann müssen ihre Schöpfer den Konsequenzen ihres Handelns ins Auge sehen... und das tut dann mehr als weh.
Der Film nimmt unverkennbar Anleihen bei diesen Klassikern. Aber: Wirkt die wissenschaftliche Ungeheuerlichkeit hier ähnlich schockierend? Und steht nun auch Schnucki Antonio Banderas in der Tradition dieser Größen? Ich sag's euch: Der Schauspieler ist gut gealtert, das muss man ihm lassen. In diesem Film aber wirkt er in etwa so sexy wie eine männliche Schaufensterpuppe im Designeranzug. Unterkühlt... so soll er wohl rüberkommen. Mich hat er fast nur gelangweilt. Was fehlt? Nun - seine wahren Motive. Und es fehlt das menschlich Nachvollziehbare, das Begreiflichbare seines Handelns, das nicht nur die eigene Person, sondern die ganze Menschheit betrifft. Denn so finden wir es in den Klassikern:
Dr. Frankenstein will primär verhindern, dass Menschen sterben müssen, wollte den Schmerz des Verlustes und Loslassens geliebter Menschen nicht ertragen müssen - sein Antrieb ist folglich ebenso anmaßend wie auch - emotional gesehen - verständlich. In ebenfalls grandioser Selbstüberschätzung will sich Dr. Jekyll nicht mit der Dualität von Gut und Böse in der menschlichen Seele - in seiner eigenen Natur - abfinden. Im Versuch ein "nur guter", reiner, moralisch einwandfreier Mensch zu sein, stebt er danach, den "bösen Anteil" in sich künstlich abzuspalten - aber damit lässt er das Böse in Reinform (in Gestalt des Mr. Hyde) erst in die Welt.
Und was macht nun Dr. Ledgard in "Die Haut, in der ich wohne"? Was will er - und warum? Was treibt ihn an- und um? Geht es ihm um irgendetwas anderes als seine persönlichen Obsessionen, die er offensichtlich nicht mal selbst begreift? Völlig wurstig. Wir erfahren rein gar NICHTS über seine Gefühle, über seine Gedanken, über (um Himmels willen!) vielleicht Ansätze zur Erkenntnis. Der Mann wirkt unfassbar substanzlos, wie eine Hülle. Er macht halt einfach und sieht dann, wohin es führt - oder so. Bzw. er macht, was er kann, weil er es kann, aber weil er nicht weiß, was er will, macht er das, was er muss - aber wofür? Um... mit Verlaub - irgendetwas Fickbares zu haben, das so aussieht, wie er will?
Ihr merkt schon, ich bin nicht wirklich schlau draus geworden. Aber beschwert euch bitte nicht bei mir über all das Halbgare, das dieser Film verbrät! :-)
Tolle Bilder, die einen so viel empfinden lassen wie künstliche Haut...
Sicher, die Kameraarbeit ist mehr als solide, die eingefangenen Bilder wirken - zumindest am Anfang - durchaus intensiv und suggestiv. Man guckt - gerne - hin. Die Frau ist ja sooo schön, die Symbolkraft mancher Bildmontagen ist durchaus stark, wenn auch hier zuweilen etwas dick aufgetragen wird, was den Effekt wiederum plättet. Irgendwann aber ließ ich mich viel lieber von meinem Begleiter ablenken, als dass ich Lust hatte, den Bildern zu folgen. Sie ließen mich zunehmend kalt, sodass ich mich (wo)anders aufwärmen ließ... :-) Im Ernst: Wenn das Kunst ist, ist es mir zu künstlich - dann hab ich damit einfach nichts am Hut.
Die akustische Dimension ist nicht besonders aufregend, die musikalische, soundtechnische Untermalung allerdings meist passend. Dialoge? Sofern vorhanden (leider sind mir keine denkenswerten verbalen Aussagen erinnerlich) erschienen mir diese ebenso phrasig und inhaltsleer wie vieles andere an dem Streifen. Weil ich gerne nach Hause wollte, hab ich viel zu oft auf die Uhr geschaut - gerade in der letzten halben Stunde. Daher weiß ich noch gut, wie lange der Film dauerte: über 2 Stunden! Zu lange! Künstlich ist eben nicht nur die im Film gezeigt Haut, künstlich und steril wie im OP empfand ich das "Erleben" dieser dünnen Handlung, die mich auch hinsichtlich ihrer handwerklichen Entfaltung (den zusammenmontierten verschiedenen Zeitebenen) wirklich nicht beeindrucken konnte.
Fazit:
Es ist mir gleich, wie viele lobende Kritiken es schon und noch gibt. Ich finde den Film nicht sehenswert und kann die Lobeshymnen in keiner Weise nachvollziehen. Von all den Zuschreibungen, die er erhalten hat, übernehme ich allenfalls die Bezeichnung "grotesk". Der Film erzählt keine echte Geschichte, die Figuren sind stereotyp und platt. Ich habe selten so viele Geschlechterrollenklischees am Stück gesehen! Die Story ist hahnebüchen und überkonstruiert - ohne Herz und ohne Seele. Wer darin "Kunst" entdeckt, hinterfragt meiner Meinung nach nicht, sondern plappert eben nach, was der Film vielleicht gerne sein will, aber nicht ist: einer mit Tiefgang. Mir ging er kein Stück weit unter die Haut, in der ICH wohne!
Kann dir hundertprozentig zustimmen. Ich habe viel erwartet und außer chicen Bildern nichts bekommen, ich fand den Film sooooo langweilig, kann die tollen Kritiken dazu nicht nachvollziehen. Naja, gottdeidank nur die DVD geliehen..
BH-Wartebank, LG Billy
11.07.2012 11:02
Ich guck mir den vermutlich heute an... und bin mal arg gespannt ob ich mich deiner oder doch eher den lobenden Meinugnen anschließe :)
15.04.2012 07:56
Hier ist die versprochene Umbewertung! VLG Billy
13.04.2012 17:33
Kann dir hundertprozentig zustimmen. Ich habe viel erwartet und außer chicen Bildern nichts bekommen, ich fand den Film sooooo langweilig, kann die tollen Kritiken dazu nicht nachvollziehen. Naja, gottdeidank nur die DVD geliehen.. BH-Wartebank, LG Billy