Brot und Spiele

4  24.12.2007

Pro:
ein etwas anderes Format unter den immergleichen Kochshows  |  recht unterhaltsam  |  Moderation und Jury gut besetzt

Kontra:
tendenziell zu lang  |  sehr abhängig von der Tagesform des Kochprofis  |  Gefahr der schnellen Abnutzung

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Unterhaltungswert

Moderation:

mehr


Milsch

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:192

Diesen Bericht teilen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 127 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Bereits 1854 formulierte Hermann Heinrich Gossen sein berühmtes Gesetz, welches als Erklärung für Konsumverhalten als "Gesetz des abnehmenden Grenznutzens" bis heute aktuell ist. Verkürzt gesagt, argumentiert Gossen, dass der zusätzliche Nutzen - der Grenznutzen - eines konsumierten Gutes mit jeder zusätzlich konsumierten Einheit abnehme und schließlich gar negativ werde, was bedeute, dass irgendwann sogar der Gesamtnutzen sinkt.

Was sich zunächst höchst theoretisch und akademisch anhört, veranschaulichte uns seinerzeit ein gutgelaunter Professor gerne mittels des Beispiels Bierkonsum: schmeckt das erste Bier noch am leckersten und zeitigt die größte Wirkung, wird das weitere Trinken immer weniger befriedigend, und auch die Zunahme der Trunkenheit verlangsamt sich. Lässt man sich schließlich alles nochmal durch den Kopf gehen - entledigt sich also überschüssiger Trinkmenge auf schnellstem, nämlich oralem Wege - nun, dann ist eindeutig der negative Grenznutzen erreicht.

Was all das mit einer Kochsendung zu tun hat? Sehr einfach, denn im medialen Bereich gilt das Konsumgesetz auch. Erfolgreiche Sendeformate ziehen üblicherweise eine Fülle von Imitaten und Abklatschen mit sich, von denen sich wenige durchsetzen und immer mehr durchfallen, bis die Zuschauer endlich den Schlund voll haben und noch weitere Versuche der Sender, auf den fahrenden Zug aufzuhopsen, mit gnadenlosem Abschalten quittieren. Ein gängiges und erprobtes Muster des TV-Programms: bereits durchlaufen bei Talkshows und Quizsendungen, derzeit wohl in der Endphase bei Castingshows und bereits absehbar bei Kochsendungen. Und das bringt uns zur Koch-Arena.

Die Koch-Arena: Omelette Surprise für VOX?

Während nämlich Kochshows bereits die degenerierende Phase entern - erkennbar etwa am Quotenrutsch einstiger Flagschiffe wie Mälzers "Born to cook" oder dem "perfekten Dinner" - wagt VOX den großen Wurf und räumt der fröhlichen Brutzelei ein rund dreistündiges (!) Plätzchen am Herd ein. Die Koch-Arena startet mit vier Folgen jeweils donnerstags zur Prime Time und wird zur echten Quotenüberraschung: Zuschauerzahlen von durchschnittlich 2,7 Millionen (in der Spitze über 3 Millionen bei der Sendung
Bilder von Die Koch-Arena (Vox)
  • Die Koch-Arena (Vox) Bild 142495019 tb
  • Die Koch-Arena (Vox) Bild 142495020 tb
  • Die Koch-Arena (Vox) Bild 142495021 tb
Die Koch-Arena (Vox) Bild 142495019 tb
König und Wasser: von der Rennstrecke an die Fritteuse
mit Tim Mälzer) und Marktanteile von 12-13% in der sogenannten Zielgruppe der 14-49jährigen liegen deutlich über dem Senderschnitt und wohl auch über realistischen Erwartungen.

VOX legt zügig nach und bugsiert ab dem 23.12.2007 die zweite Tranche des preiswert produzierten Küchenhits auf den noch günstiger erscheinenden Sonntag - und floppt erstmal. Schwächelnde Zuschauerresonanz (1,8 Millionen) und mäßiger Marktanteil (7,9%), obwohl man Crew und Konzept unverändert belassen hatte. Stellt sich also die Frage: lag es nur am schlecht kommunizierten und schwach beworbenem, neuen Sendeplatz? Oder geht die Arena bereits früh im Apfelstrudel eines abflauenden Kochbooms unter?
Das Regelwerk ist schlichte Hausmannskost

Wie kann man denn, um Himmels Willen, eine Kochsendung auf etwa drei Stunden strecken? Folgendes läuft ab: fünf Kandidaten (allesamt Sieger des "perfekten Dinners") stehen im Studio für einen Dampfgar-Battle mit einem prominenten Kochprofi bereit. Zubereitet wird ein Fünf-Gänge-Menü, der Gegner des Profikochs wird per Zufallsgenerator ausgewählt. Beide müssen dann parallel in einer vorgegebenen Zeit das gleiche Rezept verwursten, welches anschließend einer Jury zur Verkostung und Bewertung auf einer Punkteskala von 1 bis 10 serviert wird.

Gewinnt der Kandidat den jeweiligen Gang - hierzu genügt im Juryurteil ein Unentschieden - bekommt er 3.000 Euro und darf im folgenden Durchgang erneut antreten, bei einer Niederlage wird ein neuer Kandidat zugelost. Für den Profi gibt es pro gewonnener Runde eine Pulle Schampus, was ein wenig an die Prominentenrunde im ollen Beruferaten mit Robert "Welches-Schweinderl-hättens-denn-gern" Lembke erinnert. Schafft es ein Kandidat, mehrere Gänge hintereinander zu bestehen, so erhöht sich sein Gewinn pro Runde um jeweils weitere 3.000 Euro (auf 6.000, 9.000 und maximal 12.000 Euro). Beim abschließenden Dessert gibt es kein Bargeld, sondern eine zweiwöchige Kreuzfahrt im Gegenwert von 10.000 Euro zu gewinnen.

Um die Spannung zu erhöhen, kennen die Amateurköche alle Rezepte bereits vor der Sendung und können diese auch vorab daheim ausprobieren, während der Profi erst zu Beginn des jeweiligen Ganges mit der Aufgabe konfrontiert wird.

Die Inszenierung: gut dekoriert und appetitlich angerichtet

Ein Problem des Regelwerks ist offensichtlich: im Prinzip handelt es sich um einen fünfmal identischen Ablauf, lediglich mit wechselnden Kandidaten. So wurde denn auch von Beginn an Kritik laut, die Koch-Arena sei zu lang geraten. Immerhin hat man sich bei der Dramaturgie des Ganzen erkennbar Mühe gegeben, das Geschehen abwechslungsreich herzurichten.

Schon die Wahl der Moderatoren ist ein gelungener Schachzug: Florian König und Heiko Wasser, die gestandenen Formel 1-Reporter, führen uns durch die Schlacht der Töpfe und Pfannen. Die Sendung ist ja mitunter einem Autorennen nicht unähnlich, denn dort geht es auch bisweilen ereignisarm und monoton zu, wenn die Kontrahenten ihre immergleichen Runden drehen. Da müssen Fernsehmoderatoren dann fehlende Spannung, etwa absehbare Start-Ziel-Siege, entsprechend auffangen und ausgleichen. Und das machen die beiden durchaus gekonnt: Heiko Wasser ist in seinem Moderatorencockpit nicht nur mit einem sportlichen Headset, sondern auch mit allerlei Hintergrundinfos und Anekdötchen präpariert, die er bei Bedarf in den Ring schmeißt. Florian König hingegen wuselt im Mittelpunkt des Geschehens herum, rauscht dabei penetrant zwischen den Küchenblöcken hin und her und hält die Kochenden am Köcheln - will sagen: kamerawirksam im Gespräch.

Der geruhsame, ausgleichende Kontrapunkt hierzu ist dann nach jedem Duell die Abfütterung der Jury. Hier wird sich gerne ausreichend Zeit zum Probieren, Sezieren und Parlieren gelassen, und das ist auch gut so. Bei der Besetzung der Juroren ist dem Sender ein sehr schönes Zusammenspiel zwischen Gourmet und Gourmand gelungen: auf der einen Seite Heinz Horrmann - Gentleman, Restaurantkritiker, Buchautor und anerkannter Experte - auf der anderen Seite Reiner "Calli" Calmund, der aus seiner Leidenschaft für gute und reichhaltige Nahrung erkennbar keinen Hehl macht und für die jovialen Farbtupfer im Juryurteil zuständig ist.

Während Horrmann sein Essen kunstvoll zerlegt, abwechselnd mit spitzer Zunge von beiden Gerichten kostet und sich anschließend in gewählten Worten über Aromen, Harmonien und Konsistenzen entäußert, hat Calmund meist schon beide Teller geleert und sein bodenständiges Urteil rasch gefällt: "Mir haddet jeschmääckt, et wa wundebar!" Ein wenig farblos und überflüssig, aber immerhin durchaus kompetent im Urteil hockt zwischen diesen beiden Extremen Katja Burghardt, Chefredakteurin der Zeitschrift "Essen & Trinken".

Und am Ende: Schnauze voll oder noch Nachschlag?

Ob sich die Koch-Arena unter den gefühlten 768 anderen Kochsendungen des deutschen Flachfernsehens behaupten kann, wird sich noch zeigen müssen. Ein Kochbattle Profi gegen Amateur ist erstmal keine neue Idee, die Ausdehnung auf ein Fünf-Gänge-Menü dagegen schon. Dieser gewagte Griff dürfte für die anfänglichen Quotenerfolge gesorgt haben, denn es ist schon mal reizvoll, einem Profikoch einen ganzen Abend und beim Durchkochen eines kompletten Menüs über die Schulter zu sehen. Allerdings: ständig möchte man sich das in epischer Breite ja auch nicht geben. Meiner Ansicht nach müsste daher nach 3-4 Folgen immer eine längere Pause eingeschoben werden, da sich das Format ansonsten abnutzt.

Sehr gelungen empfinde ich die personelle Ausstattung der Koch-Arena, also das Moderatoren-Paar und vor allem die Jury. Auch hier gilt es aber zu beachten, dass sich das beschriebene Kontrastprogramm "Gourmet-Gourmand" nebst sich wiederholender Witzchen schnell verschleißen kann. Analog der bekannten Castingshows sollte man deshalb ein Jurymitglied konstant und die beiden anderen austauschbar halten.

Eins muss noch erwähnt werden: die Koch-Arena steht und fällt mit den Entertainment-Qualitäten und Sympathiewerten des jeweils eingeladenen Profikochs. Fällt er als Mittelpunkt der Inszenierung beim Publikum durch, wird ganz schnell aus- oder umgeschaltet. Mit Leuten wie Mälzer, Kollberg oder Henssler hat VOX da bisher das richtige Händchen bewiesen, die kameraerprobten Fernsehköche gehen auch erstmal nicht so schnell aus. Es wäre anzuraten, auf bewährte Namen ruhig wiederholt zuzugreifen und die Kollegen mehrmals einzuladen.

Fazit: das Format lebt momentan von einer gewissen Einzigartigkeit unter den Kochshows, kommt aber schon jetzt ein wenig zäh daher und birgt im "Dauerbetrieb" noch einige Unwägbarkeiten. VOX sollte mit seinem Überraschungstreffer sorgsam und bedacht umgehen, dann bleibt für den Sender zu hoffen, dass sich beim Zuschauer nicht zu rasch der Gossensche Würgereflex einstellt...


Fotos © VOX 2007.
Diesen Bericht teilen auf Google+
Sponsoren-Links
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Oberlisbler

Oberlisbler

11.08.2010 10:20

Ein toller Bericht! Schade das man von Dir nichts mehr liest! LG Günter :-)

jos007

jos007

20.12.2009 01:28

Gelegentlich mal ganz interessant gewesen, zu sehen

Quasseltante

Quasseltante

29.05.2009 06:49

BH& LG

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Mehr über dieses Produkt lesen
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 1379 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (20%):
  1. jos007
  2. Quasseltante
  3. k_jacobi
und weiteren 23 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (80%):
  1. Oberlisbler
  2. Futzi100
  3. sanne81
und weiteren 98 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Verwandte Tags für Die Koch-Arena (Vox)