Die Legende von Barney Thomson (2016)

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Die Legende von Barney Thomson (2016)

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Erfahrungsbericht über "Die Legende von Barney Thomson (2016)"

veröffentlicht 19.05.2017 | drewniok-pb
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Offenbar gehöre ich zu denen, die mit dem sinkenden "Ciao"-Schiff untergehen wollen ... Manchmal kann ich noch einen Neuvorschlag durchbringen, dann gibt's einen Bericht.
Sehr gut
Pro Spannend, schräg, gefuhlvoll aber nicht -duselig: Macht Spaß!
Kontra Für die Brou-har-har-Fraktion möglicherweise nicht plumpwitzig genug.
besonders hilfreich
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:

"Mord(s)pech und Mutters Liebe zu scharfen Messern"

Cover der DVD von 2016

Cover der DVD von 2016

Kurzinfo für Ungeduldige

Friseur Barney ersticht versehentlich seinen Chef, will dies vertuschen, ist aber so ungeschickt, dass er als Massenmörder verdächtigt und von einem misstrauischen Polizeibeamten bedrängt wird … - Was Pechvogel Barney auch versucht, es bringt ihn unweigerlich tiefer in Schwierigkeiten, die der Zuschauer vergnügt verfolgt, zumal Regisseur und Hauptdarsteller Robert Carlyles Film nicht nur inhaltlich, sondern auch formal überzeugt: Ist Glasgow tatsächlich so hässlich?

Das geschieht:

Seit zwanzig Jahren schneidet Barney Thomson Haare in einem altmodischen ‚Salon‘, der wie seine Wohnung dort in Glasgow liegt, wo die schottische Großstadt besonders verwahrlost ist. Barneys Leben ist ereignislos und einsam; zu seinen wenigen Freunden zählt der skurrile Chris, und die einzige Frau in seinem Leben ist Mutter Cemolina, die ihn nach Kräften ausnutzt und niedermacht. Als ihn Chef Wullie eines Tages feuert, ist Barney verzweifelt. Er bettelt buchstäblich um seinen Job, doch dabei endet Wullie mit seiner Schere in der Brust. Barney fürchtet die Polizei und beschließt, die Leiche heimlich zu entsorgen. Da er in dieser Hinsicht jedoch denkbar unbegabt ist, wissen Kumpel Chris und Cemolina bald von seiner Tat.

Während Chris Barney zu erpressen versucht, greift Cemolina zum Messer und zerteilt Wullie in handliche Stücke, die sie in ihrer Kühltruhe aufbewahrt. Derweil hat die Polizei die Suche nach dem verschwundenen Salonchef aufgenommen. Detective Inspector Holdall, ein ebenso fieser wie fähiger Ermittler, nimmt Barney, der als Lügner ebenso unfähig wie als Mörder ist, ins Visier.

Es dauert nicht lange, bis Barney sich verplappert. Das führt zu einem weiteren Mord im Frisörsalon. Barney denkt sich einen ‚Plan‘ aus, der selbstverständlich in sämtlichen Details missglückt. Für Holdall wird er zum Hauptverdächtigen in einer Mordserie, die der Polizei von Glasgow zu schaffen macht: Männer verschwinden, wenig später erhalten die Familien abgetrennte Körperteile ihrer Lieben. Die Medien sind begeistern, Politik und Öffentlichkeit fordern Aufklärung.

In dieser Krise muss der bisher so lethargische Barney sich sputen. Was immer er auch versucht, um die Aufmerksamkeit von sich abzulenken, scheitert fatal. Die Entdeckung, dass er tatsächlich irgendwie in die genannte Mordserie verwickelt ist, ist nur ein Punkt in einer Kette grotesker und mörderischer Ereignisse …
Die Tücke des Objekts

Mit Wünschen sollte man vorsichtig sein. In der „Legende von Barney Thomson“ gibt es eine Szene, in der dieser Kumpel Chris sein Leid klagt: Nie sei die Chance gekommen, sein Leben in die Hand zu nehmen, das er jetzt nutzlos und langweilig friste. Dass Barney unzufrieden ist, belegen auch seine Zornausbrüche, mit denen er im Friseursalon den Kunden begegnet, die sich von ihm, dem mürrischen, wortkargen Kerl, nicht mehr die Haare schneiden lassen wollen.

Als dann das Schicksal beschließt, ihm tatsächlich einen Neustart zu gewähren, ist Barney keineswegs glücklich darüber, denn typisch für ihn klafft zwischen Wunsch und Erfüllung eine beachtliche Kluft. Startschuss dieser Entwicklung ist darüber hinaus ein Unfall, den die Polizei garantiert als Mord deuten würde; nicht nur Barney, sondern auch die Zuschauer sind sich in dieser Hinsicht totsicher: Barney ist ein Pechvogel, der zudem nach Kräften bemüht ist, sich immer tiefer in die Bredouille zu reiten.

„Die Legende …“ - der Titel ist natürlich ironisch gemeint - erzählt von der komischen Tragödie eines unwichtigen Mannes. Das Kino liebt solche Geschichten, die deshalb immer wieder erzählt werden. Hier ist es Robert Carlyle, ein Veteran des modernen britischen Kinos, der in seiner ersten Regiearbeit - zuvor inszenierte er nur eine Episode der TV-Serie „Stargate“ - auf einen Stoff des Schriftstellers Douglas Lindsay zurückgriff. Dieser startete 1999 mit „The Long Midnight of Barney Thomson“ (dt. „Furcht und Schrecken im Frisörsalon“) eine ganze Serie von Romanen, in denen Barney Thomson zum unfreiwilligen aber erfolgreichen Serienkiller avanciert.

Leben als Bürde, Tod als Last

Auf diesem stabilen Fundament errichtet Carlyle ein kleines aber feines Filmwerk. „Die Legende …“ ist spannend, witzig, traurig und seltsam: britisches Kino in seiner reinen Form also. Die wahnwitzige Handlung wird keineswegs ‚komisch‘ auf die Spitze getrieben, was vor allem in der US-Blockbuster-Hölle mit möglichst lautstark zu präsentierendem Plump- bzw. Flachwitz gleichgesetzt wird. Tatsächlich stellt uns Carlyle einen eigentlich traurigen, anscheinend überflüssigen Menschen vor, der ins gesellschaftliche Aus gedrängt wird.

Als er dagegen aufbegehrt, wird es zumindest für Zuschauer mit Sinn für schwarzen Humor unterhaltsam. Barneys erster ‚Mord‘ ist eigentlich ein Unfall. Zum Verbrechen macht ihn erst die Panik. Barney hat Angst vor den Folgen seiner Tat, die ihn in den Mittelpunkt polizeilicher Ermittlungen und medialer Nachforschungen rücken würde. Er traut dem Gesetz nicht zu, die Wahrheit zu erkennen. Stattdessen wird Barney aktiv - zum ersten Mal in seinem Leben. Dass er sich dabei zunehmend kapitalkrimineller benimmt, ist eine Ironie, der sich Carlyle ausgiebig widmet.

Bis es soweit ist, muss Barney viel einstecken. „Die Legende …“ kennt wie jede gute Komödie auch tragische Momente. Hier steht vor allem die große Konfrontation mit Mutter Cemolina im Vordergrund. Hatte man bisher - wie Barney - gedacht, man habe alle ihre hässlichen Geheimnisse erfahren, wird man nun eines Schlechteren belehrt: Cemolina ist ein Ungeheuer, die ihren Sohn noch im Angesicht des Todes grausam verhöhnt.
Alltag als Mühlstein

Bridgeton, ein Stadtteil im Norden von Glasgow, wird dank Robert Carlyle als Hölle auf Erden in Erinnerung bleiben. Kameramann Fabian Wagner, der auch sonst Großes leistet, hat gruselige Schauplätze meisterhaft in Szene gesetzt. Man könnte annehmen, die Zeit sei stehengeblieben, nachdem Maggie Thatcher die britische Insel in einen Selbstbedienungsladen für skrupellose Kapitalisten verwandelt hat. Eine bröckelnde Hunderennbahn, eine marode Veranstaltungshalle, grausig verkommene Straßenzüge, wie ausgebrannt wirkende Einheits-Hochhäuser - Wagner schwelgt im Verfall und achtet generell darauf, strahlendes Licht und satte Farben zu verbannen. Barney Thomsons Welt ist matt und stumpf.

Er nennt den Friseursalon sein eigentliches Heim, was einer Bankrotterklärung gleichzusetzen ist, da auch dieser Laden eher ein Loch ist. Barney ist ein schlechter und unbeliebter Haareschneider, da er es hasst sich zu unterhalten - in diesem Metier ein Todesurteil. Außerhalb des ‚Salons‘ ergeht es ihm noch schlimmer, denn dort wartet Mutter Cemolina auf ihn. Sie ist unendlich erfindungsreich, wenn sie ihn um Geld angeht, sich von ihm bedienen lässt oder ihn einfach demütigt.

Es ist eine Gabe, die gesammelte Trostlosigkeit einerseits zu vermitteln und andererseits humorvoll zu nutzen. Carlyle vermag auf diesem schmalen Grat zu wandeln. Als Hauptdarsteller ist er fabelhaft, und er kann sich auf ein Team verlassen, das ihn vor und hinter der Kamera unterstützt. Jede Rolle ist quasi perfekt besetzt, wobei Emma Thompson alle überragt. Sie ist realiter nur zwei Jahre älter als Carlyle und doch völlig überzeugend als seine Mutter. Ohnehin als wandlungsfähige Schauspielerin bekannt und ohne Furcht vor Rollen, die Attraktivität ausdrücklich ausschließen, gibt Thompson Vollgas als Cemolina, die stets für eine (böse) Überraschung gut ist.

Mit den Wölfen heulen

Auch sonst konnte Carlyle Darsteller engagieren, die in vielen guten Filmen des modernen britischen Kinos prägend aufgetreten sind. Ray Winstone ist ausgezeichnet als bulliger, vorurteilsstarker, chauvinistischer aber fähiger Polizist, der dem armen Barney nicht grundlos eine Todesangst einjagt. James Cosmo glänzt als alter Boxer, der seinen Friseursalon wie einen Boxring führt, Tom Courtenay ist erstaunlich als verklemmter, führungsuntauglicher Chief Superintendent, und Martin Compston bleibt als Charlie in Erinnerung, der ständig ein Rüschenhemd trägt und von dem man nie weiß, womit er eigentlich seinen Lebensunterhalt verdient. In kleinen Rollen treten weitere ‚Typen‘ auf, die aufgrund ihrer dem Zuschauer nicht aufgedrängten Marotten in angenehmer Erinnerung bleiben.

Die Figuren werden von Carlyle nie lächerlich gemacht, sondern in die Handlung integriert. Selbst die demente Mrs. Gaffney ist witzig, weil sie sich nahtlos in die Gesellschaft der Verlierer, Lügner und Träumer integriert. Tatsächlich ist auch die Welt jenseits der Grenzen, innerhalb derer sich Barney Thomson bewegt, ein Irrenhaus. Das abstrus-makabre Finale belegt es. Barneys Entlarvung wird zur unwichtigen Nebensache.

Am Ende steht er als Sieger da; dies nicht, weil er sich geschickt angestellt hätte, sondern weil sich seine Kontrahenten selbst ausgeschaltet haben. In der Erkenntnis, dass die Welt betrogen werden will, findet Barney seinen persönlichen Ausweg aus der Misere, die sein Leben darstellte. Schließlich sehen wir ihn selbstbewusst, zufrieden, erfolgreich und vor allem in Freiheit. Barney hat begriffen, wie es in der Welt läuft, und seine Nische gefunden. Das mag absolut unmoralisch sein, ist aber dennoch sehr einleuchtend und vor allem vergnüglich.
Daten

Originaltitel: The Legend of Barney Thomson (GB 2015)
Regie: Robert Carlyle
Drehbuch: Colin McLaren u. Richard Cowan (nach dem Roman „The Long Midnight of Barney Thomson“ [1999; dt. „Furcht und Schrecken im Frisörsalon“] von Douglas Lindsay)
Kamera: Fabian Wagner
Schnitt: Mike Banas
Darsteller: Robert Carlyle (Barney Thomson), Emma Thompson (Cemolina), Ray Winstone (DI Holdall), Ashley Jensen (DI June Robertson), Kevin Guthrie (Detective MacPherson), Sam Robertson (DS Sam Jobson), Martin Compston (Chris), Brian Pettifer (Charlie), Stephen McCole (Wullie Henderson), James Cosmo (James Henderson), Tom Courtenay (Chief Superintendent McManaman), Eileen McCallum (Mrs. Gaffney) u. a.
Label/Vertrieb: Universal Pictures (www.universal-pictures.de)
Erscheinungsdatum: 19.05.2016
EAN: 5053083074302 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (2,40 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Englisch, Ungarisch, Russisch, Polnisch/Voice Over)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Bulgarisch, Tschechisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Französisch, Hindi, Ungarisch, Isländisch, Norwegisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Schwedisch
DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 92 min.
FSK: 16

DVD-Features

Keinerlei Extras informieren über diese Film, der hierzulande trotz lobender Kritikerworte eher zaghaft präsentiert wird. „Die Legende …“ gehört zu den wenigen Filmen, die nicht parallel als DVD und Blu-ray veröffentlicht werden. ‚Nur‘ auf DVD wird dieser Film angeboten, was schade ist, da die schaurig-schönen Bilder aus dem verlotterten Glasgow in Blu-ray-Qualität sicherlich noch stärker wirken würden. Immerhin wurden für „Die Legende …“ echte Synchronsprecher angeheuert. Zwar ist der schottische Originalton faszinierend und ungemein stimmungsvoll aber dem englischkundigen Zuschauer kaum verständlich, sodass die Übersetzung unverzichtbar wird.
„Barbershop“-Serie von Douglas Lindsay

(1999) Furcht und Schrecken im Frisörsalon (The Long Midnight of Barney Thomson)
(2000) Waschen, Schneiden, Umlegen (The Cutting Edge of Barney Thomson)
(2001) Interview mit einem Barbier (A Prayer for Barney Thomson)
(2002) Barney Thomson and the Face of Death
(2004) Für eine Handvoll Lockenwickler (The King was in His Counting House)
(2006) Die zwölf Geschorenen (The Last Fish Supper)
(2007) The Haunting of Barney Thomson
(2009) Der Herr der Klinge (The Final Cut)


(Copyright 19.05.2017/Dr. Michael Drewniok)

Dieser Text erscheint auch auf anderen Websites meiner Wahl; er wird durch meinen Namen identifiziert und bleibt dadurch - hoffentlich - auch für Faker-Sheriffs als mein geistiges Eigentum erkennbar, mit dem ich AGB-konform umgehen darf wie es mir beliebt. M. D.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Wachbergindianer veröffentlicht 06.06.2017
    Ich mag Robert Carlyle nicht, daher wohl eher kein Film für mich.
  • iceman1005 veröffentlicht 27.05.2017
    bh
  • Babyengel1 veröffentlicht 23.05.2017
    .•:*¨ ¨*:•. Liebe Grüße Babyengel1 .•:*¨ ¨*:•.
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