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Die schöne rothaarige Engländerin Ireen im Urlaub zum Beispiel berichtet in den langen und weindurchtränkten Nächten auf der Terrasse von einer Prophezeiung, die ihr einst eine Wahrsagerin gemacht habe. "Du fängst erst mit dem fünften an, " offenbarte ihr diese, und auch wenn Ireen mit diesen ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Fantomiss über Die Lügen der Frauen / Ljudmila Ulitzkaja 15.03.2008
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
ergreifend
Pro:
verrückte kleine Episoden voller verrückter Frauen
Kontra:
so richtig VÖLLIG vom Hocker gerissen hats mich nicht, ist aber trotzdem schön . . .
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Jungen, so stellt Ljudmilla Ulitzkaja fest, schwindeln immer zu einem bestimmten Zweck: um einer Strafe zu entgehen oder eine Untat zu verheimlichen. Aber lügen Frauen anders?
Frauen, so zeigen die Geschichten, lügen aus anderen Beweggründen. Sie lügen sich eine aufregende Vergangenheit zurecht, um ihrem träge gewordenen Leben neuen Pfeffer zu verleihen. Sie lügen sich Dinge zurecht, die sie in ihrem Leben noch nicht erreicht haben - oder nie erreichen werden. Das stellt Shenja im Laufe ihres Lebens immer wieder fest. Die schöne rothaarige Engländerin Ireen im Urlaub zum Beispiel berichtet in den langen und weindurchtränkten Nächten auf der Terrasse von einer Prophezeiung, die ihr einst eine Wahrsagerin gemacht habe. "Du fängst erst mit dem fünften an, " offenbarte ihr diese, und auch wenn Ireen mit diesen Worten zunächst nichts anzufangen gewusst hat, musste sie ihren Gehalt bald bitter erfahren. Denn ihre ersten vier Kinder, eines schöner und begabter und außergewöhnlicher als das andere, starben. Und erst das fünfte, ihr Sohn Donald, konnte ihr wieder das Glück bringen. Nur - bald findet Shenja durch Zufall heraus, dass diese ganze Geschichte gelogen ist, und es weder eine Prophezeiung noch vier tote Kinder gab. Und noch lange Zeit später durchfährt es Shenja: Ireen! Warum hatte sie sie alle getötet?
Dann ist da das Mädchen Nadja, die Tochter ihrer Vermieterin, deren Datschka Shenja mit ihren beiden Söhnen Sascha und Grischa, ihrem Patenkind Petja und dem Sohn ihrer Freundin, Timoscha, über einen Sommer bewohnt. Nadja bringt Leben unter die vier Jungs - und erzählt hanebüchene Lügengeschichten. Und so sehr Shenja sich auch vornimmt, Nadjas Mutter auf die blühende Phantasie des Mädchens anzusprechen, so ist sie doch ach fasziniert von diesem Kind und seinen Geschichten und Geschichtchen…
Als Shenja für einen Dokumentarfilm in die Schweiz reist, wo sie dort lebende russische Prostituierte für den Regisseur interviewen soll, stellt sie nach und nach fest, dass die Frauen alle eine sehr ähnliche Lebensgeschichte erzählen: Von einer liebenswürdigen Mutter, einem wunderbaren Vater, der jedoch früh stirbt, und einem Stiefvater, der die Mädchen verprügelt und schließlich vergewaltigt hat. Doch noch einmal scheint es, als meine es das Leben gut mit ihnen, sie lernen einen wunderbaren Mann kennen - und dann, am Tag vor der Hochzeit kommt dieser ums Leben und die jungen Frauen auf die schiefe Bahn. In den Westen gelockt oder verschleppt und zur Prostitution gezwungen, träumen sie alle davon, dass eines Tages einer ihrer Freier sie rettet und heiratet und alles gut wird. Nur - auch diese Geschichten sind allesamt erlogen und die Wahrheit um so vieles einfacher und trister. Das Leben schreibt nun mal keine Geschichten, aus denen Träume sind - oder Hollywoodfilme.
Und ich darf Shenja begleiten durch ihr Leben, durch all die Geschichten hindurch altert sie beinahe nebenbei, sie ackert und hetzt sich ab, schreibt ihre Listen, Listen, was alles noch zu erledigen ist, versorgt Nachbarn und Freunde und Verwandte, sieht sich geduldig die Selbstfindungstrips ihrer Freundin Ganja mit an, die mal Buddhistin und mal Scientologin ist, dann wieder den indischen Yogis verfällt, um irgendwann beim Judentum zu landen. Und ihrerseits das ganze Leben über irgendetwas hinterher hetzt. Und Shenja hält irgendwie alles zusammen. Bis sie selbst das Schicksal einholt…
Ein Buch der leisen Töne. Leise schwingender Humor, der durchsetzt ist von milder Traurigkeit, von der Grausamkeit des Alltags, die in leichte poetische Töne gekleidet wird.
"Die Frauen in diesem Buch sind verrückt, sie sind ein bisschen abgedreht, sie jammern, haben schwer auszuhaltende Marotten, und je mehr sie einem auf die Nerven gehen, desto beharrlicher werden sie und desto liebenswerter. Das Buch hat eine glückselig machende Lebenskraft", schrieb Viola Roggenkamp in der "Welt". Und sie hat Recht. Es geht ein bisschen verrückt zu, ein bisschen chaotisch, und manchmal möchte man die ein oder andere am liebsten vor die Tür setzen. Und fragt sich: Wie erträgt Shenja das alles? Bis man es am Ende zu verstehen beginnt. Weil irgendwann auch alle Shenja ertragen müssen. Und sie tun es mit so viel Hingabe und ohne jeden Eigennutz, es sei denn, man zählt den Egoismus dazu, nicht auf einen geliebten Menschen verzichten zu wollen.
Ich habe dieses kleine dünne Buch mit den wunderbaren Geschichten von Lügen und vom Leben dabei eher merkwürdig entdeckt. In einer unscheinbaren Fußnote in irgendwelcher Sekundärlitertur, als ich für eine Uniarbeit recherchiert habe. Aber diese paar Sätze haben mich doch so gefangen genommen, dass ich gleich den Katalog unserer Bibliothek nach Ljudmilla Ulitzkaja durchforstet habe. Und tatsächlich, im Untergeschoß bei der Slawistik, mit einer Signatur, wie ich sie nie zuvor gesehen und in einem Winkel, den ich nie zuvor betreten habe, stand es und hat auf mich gewartet. Lüge um Lüge habe ich gelesen, manche heiter, manche traurig, um ganz am Ende wirklich auf die glückselig machende Lebenskraft zu stoßen und das Buch mit einem Lächeln zu schließen.
"Komisch und doch durchsetzt von einer so schönen, milden Traurigkeit, wie das nur die Russen können. Ich empfehle es Ihnen sehr", hat Elke Heidenreich in "Lesen!" gesagt. Ob diese Aussage nun politisch korrekt ist, oder nicht: Ihrer Empfehlung schließe ich mich an. Lesen!