Aus der Innenwelt eines Katholikalen
22.03.2004
Pro:
Die gute Absicht - das ist aber alles .
Kontra:
Der falsche Ansatz - der alles hinfällig macht .
Empfehlenswert:
Nein
 leodei
Über sich:
"Heit b`suach i mi - hoffentlich bin i dahoam" (Karl Valentin)
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VORWORT „O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn...“, so wird es wieder gesungen in den Kirchen am Karfreitag, und die Gläubigen begeben sich in langer Reihe zum Kreuz Christi, um es mit einer Kniebeuge zu verehren. Der gekreuzigte Jesus, der Schmerzensmann, sein Opfertod stand in keiner Fastenzeit so zur Debatte wie 2004. Doch dies liegt nicht an der Thematik an sich, oder weil auf einmal theologische Fragen die breite Masse wirklich berühren würden, sondern an einem Jesusfilm, diesmal der Version des Schauspielers Mel Gibson, der durch Filme wie „Mad Max“ und „Braveheart“ bekannt wurde. Diesmal stand Gibson allerdings nicht vor, sondern hinter der Kamera. Er wollte die letzten 12 Stunden Jesu authentisch verfilmen, heißt es, er wollte ganz nahe heran an die historische Wirklichkeit und schonungslos zeigen, wie es war. „Es ist wie es war.“ lautet denn auch der vielzitierte angebliche Satz des Papstes, den dieser nach einer privaten Vorabvorführung gesagt haben soll. Doch dies war wohl nur ein geschickt von den Vermarktern des Films eingesetztes Element zur Unterstützung des von „Die Passion Christi“. Der Vatikan hat dieses Zitat umgehend dementiert, denn der Papst will sich doch nicht so billig als Werbeträger einsetzen lassen. Sonst stünde dieser Satz jetzt auf allen Filmplakaten dort wo sonst „Der Film des Jahres!“ (Brigitte) steht.
IN DER TRADITION DER JESUSFILME Noch einmal also ein historisierender Ansatz. Immer noch, trotz einer ganzen Reihe von Filmen, kommt in unregelmäßigen Abständen ein „Jesus-Film“ in die Kinos und mit ihm der dazugehörige Skandal. Leichter als mit einem Jesusfilm geht es wohl kaum, wenn man die öffentliche Aufmerksamkeit erreichen und kontroverse Diskussionen auslösen will. Ich erinnere mich noch gut an „Die letzte Versuchung Christi“ von Martin Scorsese, der 1988 eine breite öffentliche Debatte, erhitzte Leserbriefschlachten und Sühnegebetsnächte auslöste. Einige Jahre danach fand Scorseses Film Eingang in die Katholischen Filmverleihe und gilt seither als einer der wichtigsten Ansätze zur Auseinandersetzung mit dem Thema. Der erste Jesusfilm war auch einer der ersten Filmversuche überhaupt. 1897 stellten die Brüder Lumière in „La Vie et la Passion de Jésus-Christ) die Geschichte Jesu in der Art eines verfilmten Passionsspiels dar. Seither versuchten sich im ganzen vergangenen Film-Jahrhundert Regisseure aller Couleur an dem Stoff aus der Bibel. So entstanden höchst unterschiedliche Sichtweisen und Zugänge. Ein paar der wichtigsten möchte ich aufzählen:
Der monumentale Ansatz: „Der König der Könige“ (USA 1927) Regie: Cecil B. de Mille. Regisseur, Titel und Entstehungszeit weisen auch für den, der diesen Film nicht gesehen hat, darauf hin, wie Jesus hier dargestellt wird: der große Erlöser, der im Bewusstsein seiner Auftrags durch sein wie durch sein Passion schreitet. Am ehesten entspricht dieser Jesus dem, den der Evangelist Johannes darstellt. Der nüchterne Ansatz: „Das erste Evangelium – Matthäus“ (Italien 1964); Regie: Pier Paolo Pasolini. Der Gegenentwurf zu den pathetischen Jesusfilmen mit unspektulärer Darstellung, ein ungewöhnlicher Jesus mit kurzen Haaren, unbekannte Schauspieler. Pasolini geht mit seinem Film ausschließlich auf den Evangelisten Matthäus ein und entscheidet sich bewusst gegen eine Evangelienharmonie, wie sie bis dato meistens versucht wurde.
Der popularisierende Ansatz: „Jesus Christ Superstar“ (USA 1972); Regie: Norman Jewison. Hier wird die Jesusgeschichte erstmals als „Spiel“ inszeniert. Der Naturalismus früherer Inszenierungen wird aufgegeben, es geht um das Nachspielen und Verheutigen der Passion. Ein Skandal zu seiner Entstehungszeit, erlebt der Film (und das Musical) heute ein unerwartetes Revival. Der satirische Ansatz: „Monty Python`s – Das Leben des Brian“ (GB 1979); Regie: Terry Jones. Die Autorentruppe der berühmten Monty Python`s distanzierte sich durch Satire von den beliebten Monumentaldarstellungen. Auch hier (natürlich) ein Skandal – heute ein ungemein entlastender Film für manch übersättigten Bibelschinkenkonsumenten.
Der psychologisierende Ansatz: „Die letzte Versuchung Christi“ (USA 1988); Regie: Martin Scorsese. Im Gegensatz zu den anderen Jesusfilmen verfilmte Scorsese hier kein Evangelium, sondern einen Roman von Nikos Kazantzakis, in dem Jesu menschliche Seite besonders im Vordergrund steht. Jesus kämpft mit seiner Bestimmung, ist verunsichert, wird von Versuchungen gepeinigt, die er am Ende überwindet. Dieser Blick in die Gefühlswelt eines Gesendeten mit ihren Spekulationen löste wieder mal einen Skandal aus – und hat uns einen der interessantesten Jesusfilme hinterlassen. Der aktualisierende Ansatz: „Jesus von Montréal“ (Kanada 1989); Regie: Denys Arcand. Der Regisseur sucht hier keinen Jesus von Nazareth vor 2000 Jahren, sondern den „Jesus inkognito“ in unserer Zeit. Er begleitet eine Schauspielertruppe bei der Inszenierung eines Passionsspiels. Im Zuge der Entstehung des Spiels entwickeln sich ähnliche Mechanismen, wie sie in der Jesusgeschichte aufgetreten sind und führen letztendlich zum Tod (und einer gewissen Form der Wiederauferstehung) des Hauptdarstellers. Auch dieser Film erregte einiges (allerdings positiveres) Aufsehen und ist bis heute für viele Filmemache eine starke Inspirationsquelle. Vor allem die „Jesus inkognito“-Erlösergestalt ist seither in vielen Filmen anzutreffen.
Nach all diesen neueren Versuchen der künstlerischen Aufarbeitung der Jesusgeschichte will Gibson also noch einmal einen „historischen“ Jesusfilm zeigen. Kann dieser Ansatz gelingen? „ES IST, WIE ES WAR?“
Nach einigen Jahrzehnten historisch-kritischer Bibelwissenschaft ist vor allem eines klar: Niemand weiß, was damals „genau“ geschehen ist. Die außerbiblischen Zeugnisse geben allenfalls einiges über das Phänomen der ersten Christen her, über die Kreuzigung Jesu wurde nicht Buch geführt. Dazu war dieser Prozess im römischen Reich eine viel zu kleine Marginalie in einer abgelegenen Provinz. Die biblischen Berichte selbst sind ja keine „objektiven“ Berichte, sondern von vorneherein Glaubenszeugnisse, alle im österlichen Bewusstsein geschrieben, alle in Verkündigungsabsicht. Sie schöpfen wiederum aus mündlichen Erzählungen und unterschiedlichen Quellen. Wer die Evangelien parallel liest, wird manche Brüche und Widersprüche bemerken. So heißt es bei Matthäus: „27:44 Ebenso beschimpften ihn die beiden Räuber, die man zusammen mit ihm gekreuzigt hatte.“, während bei Lukas nur einer der beiden Schächer Jesus verspottet, der andere aber ihn zurechtweist. Nur eine oder keine der beiden Versionen kann historisch korrekt sein. Die Theologie und die Verkündigung haben aus diesem Tatbestand mittlerweile den einzig richtigen Schluss gezogen: Biblische Verkündigung muss immer von ihrem Kontext her gelesen und verstanden werden. „Objektivität“ gibt es in diesem Zusammenhang nicht. Glaube ist etwas Subjektives, Bibeltexte werden erst in der Verknüpfung mit der eigenen Lebenssituation fruchtbar. Biblische Wahrheiten sind keine objektiven nachprüfbaren Fakten, sondern innere Wahrheiten, Erfahrungen, gewonnene Überzeugungen. Dieser Erkenntnis setzt Gibson den Versuch entgegen, durch lateinische und aramäische Sprache Historizität zu erzeugen. Er meint, indem er den Zuschauer quasi „in Echtzeit“ und en detail an Jesu Passion teilnehmen lässt, ihn doch von der objektiven Wahrheit des Leidens Jesu überzeugen zu können. Zu diesem Zweck beschränkt er sich auf die Passion (denn in zwei Stunden Spielfilmzeit wäre bei einer Gesamtschau auf das Leben Jesu die Passion ja nur ein Bruchteil), die er breit und – ja, man muss sagen: genüsslich auswalzt. Er meint, ein Auspeitschung müsste wohl eine Viertelstunde gedauert haben, also zeigt er sie auch eine Viertelstunde lang. Damit der Zuschauer auch wirklich glaubt, dass es Jesus weh getan hat, schaut er sich seine Wunden auch ganz genau an. Und lässt Jesus bluten, so dass es kaum zu glauben ist, dass dieser triefende Körper noch imstande gewesen sein soll, ein (erstaunlich sorgfältig gezimmertes) Holzkreuz zu tragen. Ich bin kein Mediziner, aber angesichts der Torturen und des Blutverlusts, den Gibson seinen Jesus schon vor der Kreuzigung erleiden lässt, kommt es mir eher wahrscheinlich vor, dass Jesus an Blutverlust und Erschöpfung gestorben wäre und nicht noch den Weg nach Golgotha hinauf das Kreuz hätte tragen können. „Es ist wie es war?“ – so sehr sich Gibson auch bemüht, den Zuschauer zu überzeugen, es gelingt nicht. Dem steht das schon erwähnte Wissen darüber entgegen, dass wir es eben nicht wissen können wie es war. Und die übertriebene Darstellung, die das Geschehen eher lächerlich macht. KATHARSIS IM HORRORFILM?
Das Miterleben und Mit-erleiden der Passion hat eine alte Tradition. Die barocke Frömmigkeit trieb zum Teil seltsame Blüten in dieser Richtung. Man denke nur an die Arie aus der Johannespassion von J.S. Bach: „Erwäge, wie sein blutgefärbter Rücken in allen Stücken dem Himmel gleiche geht. Daran, nachdem die Wasserwogen von unserer Sündflut sich verzogen, der allerschönste Regenbogen steht.“ Die fromme Seele erkennt hier in den Spiegelungen der Blutstropfen Jesu den versöhnenden Regenbogen als Gotteszeichen. Einfühlung, Mitleiden, Meditation, dazu wurden und werden die Zuhörer und Zuschauer beim Erleben der Passion bewegt. Es geht darum, klarzumachen, wie sich eigenes Leid und das Leid der Welt im Leiden des einzelnen exemplarischen Menschen, Jesus Christus, widerspiegelt und dadurch mitgetragen (und erlöst) wird. Natürlich kann sich eine Darstellung Jesu im Film auf die Passion beschränken. Was großen Komponisten erlaubt war, kann für einen Regisseur nicht verboten sein. Insofern trifft der Vorwurf meiner Meinung nicht, dass Gibson nichts vom Leben Jesu gezeigt habe. Was ich ihm jedoch vorwerfen muss ist das völlige Fehlen jeglicher Reflexion. Es findet keine Auseinandersetzung mit dem Leiden, mit seinem Sinn oder Unsinn, mit seiner Ursache und einer möglichen Überwindung statt. Für viele unkundige Zuschauer wird das völlige Fehlen der Vorgeschichte ohnehin ein Problem für das Verständnis des Films sein. Was hat Jesus eigentlich verbrochen? Warum ist er so gefährlich? Warum ist er überhaupt so bekannt? Wer sind seine Anhänger? Wer seine Gegner? Selbst wenn wir dies als bekannt voraussetzen, fehlen im Film die notwendigen Unterbrechungen, in denen der Zuschauer Gelegenheit hätte, entsprechende Fragen und Reflexionen anzustellen. Stattdessen: Gewalt im Übermaß und ohne Pause. Der Effekt ist statt der angezielten Katharsis Abstumpfung. Wie oben erwähnt hatten wir die unterschiedlichsten Ansätze und Filmgenres im Umgang mit Jesus. Jetzt haben wir noch ein Horrorvideo von Jesus. Und das Ziel von Horrorfilmen ist: Erschrecken, Grusel, Ekel, Schock. Der halbwegs sensibel gebliebene Zuschauer wird sich mit Grausen abwenden. Der entsprechend „vorgebildete“ Konsument des Horrors – ich weiß nicht, vielleicht wird er dieses Geschehen sogar genießen. Und das ist meiner Meinung nach das Schlechteste, was passieren kann. Der Horrorfilm ist jedenfalls für mein Empfinden nicht das geeignete Medium, um Menschen zum Nachdenken über ihren Glauben zu bewegen. ANTISEMITISMUS
Der Vorwurf des Antisemitismus ist wohlfeil, gerade wenn Christen Juden im Passionsgeschehen darstellen. Natürlich haben die Evangelien selbst anti-jüdische Tendenzen, wobei die Verfasser selbst Juden waren und sich zunächst einmal von der jüdischen Gemeinschaft abgrenzen wollten. Aber Jesus und seine Jünger verstanden sich selbst natürlich als Juden und hatten auch nicht vor, deren Gemeinschaft zu verlassen, vielmehr, sie zu vollenden. Mel Gibson aber betont die Masse der „bösen Juden“, die Jesus verurteilt sehen wollen. Der eine Hohepriester, der sich dem Rat entgegenstellt, erscheint eher als die Ausnahme von der Regel, ein „Alibi-guter-Jude“ sozusagen. In der fairen Darstellung jüdischen Lebens waren christliche Autoren schon wesentlich weiter. Man denke an Franco Zeffirellis vierteiligen „Jesus von Nazareth“ von 1976 mit der ausführlichen Ratssitzung oder Christian Stückls Inszenierung der Oberammergauer Passionspiele im Jahr 2000. Hier wurde gezeigt, dass es auch ganz anders geht. Vor allem die problematische Stellung der Hohenpriester in ihrer Verantwortung für den Frieden im Lande, ihre Zwickmühlenstellung zwischen Besatzungsmacht und Volk ließe sich ganz anders darstellen. Gibson pflegt durch seine mangelhafte Darstellung dieser Konflikte (vielleicht unbewusst) manches antijüdische Klischee. Das geht heutzutage nicht mehr an. REZEPTION
Mich erstaunen zwei Dinge bei der Rezeption dieses Films: Erstens, dass eine Gesellschaft, die sich an jede Menge Gewalt in den Medien gewöhnt hat, ein Problem hat, wenn Jesus von Blut trieft. Eine altbekannte Geschichte wird drastisch, überdeutlich dargestellt, na und? In jeder Videothek stehen hunderte solcher Filme. Alles das wird fraglos akzeptiert. Aber bei Jesus, den die Gesellschaft sonst eher in die Ecke gestellt hat, da ist das plötzlich ein Problem. Warum es für mich ein Problem ist, habe ich beschrieben. Zweitens, dass ein derart drastischer Film von Gruppen innerhalb der katholischen Kirche beworben wird, denen sonst neben dem Kampf für das ungeborene Leben nichts wichtiger ist als das Wettern gegen Gewalt und Sex in den Medien. Wo sind denn jetzt die Rosenkranzgeschwader, die sich damals bei der „Letzten Versuchung Christi“ vor den Kinos zur Sühnenacht aufgebaut haben? Ein respekt- und reflexionsloses Abschlachten ihres Herrn Jesus können sie wohl akzeptieren? Ich finde es sehr interessant, welche Leute derzeit für diesen Film plädieren. Es gibt zu tiefenpsychologischen Spekulationen Anlass, warum manche Leute sich so sehr am Blut Jesu ergötzen können. „The passion of the Christ“ ist der Film eines Katholikalen (so nennen wir Katholiken Leute am rechten Rand unserer Konfession, die päpstlicher sein wollen als der Papst und das zweite Vatikanische Konzil am liebsten rückgängig machen wollen) und wird in diesen Kreisen gern gesehen. Das Blut, das Opfer, das Leiden, die Reinwaschung, alles das wird übermäßig betont, sodass es mir fast krankhaft erscheint. Was ist mit diesen Leuten los, dass sie ständig darauf herumreiten und das Leben eher zu verneinen scheinen als es als Geschenk anzunehmen? Ich teile insgesamt die Einschätzung der katholischen Bischöfe, die dem Film „mangelnde theologische Tiefe“ vorwerfen. Genau so ist es. FAZIT
Wer wirklich etwas über Jesus Christus erfahren will, dem empfehle ich für die kommende Zeit den Besuch einer gut gestalteten Karfreitagsliturgie, in der die Johannespassion gelesen wird. Es kann ein beeindruckende Erlebnis sein, vor dem Kreuz Christi die Knie zu beugen und das eigene Leid oder das nahestehender Menschen im Gebet ihm anzuvertrauen. Wer sich über das Medium Film mit Jesus auseinander setzen möchte, sei besonders auf „Es wäre gut, dass ein Mensch würde umbracht für das Volk“ (Deutschland 1991)von Hugo Niebeling hingewiesen. Dieser Film stellt die Johannespassion von J.S. Bach mit den Mitteln des Tanzes und der griechischen Theaterkunst dar. Für mich die innigste Realisation von Einfühlung in das Passionsgeschehen. leodei
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02.12.2010 10:47
Eine wunderbare Rezension, die ich nur doppelt und dreifach unterstreichen kann. Danke. :-)
29.08.2004 04:27
sehr kenntnisreich und überzeugend! ich bleibe allerdings atheist - soviel ist sicher .-) lg, andreas
29.04.2004 07:26
Dein Bericht ist wunderbar. Was für ein Jammer, dass er keinen Diamanten bekommen hat!