Die schlimmste Wendung

5  07.07.2002

Pro:
Gerade die Steigerung der Ereignisse macht das Stück so spannend

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Wie ergreifend ist die Story?

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princesse

Über sich: man möge von leserundenangeboten absehen, derart verblödet bin ich zum guten glück noch nicht.

Mitglied seit:05.01.2000

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Prolog: In der nachstehenden Rezension wird die gesammte Geschichte wiedergegeben, auch der Schluss, es ist schier unmöglich, über die Physiker zu reden ohne den Schluss zu erwähnen. Es würde bedeuten, eine Kette von Ereignissen, deren Glieder alle in einander greifen, zu zerreissen. Mir schien der Schluss das wichtigste, alles andere war nur die Vorbereitung dafür, wie ein Ton der stetig anschwillt um dann in einem finalen Höhepunkt zu enden.


"Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmste Wendung genommen hat." <1>

Und alles beginnt verhältnismässig harmlos, in einer zur Irrenanstalt umfunktionierte Villa. Falls man einen Todesfall, in diesem Fall eine Mischung aus Mord und Unglück, für harmlos halten darf. Im Grunde ist solch ein Todesfall ja nichts harmloses, wenn man aber die Geschichte zu Ende denkt oder liest, dann war dieser am Anfang stehende Tod einer Krankenschwester tatsächlich peanuts. Wie sich doch alles relativiert, betrachtet man es nur sorgfältig genug und wägt alles genau ab.

Die vorliegende Geschichte ist ein Stück, eine Komödie in zwei Akten von Friedrich Dürrenmatt.

Insassen der bereits erwähnten Villa sind drei Physiker, vielmehr ein Physiker, Johann Wihelm Möbius, und zwei weitere Patienten, zum einen Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Newton hält und der dritte, Herbert Georg Beutler, der sich als für Einstein ausgibt. Die übrigen Patienten, alles prominente, wohlbetuchte Leute, die horrenden Beiträge leisten für ihr Dasein in Fräulein Doktor Mathildes von Zahnd's Sanatorium, sind im Neubau untergebracht, somit sind die Physiker vollständig unter sich, abgesehen vom aussschliesslich weiblichen Pflegepersonal. Und eben eine der Krankenschestern, Irene Straub, 22 Jahre alt, wurde von dem Patienten Ernesti durch erwürgen ins Jenseits befördert.

Inspektor Richard Voss ist frustriert, denn erstens darf er einen Irren nicht verhaften, denn der hat ja auch keinen Mord begangen, sondern man redet tunlichst von einem Unglücksfall, und zweitens ist es nun schon die zweite Krankenschwester innert einiger Wochen, welche auf diese Weise in der Vila umkommt. Beim ersten Fall war Newton derjenige, welcher seine Krankenschwester tötete. Was um so erstaunlicher ist, sind doch alle Schwestern in körperlicher Topform, Judomeisterin die eine, im Damenringverein die andere.

Kurz darauf gesteht Schwester Monika dem Patienten Möbius, dass sie ihn liebt und man ihn entlassen würde damit sie beiden heiraten können. Möbius ist tief gerührt, was ihn aber nicht davon abhält, nun ebenfalls seine Krankenschwester umzubringen. Und dies, obwohl der Inspektor dem Fräulein Doktor von Zahnd vom Staatsanwalt ausrichten liess, dass sie die Sicherheitsvorkehrungen verstärken müsse und man ihr nahelegte, männliche Pfleger einzustellen. Diese Massnahmen wurden nach dem Tod von Schwester Monika erst getroffen.

Es erstaunt uns, dass die Motive der Physiker, zu töten, offenbar ähnlich, ja fast gleich waren. Auch Schester Irene hatte kurz vor ihrem Tod Heinrich Ernesti ihre Liebe gestanden, auch sie wollte mit ihm zusammen das Sanatorium verlassen.

Danach kommen Gitter vor die Fenster, die Türen werden abgeschlossen und es erscheinen hühnenhafte Pfleger.
Da gesteht Georg Beutler alias Newton seinen beiden Mit-Patienten, dass er in Wahrheit Alec Jasper Kilton, der Begründer der Entsprechungslehre ist und sich unter falschem Namen in die Klinik eingeschlichen hat um sich Möbius Verrücktheit näher anzusehen. Möbius nämlich behauptet, König Salomon sei ihm erschienen und spreche zu ihm. Er, Alec Jasper Kilton, sei Angehöriger eines ausländischen Geheimdienstes und seine Krankenschwester musste er umbringen um seine Maskerade nicht zu gefärden. Möbius gelte als der genialste Physiker aller Zeiten und solle sammt seinen Aufzeichnungen entführt werden.
Nun gesteht Ernesti alias Einstein, dass er in Wahrheit Joseph Eissler heisst, und der Entdecker des Eissler-Effekts sei. Auch er wurde von einem Geheimdienst geschickt um Möbius zu entführen.
Jetzt ist die Reihe an Möbius zu gestehen, dass er gar nicht verrückt sei sondern dies nur vorgetäuscht hatte um so seine Entdeckung geheim halten zu können, weil er befürchtet, dass diese den Untergang der Menschheit bedeuten würde.
Es entbrennt eine Diskussion um die Verantwortung der Physiker um die Folgen ihrer Entdeckungen, während Newton meint, dass die Physiker ihre Entdeckungen der Menschheit zur Verfügung stellen müssen und die Verantwortung damit richtig umzugehen bei den Menschen insgesammt liege, entgegenet Einstein, dass Physiker sehr wohl die Verantwortung selber zu tragen hätten und entscheiden sollten, wie mit ihren Entdeckungen umgegangen werden soll.

"Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht vorhersehbar. Sie tritt durch Zufall ein." <1>

Möbius sagt "Es gibt Risiken, die man nicht eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches" (S 73) und unterichtet seine Kollegen, dass er seine Manuskripte alle verbrannt habe. Und er teilt weiter mit, dass er gedenkt, bis an sein Lebensende zusammen mit Newton und Einstein im Irrenhaus zu bleiben, "nur im Irrenhaus sind wir frei" (S 75) sagt er.

"Planmässig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil dieses Ziels erreichen. Das was sie befürchteten, was sie zu vermeiden versuchten /z.B. Ödipus)." <1>

Wir Leser glauben nun, das Ende der Geschichte mehr oder weniger erreicht zu haben, die drei Physiker sind unfähig, das Irrenhaus zu verlassen, Möbius, weil er seine Entdeckung nicht publizieren will, die anderen beiden weil sie auf Möbius aufpassen müssen. Und letztendlich alle drei, weil die Gitter vor den Fenstern und die Pfleger und die verschlossenen Türen einen Ausbruch verhindern. Aber die Geschichte hat noch nicht ihre schlimmste Wendung erreicht, sie ist noch nicht zu Ende gedacht. Also passiert das, was planmässig vorgehende Menschen am meisten trifft, das Gegenteil von dem , was sie erreichen wollten.
Und so erfahren wir dann, obwohl wir mit diesem eben erwähnten Schluss ziemlich zufrieden gewesen wären, dass die Irrenärztin und Anstaltsleiterin von Zahnd die Manuskripte schon lange vorher fotokopiert hatte, das Verbrennen also völlig sinnlos war, dass sie alles weiss, die drei soeben belauscht wurden und sie längst einen Trust gegründet hat zu dem Zweck, mit Hilfe Möbius Erfindungen die Weltherrschaft zu übernehmen.

Es ist aus.


"Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden" - und wir sitzen da, fassungslos und gleichermassen fasziniert, so wie man mit einer Horrorvorstellung umgeht, um sie ertragen zu können. Man sagte mir, bevor ich das Buch las, dass es nach dem lesen schwer sei, noch schlafen zu können, dass die Geschichte besonders schrecklich sei. Ich weiss nicht, wie es dir ging, ich konnte noch schlafen, vielleicht, weil ich nicht so sehr an Zufälle glaube und immer mit der Hoffnung durchs Leben wandere, dass alles nicht so schlimm wird, nicht so schlimm werden kann. Dass das letzte, unfassbare immer wieder abgewendet werden wird, und sei es nur durch einen Zufall, wenns denn sein muss, auch dadurch. Da bin ich dann flexibel.


Der Autor:

Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen (Kanton Bern, Schweiz) als Sohn eines Pfarrers geboren. Sein Grossvater war ein konservativer Politiker, der mit satirischen Gedichten ausufernde Bürokratie und ähnliche Missstände anprangerte. Für eines der Gedicht musste er dann ins Gefängnis, worum ihn sein Enkel immer beneidete. Eine "Ehre", die Friedrich Dürrematt nie zuteil wurde. Im Gegenteil. Friedrich Dürrenmatt erntet mit seinen gesellschaftskritischen Werken immer nur Ehrungen und Ehrentitel.

Dürrenmatt geriet 1949 durch seine Zuckerkrankheit, der Geburt seines zweiten Kindes und einigen Misserfolgen in finanzielle Bedrängnis und begann 1950 für die Zeitung "Der Schweizerische Beobachter" an einem Fortsetzungsroman zu schreiben. Der Roman mit dem Titel "Der Richter und sein Henker" wurde ein grosser Erfolg und zählt heute zu seinen bekanntesten Werken.

Auch Dürrenmatts zweiter Kriminalroman "Der Verdacht", den er 1952 für die gleiche Zeitung schrieb, und der mehr oder weniger eine Fortsetzung des Ersten war, wurde ein Erfolg.

Friedrich Dürrenmatt starb mit 69 Jahren am 14. Dezember 1990 in Neuchâtel (Schweiz).

<1> aus "21 Punkte zu den Physikern" (S.91)

Für Caroline.


Diogenes Verlag, ISBN 3-257-23047-8, 4.90 Euro, Taschenbuch, 95 Seiten


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
helpful2

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31.01.2007 00:36

Ich finde diesen Bericht wirklich gut.

Casi08

Casi08

06.05.2003 13:45

Habe mich bisher davor gesträubt Dürrenmatt zu lesen - keine ahnung warum. Du hats mich aber sehr neugierig gemacht. Gruß carsten

Mausbaer1977

Mausbaer1977

06.04.2003 11:52

Dass Ganymed ein Jupitermond ist weiß ich auch erst aus dem Buch. Habe es selber einige Male glesen. Du gibst den Inhalt wirklich gut weiter, sodass jeder was damit anfangen kann. LG

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