Wissenschaft und Wahnsinn
29.03.2007
Pro:
Überraschungseffekt
Kontra:
Nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Wie ergreifend ist die Story?
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 thewrittenword
Über sich:
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Der Anlass ************** Ich wollte ja schon seit geraumer Zeit über einen Klassiker berichten, habe mich bisher aber noch nicht recht an einen Bericht über ein "gewichtiges Stück Literatur" herangewagt. Vielleicht hatte ich auch bisher noch nicht das richtige Stück gefunden. Nun glaube ich aber, es endlich entdeckt zu haben. Es handelt sich um: DIE PHYSIKER Von Friedrich Dürrenmatt Eine Komödie in zwei Akten Erstmals 1962 im Verlag der Arche, Zürich, erschienen. Neufassung 1980Das Buch *************** "Die Physiker" ist Friedrich Dürrenmatts erfolgreichstes Theaterstück. ERSTER AKTDie gesamte Handlung beider Akte spielt sich in einem einzigen Raum ab; im Salon einer heruntergekommenen Villa des privaten Sanatoriums "Le Cerisiers" - präziser ausgedrückt, in einem Irrenhaus. Im Neubau von "Le Cerisiers" leben debile Millionäre, schizophrene Schriftsteller, manisch-depressive Großindustrielle, alle unter den Fittichen von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd - die "Irrenärztin", oder auch bucklige Jungfrau genannt. Nur drei Patienten, sind im alten Gebäude am See zurückgeblieben. Es handelt sich um drei Physiker: - Herbert Georg Beutler, der glaubt Isaac Newton zu sein - Ernst Heinrich Ernesti - der glaubt Albert Einstein zu sein - Johann Wilhelm Möbius - der behauptet Salomo getroffen zu haben Der erste Akt beginnt mit einem Mord. Ernst Heinrich Ernesti, genannt Einstein, hat die Krankenschwester (und Landesmeisterin des nationalen Judoverbands) Irene Straub im Salon erdrosselt. Kriminalinspektor Richard Voß ist verzweifelt, denn dies ist bereits der zweite Mord innerhalb kurzer Zeit in "Le Cerisiers" - erst vor drei Monaten hatte Herbert Georg Beutler, genannt Newton, genau im selben Salon die Krankenschwester (und Mitglied des Damenringvereins) Dorothea Moser erdrosselt. Die Täter sind bekannt, sie geben ihre Tat ja auch ganz offen zu, können jedoch nicht verhaftet werden, da es sich bei den Schuldigen ja um geisteskranke Menschen hält. Nun fordert der Kriminalinspektor dessen ungeachtet verschärfte Aufsicht für die drei Physiker und ordnet an, dass ab sofort nur mehr muskelbepackte Aufseher und keinesfalls Krankenschwestern sich um die Pflege der drei Patienten kümmern dürfen. Leider kommt diese Anordnung zu spät, denn schon wenige Stunden darauf ermordet auch der dritte Physiker im Bunde, Johann Wilhelm Möbius, die Krankenschwester Monika Stettler, die ihn seit zwei Jahren gepflegt und ihm nun zum Abschied ihre Liebe gestanden hatte. Hier endet der erste Akt.ZWEITER AKT Während der erste Akt viel eher die Züge eines Kriminalromans hatte, kommt nun im zweiten Akt die für den Leser absolut überraschende Wende. Das zentrale Thema dieser Komödie sind nämlich nicht die rätselhaften Morde an den Krankenschwestern, sondern die Gefahr, die von der modernen Kernphysik ausgeht. In ausgereiften Dialogen (und Monologen) kommt langsam aber sicher die Wahrheit ans Licht: keiner der drei Physiker ist wirklich krank. Die Morde waren eigentlich nur eine Vertuschungsaktion gewesen, die Krankenschwestern waren ihren Patienten nämlich auf die Schliche gekommen. "Sie begriff nicht, dass es heute die Pflicht eines Genies ist, verkannt zu bleiben!" Doch warum lassen sich drei kerngesunde Physiker in ein Irrenhaus einweisen? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: um die Welt zu retten, vor ihren eigenen Schöpfungen, vor der Wissenschaft! Möbius war es gelungen die Weltformel zu entdecken. Doch er handelt im Sinne der Menschheit und zieht das Irrenhaus einer genialen Karriere in der Wissenschaft vor. Nur an diesem Ort läuft er nicht die Gefahr, von Politikern ausgenutzt zu werden. Ernesti und Beutler hingegen sind zwei Geheimagenten, die nun versuchen die Weltformel für ihre jeweiligen - ideologisch unterschiedlichen - Länder zu gewinnen. Streitgespräche bestimmen die Szene, Revolver werden gezogen, Meinungen überschlagen sich. Möbius kann letztendlich die beiden anderen Kernphysiker überzeugen, dass es keinen anderen Ausweg als die Flucht aus der Welt gibt. "Wir müssen unser Wissen zurücknehmen...Entweder bleiben wir im Irrenhaus oder die Welt wird eines". Dir drei Physiker sind schließlich sich einig, sie werden in der Irrenanstalt bleiben. Nun erfährt das Geschehen eine weitere, plötzliche und überraschende Wendung, die diese Komödie zum Abschluss bringt. Ich möchte das Ende hier nicht erwähnen, um den zukünftigen Lesern den Spaß nicht noch komplett zu verderben. Gesagt sein nur, dass aus der Komödie meiner Meinung nach nun wohl doch noch eine Tragödie geworden ist!Meine Meinung *************** "Die Physiker" bezeichnet Dürrenmatt selbst als eine Komödie. Es scheint als würden die zahlreichen "komischen" Szenen den intellektuellen Aspekt in den Hintergrund drängen wollen, was ihnen aber nur oberflächlich gelingen mag. Was ich persönlich an Friedrich Dürrenmatt so sehr schätze ist sein virtuoses Spiel mit den unglaublichsten Überraschungseffekten. Er führt uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Irre. Zu seinen ja schon sehr charakteristischen Irreführungen oder eben Überraschungseffekten hat Dürrenmatt im Anhang des Buches noch 21 Punkte aufgezählt, die so eine Überraschung auch wirksam und glaubwürdig machen. Klappentext ************** "Dürrenmatt hat versucht, die paradoxe Situation darzustellen, in die das fortgeschrittenste Wissen, das der Kernphysik, geraten ist. Es gilt uns als Gipfel menschlicher Erkenntnis. Seine Formulierung hat auch die Hinrichtung der Welt möglich gemacht. Was machen die Entdecker, wenn sie Verantwortung für die Welt spüren? Gibt es Bewahrung der Welt vor dem Wissen? Bewahrung des Wissens vor dem Zugriff der Macht? Die Lösung der Frage führt auf das Theater. Zum Versteckspiel, zur Maskerade. Dürrenmatts Kernphysiker Möbius, der Entdecker der furchtbaren Formel, flüchtet, seine Familie preisgebend, ins Irrenhaus. Er spielt Irrsinn, er fingiert die Heimsuchung durch den Geist Salomos, um das, was er entdeckte, als Produkt des Irrsinns zu diffamieren. Maskerade wird da zu einem moralischen Akt." Frankfurter Allgemeine Zeitung "Dürrenmatt führt seine Geschichte mit unerbittlicher Konsequenz zu einem Ende, welches die Türen dieses Irrenhauses aufsprengt, tödlich gefährdenden Explosivstoff aus den eben noch schützenden Mauern entlässt in eine schutzlos preisgegebene Welt, und kein Zuschauer entzieht sich tiefster Betroffenheit. Was Dürrenmatt hier aus den Maskierungen gewinnt, wie er etwa das Geigenspiel Einsteins einsetzt, wie er die Positionen fortlaufend vertauscht: das ist nicht nur virtuos, es ist einzigartig. Dürrenmatts Komödie "Die Physiker" wird im Theaterleben der Gegenwart Epoche Machen." Irma Voser / Neue Züricher Zeitung Zum Autor ************** Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen, einem Schweizer Dorf im Kanton Bern, geboren. Er besuchte zunächst das Berner Freie Gymnasium, dann das Humboldtianum, an dem er 1941 die Maturitätsprüfung (Reifeprüfung/Abitur) ablegte. Dürrenmatt war kein besonders guter Schüler und bezeichnete seine Schulzeit selbst als die "übelste Zeit" seines Lebens. Trotz seiner malerischen Begabung begann er im Jahr 1941 Philosophie, Naturwissenschaften und Germanistik zu studieren, zunächst in Zürich, aber schon nach einem Semester in Bern. 1945 beendete er das Studium; eine begonnene Doktorarbeit zu Søren Kierkegaard wurde nicht abgeschlossen. Sein erstes veröffentlichtes Stück entstand 1945/46: Es steht geschrieben. 1947 heiratete er die Schauspielerin Lotti Geissler und beide zogen nach Ligerz am Bielersee. Dort entstand 1950 der Kriminalroman Der Richter und sein Henker. Dieses Werk gehört heutzutage zur Standard-Lektüre an deutschsprachigen Schulen. 1952 entstand sein Theaterstück Die Ehe des Herrn Mississippi, mit dem er seinen ersten großen Erfolg auf den bundesdeutschen Bühnen verzeichnen konnte. Weltweiten Erfolg erzielte er mit seiner Komödie Der Besuch der alten Dame. Die Physiker, er bezeichnete dieses Werk ebenfalls als Komödie, wurde sein erfolgreichstes Theaterstück. Für sein Schaffen, das neben Theaterstücken, Detektivromanen, Erzählungen und Hörspielen auch Essays und Vorträge umfasst, erhielt er viele Auszeichnungen. In den sechziger Jahren stand Dürrenmatt mit seinen Theaterwerken auf dem Höhepunkt seines Öffentlichkeitserfolges. Besonders in den achtziger Jahren folgte wieder eine Auszeichnung nach der anderen, z. B. der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur, der Georg-Büchner-Preis und der Prix Alexei Tolstoi der Association internationale des Ecrivains de Romans Policiers. Dürrenmatt nahm als gesellschaftskritischer Autor in Essays, Vorträgen und Festreden Stellung zur internationalen Politik, Beispiele sind Amerika (1970) und der Pressetext Ich stelle mich hinter Israel (1973). 1990 hielt er zwei Reden auf Václav Havel und Michail Gorbatschow, die unter dem Titel Kants Hoffnung erschienen. Im Jahr 1983 starb seine Frau Lotti. Dürrenmatt heiratete 1984 die Schauspielerin, Filmemacherin, und Journalistin Charlotte Kerr. Zusammen brachten sie den Film Porträt eines Planeten und das Theaterstück Rollenspiele heraus. Am 14. Dezember 1990 starb Friedrich Dürrenmatt in Neuenburg im Alter von 69 Jahren. Viele seiner Romane und Erzählungen wurden auch als Hörspiel vertont. Von beinahe allen Werken existieren unterschiedliche Fassungen. (Quelle: u.a. Wikipedia)Fazit ************** Das Werk "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt zählt meines Erachtens absolut zu den zeitlosen Klassikern der Weltliteratur. Es hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren. Es ist spannend, witzig, ergreifend, tiefsinnig… eine kurzweilige Lektüre, die ich wirklich jedem nur empfehlen kann. Ein Buch, das man immer wieder gerne liest. Natürlich könnte man über dieses großartige Werk noch viele Seiten schreiben. Das hat aber schon ein anderer getan; und zwar im folgenden Buch: Friedrich Dürrenmatt: Die Physiker. Lektüreschlüssel (Taschenbuch) von Franz-Josef Payrhuber (Reclam)Eckdaten zum Buch ****************** Taschenbuch: 95 Seiten Verlag: Diogenes Verlag; Auflage: 20., Aufl. (September 1998) Sprache: Deutsch ISBN-10: 3257230478 ISBN-13: 978-3257230475 Produktmaße: 18,1 x 11,3 x 1 cm Preis: neu bei amazon.de ab 6.90 Euro
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Taschenbuch, , 96 S., Erschienen: 1998
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31.03.2007 23:47
Ich will aber doch auch noch ein paar positive Dinge nennen: Neben meinen Kritikpunkten stimmt der Kern des Berichtes. Der Leser erfährt, ob das Buch für ihn lesenswert ist oder nicht. Zudem erkenne ich an, dass du dir hier ein wirklich sehr anspruchsvolles Thema für einen Bericht gwählt hast. Da lege ich die Messlatte aber auch einfach höher als bei den ciao-typischen Joghurt-Kabel-etc.-Berichten.
31.03.2007 23:44
Ich bewerte deinen Bericht schlechte als meine Vorbewerter, und möchte das natürlich auch entsprechend begründen: Mehrere Dinge an deinem Bericht haben mir nicht gefallen. Bei der Beschreibung des zweiten Aktes nimmst du deutlich zu viel von der Handlung vorweg. Du demaskierst die drei Physiker und verrätst im gleichen Zug die Hintergründe für die von ihnen begangenen Morde. Gerade in einem Werk, welches unter anderem von überraschenden Wendungen lebt, nimmst du damit einfach viel zu viel vorweg. Deine mehrfache Kritik an der Einordnung als Komödie zeugt von Unkenntnis der klassischen Definitionen von "Komödie" und "Tragödie". Deine dem Klappentext entnommene Interpretation, dass es um Kernphysik gehe, kann ich aufgrund fehlenden Beleges nicht nachvollziehen. Namentlich wird in dem Buch doch die Weltformel genannt, nach der Physiker schon seit Jahrzehnten erfolglos suchen.Letztlich wäre noch ein kurzer Textauszg hilfreich und sicher sinnvoller gewesen, als der Klappentext, welcher nur zwei weitere Kurzkritiken enthält. Die SEHR detaillierte Biographie des Autors ist recht ausschweifend, und großteils einfach von Wikipedia kopiert (Die nennst du zwar als Quelle, aber trotzdem kennzeichnest du nirgendwo Zitate).
29.03.2007 22:02
ich bin scheinbar ein Kulturbanause, denn ich kenne das Stück nicht - danke für die neuen Kenntnisse und für den gelungenen Bericht! LG Reggie