Die Scherben der Seele

5  08.01.2007

Pro:
Ein Hoffnungsschimmer für Menschen mit Seelenscherben .

Kontra:
keins

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Stil

Unterhaltungswert

Spannung

mehr


Meerfrau

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:150

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Die Scherben der Seele

Kein einfaches Thema für eine Anthologie wie ich finde, denn die meisten Menschen verstecken sich hinter ihren Schmerzen. Sie schämen sich und suchen meistens die Schuld für ein Versagen in ihrem Inneren. Der Weg zur Befreiung führt ins Unendliche. Die Schuldsuche wird zu einem Lebensmittelpunkt und bringt manche Menschen an den Rand ihrer Kraft. Oft stelle ich mir selbst die Frage, wie viel kann ein Mensch ertragen beziehungsweise aushalten.
Es gibt aber auch Menschen, die Trost suchen mit dem Wort. Wenn die Leere zu groß wird, die Trauer den Hals zuschnürt oder Niederlagen bzw. Selbstzweifel im Kopf rumgeistern. Für sie ist es eine Art Befreiung. Aus eigener Schreiberfahrung weiss ich, wie hilfreich es sein kann, über bestimmte Themen des Lebens zu schreiben. Sich frei schreiben - die Last von der Seele nehmen, um sie ins Wort zu legen. Erst wenn das passiert ist, können sie das Geschehene akzeptieren.

Den Weg zur Anthologie "Die Scherben der Seele" fanden 60 Autoren und Zeichner aus Rumänien, Österreich und Deutschland. Sie zeigen dem Leser ihre Gedankenpfade. Manche Texte berühren Themen, die nicht so einfach zu verdauen sind und es schon eine Portion Mut dazu gehört, sich dem zu stellen. Jedoch ist es nicht nur mutig sie niederzuschreiben, sondern auch die Augen zu öffnen und sie zu lesen.

Von mir ausgewählte Titel:

Um dem interessierten Leser einen Einblick in die Seelenscherben zu geben, möchte ich einige Titel vorstellen.

Das leere Bettchen
Eine Kurzgeschichte über den plötzlichen Tod eines Babys mitten in der Nacht, verbunden mit den verzweifelten Widerbelebungsversuchen des Vaters, seinen unausgesprochenen Gedanken bei der Beobachtung des Notarztes und der Erkenntnis, das jede Hilfe zu spät kam.

An einen verschollenen Freund
Niedergeschriebene Gedanken einer Frau (Kurzgeschichte). Fragen über Fragen. Die Beantwortung versucht sie selbst. Man sah sich nie, sondern lebte mit den Worten. Die Suche nacheinander war erfolgreich, doch irgendwann fand sie seine Worte nicht mehr und stellte sich die Frage WARUM. War es eine Flucht vor sich selbst, die erschreckende Erkenntnis die gesuchte Nähe gefunden zu haben und jetzt machte sich die Angst breit vor zu viel Gemeinsamkeit. Ein Verstehen mit Worten, die sich wie eine Salbe um seelische Wunden legen und dann urplötzlich war er verschwunden.

Vergewaltigung
Ein geschriebenes Gedicht von einem Mann aus einem beobachteten Blickwinkel. Eine leise Anklage an die Menschen, die nur zusehen und nicht einschreiten; Gedanken zum Opfer.

Verzeih
Ein Selbstzweifelgedicht voller unbeantworter Fragen. Wie muß man sich fühlen, wenn jede Geste, jedes Wort, jede Handlung bzw. jeder Gedanke dazu führt, sich dafür entschuldigen zu müssen. Eine kaputte Seele.

Leerer Blick
Ein Gedicht über die wiedergefundene Kraft einer Frau, die sich endlich von ihren Seelenqualen, zugefügt von einer ihr nahestehenden Person, befreit hat.

Das Erbe meines Vaters
Eine Tochter denkt an ihren gerade verstorbenen Vater (Kurzgeschichte) und ermittelt für sich, was von ihrem Vater nach seinem Tod noch übrig geblieben ist. Wo kann sie ihn trotz seines leeres Platzes finden.

Konstantin
Eine Kurzgeschichte, die mich sehr berührt hat. Mit leisen einfühlsamen Worten geht man den Weg einer Liebe zwischen zwei Männern. Das Kennen Lernen, die Hindernisse, die Krankheit Aids, der Schock, die Pflege durch den Freund und das unausweichliche Ende.

Um den Bericht nicht ausufern zu lassen, beende ich hier die Inhaltsangabe zu den Gedichten und Kurzgeschichten. Anbei noch einige Titel.

Trennungskind
Die alte Frau
Kriegskinder erinnern sich
Wie soll ich leben?
Einsamkeit
Katzenliebe
Krebs

Was ist die Seele? Eine hauchdünne Glasscheibe, angreifbar von allen Seiten und es gibt tatsächlich Menschen, die sich so etwas zu nutze machen und daraus resultierende Qualen genießen.

Buchgestaltung:

Die Scherben der Seele ist ein Taschenbuch mit 253 Seiten. Die Vorderseite zeigt eine Collage aus Scherben mittendrin ein gequältes Frauengesicht. Die Anthologie beginnt mit dem Inhaltsverzeichnis, wo 102 Texte und fünf Zeichnungen, die mit fünf Texten verbunden wurden, zu finden sind. Auf den letzten Zeiten stellen sich die Mitwirkenden vor, ein buntes Volk aus allen Schichten des Lebens.

Buchdaten:

Erschienen im August 2006.
Erhältlich in der Buchhandlung oder über die E-Mail richmondverlag@t-online.de
ISBN-Nr. 3-9807109-5-5
Kosten – 17,90 Euro

Leseprobe:

Die Sehnsucht

Bekümmert schaut sie
in die Ferne und
betrachtet das
aufflammende Abendrot.

Die Sehnsucht seufzt.

Seit Stunden versucht sie
ein leeres Blatt
Papier mit Worten
zu verzieren.

Die Sehnsucht glüht.

Bald wird das Lächeln
der Sterne erstrahlen und
sie über die Mondscheinallee
schweben lassen.

Die Sehnsucht flieht.

Sanft küsst der Nachtwind
ihre Schmerzen,
während eine Träne auf
dem Boden zerspringt.

Die Sehnsucht weint.

Das leere Blatt Papier
mit Kummerfalten
versehen,
wartet immer noch
auf ihre Gedanken.

Die Sehnsucht schreit.

by Heidelind Matthews

Meine Meinung:

Ich habe mich mit dem obigen Gedicht an dieser Anthologie beteiligt und bewundere die mitwirkenden Autorinnen und Autoren, die mit ihren Worten durchaus anderen Menschen einen Weg aufzeigen können, um Schmerzen zu verarbeiten.
Natürlich ist nicht jeder Mensch gleich und manche werden sicherlich denken, keine Hilfe zu benötigen. Doch immer wieder zeigt sich, dass einer alleine wirklich einsam für sich bleibt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nur eine Weile gut geht. Man schluckt seinen Kummer herunter wie ein Stück Essen und irgendwann platzt einem der Kragen. Tränen werden geweint, wenn keine Menschenseele in der Nähe ist und spaziert man durch den Alltag trägt man eine Maske. Dabei besteht die Gefahr diese Maske nie mehr abzulegen zu können. Der innere Kern verhärtet. Man gaukelt sich und anderen Stärke vor. Die eigene Seele friert regelrecht ein.

Schreiben wollte ich schon immer. Letztendlich bin ich erst dazu gekommen, als mein Mann seine Alkoholsucht unter Kontrolle gebracht hatte. Als ich anfing zu schreiben, taute meine Seele auf und es gab Momente, wo alles auf einmal zu Papier gebracht werden wollte. So schrieb ich eigentlich ohne groß zu überlegen. Es sammelten sich in zwei Jahren fast 300 Texte an. Ich will hiermit nur verdeutlichen, wie wichtig es sein kann einfach zu schreiben. Das hat nichts mit Kunst oder Können zu tun, sondern mit Befreiung.

Ein positiver Nebeneffekt dabei ist, wenn eine zweite, dritte oder vierte Person diese Texte liest und sich darin wiederfindet oder getröstet wurde, weil sie urplötzlich nicht alleine dasteht und sieht, auch andere plagen sich mit "Seelenscherben" rum.

Jedoch würde ich sagen, oftmals lernt auch der Mensch dazu. Nehmen wir diese Anthologie. Eine Vielzahl an Schreiberlingen hat sich hier getroffen. Leider ist die Entstehungszeit der geschriebenen Texte nicht ersichtlich, was ich eigentlich als sehr schade empfinde. Ich glaube, dass zahlreiche Texte schon eine Weile ihren Platz auf dem Papier inne hatten, nur war ihre Zeit noch nicht gekommen.

Diese Anthologie auf den Markt zu bringen, zeugt von einer großen Portion Hochachtung vor dem Mensch. Wo findet man in einem Taschenbuch so eine geballte Ladung an Tränen, Schmerzen, Leere, Verzweiflung und Trauer. Sicherlich ist es kein Buch, dass man ohne zu überlegen einfach in den Einkaufskorb legt und mit nach Hause nimmt.
Ein Danke an Herrn Schmidt (Herausgeber) für die Möglichkeit, den Menschen zu zeigen, dass sie mit ihren Seelenscherben nicht alleine auf der Welt sind.

Viele Zeichnungen sind in der Anthologie nicht zu finden. Daher möchte ich die vorkommenden kurz einmal vorstellen.
Eine Wiege ohne Kind. Kurzgeschichte - Das leere Bettchen.
Tochter und Mutter in einer Umarmung. Kurzgeschichte - Die Andere.
Ein halbes Foto eines Kinderkopfes. Gedicht (Da-) Heim.
Ein sich küssendes Männerpaar. Kurzgeschichte - Konstantin.
Eine Illustration angedeuteter Körper. Kurzgeschichte - Die Hülle

Alle Zeichnungen sind in schwarz/weiß und entweder mit Bleistift oder Kohle ausgeführt worden.

Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in die Seelenscherben geben. Meine Empfehlung hat das Taschenbuch und alle fünf Lesesterne ebenso.

Es grüßt die Meerfrau.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
t.schlumpf

t.schlumpf

10.02.2008 18:59

Sehr schöne Buchbeschreibung, die geht schon unter die Haut, lg schlumpf

Leuchttuermin

Leuchttuermin

30.07.2007 23:34

deine Kurzbeschreibung von "Das Erbe meines Vaters" rühriht mich zu Tränen, das könnte ich sein...

echt1962

echt1962

22.01.2007 20:30

sehr guter Bericht. Da muss ich irgendwo noch ein BH zusammenkratzen. wird ein paar Tage dauern. ;) LG GS

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