Die Schlafwandler. Eine Romantrilogie / Hermann Broch

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... Sein zwischen 1928 und 1932 entstandenes Erstlings- und Hauptwerk "Die Schlafwandler" ist eine Romantrilogie und umfasst folgende Einzelbände: "1888 – Pasenow oder die Romantik" "1903 – Esch oder die Anarchie" "1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit" Laut Klappentext [Merkregel: ... Bericht lesen





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Dreistufiger Wertezerfall der Wilhelminischen Ära
Erfahrungsbericht von sp_66 über Die Schlafwandler. Eine Romantrilogie / Hermann Broch
02.12.2002


Produktbewertung des Autors:   


Pro: phantastisch formulierte Passagen, überwältigende Sprache, vor allem der dritte Teil sprengt den Rahmen des traditionellen Romans
Kontra: einseitiges historisches (veraltetes) Weltbild, stark theorielastige Passagen, die schwer zu verstehen sind

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

Hermann Broch gilt geheimhin als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.

Sein zwischen 1928 und 1932 entstandenes Erstlings- und Hauptwerk "Die Schlafwandler" ist eine Romantrilogie und umfasst folgende Einzelbände:

"1888 – Pasenow oder die Romantik"
"1903 – Esch oder die Anarchie"
"1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit"

Laut Klappentext [Merkregel: Traue nie einem Klappentext, sie lügen stets! ;-) ] zählt dieser Roman "...zu den wenigen überdauernden Meisterwerken des deutschen Romans in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts und kann nur verglichen werden mit Thomas Manns "Zauberberg" und Musils "Der Mann ohne Eigenschaften"..."

Ein hoher Anspruch, der da gestellt wird: zu hoch? - mal schauen!...


Zentrales Thema: Der Wertezerfall
***************************************


Die drei einzelnen Romane bauen inhaltlich und personell gesehen nicht vollständig linear aufeinander auf, es ist jedoch notwendig, sie in der chronologischen Reihenfolge zu lesen und sie auch als eine zusammenhängende Einheit zu behandeln.

Mit den jeweils 15 Jahre auseinander liegenden Romanen (1888: Dreikaiserjahr; 1903; 1918: Ende 1.WK) deckt Broch die gesamte Wilhelminische Ära ab und vermeint in diesem Zeitraum eine logische Entwicklung von der "Romantik" über die "Anarchie" hin zur "Sachlichkeit" darzulegen:

Das zentrale Thema des Buches ist der sich in drei Stufen vollziehende Wertezerfall: Die alten überlieferten Wertvorstellungen, wie sie noch in "Pasenow" existent sind, verschwinden und machen der neuen, "sachlichen" Moderne Platz.
Dieser gesellschaftliche Werteschwund, die Hinkehr zu sachlichen Funktionalität anstelle traditioneller Wertenormen wird anhand der drei exemplarischen unterschiedlichen Hauptpersonen versinnbildlicht.


Inhalt der drei Romane:
***************************


"1888 – Pasenow oder die Romantik"

Joachim von Pasenow ist als adliger Offizier das Symbol der Romantik, der irrationalen Stilisierung alter Traditionen.

"...Und weil es immer Romantik ist, wenn Irdisches zu Absolutem erhoben wird, so ist die strenge und eigentliche Romantik dieses Zeitalters die der Uniform, gleichsam als gäbe es eine überweltliche und überzeitliche Idee der Uniform, eine Idee, die es nicht gibt, und die dennoch so heftig ist, dass sie den Menschen viel stärker ergreift, als irgendein irdischer Beruf es vermöchte, nicht vorhandene und dennoch so heftige Idee, die den Uniformierten wohl zum Besessenen der Uniform macht, niemals aber zum Berufsmenschen im Sinne des Zivilistischen, vielleicht eben weil der Mensch, der die Uniform trägt, von dem Bewusstsein gesättigt ist, die eigentliche Lebensform seines eigenen Lebens zu erfüllen. ..."

[Anhand dieses einen Satzes, der stilistisch symptomatisch für das ganze Buch steht, sei klargemacht, dass eine gewisse Konzentration und ein Faible für Schachtelsätze unabdingbare Voraussetzung für die Lektüre dieses Buches sind...]

Der Kaufmann Eduard von Bertrand, laut Brochs eigenen Angaben der eigentliche Held der Trilogie, dessen Name auch ursprünglich als Titel fungieren sollte, übt einen starken Einfluss auf den eher unselbstständigen und unsicheren Pasenow aus:
Er beginnt, seine religiösen Überzeugungen ebenso wie seine diskussionslose militärische Unterordnung und Vaterlandstreue in Frage zu stellen.

Trotzdem beendet er eine ungeschickte Affäre mit dem böhmischen Barmädchen Ruzena, und sucht sein Heil in der standesgemäßen Ehe mit Elisabeth von Baddensen, die er innerlich zu einem überirdischen Ideal verklärt, und somit in den überlieferten und verkrusteten Wertvorstellungen der Vergangenheit.


"1903 – Esch oder die Anarchie"

August Esch gehört der Arbeiterschicht an, soeben wurde ihm sein Job als Buchhalter gekündigt. Auch von seinem Charakter her ist er ganz buchhalterisch veranlagt: In einer Zeit des Umbruchs sorgt er sich um die "Buchungsfehler in der Welt und die Fehler in den Bilanzen", er sucht genauso wie Pasenow Halt in einer Umgebung, in der das Alte zerfällt und die Werte beginnen, nichts mehr zu gelten.
Wo Pasenow sein Heil in der traditionellen preußischen Ordnung sucht, wendet sich Esch der Mystik und, vor allem im 3.Band, der Religion zu.
Esch ist zunehmend von Realitätsverlust und Fantasien geprägt, in denen er dem gesellschaftlichen Druck auszuweichen sucht und Lösungen für die ungerechte Welt sucht. Von anarchischen Opferfantasien durchwirkt, vermeint er den Mannheimer Industriellen Bertrand (siehe 1.Band) als Ursache für alles Übel ausgemacht zu haben, und begibt sich zu ihm. Diese Stelle ist einer der Höhepunkt des Werkes, da Broch das Treffen in mystischer Umnebelung einem Wachtraum gleichen lässt, der zu Bertrands Selbstmord führt.

Auch Eschs mystisch übersteigerte Ehe mit der Wirtin Mutter Hentjen, seine Flucht in die Religion, sowie seine Auswanderungsgedankenspiele nach Amerika, vermögen ihn letztendlich nicht mit der Realität zu versöhnen und lassen ihn als isoliertes, vereinsamtes Individuum in einer schwankenden Welt des Wertewandels zurück.


"1918 – Huguenau oder die Sachlichkeit"

Im dritten Band steht Wilhelm Huguenau im Mittelpunkt, ein gelernter Kaufmann und momentan in ein kleines Dorf desertierter Soldat. Mittels List und Betrug, sowie der Hilfe des Stadtkommandanten Pasenow, gelangt er in den Besitz der Esch gehörenden Zeitungsdruckerei.
Huguenau ist ein Mensch der neuen Zeit, d.h. wertfrei und egoistisch, weder von religiösen, patriotischen oder moralischen Werten behindert.

In diesem dritten und umfangreichsten Teil ist die von Broch reklamierte Wertezersplitterung auch inhaltlich erkennbar:

Es laufen etliche Handlungen parallel (Pasenow, Esch, Huguenau, sowie verschiedene weitere Figuren, auf die ich jetzt aber nicht eingehe) außerdem gibt es zwei weitere Handlungen namens "Geschichte des Heilsarmeemädchens in Berlin" (1-16), in dem Broch unter anderem durch Gedichte den traditionellen Rahmen sprengt und einen poetischen Akzent setzt, sowie dem Exkurs "Zerfall der Werte" (1-10).
Dieser Exkurs enthält eine theoretische Abhandlung von Brochs philisophischen Wertevorstellungen, nicht allein wegen der Auseinandersetzung mit Hegel und Kant schwer verständlich...


Was ist positiv:
******************


Ausserordentlich bemerkenswert ist die stilistische Pluralität Brochs: Ausgehend vom homogenen ersten Teil zersplittert sein Werk im weiteren Verlauf, analog der Werte- und Wirklichkeitszersplitterung der Realität und lässt das Werk in einen vielstschichtigen Mikrokosmos münden (Theoretische Abhandlungen, Sonette, Gedichte, Dialoge, ein kurzes Theaterstück, verschiedene Handlungsstränge).
Dadurch gewinnt das Buch sehr viel an Reiz und man findet immer wieder etwas neues zum entdecken.


Meine Kritik am Buch:
************************


Die Tatsache, dass dieses Werk beim Publikum nie großen Anklang fand, heute noch viel weniger als früher, ist wohl auf mehrere Umstände zurückzuführen:
Einerseits in Parallelität zum "Mann ohne Eigenschaften" das sehr anspruchsvolle Niveau, welches etliches an Leseübung und Konzentrationsfähigkeit erfordert, die Lektüre gleichzeitig aber auch zu einem sehr großen Lesegenuss werden lässt.

Andererseits, und nun kommen wir auch zu meinen persönlichen Kritikpunkten:
Die im 3.Teil unter der Überschrift "Zerfall der Werte" eingeschobenen rein theoretischen Aspekte mögen vielleicht für (selbsternannte) Experten und Philosophen ganz interessant sein, für den Normalleser sind sie zu abgehoben und setzen ein zu hohes Maß an Vorbildung voraus, so dass zahlreiche Abschnitte im Halbschatten liegen zu bleiben verdammt sind.
Ebenso ist Brochs Geschichtsbild, die Geschichte als einen kontinuierlichen Zerfall der Wertvorstellungen, der allerdings schon mit dem 1.WK vollendet war, auffassend, zu monokausal und eingeschränkt:
Seine in vielen Einzelheiten ausgearbeitete und greifbare Theorie erweist sich als überholtes und kurzfristiges Zeitdokument bar jeglicher Aktualität und somit nur noch als historisches Dokument einer eingeschränkten Sichtweise im Nachhall des Ersten Weltkrieges auffassbar.
Und dies ist einfach aus heutiger Sicht unbefriedigend.


Fazit:
*****


Aufgrund der oben erwähnten Kritikpunkte kann ich die "Schlafwandler" nur eingeschränkt empfehlen:
Man wird auf sehr viele sehr ansprechende (!!) Kapitel stoßen, man wird begreifen, warum dieser Roman immer noch zur hohen Literatur zählt, warum dieser Roman viele Schriftsteller beeinflusst hat und der eine oder andere (Viel)leser wird eventuell auch begeistert sein, doch die eingeschränkte Sichtweise und die erkenntnistheoretischen Exkurse hinterlassen einen sehr schalen Beigeschmack.

Vielmehr sei bei Interesse an Wälzern dieser Zeit auf den viel besseren "Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil verwiesen – kurz vor dem Ersten Weltkrieg spielend, ähnlich anspruchsvoll, nochmals viel länger aber aktuell wie eh und jeh und voll sprühender Exkurse in alle möglichen Richtungen. (Siehe auch meine Buchbesprechung vom )


Ausgabe:
**********


Als Taschenbuch im Suhrkampverlag für 14,00€ erschienen (ISBN 3518388630)   



Die Schlafwandler. Eine Romantrilogie / Hermann Broch

Haupteigenschaften

Autor: Hermann Broch

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