Das Geschäft mit der Katastrophe

4  28.01.2010 (29.01.2010)

Pro:
gruseliger Schock - Gedanke, aufschreckendes Porträt des Neo - Liberalismus

Kontra:
kann denn alles nur eine einzige Verschwörung sein?

Empfehlenswert: Ja 

maphyou

Über sich: Freie Zeit < Lust auf Ciao = Sorry [Bitte Geduld haben, irgendwann lese ich schon wieder ^^]

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Einleitung

„Der neue Star der Globalisierungsgegner“, „Königin der Globalisierungskritiker“, die „wohl einflussreichste Person der Welt unter 35“ – Dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der überwältigend positiven Medienresonanz, die die kanadische Schriftstellerin und Journalistin Naomi Klein seit dem Erscheinen ihres globalisierungs- und konsumkritischen Buchs „No Logo!“ im Jahre 2000 ausgelöst hat. Der deutsche Politikwissenschaftler Claus Leggewie bezeichnete Kleins Werk als „das in Verkauf und Wirkung erfolgreichste Manifest der Globalisierungskritik“, das zum Widerstand gegen die Markenpolitik und frühkapitalistischen Praktiken transnationaler Konzerne aufruft.


Das Buch

Ihre 2007 erschienene Kritik am Neoliberalismus, „Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus“, konnte eine ähnliche Aufmerksamkeit verbuchen. Darin stützt sie sich auf Thesen (und führt sie weiter aus), die sie in einer Vielzahl von Kolumnen aufgestellt hat. Sie übt Kritik am globalen Siegeszug der freien Marktwirtschaft, wie er seit den 1970er Jahren vom neoliberalen Vordenker der Chicagoer Schule, Milton Friedman, gepredigt und von politischen Entscheidungsträgern in weiten Teilen der Welt durchgesetzt wurde. Die zentralen Ziele dieser neoliberalen Reformen waren dabei dreierlei: Die Privatisierung der öffentlichen Sphäre, die Deregulierung der Märkte und Einschnitte bei den Sozialausgaben des Staates.
Derart unangenehme Umstrukturierungen, so die Kernthese Kleins, sind auf demokratische Weise beim Volk nicht durchsetzbar, sodass sie ihm auf eine gewisse Weise aufgezwungen werden müssen. Hierzu bediente man sich der, ebenfalls von Friedman verfassten, Schockdoktrin, wonach grundlegende wirtschaftliche Reformen sich nur nach existenziellen kollektiven Krisen einführen ließen. Solche Schocks – seien es wirtschaftliche, kriegerische, terroristische oder gar Naturkatastrophen – versetzen die Bevölkerung in einen Zustand der Verwirrung, der Hilflosigkeit. Diesen psychologischen Zustand gilt es auszunutzen, um unbequeme wirtschaftliche Maßnahmen durchzuführen, da Menschen in Folge solcher Erlebnisse bereit sind, sich führen zu lassen.

Diese Strategie zu Grunde gelegt, ist es Kleins Ziel, „die zentrale und beliebteste Behauptung dieser offiziellen Geschichte in Frage [zu stellen] – dass der Triumph des deregulierten Kapitalismus aus Freiheit geboren war, dass ungezügelte freie Märkte und Demokratie Hand in Hand gehen.“

Den Anfang dieses „Katastrophen-Kapitalismus“ datiert Klein auf die Mitte der siebziger Jahre, als der chilenische General Augusto Pinochet nach seinem blutigen Militärputsch vom 11. September 1973 – unter der Beratung von Milton Friedman – tiefgreifende neoliberale Reformen im Wirtschaftssystem des Landes einführte. Gegner des diktatorischen Systems – wie der gestürzte Präsident Salvador Allende, der einen demokratischen Sozialismus als
Alternative zum Kapitalismus vertrat, und seine Anhänger – wurden gefangen genommen, gefoltert oder gar getötet. Dies erlaubte es Pinochet, die ökonomischen Veränderungen relativ problemlos umzusetzen.

Ein anderes zentrales Exempel stellen die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 in New York und Washington dar. Das kollektive Trauma der amerikanischen Bevölkerung wurde ausgenutzt, um – unter dem Banner des „Kriegs gegen den Terrorismus“ – einen gänzlich neuen und äußerst profitablen Wirtschaftszweig zu etablieren: die privatisierte Friedenssicherung. Waffenindustrie, private Sicherheitsunternehmen und Bauunternehmen profitieren bis heute von den immensen Militärausgaben der US-Amerikanischen Regierung, die für den Irak-Krieg (welcher ja im Grunde durch die Terroranschläge angestoßen wurde) seit 2003 aufgewendet werden.

Eine Praktik, die aus diesem Militäreinsatz im Irak stammt, ist die Einführung so genannter grüner Zonen, in denen die US-Truppen stationiert werden und in denen private (meist amerikanische) Wirtschaftsunternehmen eine Infrastruktur nach westlichen Standards gewährleisten. Diese befriedeten Areale sind durch Zäune und Mauern abgeschottet und stehen den ungesicherten, gefährlichen roten Zonen gegenüber, in denen die (arme) einheimische Bevölkerung lebt.
Klein sieht diese Polarisierung auch in anderen Regionen der Erde, weshalb sie auch von einem „Export der grünen Zone“ spricht. So zeigte sich auch in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina eine eindeutige Tendenz zur sozialen Spaltung, die auf den Schock der Naturkatastrophe folgte: Während wohlhabende Bewohner sich schnell in Sicherheit bringen und sich Hotelzimmer leisten konnten, mussten die armen – meist schwarzen – Bevölkerungsschichten in großen öffentlichen Notunterkünften Vorlieb nehmen. Ähnliches galt auch für die medizinische Versorgung, die für die Armen nur noch rudimentär funktionierte.

Für diese Polarisierung spricht überdies, so Klein, folgende Tatsache: Die verwüstete Stadt und die Tatsache, dass die Bewohner sich um andere Dinge sorgten, wurden von Geschäftsleuten als Chance genutzt, das Bildungssystem der Stadt völlig neu zu organisieren. Ein Teil der Milliarden von Hilfsgeldern wurde nicht dazu genutzt, die zerstörten öffentlichen Schulen wiederaufzubauen. Vielmehr setzte man auf profitorientierte Privatschulen, die nun – nach den Aufbauarbeiten – die Mehrzahl der Bildungseinrichtungen in der Stadt ausmachen, die insbesondere die Kinder aus ärmeren schwarzen Bevölkerungsschichten benachteiligen.

Im letzten Kapitel unter dem Titel „Der Schock nutzt sich ab“ beschreibt Klein einen Trend, der sich besonders in Lateinamerika zeigt. Dort liegen die ökonomischen Schocks nämlich am weitesten zurück, sodass sich die dortigen Staaten am ehesten „erholen“ und wirksame Gegenmaßnahmen erarbeiten konnten. Um sich vor den mit den Schocks einhergehenden Gefahren für Wirtschaft und Gesellschaft zu schützen, setzen sie unter anderem darauf, ausländische Militärtruppen auszuweisen. Zum Zwecke der Unabhängigkeit von der nordamerikanischen und europäischen Wirtschaft bzw. von transnationalen Institutionen wie Weltbank oder IWF werden überdies auch regionale Freihandelszonen – wie die Bolivarische Alternative für die Völker unseres Amerika, kurz: ALBA – eingerichtet, die auf Solidarität unter den Mitgliedsländern basieren. Die wichtigste Gegenbewegung zum Katastrophen-Kapitalismus-Komplex sieht Klein zudem in dem Willen vieler betroffener Bürger, sich zusammenzuschließen und, wie es Bewohner aus New Orleans getan haben, bestimmte Bereiche ihrer zerstörten Stadt wiederaufzubauen. Der Trend geht dabei weg von fremdbestimmter Privatisierung des Wiederaufbaus hin zu einem Gemeinschaftsgefühl und der Verarbeitung kollektiver Katastrophen.

Fazit

Man kann es meines Erachtens nicht anders beschreiben, aber Naomi Kleins Thesen schockieren! Aus Katastrophen, die unzähligen Menschen großes Leid bringen, einen Vorteil zu schlagen und damit Geschäfte zu machen, ist das eine - und wie ich finde schon verwerflich genug. Doch wenn alles, wie Klein es darlegt, überdies noch von langer Hand geplant ist (natürlich nicht die Naturkatastrophen, aber dafür ist der "Rettungsplan" schon lange vor jedem Desaster vorbereitet), dann fehlen einem die Worte. Das Buch bietet einen interessanten Blick auf die Milliardengeschäfte, die im Zuge der letzten Jahrzehnte auf Kosten von Millionen von Menschen geschlossen wurden. Dabei bietet Klein auf den insgesamt 768 Seiten noch deutlich mehr Beispiele als ich in meinen Ausführungen gebracht habe. Ich muss allerdings gestehen, dass ich dabei auch vieles übersprungen habe, da die zentrale These von vielen Beispielen des Buches immer wieder aufgegriffen und unterstrichen wird. Nichtsdestoweniger lohnt sich die Lektüre, zumal Naomi Klein eine flüssige Sprache findet, die mit den Betroffenen mitfühlen lässt: So lässt sie etwa Opfer des Hurrikans Katrina zu Wort kommen und ihre Erfahrungen aus deren Perspektive schildern und vermittelt ihre Thesen auf eine derart mitreißende Art und Weise, dass man schwer von dem Buch loskommt.
Gelegentlich muss man aber aufpassen, nicht zu sehr vom manchmal doch sehr reißerischen Stil ergriffen zu werden. Denn mitunter fühlt man sich vielleicht schon etwas zu sehr in eine große Verschwörungstheorie des Kapitalismus hineingezogen und kann nicht immer glauben, dass wirklich alles, was der Kapitalismus zutage gefördert hat, Teil eines groß angelegten Komplotts sein kann.

Aufgrund der sehr interessanten Einblicke, die man durch dieses Buch über den Neoliberalismus und seine teils sehr perfiden und menschenverachtenden Methoden erhält, empfehle ich euch dringend, es selbst mal zu lesen und verteile 4 Sterne!

Es grüßt,
euer maphyou (der sich stets über interessante Kommentare und tolle Bewertungen freut ;) )

PS: Für einen kleinen Vorgeschmack, schaut euch diesen Trailer zum Buch an. Sehr gelungen, aber auf keinen Fall etwas für schwache Nerven!!!

http://www.youtube.com/watch?v=aSF0e6oO_tw

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yesup

yesup

25.03.2010 08:24

ufa puha klingt doch richtig gut

dickdonos

dickdonos

14.02.2010 17:36

BH am Sonntag, LG

fredbaer

fredbaer

09.02.2010 10:01

Eine außerordentlich interessante Buchrezension. Dafür lege ich mal ein BH zwischen die Seiten.

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