Die Soldaten. Eine Komödie. / Lenz, Jacob Michael Reinhold

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- hat sich Jacob Michael Reinhold Lenz mit "Die Soldaten. Eine Komödie." im Jahre der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erlaubt. Und das Stück selber ist wohl auch als eine Art Unabhängigkeitserklärung zu verstehen, und zwar sowohl von den aristotelischen Einheiten (nämlich der des ... Bericht lesen





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Ein starkes Stück!
Erfahrungsbericht von logan über Die Soldaten. Eine Komödie. / Lenz, Jacob Michael Reinhold
10. Juli 2003


Produktbewertung des Autors:   

Niveau: anspruchsvoll 
Unterhaltungswert: hoch 
Spannung: durchschnittlich spannend 
Humor: wenig humorvoll 
Aufmachung: schön 

Pro: "Funken gesunder Vernunft und richtiger Menschenkunde", "treue Nachahmung der Natur", "shakespearisch", "dramatisches Genie"
Kontra: "Unflätereyen" (?), "Ungebundenheit seiner Dichtungskraft" (?), "Ungezogenheit des Dialogs" (?), "Verfall" (?)

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht


- hat sich Jacob Michael Reinhold Lenz mit "Die Soldaten. Eine Komödie." im Jahre der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung erlaubt.
Und das Stück selber ist wohl auch als eine Art Unabhängigkeitserklärung zu verstehen, und zwar sowohl von den aristotelischen Einheiten (nämlich der des Ortes, der Zeit und der Handlung) , als auch von dem, was seine Zeitgenossen für eine Bühnendarstellung als ziemlich erachteten.


INHALT:

Lenz' Stück erzählt über einen längeren Zeitraum hinweg die Geschichte von Marie Wesener, einer jungen Bürgerstochter, der vom liederlichen Baron Desportes Avancen gemacht werden.
Ihre Eltern warnen sie einerseits eindringlich davor, sich irgendwelche Ilusionen zu machen und ob oberflächlicher Flirtereien ihren guten Ruf zu riskieren - andererseits wären sie einer Aufstiegsehe aber gar nicht so abgeneigt.
Marie ist wohlbehütet, naiv, unerfahren, lebensfroh - und vor allem ohne jegliches Selbstbewusstsein. Und so wird sie im Verlauf des Stücks zum Spielball ihrer Gefühle und von allerlei Charakteren, die es mehr oder auch eben weniger gut mit ihr meinen...
Den Tuchhändler Stolzius, mit dem sich erste Anbändelungen ergeben hatten, weist sie schließlich zugunsten Desportes' ab, der (selbst in Schulden geraten) sie jedoch sitzen lässt und auch dem Vater noch einen Batzen Geld schuldet. Vater Wesener übernimmt zunächst sogar noch gutgläubig die Schulden des Adligen, doch dieser bleibt verschollen. Desportes gelingt es danach immer wieder, mehrere Briefe an seinen Vater (in denen Wesener das Heiratsversprechen einzufordern sucht) abzufangen. Gegenüber Marie spielt er jedoch den Unschuldigen; diese fügt sich einmal mehr dem Schicksal, weiß sie sich doch nicht zu helfen.
Diverse Offiziere der vor Ort liegenden Garnison versuchen nun, sich Marie anzunähern - doch aufgrund der offiziell noch bestehenden Verbindung zu Desportes bleibt es bei unverbindlichem Geplänkel - keiner von ihnen schickt sich an, ihr einen Antrag zu machen. Desportes lässt allerdings gegenüber einigen Vertrauten durchblicken, dass er nicht mehr an "seiner" Marie interessiert ist. Er will Marie loswerden, ohne dass es zu einem offenen Bruch kommt und sein Vater etwas von seinem Verhalten erfährt. Inzwischen haben die Leute längst begonnen, über Marie zu tuscheln. Deren eifersüchtige Schwester Charlotte schimpft diese im Privaten ebenfalls eine Soldatenhure.
Die Gräfin de la Roche nimmt Marie schließlich in ihre Dienste, um deren Ruf wiederherzustellen und ihr aus ihrer verfahrenen Situation zu helfen. Allerdings handelt sie dabei nicht ganz so uneigennützig, wie sie tut; handelt es sich dabei doch um das Einlösen eines Versprechens, das sie ihrem Sohn gegeben hat, damit dieser sich aus Maries Dunstkreis fernhält.
Als die von der Gräfin wie in einem Kloster gehaltene Marie vom Aufenthaltsort Desportes erfährt, macht sie sich sogleich auf den Weg, ihn zu besuchen.
Derweil hat sich der verschmähte Stolzius den Soldaten angeschlossen, und zwar als Stiefelknecht des Offiziers Mary, welcher sich ebenfalls in Marie verliebt hat, sich aber aufgrund ihrer Verlobung mit Desportes zurückhält. Stolzius plant, an Desportes dafür Rache zu nehmen, dass er Maries Ruf zerstört hat.

Über das Ende gehe ich einmal hinweg und weise noch kurz auf die Nebenhandlungen hin, die nicht unbedingt zur Haupthandlung beitragen, dafür aber das Bild der Soldaten und ihres Milieus illustrieren und insofern auch nicht ganz unwichtig sind:
Da sind einmal die Plänkeleien zwischen Marie und ihrer Schwester Charlotte, bei denen man wie auch in den "familiären" Szenen im Allgemeinen, einiges über die bürgerlichen Moralvorstellungen erfährt.
Dann gibt es eine Szene, in der sich der Militärpfarrer mit den Soldaten, darüber streitet, ob Huren als Huren geboren werden, oder zu solchen gemacht werden. Interessant ist dabei die Rüpelhafte Darstellung der Soldaten, die selbst den Gottesmann verhöhnen.
Und nicht zuletzt spielen im Stück die Szenen ein nicht unwesentliche Rolle, in denen die Soldaten sich untereinander derbe Streiche spielen, zu deren nichtsoldatischen "Kollateralopfern" ausschließlich Vertreter von sozialen Randgruppen (ein Jude und eine alte Witwe) zählen.


ERZÄHLWEISE:

Nicht nur die Akte sind uneinheitlich, gerade auch ihre Szenen sind recht wild aneinandergereiht; teilweise werden den Zuschauern (und den armen Bühnenarbeitern!) kürzeste Szenen, die an völlig unterschiedlichen Orten spielen oder zeitliche Brüche darstellen, in rasant fliegendem Wechsel um die Ohren gespielt.

Zusammen mit den Charakterdarstellungen, die sozusagen den Realismus(!) vorwegnehmen, entsteht so nicht nur ein formal revolutionäres Theaterstück, sondern vielmehr ein vielschichtiges und kritisches Sitten-Panorama mit einer geradezu atemlos vorangetriebenen Handlung.

Die für heutige Verhältnisse recht konventionelle Geschichte wurde von Lenz also erstaunlich modern dargestellt.
So wirken die Charaktere auch nicht als die rein funktionalen ideologischen Abziehbilder, wie das im bürgerlichen Drama in seiner schaleren Ausprägung, zumindest für heutige Leser / Zuschauer, doch schon mal der Fall sein kann. Stattdessen ist "Die Soldaten" ein sehr lebendiges und, von einigen komödiantischen Elementen einmal abgesehen, ernstes Stück.

MEINE BEWERTUNG:

Alleine der Untertitel "Eine Komödie" muss seinerzeit eine Provokation dargestellt haben.
Denn mitnichten stellt "Die Soldaten" das dar, was man gemeinhin unter einer Komödie versteht. Vielmehr handelt es sich um eine kritische Darstellung der Gesellschaft, die satirische Elemente enthält. Ich nehme stark an, dass die (zudem ja stark gebrochene) Formel der (von den seriöseren Figuren des Stücks übrigens zumindest in ihrer zeitgenössischen Ausprägung immer wieder als lasterhaft gebrandmarkten) Komödie dem Autor lediglich als eine Art Freibrief diente, heikle Themen aufs Parkett zu bringen und die wahre Position Lenz' notdürftig zu verschleiern. Denn das Stück gipfelt schließlich in der grotesken Moral eines Soldaten, der König möge Prostitutionsregimenter gründen lassen, damit die Beschützer der äußeren Sicherheit forthin die innere nicht mehr störten, "und in der bisher durch uns zerrütteten Gesellschaft Fried' und Wohlfahrt aller und Freude sich untereinander küssen."

Als Fazit kann ich nur sagen,
dass ich recht erstaunt war, dass Lenz schon in dieser Zeit solch ein modernes Stück geschrieben hat,
und dass ich mir gewünscht hätte, eben dieses in der Oberstufe im Deutschunterricht zu lesen (anstelle Büchners halbfertigem "Woyczek", der ein ähnlich gelagertes Thema mit Charakteren, die entweder blass blieben, oder aber absurd überzeichnet waren, weitaus plumper erzählt).

ZEITGENÖSSISCHE PRESSESTIMMEN:

"Abermals ein buntscheckiger Cento unzusammenhängender Scenen und zerstückter Gruppen
[...] sind die geringen hervorschimmernden Funken gesunder Vernunft und richtiger Menschenkunde gegen die bis zur Frechheit getriebene Ungebundenheit in Ansehung des sittlichen Wohlstandes kaum in Anschlag zu bringen; des vielen Leeren Müßigen, und Unnützen nicht zu gedenken, das eine vorsetzliche unverzeihliche Nachlässigkeit des Verf. gegen seine Leser verräth.
[...] Ueberhaupt hätte der Verf. vor so vielen unverschämten Ausdrücken, die in diesem Schauspiele vorkommen, erröthen sollen [...] so vieler einzelnen Unflätereyen nicht zu gedenken.
[...] Was kann ärgerlicher seyn, als die Scene in des Juden Hause, die erste im dritten Akt?
[...] Der Verf. verdiente an dem Theile seines Gesichts, der am meisten hervorragt, die Federkraft der Finger jedes Vorübergehenden zu fühlen, bis er merkte, daß ein Knabe - einem Manne Ehrfurcht schuldig ist."

Johann Joachim Eschenburg, in: 'Allgemeine deutsche Bibliothek[...]', Bd. 34, Vol. 2, Berlin & Stettin 1778, S. 489-491.

> Dieser Rezensent hatte zwar offensichtlich das Stück nicht verstanden, dafür aber wohl einen herrlich geraden Stock im Hintern. *g* <


"[...] so glänzt doch Herrn Lenzens Originalgenie in Zügen der wahren Natur, in unnachahmlicher Naivetät, in beneidenswerthem Dialog. Er hat sich hier keine grossen, keine sehr zusammengesetzten Charaktere gewählt: aber die, die er vorführt, so dargestellt, daß sie Leib und Leben haben."

Christian Heinrich Schmid, in: 'Almanach der deutschen Musen auf das Jahr 1777', Leipzig 1777, S. 64f.

> Wahre Worte... <


"Man kann die Personen nicht natürlicher, denn er, sprechen lassen, alle ihre Ausdrücke haben eine so grosse Wahrheit, daß man schwören sollte, er habe ihnen hinter dem Schirme zugehöret und nachgeschrieben. Auf der einen Seite zu treue Nachahmung der Natur; auf der andern zu grosse Entfernung von ihr, und zu viele Ungebundenheit seiner Dichtungskraft.
[...] Wenn Marie ganz berauschet von der ersten gesehenen Comödie zu ihrem Vater taumelt und ihrer wollustreichen Empfindung nur durch einzelne Ausbrüche Luft machen kann, wer wird sich da nicht selbst fühlen."

'Breslauische Nachrichten von Schriften und Schriftstellern', Breslau, 3.8. 1776, S. 226ff.

> Zu damaligen Zeiten müssen diese "Comödien", dem darüber entbrennenden Streit im Hause Wegener nach, schwer jugendgefährdende Teenie-Blockbuster gewesen sein... <


"Bey vielen Scenen schaudert man wohin die Menschheit verfallen ist, und kann doch nicht sagen, daß sie im geringsten übertrieben wären, wie denn in dem ganzen Stück überaus viel Wahrheit und Darstellung lebendiger Natur (wärs doch nicht Natur!) herrschet. - Uebrigens ist es ganz wieder in dem mit Macht Mode werdenden Ton von Theatersachen einer gewissen Schule, die die Fesseln der Regel abgeworfen hat, und denen freylich bis zur Pedanterey gemißbrauchten Einheiten Trotz geboten hat.
[...] in welchem zwey bis drey Begebenheiten zur eigentlichem Sache nicht gehören, und des Plans unbeschadet, wie hier die Scene mit dem Feldprediger, und die mit dem Juden, weggestrichen werden könnten [...] Aber man sagt uns das sey shakespearisch - und Shakespear soll doch ein grosser Mann gewesen seyn. Auch klingts gleich so neu, und wild - und unser Publikum hält gar viel auf den Ton den man angiebt. - So ists auch jetzt fast nothwendig, wie es scheint, niedrige Worte aus der Sprache des Pöbels oder pöbelhaften Adels [!] auf der Bühne schallen zu lassen, daher man sich denn auch nicht wundern wird, hier und in vielen neueren Stücken, Worte zu finden, die man sonst gern in guter Gesellschaft vermeidet. Wir sind schon zu weitläufig geworden, sonst fragten wir noch gern, ob denn die unehrerbietige Einmischung mancher Religionsideen nothwendig zum Ton der Mode gehöre?"

'Hallische Neue Gelehrte Zeitungen.', Halle, 27.6. 1776, S. 410ff.

> Wie so manches Magazin heute, setzte wohl auch Lenz schon damals auf eben die Dinge als Publikumsmagnet, die er eigentlich kritisierte. <


"Man bedarf sehr weniger Kenntniß von unserer neuen Litteratur, um nach Durchlesung einiger Seiten von dieser Schrift auf ihren Verf. zu schließen. - Der nemliche Plan, die nemliche Sprache, die nemliche Liebe zu paradoxen Meynungen, die nemliche Art zu enden, die nemlichen Ausfälle auf diesen oder jenen berühmten Mann, die gewöhnlich die Arbeiten des Herrn Lenz charakterisieren. - Wir verkennen keineswegs sein dramatisches Genie; er würde viel, sehr viel leisten, wenn nicht Neuerungssucht und Anhänglichkeit an eine gewisse Parthey ihn trieben. [...] von der, beynahe möchte man sagen, Ungezogenheit des Dialogs, mag folgende Stelle zeugen. Charlotte sagt von ihrer Schwester (S.27): >>Das ist alles das Maedel Schuld! die Gottvergeßne Alleweltshure will honette Mädels in Blame bringen, weil sie so denkt.<< Freylich mag so etwas oft genug wirklich gesagt werden; aber Herr Lenz weiß doch wohl längst, daß nicht alles und jedes sich fürs Theater schickt, was in der Natur da ist? - Auch beleidigt die Ungleichheit von Haudy's und Mary's Charakter; sehr gut hingegen gefällt uns die Vergiftungsscene im letzten Akt."

'Neue Zeitungen von Gelehrten Sachen. Auf das Jahr 1776', No. XXXV, Leipzig, 29.4. 1776, S. 280.

> Aha: Derbe Sprache ist pfui, Gewalt und Tod für einen höheren Zweck dagegen cool. Ähnlich sehen es heute ja auch FSK & Bundesprüfstelle... <


"Der Verfasser hat seine Scenen Pelemele durch einander geworfen, sie gleichsam aus einem Glücksrade herausgezogen, und so ohne einigen Zusammenhang hingeschrieben. [...] Mit jeder Scene verändert sich der Schauplatz. Ob er etwan, mit vielen andern neuern Comedienschreibern meynt, daß man sich dadurch der Natur nähere? Die Herren irren sich gewaltig. Möchten sie den Terenz und Moliere studiren, so würden sie von dem Gegentheile überzeugt werden. Bequemlichkeit hat die Regel der Einheit des Ortes zu verdrängen gesucht; eine Regel, die in der Natur der Sache gegründet, da es hingegen höchst unnatürlich ist, von einem Orte zum andern, gleichsam durch die Luft versetzt zu werden. [...] Die in dem Stücke vorkommenden Officiers sind, den einzigen Obersten Spannheim und einen metaphysischen Narren ausgenommen, die liderlichsten Kerls, mit welchen ein Officier, der nur etwas Ehre hat, umzugehen sich schämen muß. Einen Plan des Stücks werden unsre Leser nun wohl nicht von uns verlangen, es hat keinen [...] Wie sehr bedauern wir den Verfall, worinn unsre Bühne auf diese Weise, und durch ungeheure Schauspiele von der Art gerathen muß! Wie beneidenswürdig sind unsre Nachbaren, die Franzosen, die alles von ihrer Bühne entfernen, was Geschmack, Wohlstand und Sitten beleidigt"

'Neueste Critische Nachrichten', Bd. 2, Greifswald, 14.9. 1776, S. 294f.

> Wer schon diese lineare Story nicht versteht, ist dann bei Pulp Fiction endgültig abgehängt. Aber wer will solchen Schund auch sehen? Da müsste man mal hart durchgreifen, schließlich grenzt diese liederliche Darstellung unserer ehrenhaften Wehr... -äh- Staatsbürger in Uniform schon an Wehrkraftzersetzung. Wenn das der Verteidigungsminister wüsste... <

SPECIAL FEATURES:

Ich kann jedem nur empfehlen, sich die im Jahre 2001 von Christoph Weiß im Röhrig Universitätsverlag herausgegebene Ausgabe zu besorgen.
Bei dieser handelt es sich nämlich um einen Faksimile-Druck der Leipziger Originalausgabe von Weidmanns Erben und Reich aus dem Jahre 1776.
Außerdem findet man im Anhang sämtliche Rezensionen, die ich oben in Auszügen zitiert habe, (in moderner Type) komplett abgedruckt.

ISBN 3-86110-071-1

 

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