100 Jahre Familiengeschichte (3)
12.01.2003
Pro:
Kreise schließen sich
Kontra:
Geschichten wieder holen sich
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 LeaofRafiki
Über sich:
Neues unter leamom.blogspot.de - Füchschen ist am 08.03.11 morgens um 4:30 Uhr bei meiner Tierärztin...
Mitglied seit:13.07.2000
Erfahrungsberichte:733
Produktvideos:1
Vertrauende:211
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 103 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Im letzten Band von Charlotte Links Trilogie „Die Stunde der Erben" findet unter anderem eine Aufarbeitung der Geschichte statt. Nein, nicht unbedingt die der Felicia geborene Degnelly, geschiedene Lombard, verwitwet Lavergne, sondern die ihrer Zeit. Zum einen an der Figur von Sigrid, Felicias Enkelin, der Tochter ihrer Tochter Susanne Veltin, die mit dem als Kriegsverbrecher hingerichteten Hans Veltin verheiratet war, zum anderen quasi als Nebenhandlungsstrang, der dennoch großen Raum einnimmt, an der Figur des Markus Leonberg, der in den Selbstmord getrieben wurde, quasi als späte Rache für gedankenlos-unmenschliches Verhalten während der Wirtschaftswunderjahre. Ich muß zugeben, daß mich die Geschichte der Sigrid, Tochter eines eingefleischten Nazis, die fast am Schweigen in der Familie über die Untaten und die Verurteilung ihres Vaters innerlich erstickt und verkümmert wäre, sehr berührt hat (die andere hingegen weniger, weshalb ich nicht weiter darüber schreiben werde). Sie lebt die Schuldgefühle der Generation vor ihr - bzw. sie lebt-nicht oder nur unter eine Glasglocke, die keinen Raum für tiefe Gefühle läßt, und kann aus diesen erst erlöst werden, als sie den Mut findet, darüber zu sprechen, den Mut, sich mit Menschen, die entweder selbst den Holocaust überlebt haben oder aber deren Nachfahren sind, zu konfrontieren. Ausgelöst wird dieses sich Herausschälen aus der nicht-selbstverursachten Schuld durch eine Begegnung mit dem schon sehr alten Martin Elias bei Felicia. Die beiden finden einen Draht zueinander und Martin lädt sie nach Israel ein, wo er lebt. Dort lernt sie bei einem Ausflug in die Wüste Jonathan David kennen, einen ehemals polnischen Juden. An ihrer Angst für die Verbrechen ihres Vaters verurteilt zu werden, zerbricht die Beziehung fast, an der Gnade seines Verständnisses kann sie genesen. „All die Jahre hast du diese Angst mit dir rumgeschleppt?", fragte er ungläubig. „Diese panische Angst, dein Vater könnte uns auseinanderbringen?" „Du bist Jude. Polnischer Jude. Deine ganze Familie ist umgekommen. Ich dachte, du würdest mit meiner Vergangenheit nicht leben können." (S. 486) „Liebling, du bist mir wichtig, du bist mir wichtig, nicht dein Vater", sagte er, „und du bist ein völlig eigener Mensch. Vielleicht hast du seine Augen geerbt oder seine Nase, ich weiß es nicht, aber mit Sicherheit nicht das, was ihn zu einem Schergen Hitlers gemacht hat. So etwas wird nicht weitergegeben. Du hast nichts davon in dir. Du kannst der Gestalt deines Vaters sachlich und offen gegenüberstehen. Verdränge ihn nicht länger. Nur deswegen bekommt er so schrecklich viel Gewicht." (S.488) Und Sigrid blüht auf, aus dem grauen, häßlichen Entlein, wird eine attraktive, selbstbewußte Frau - im Gegensatz zu ihrer Mutter Susanne, die bei dem Gedanken einen Juden zum Schwiegersohn zu bekommen, zur Salzsäule erstarrt und, darüber schweigt sich Charlotte Link aus, es wahrscheinlich aber nicht fertig bringt, zur Hochzeit ihrer Tochter nach Israel zu reisen.Die Überlebenden der beiden vorherigen Romane haben Federn gelassen, Belle, die schöne Belle, die unbedingt Schauspielerin werden wollte, ist Alkoholikerin geworden, Maksim Marakow, Felicias zweite große Liebe, in Ost-Berlin lebend, ist krebskrank, und Julia, die Tochter von Felicias Cousine Nicola, die als Seniorin ausreisen durfte, vertrocknet in der DDR. Ansonsten plätschert dieser dritte Band in gewohnt brillianter Manier durch die Jetzt-Zeit, wurde für mich zu einer Art Zeitreise durch meine eigene Jugendzeit. Die Siebziger Jahre, Nachwehen der Flower-Power-Bewegung, die RAF-Zeit, Geburt der Umwelt- und Tierschutzaktivisten, die achtziger Jahre mit dem krönenden Abschluß der Widervereinigung Deutschlands, vielleicht zu nahe, um wirklich zu bewegen, oder einfach nicht von wirklich tiefgehenden Ereignissen geprägt wie die Epoche des mittleren Bandes... Die junge Generation durchlebt wie die vorigen Höhen und Tiefen, Verwicklungen im Beruf und in der Liebe, spannend zu lesen, gewiß, doch wenig Spuren in meiner Erinnerung hinterlassend, sobald das Buch ein paar Tage in der Ecke liegt. Da ist Chris, dem Enkel Felicias, Sohn von Belle und Andreas, der mit seiner Schwester Alex zusammen in den USA aufgewachsen ist und eigentlich von Felicia als Nachfolger in ihrer (wieder) florierenden Firma auserkoren war. Aber hier prall(t)en Welten aufeinander. Der langhaarige junge Jura-Student, der lieber zu Demonstrationen ging als mit Schlips und Kragen hinterm Schreibtisch über Bilanzen zu hocken, auf der einen Seite und die Grande Dame ostpreußischen Landadels auf der anderen. Doch auch er wird erwachsen, wird ein Anwalt der Entrechteten. Im Gegensatz dazu Alex, Chris Schwester, die - wieder einmal - eine starke, vom Leben gebeutelte Frau - letztendlich Felicias Nachfolgerin wird. Da ist Steffi, die Tochter von Julia, der mit ihren Kindern im zweiten Anlauf die Flucht aus der DDR geglückt ist, die aber diesen „Verrat" ihrer Mutter nicht verwinden kann und ins Drogenmilieu abrutscht. Im Taumel des Lesens, ich habe ja alle drei Bände nahtlos hintereinander weg gelesen, ist es mir gar nicht so aufgefallen, zu sehr gefesselt war ich, stand ich unter dem Bann, die Geschichte der Felicia und ihrer Familie weiterverfolgen zu wollen, doch jetzt im Nachhinein merke ich, daß ich diesen letzten Band sehr zwiespältig betrachte. Die Geschichten wiederholen sich scheinbar, nicht, daß sie dadurch langweilig werden, eher ist es so, daß sie sich abnutzen... Ein „alles schon mal dagewesen", unter viel schwierigeren Vorzeichen, unter gefährlicheren Umständen, läßt die von Charlotte Link ihren Figuren aufgedrückten Probleme für mich in einem anderen Licht erscheinen. Gewiß ist die Flucht Julias mit ihren Kindern aus der DDR über die tschechische Grenze gefährlich gewesen, doch was im Vergleich zu der dramatischen Flucht Felicias Jahre zuvor aus Ostpreußen... Gewiß ist das Leben in der DDR nervtötend und aufreibend gewesen, doch was gegen das im dritten Reich? (Ich hoffe, ich trete damit nun niemandem auf die Füße...!) Gewiß sind alle Probleme, die die Protagonisten dieses Romans durchleben für sich genommen schwierig zu bewältigen gewesen, doch was gegen die der vorherigen Generationen?So kommt es, daß ich diesem letzten Band der Trilogie etwas ratlos gegenüberstehe. Allein für sich genommen wäre er kein Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen könnte, aber im Zusammenhang mit den beiden vorherigen gesehen doch wieder ja, gehört er dazu wie die Prämissen des ersten Bandes „Sturmzeit", hier nun als Abgesang nach einer großartigen Mitte voller „Wilder Lupinen"... Es schließen sich Kreise, die eben ihre Wurzeln in den vorherigen haben, und dies zu lesen, versöhnt. Es tut gut zu sehen, daß Lebenswege, so verschachtelt sie auch sein mögen, letztendlich einen Sinn aufweisen, daß Familien, so dezimiert und zerrissen, so widersprüchlich in ihren Mitgliedern sie auch sein mögen, letztendlich einen Zusammenhalt bieten, besser, geboten haben - und das ist wohl die Essenz dieses Buches: die Auflösungserscheinungen, gegeben durch den nagenden Zahn der Zeit, von Großfamilien wie der einer Felicia Lavergne, sind unübersehbar, spürbar, doch auch wenn ein Festhalten an den Traditionen einen scheinbaren Aufschub bedeutet, so wird doch deutlich, daß das Alte vorbei, Vergangenheit ist, ein Neues aber noch nicht geboren ist. Am Ende eines langen, 94 Jahre dauernden Lebens, zieht sich die Grande Dame aus allem heraus und von allem zurück. Sie hinterläßt ein „zweites Lulinn" am Ammersee, das doch niemals das sein kann, was Lulinn für sie persönlich war, und ihre Enkel besuchen die Reste dessen, was eben dieses Lulinn einmal war, finden nur noch Ruinen vor... „Aber es war richtig gewesen herzukommen, so wie es richtig war, nun wieder zu gehen. Sie hatte einen Blick in eine Zeit geworfen, die weit zurück lag, und es kam ihr vor, als sei sie dort auch einem Teil ihrer selbst begegnet. Felicias Wurzeln waren auch die ihren. Es schienen ihr überaus tragfähige Wurzeln zu sein, tief und fest und durch nichts zu erschüttern. Die Frage blieb, ob sie sich als stark genug erweisen würden, nachfolgenden Generationen Kraft zu verleihen. Die Antwort darauf würde nur die Zeit geben würden." (S. 541) Mit diesen Gedanken von Alex, der Enkelin von Felicia, schließe ich meineGedanken zu Charlotte Links Trilogie ab. Charlotte Link: Sturmzeit - Wilde Lupinen - Die Stunde der Erben je als Taschenbuch bei Goldmann/Blanvalet erschienen © LeaofRafiki 12.01.2002*************************************************** ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick regelmäßig bei Ciao, häufig bei Yopi, ab und an bei talkon, nach dem Relaunch selten Dooyoo, und noch seltener bei Ecomments, Griasdi oder gar Hitwin *grins*
Preisvergleich
sortiert nach Preis
|
Die Stunde der Erben : Roman. - Charlotte Link
Taschenbuch, RM Buch und Medien,
|
€ 7,95
Händler kann Preis erhöht haben |
157 Bewertungen
|
Versandkosten: EUR 3,21
Verfügbarkeit: Versandfertig in 1 - 2 Werktagen...
|
zum Shop
Amazon.de Marketplace Bücher
|
|
Die Stunde der Erben - Charlotte Link
Ihre große Sturmzeit-Trilogie - jetzt im Blanvalet-Taschenbuch!Deutschland in ...
|
€ 8,95
Händler kann Preis erhöht haben |
207 Bewertungen
|
Versandkosten: EUR 0,00
Verfügbarkeit: Sofort lieferbar
|
zum Shop
Buch.de
|
|
Die Stunde der Erben - Link, Charlotte
Taschenbuch, 544 S., Roman, Erschienen: 2010
|
€ 8,95
Händler kann Preis erhöht haben |
22 Bewertungen
|
Versandkosten: versandkostenf...
Verfügbarkeit: sofort lieferbar
|
zum Shop
Buch24
|
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Mehr über dieses Produkt lesen
Das könnte Sie interessieren
Verwandte Tags für Die Stunde der Erben - Roman / Charlotte Link
|
|
07.08.2003 00:37
Toller Bericht zu einem tollen Buch. Und ich bin auch deiner Meinung, was die Geschichte um Sigrid angeht. Ich fand sie in diesem Buch auch eine der sehr interessanten und habe mich beim Lesen schon fast immer "gefreut", wenn die Geschichte wieder nach Israel gesprungen ist, um dort das Leben von ihr zu beschreiben... LG, tylerfan
19.01.2003 11:44
Von Charlotte Link habe ich wohl alles gelesen! Sie schreibt spannend, auch wenn sich die Stories ähneln. Gruß
16.01.2003 09:04
Dito zu dahmane. ;o)