Erfahrungsbericht über

Die Wanderhure / Iny Lorentz

Gesamtbewertung (49): Gesamtbewertung Die Wanderhure / Iny Lorentz

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Prämierter Erfahrungsbericht

Ein Blick in die menschlichen Abgründe

5  03.12.2004

Pro:
Ein mittelalterlicher Reigen mit faszinierenden Einblick ins Leben der Hübschlerinnen

Kontra:
Seltsam klingende altdeutsche Namen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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silviadora

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:37

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 107 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

An dieser Stelle sei zunächst noch einmal erwähnt, dass ich eine große Vorliebe für historische Romane habe. Allerdings waren die bisherigen Handlungsorte fast ausschließlich Großbritannien, insbesondere mein geliebtes Schottland.
Nun, diesmal zog mich das Geschehen nach Deutschland und ich war gespannt, etwas über das mittelalterliche Deutschland zu lesen.

Autorin:

Iny Lorenz wurde in Köln geboren und ist bekannt durch zahlreiche Kurzgeschichten, sowie ihre Romane „Die Kastratin“ und „Die Goldhändlerin“. Nachdem sie in verschiedenen Berufen gearbeitet hat, ist sie heute für ein Münchner Unternehmen als Programmiererin tätig.

Hintergrund der Handlung:

Vor dem historischen Hintergrund des Konstanzer Konzils, im Jahre 1410, spielt sich der Lebens- und Leidensweg der jungen Marie Schärer ab.
Das Konstanzer Konzil wird einberufen, um die prekäre Lage im Heiligen Römischen Reich der Deutschen, sowie die der katholischen Christenheit zu entwirren.

Die Vettern Sigismund und Jobst von Mähren streiten unerbittlich um das Erbe des verstorbenen König Ruprecht.
Doch viel problematischer stellt sich die Situation der Christenheit dar, denn hier streiten sich gleich drei Päpste um das höchste Amt der katholischen Kirche: Gregor XII. in Rom, Benedikt XIII. in Avignon und Johannes XXIII. in Pisa.

Während dieser Machtkämpfe erleidet der Klerus einen Niedergang unter den Bischöfen und Mönchen, insbesondere im Sinne der Moral.
In den Wirren der Zeit überschlagen sich die Ereignisse nicht nur im weltlichen Rahmen.

Genau hier ist die Geschichte über die Wanderhuren angesiedelt, die so genannten Hübschlerinnen.
Eine davon ist Marie Schärer, eben noch eine engelsgleich, schöne und gebildete Bürgerstochter und im nächsten Moment eine Hübschlerin die einem Racheengel gleicht.

Der Inhalt in Kürze:

Maries Vater ist überglücklich, als der junge, angesehene Graf Ruppert um die Hand seiner schönen Tochter anhält. Er ahnt nicht, dass der junge Adlige es nur auf das Vermögen seiner Braut abgesehen hat. Marie und ihr Vater werden Opfer einer Intrige, die das Mädchen zur Stadt hinaustreibt und ihrem Vater das Leben kostet. Für Marie gibt es nur zwei Möglichkeiten: Sich das Leben zu nehmen oder ihr Leben als Wanderhure zu fristen. Sie lernt ihre Freundin Hiltrud kennen, eine erfahrene Dirne und entscheidet sich für das Leben – und die Rache.

Hauptpersonen:

Marie Schärer:
Brave Bürgerstochter, so wohlbehütet, dass sie schon naiv wirkt. Besonders zum Vorschein kommt diese Naivität, wenn sie Zeugin der schlüpfrigen Gespräche ihrer beiden Mägde Elsa und Anne wird. Marie ist ausgesprochen schön, hat hellblondes, hüftlanges Haar und kornblumenblaue Augen.

Mathias Schärer:
Maries Vater, Sohn eines freien Knechtes, der es zu Vermögen gebracht hat. Er ist zwar wohlhabend, doch gänzlich einflusslos, weil seine Nachbarn ihm das erworbene Bürgerrecht neiden. Die Aussicht seine Tochter mit dem adligen Grafen zu verheiraten, würde sein gesellschaftliches Ansehen endgültig festigen.

Magister Ruppertus Splendidus
Advokat und Bastard von Heinrich von Keilburg, vom Vater fast gänzlich ignoriert, hat er seine Kindheit mit harter Arbeit und magerer Kost, zusammen mit den Leibeigenen im hintersten Winkel der väterlichen Burg verbracht.

Mombert Flühi und Tochter Hedwig
Mathias Schärers Schwager, der sich nach dessen fragwürdigen Tod verzweifelt dafür einsetzt, dass Vermögen seiner Familie nicht in die Hände von Splendidus gelangen zu lassen. Dabei ruiniert er sich fast selbst und muss mit ansehen wie seine Tochter Hedwig in Gefahr läuft, dem gleichen Schicksal zu erliegen wie Marie.

Michel
Fünfter Sohn eines Schankwirts und Maries Freund aus Kindertagen. Da er im Ansehen weit unter dem Stand der Schärers steht, hat seine geheime Liebe zu Marie keine Chance.

Hiltrud
Eine erfahrene Dirne von ausgesprochen hochgewachsener Gestalt. Maries Freundin.

Ruppertus Kumpanen
Linhard der Schreiber, ein rattengesichtiger Intrigant, der als Brautwerber von Maries Vater abgelehnt wurde.
Utz, der Fuhrmann, ein grobschlächtiger Unhold mit wenig Verstand.
Euphenia, die Witwe wurde bezahlt, um Marie zu untersuchen und falsches Zeugnis über ihre Unschuld abzulegen.


Gerade mal 30 Seiten lang lässt Iny Lorenz den Leser in der heilen Welt und romantischen Sichtweise eines bürgerlichen Mädchens verweilen.
In freudiger Erwartung auf ihre bevorstehende Heirat mit dem hochangesehenen Grafen Ruppertus Splendidus, nimmt Marie die Warnung ihres Freundes aus Kindertagen kaum zur Kenntnis. Ihr entgeht sogar das Michel sie liebt, denn schließlich ist er als fünfter Sohn eines Schankwirts nicht mehr als ein Knecht. Lächelnd übergeht sie Michels Besorgnis und gibt sich den naiven Träumereien über ein Leben als Ehefrau mit dem von ihrem Vater als richtig befundenen Ruppert hin.
Der Rhythmus der Geschichte schlägt so schlagartig um, dass man als Leser kaum weiß, wie einem geschieht.
Mit einem Mal findet sich die unschuldige Marie in der Rolle des Opfers einer infamen Intrige wieder.
Sie wird von ihrem Bräutigam Ruppert beschuldigt keine Jungfrau zu sein und zwecks Beweisermittlung kurzerhand aus dem behüteten Hause ihres Vater, in einen finsteren Kerker befördert.
In dem naiven Glauben, dass sich dieser schreckliche Irrtum am nächsten Tag aufklären wird, gibt sie sich zunächst ihrem Schicksal ergeben hin.
Schließlich soll sie am Morgen von einer heilkundigen Frau untersucht werden.
Doch die Intrige hat längst eingeplant, wie sich die Tatsache vereiteln lässt, dass Marie unschuldig ist. Dafür sorgen, voller Inbrunst, der Kerkerwächter, Utz, der Fuhrmann und der windige Schreiberling Linhard. Die unerwartet brutale Vergewaltigung, wird bis ins intimste Empfinden von Marie so detailliert beschrieben, dass der Leser schier überwältigt ist.

Mit einem Mal befindet man sich im finsteren Mittelalter: Maries Unschuld wird am nächsten Morgen natürlich nicht bewiesen und somit steht ihr auch noch eine ungewöhnlich harte Auspeitschung bevor, die nicht weniger blutig und brutal abläuft. In Schimpf und Schande aus Konstanz vertrieben, irrt sie nun ziellos durch die Gegend. Michel, der ihr nach einiger Verzögerung folgt, wird von den Stadtwärtern auf eine falsche Fährte geschickt. Die absolute Hoffnungslosigkeit in der Marie sich fortan befindet, lässt den Leser mitleiden.

Maries Vertreibung ist nicht die einzige Szene, die einen Einblick in die unglaublichen Grausamkeiten des mittelalterlichen Lebens gibt. Die Geschichte gibt zahlreiche Informationen über das fragwürdige Rechtsverständnis der Menschen dieser Epoche. Einer Zeit in der öffentliche Bestrafungen am Pranger zur Belustigung des gemeinen Volkes dienen oder die Intrigen des Advokaten Ruppert, mit einem Streich das Leben des Bürgers Schärer und dessen Familie auslöschen.

Marie bricht völlig geschwächt am Wegrand zusammen, ohne das ein Vorbeireisender das blutige Bündel, dass einst ihr Körper war zur Kenntnis nimmt. Erst Hiltrud wird aufmerksam und nimmt Marie bei sich auf.
Die beiden Frauen werden Freundinnen und nach Maries Genesung auch Kolleginnen. Die beiden Hübschlerinnen geben ein bemerkenswertes Duo ab, zum einen aufgrund Maries Schönheit und zum anderen wegen Hiltruds Körpergröße.
So heben sie sich von den weit verbreiteten Pfennigshuren ab und könnten mit ihren Einnahmen bald ein friedliches Leben führen. Wäre da nicht Maries brennender Hass und Rachedurst auf ihren ehemaligen Bräutigam, den sie bis zum Schluss konsequent beibehält.

Während Marie und Hiltrud Richtung Konstanz wandern, erleben sie zahlreiche Schicksalsschläge, die dem Leser immer wieder den Atem stocken lässt.
Obwohl sie Huren sind und am Rande des gesellschaftlichen Ansehens leben, sind es zwei starke und imposante Frauen, die ein Leben meistern, welches an Härte kaum zu übertreffen ist.
Mit Einsatz und Mut schaffen sie es, sich selbst unter „Blaublütern“ zu behaupten.
Die Monate die sie auf der Burg von Ritter Dietmar von Arnstein verbringen, nutzen sie geschickt, um Informationen über weitreichende, politische Intrigen zu sammeln.

Ebenso wird viel Interessantes über das Leben der Wanderhuren im Allgemeinen berichtet, z.B. das sie nie alleine reisten, sondern immer in großen Gruppen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt wanderten.
Sie waren verpflichtet sich gelbe Bänder an die Röcke zu nähen, um so für jeden sofort als Hübschlerin erkenntlich zu sein. Gleichzeitig dienten die Bänder als Schutz, denn einer alleinreisenden Frau, wäre es in diesen Zeiten weitaus schlechter ergangen.

„…so bunt, so aufregend, so prall wie das Mittelalter selbst.“

heißt es auf dem Cover des Buches.
Nun, mitunter es auch schon mal bunt zu, wenn man die närrische Mode der höheren Herren betrachtet: rot weiß gestreifte Wams´, blaue Beinkleider mit übertrieben großen Schamkappen und Hüte mit geckenhaften Federschmuck.
Oder vielleicht die Vielzahl der Hübschlerinnen mit ihren flatternden, gelben Rockbändern auf Jahrmärkten.
Ansonsten fühlte ich mich eher in eine dunkle Zeit versetzt, in der es vor Bösewichten jeder Art nur so wimmelt.
Facettenreich geht es hier über den lüsternen Mönch zum mädchenschändenden Bischof.
Von dem abgrundtief bösen Ruppert zum grobschlächtigen, hirnlosen Utz, wobei man bei den zuletzt genannten kaum entscheiden kann, welche Variation die gefährlichere ist.

Mein Fazit:

Ich denke, dass Marie ihr Wanderhurendasein nicht zuletzt wegen ihrer viel gepriesenen „engelsgleichen“ Schönheit so meistern konnte. Wäre Marie von durchschnittlichem Aussehen, hätte auch sie eher das Schicksal einer Pfennigshure erlitten. Es wäre ihr dann kaum möglich gewesen, so wählerisch bei der Wahl ihrer Freier zu sein und damit ein kleines Vermögen einzunehmen; geschweige denn die Chance zu erhalten, in höheren Kreisen zu arbeiten.

Ein hervorragender historischer Roman, dessen dunklen Seiten konform laufen mit einem Zeitalter, in dem Grausamkeiten an der Tagesordnung waren. Äußerst unterhaltsam (eben in jeder Form) für mich ein weiteres gutes Stück in meiner Sammlung.

Einzige (persönliche) Kritik:

Obwohl es sehr nett war, einen historischen Roman zu lesen, der in heimischen Gefilden spielt,

„…sie wanderten am Rheinufer entlang, Richtung Koblenz.“

fielen mir die meisten Namen der Personen unangenehm auf.
Es sind altdeutsche Namen, das ist richtig, dennoch war ich froh, dass die Heldin den einfachen Namen Marie trägt. Doch Namen wie Mombert Flühi, Ruppertus Splendidus oder Utz empfand ich schon etwas seltsam.

Dennoch, lesenswert bis hin zum Happy End…. Und das hat Marie sich redlich verdient.

copyrigt silviadora für ciao


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
p7184

p7184

25.06.2009 21:14

Das Buch liebe ich...Nur der Anfang ist sooo sehr grausam,als Marie in den Turm kommt usw...!!!!!gglg sophie

Sanchu111

Sanchu111

13.12.2007 21:23

Klasse Bericht! Wieviel kostet das Buch denn?

MissWorld

MissWorld

07.03.2007 23:35

toller bericht

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Eigentlich kann Wina stolz sein auf Marie. Als Maries Mutter im Kindbett starb, ...

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