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Über seine Hauptwerke "Die Strudlhofstiege" und "Die Dämonen" kann ich noch nichts aussagen: "Die Wasserfälle von Slunj" sind das erste Werk dieses Autors, dass ich gelesen habe...
Kurz vor seinem Tod plante Heimito von Doderer noch einmal ein großes Projekt, und zwar eine Romantetralogie ... Bericht lesen
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Erfahrungsbericht von sp_66 über Die Wasserfälle von Slunj / Doderer, Heimito von 15. Dezember 2002
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
durchschnittlich
Unterhaltungswert:
durchschnittlich
Spannung:
wenig spannend
Humor:
sehr humorvoll
Aufmachung:
ok
Pro:
stilistisch überzeugend, routiniert erzählt, ironische Distanz des Erzählers, austrisch gefärbt
Kontra:
fehlender Spannungsbogen, unzugängliche Charaktere, an der Grenze zum Trivialroman
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Der Autor Heimito von Doderer wurde 1896 geboren und gilt zusammen mit Broch und Musil als einer der bedeutendsten österreichischen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Über seine Hauptwerke "Die Strudlhofstiege" und "Die Dämonen" kann ich noch nichts aussagen: "Die Wasserfälle von Slunj" sind das erste Werk dieses Autors, dass ich gelesen habe...
Kurz vor seinem Tod plante Heimito von Doderer noch einmal ein großes Projekt, und zwar eine Romantetralogie mit dem Titel "Roman No.7". Offenbar hatte er sich jedoch überschätzt: Den ersten Teil (eben die "Wasserfälle") konnte er noch vollenden, 1966 starb er mitten über dem 2.Band ("Der Grenzwald"-Fragment)...
Da jedoch kein durchgehender Handlungsstrang zwischen den 4 Bänden vorgesehen war, ist dies nebensächlich und behindert die Lektüre der "Wasserfälle" keineswegs.
Aufbau: ********
In seinem letzten vollendeten Roman bewegt sich Doderer in Kakanien, also in der Zeit der k.u.k. Monarchie Österreich-Ungarn. Im Zeitraum zwischen 1877 und 1910 spielend, entwirft dieser Roman ein Bild der bald darauf untergehenden Donaumonarchie, eine Zeit, die mich sehr interessiert (vgl. "Der Mann ohne Eigenschaften" von Robert Musil).
In den "Wasserfällen von Slunj" wird kein spannender Handlungsstrang verfolgt und kein ergreifendes Einzelschicksal beschrieben; ganz im Gegenteil: Im unbeschwerten Ton werden die Erlebnisse der handelnden Personen aus der Distanz geschildert und deren Schicksal verfolgt und kommentiert. Da der Roman in ungefähr 150 Abschnitte gegliedert ist, die in der Länge stark schwanken (zwischen einer halben und mehr als 10 Seiten) liegt die Möglichkeit auf der Hand, die Erlebnisse und die Entwicklung sehr vieler verschiedener Personen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten zu verfolgen.
Basis für die geschilderten Erlebnisse und die beschriebenen Personen bilden im Übrigen stets Doderers Alltagsbeobachtungen, die er weiter verarbeitete (und akribisch in Tagebüchern notierte...)
Ganz nebenbei ergibt sich beim Erzählen somit ein plastisches Bild der damaligen Gesellschaft.
Inhalt: ******
Im Blickpunkt des Romans steht der gehobene Mittelstand, der sich gerade um die Jahrhundertwende in Österreich (wie auch in Rest-Europa) im Zuge der sich dynamisierenden Industrialisierung etablierte.
Am Anfang des Romans reist der Engländer Unternehmer Robert Clayton mit seiner Frau nach Wien, um dort eine Maschinenfabrik aufzubauen. (Die Firma Clayton ist im übrigen keine Erfindung Doderers, es existierte vor gut 100 Jahren tatsächlich die Firma Clayton-Shuttleworth, mit einer Filiale in Wien! Sie war eine der bedeutendsten Landmaschinenfabriken Südosteuropas und schloss sich später mit Hofherr-Schrantz zusammen...)
Auf jeden Fall wird die Firma ein voller Erfolg, und Roberts Sohn Donald – vom optischen her ein Klon des Vaters – wird später auch Teilhaber.
In dieser Firma arbeitet auch Chwostik, der Ingenieur (eine neue Berufsgruppe, die Doderer hier schildert), der ebenso eine zentrale Rolle spielt, wie die beiden Prostituierten Finy und Feverl (wunderbar naiv und pointiert geschildert) und viele weitere Personen, auf die alle einzugehen hier lediglich zu einer zerfahrenen und letzten Endes nichtsaussagenden Inhaltsangabe führen würde.
Denn was passiert weiter? Chwostik durchläuft einen inneren und äußeren Wandel vom armen und heruntergekommen lebenden fleissigen Arbeiter hin zum modisch gekleideten und selbstbewusst auftretenden Firmenmanager. Man verliebt sich (sowohl Robert als auch sein auf emotionaler Ebene äußerst lethargischer Sohn Donald verlieben sich in die gleiche Frau) und man erlebt hinter der Kulisse des gesellschaftlichen Anstands Affären (der Schuljunge Zdenko mit der Mutter eines Klassenkollegen). Man verreist (Chwostik mit Donald nach Südosteuropa, als dieser zu realisieren beginnt, dass seine Angebete sich seinem Vater zugewandt hat), durchleidet seelische Qualen und zerbricht innerlich (Donald auf dieser Reise) und stirbt (Donald am Schluss des Buches bei den Wasserfällen von Slunj in Slovenien) Stets indes wird man vom auktorialen, mit ironischer Distanz auftretenden Erzähler in die Erzählung integriert oder hinausgeworfen/-gekickt:
"...[Über Finy und Feverl]...Solche Figurenkann man nur aus der Komposition hinauswerfen, weil der Grad ihrer Simplizität unerträglich geworden ist und jedweger Kunst Hohn spricht (auch ihrer durchaus nicht mehr bedarf). Also: hinaus mit euch! Jeder noch einen kräftigen Tritt in den fetten Popo; freilich moderat; mit Patschen, Filz-Patschen. Mit Stiefeln net..."
Der dahinplätschernde Lauf des Buches, mit einigen wenigen zähen länglichen Passagen, ist gekennzeichnet von Doderers souveräner Sprachbeherrschung, die all seine noch so belanglosen (Chwostiks Umzug, 5 pferdeähnliche Töchter, die sich nicht verheiraten lassen, Gymnasiasten beim Lernen...) Ereignisse interessant und anschaulich werden lässt.
UPDATE: Donalds Tod: ********************
Zu den genauen Umständen von Donalds Tod gibt es vielleicht noch der Genauigkeit halber einen Nachtrag zu machen: Donald besitzt seit seiner frühen Kindheit, die er in England bei seiner Mutter verbrachte, ein traumatisches Verhältnis zu fließendem Wasser (im übrigen eine persönliche Erfahrung Doderers).
Angefangen bei seiner ebenso geprägten Mutter verwurzelt sich diese Angst in ihm und bewirkt z.B. auch sein Verzagen vor Monica im entscheidenen Augenblick, weil draußen Regen an die Scheibe prasselt. Allein der Anblick der Wasserfälle in Slunj (deren Abbildung Doderer in einem Lexikon gefunden hatte, er selbst hat sie nie besucht)entsetzt ihn so, dass er - ohnehin seelisch sehr labil - stirbt.
Wahrscheinlich ist hierbei eine Deutung im Freudschen Sinne, bei dem Wasser = Weiblich galt, in diesem Buch also symbolhaft für Donalds Beziehungsunfähigkeit.
Stil: *****
Doderer vermag auf unterschiedliche Art und Weise, die vergangene Zeit dem Leser vor die Augen zurückzuführen; der gekonnte Umgang mit der Sprache spielt dabei eine wichtige Rolle. So ist das Flair des Wienerischen – vor allem für mich als Nichtösterreicher – durch eine häufige Verwendung von Austriazismen - also österreichischen Eigenbegriffen -, bzw. Schreibweisen im Dialekt, quasi stilecht reproduziert worden. (z.B. Nachtkasterl, Wurstlprater, "Ihna mag i heut net sehn, schaun S' dass weiterkommen!", pritscheln, Powidltatschkerl...).
Auch die pluralistische Kultur des Vielvölkerstaats wurde angesichts zahlreicher anderer Eigenbegriffe u.a. aus dem Kroatischen, Ungarischen, Slowenischen... sowie Namen von handelnden Personen (Chwostik, Zdenko, Laszlo,...) von H. Doderer berücksichtigt.
Der Beginn des Buches ist symptomatisch für den das ganze Buch beherrschenden "Plauderton", flüssig und routiniert geschrieben, sehr schön zu lesen aber doch deutlich abgehoben vom schnöden Heimatromanniveau durch spritzige Ausdruckskraft und über dem Text stehenden pointierten Witz ("...und liegt heute noch...hopsender Galopp auf leichtem Fuchs...man sähe die Spitzen der Schlote..."):
"Der Punkt, wo Robert Clayton – damals siebenundzwanzig – seine spätere Frau zum ersten Mal gesehen hatte, lag (und liegt heute noch) erhöht über der Landschaft. Die Straße wendet sich beim Erreichen des Hügelkimms nach rechts. Clayton hielt sein Pferd an und blickte in die Aussicht – wie man eben an solchen über die Umgebung erhobenen Punkten unwillkürlich tut – und schon auch kam sie von links, wo der Hügelrücken breiter wurde, im hopsenden Galopp auf ihrem leichten Fuchs über einen kleinen Wiesenplan heran. Es ist jene Gegend eine der lieblichsten im südwestlichen England. Man sieht von dem Hügelrücken, darauf Robert Clayton einst gehalten hatte, nur das absinkende Land bis zum dreimal gebogenen, fast stehend-spiegelnden Flußlauf im Tale, und drüben wieder einen langen gegliederten sanften Anstieg mit Wald auf der Höhe: diesem Umstande wird es verdankt, daß die großen Werke für landwirtschaftliche Mascatte, aus dem Bilde gehalten werden. Wäre der Wald drüben nicht, man sähe die Spitzen der Schlote. So bleibt alles im Grün und im Blinken des Wassers befangen.hinen, die Robert’s Vater gar nicht weit von hier erbaut hatte...."
Im weiteren Verlauf des Buches zeichnet sich Doderer als ein Meister der ungekünstelten, spielerisch leicht erscheinenden und doch stets fest an der Erzählleine geführten Erzähltechnik aus. Stets aufblitzende Ironie und kritische Distanz zu den Handlungen der Figuren zeichnen dieses Werk ebenso auf wie die große Vielschichtigkeit der stilistischen Ebenen, je nach gesellschaftlichem Status der zu behandelnden Personen.
Fazit: ******
Spontan hat mich dieses Buch keineswegs zu überzeugen gewusst, erst nach ungefähr der Hälfte hat die Faszination der Doderschen Welt von mir Besitz ergriffen. Das Buch ist stark austrisch gefärbt, was aber der Plastizität der beschriebenen Orte und Personen sehr zu gute kommt.
Ohne Zweifel ist Doderer ein gewandter und routinierter Erzähler (vielleicht ist hier auch die Entspanntheit des Alterswerk spürbar?), der eine untergegangene Epoche heraufbeschwört und sich stets dicht an der Grenze zum belanglosen Massenroman bewegt und doch durch eine undurchlässige Mauer aus stilistischen Ziegeln davon getrennt ist! Wem indessen ein reines Epochenportrait nicht ausreicht und wer stattdessen auf eine spannende Geschichte und fesselnde Charaktere Wert liegt, dem sei von diesem Buch eindeutig abgeraten.
Noch ein letzter Gedanke: Beim Lesen hatte ich stets das Gefühl von barocker Verspieltheit und Wiener Flair – aufgrund der relativ breiten Akzeptanz seiner Werke bin ich vermutlich nicht der einzige...
Ausgaben: ***********
Beim dtv als Taschenbuch für 11,00€ (ISBN 3423114118) oder gebunden bei Beck für 24,90€ (ISBN 3406398979)
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