Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke / Rainer Maria Rilke

Erfahrungsbericht über

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke / Rainer Maria Rilke

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke / Rainer Maria Rilke

 


Rast! Gast sein einmal

5  09.02.2002 (03.06.2002)

Pro:
wunderschöne Sprache

Kontra:
nicht daß ich wüßte

Empfehlenswert: Ja 

LeaofRafiki

Über sich: Neues unter leamom.blogspot.de - Füchschen ist am 08.03.11 morgens um 4:30 Uhr bei meiner Tierärztin...

Mitglied seit:14.07.2000

Erfahrungsberichte:733

Produktvideos:1

Vertrauende:208

Diesen Bericht empfehlen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 89 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Rast! Gast sein einmal. Nicht immer selbst seine Wünsche bewirten mit kärglicher Kost. Nicht immer feindlich nach allem fassen; einmal sich alles geschehen lassen und wissen: Was geschieht, ist gut.

Diese Zeilen aus Rilkes Cornet wurden in den dreissigern, nicht des letzten Jahrhunderts sondern meines jetzigen Lebens zu meinem Leitmotiv. Er begleitete mich durch die Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, wie er dereinst meinen Vater durch die Wirren des Zweiten Weltkriegs begleiteten. Ihn in einer handschriftlichen Fassung einer Klassenkameradin, die heute zu meinen sorgsamst gehüteten Schätzen gehört, mich in der gesprochenen Form einer lieben Freundin aus Studienzeiten. Sie konnte ihn auf unnachahmliche Art komplett aus dem Kopf zitieren, ich nur partiell.

Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke ist ein nur kleines Bändchen, auf ganzen 34 Seiten jeweils nur ein Abschnitt, die einen derartigen Reichtum an Worten bergen, daß einem warm wird ums Herz. Und man nachdenklich wird. Und sich freut mit ihm, dem jungen Cornet, wenn er vom Jungen zum Mann wird. Und traurig wird, wenn sein Leben zu früh vorbei.

Es ist die Vision vom Grauen des Krieges in der Fremde, die sich schwer auf's Gemüt legt. "Und der Mut ist so müde geworden und die Sehnsucht so groß. Es gibt keine Berge mehr, kaum einen Baum. Nichts wagt aufzustehen. Fremde Hütten hocken durstig an versumpften Brunnen. Nirgends ein Turm. Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel."

Es ist die Geschichte des Miteinandervertrautwerdens in Einsamkeit, Kampf und Gefahr, des Miteinanderteilens dessen, was einem am teuersten ist, von Hoffnung und Schutz, von Abschied und Zuversicht.

Es ist die Geschichte einer Liebesbegegnung fernab aller Regeln, außerhalb von Raum und Zeit, verdichtet auf eine einzige Nacht. "Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus ihren Trümmern."

Zum Inhalt:
Der junge Adelige Christoph Rilke wird mittels eines Empfehlungsschreibens zum Cornet (Fahnenträger) ernannt. Während der langen Ritte bekommt er von einem jungen Franzosen ein Rosenblatt dessen Liebchens, die ihn an seine Jugendfreundin erinnert, er wird mit Kriegsgreueln konfrontiert und vereinigt sich während einer Rast in einem Schloß mit dessen Gräfin. Als das Schloß plötzlich von feindlichen Truppen angegriffen wird und in Brand gerät, verläßt er sie, um, die Fahne zu retten und stirbt dabei.

Geschichtlicher Hintergrund:
Ende des Jahres 1643 fallen türkische Reitertruppen in Ungarn ein, es soll auf Wien zu gehen. Johann I., Kaiser der Habsburger, stellt ein Heer von Truppenteilen aus seinem Vielvölkerreich und mittels befreundeter Mächte zusammen, das Sammelgebiet ist Ungarn. Der französische König Ludwig XIV. schickt 6000 Mann. Im ersten Teil des Cornets klingt dieser Aufmarsch und das Sammeln an, auch das bunte Gemisch der Truppen zeigt sich bei Rilke ... In der Schlacht von Mogersdorf und St. Gotthard (Ungarn) gelingt es dem österreichischen Heer unter Montecuccoli Anfang 1644, die Türken über die Raab zurückzuwerfen. Zitiert nach http://members.tripod.de/TorstenGerlach/
Rilke selbst verwandelte die Geschichte eines seiner Vorfahren in diese Dichtung.


Geboren wurde Rilke am 4.12.1875 in Prag. Er besuchte 1886 bis 1891 erst eine Militärschule, danach eine Militär-Oberrealschule in Mährisch-Weißkirchen. Zu sensibel für diese Welt wich er der Offizierslaufbahn aus, bereitete sich privat auf das Abitur vor und studierte später Kunst- und Literaturgeschichte in Prag, München und Berlin. 1897 begegnete er Lou Andreas-Salomé und reiste 1899/1900 mit ihr nach Rußland. Das Land, die Menschen, vor allem die »russische Seele« beeindruckten ihn sehr. 1900 zog er in die Malerkolonie Worpswede, wo er die Bildhauerin Clara Westhoff heiratete, sich aber 1902 wieder von ihr trennte.
Den 1. Weltkrieg verbrachte er in München, war kurz beim österreichischen Landsturm, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Nach Kriegsende siedelte er in die Schweiz über, wo er am 29.12.1926 im Sanatorium Val-Mont bei Montreux an Leukämie starb. (Vgl. www.gutenberg.aol.de/autoren/rilke.htm )
1899 entstand die erste Niederschrift, 1906 die erste Veröffentlichung und 1912 erschien es als Band 1 der Inselbücherei.

Rilkes Cornet gehörte zu Zeiten beider Weltkriege zu den meistgelesenen (und den Soldaten als Propagandaliteraur empfohlenen) Büchern, da es das Grauen des Krieges ästhetisiere und harmonisiere, wie den vielen, vielen Rezensionen, Besprechungen, ja selbst Hausarbeiten von Germanistikstudenten, zu entnehmen ist. Andere wiederum halten es für ein unter den Teppich zu kehrendes Jugendwerk, werfen Rilke vor, zur Heroisierung des Krieges beigetragen zu haben, oder aber zerpflücken den Cornet Wort für Wort, um sein Frauenbild in Einzelteile zu zerlegen, oder um ihn auf seinen erotischen und die Sünde bestrafenden (Ehebruch) Gehalt hin zu untersuchen.
Kann man tun, kann man aber auch lassen.
Ich halte dem Vorwurf der Kriegspropaganda folgendes Zitat entgegen:
"Sie reiten über einen erschlagenen Bauer. Er hat die Augen weit offen und etwas spiegelt sich drin; kein Himmel."

Wer an sowas interessiert ist, kann sich exemplarisch zwei der vielen, vielen im Netz gefundene Interpretationen anschauen:
http://parapluie.de/archiv/unkultur/cornet/ (sehr propagandakritisch)
http://members.tripod.de/TorstenGerlach/ ("Rilkes Cornet unter dem Aspekt der Wandlung"
Hausarbeit von Torsten Gerlach. Hauptfach: Deutsche Philologie an der Johannes Gutenberg- Universität Wintersemester 1998 / 1999)
Beides zugegebenermaßen interessante Sichtweisen. Jedoch, ich teile sie nicht. Ich liebe vor allem die Sprache und tauche wieder und wieder in sie ein - um erfrischt meinen eigenen Weg zu gehen - war doch der Cornet Anstoß für mich, mehr von Rilke zu lesen. Daher ein letztes Zitat:
"Aus dunklem Wein und tausend Rosen rinnt die Stunde rauschend in den Traum der Nacht."

Rilke muß man laut lesen - oder hören.
Erst dann offenbart sich dem Lauschenden die Metrik, die ganze Vielfalt und der Zauber seiner Sprache. Probiert es aus...
An dieser Stelle Dank an meine eingangs erwähnte Freundin. Unsere gemeinsamen Kaminabende werden mir unvergessen sein, an denen sie mir diesen Dichter (und viele der vorher verhassten deutschen Balladen) mit ihrer Stimme nahebrachte.


Rainer Maria Rilke
Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke
Insel-Bücherei Nr. 1
ISBN 3458080015

© LeaofRafiki, 09.02.02


***************************************************
ACHTUNG FAKERSCHUTZ: Ich poste meine Berichte lieber selber und unter gleichem Nick bei Ciao, Dooyoo (dort mit Krönchen), Griasdi oder Ecomments, selten Hitwin und nie wieder Yopi *grins*
Diesen Bericht empfehlen auf Google+

Sponsoren-Links
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
total.eclipse

total.eclipse

30.03.2002 15:38

Rilke ist faszinierend. Du solltest mal Malte Laurids Bridge lesen, das würde dir sicehr auch gut gefallen. Schöne Ostern wünscht totalsche

Peripathetiker

Peripathetiker

29.03.2002 22:57

Ein überaus sonderbares Buch - und ein Bericht, der ihm gerecht wird. Auch wenn diese Welt mir etwas fremd ist. Sie hat so etwas jugendstilhaftes Spätromantisches...

BierAUSderDOSE

BierAUSderDOSE

09.02.2002 16:57

Da hast du ja echt einen s.h. bericht verfasst. Ein freundlicher Gruß vom BierAUSderDOSE

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 1628 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"sehr hilfreich" von (100%):
  1. venus
  2. coffee-girl
  3. yorg
und weiteren 94 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Verwandte Tags für Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke / Rainer Maria Rilke