Die imaginäre Freundin / Irving, John

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vom Ringen mit dem Schreiben und anderem

4 14. Dez 2000 (18. Mar 2002)

Pro:
eine Menge Pesrönliches zum Autoren

Kontra:
mit einem Hang zur Geschwätzigkeit vorgetragen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

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yorg

Über sich: ... die Zeit ist nur ein Bach, in dem ich angeln gehe (Thomas Hemerken, Mönch) ... doch wer angeln w...

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John Irving - Die imaginäre Freundin. Vom Ringen und Schreiben. (The Imaginary Girlfriend; innerhalb: Trying to save Piggy Sneed) - 1996 (1996) - 164 S. - Diogenes (Garp Enterprises) - ISBN 3-257-06121-8 (geb)


Das Büchlein "Die imaginäre Freundin" ist ein Stück weit autobiographischer Abriss und ein Stück weit die wortreiche Explikation einer fruchbaren Verbindung – der "Von Ringen und Schreiben" – so auch der deutsche Untertitel - und Schreiben über das Ringen und Ringen mit dem Schreiben: Der Schriftsteller und sein Steckenpferd - omnipräsent in den Werken, ähnlich den auf die ländliche New-England-Herkunft verweisenden Bären oder dem Hang zu skurrilen Figuren.

Würde nicht der Name John Irvings davor stehen, wäre das Büchlein sicherlich keiner Erwähnung wert und würde auch keine erfahren - da nun aber eben dieser Name davor zu lesen ist, verkauft es sich nicht nur (was die Interessen des Verlages erklären), sondern ist auch lesenswert.

Denn der Autor, der sich durch sein Werk ja schon als fähiger und liebenswerter Schriftsteller ausgewiesen hat, wird nun auch hier durch eben diese Brille seines Werkes wahrgenommen und umgekehrt wird das Büchlein, eher eine Sammlung von Anekdoten, von denen einige zu kleineren Geschichten ausgeformt wurden, nun auch gelesen, um etwas über eben diesen Autor zu erfahren.

Das Buch bietet etwas über Johns Kindheit und über den Vater Irving und die Kindheit der Söhne - und einen Vater, der mit Vierzig seinen Sohn zu einem Ringkampf herausfordert, sogar Wetten auf seinen Gewinn abschliesst - und dann doch selbst auf der Matte landet. Es bietet etwas über Trainer und literarische Vorbilder, etwas über Gewichtsklassen und über Creative-Writing-Kurse. Und etwas von den College-Lehrern, wie jenem Spanischlehrer, der seinen nichtsnutzigen Schülern das Wichity State College als Inbegriff der niederen Mittelmässigkeit in Aussicht stellt:

"Damals wusste ich nicht, dass Wichita in Kansas liegt; ich wusste nur, dass er einen damit herunterputzen wollte: Wer für Harvard nicht begabt genug war, hatte nichts besseres verdient, als das Wichity State College". (S.19).

Eine andere der zahlreichen Anekdoten, die das Büchlein bietet, ist die einer abendliche Taxifahrt nach West Point zu einem Ring-Tunier - mit einem Fahrer, der nicht nur eher nach den Sternen navigiert, sondern auch mit seinem Geständnis, er habe Angst vor der Dunkelheit, überrascht (S.49ff).

"Erstens war die einzig vorhandene Karte ein Stadtplan von Manhattan, Brooklyn, Queens und der Bronx. Zweitens erklärte uns unser Fahrer, sobald wir die Lichter der Stadt hinter uns gelassen hatten, er habe Angst vor der Dunkelheit". (S.50).

Dabei hätte es schon Beginn der Fahrt deutlich werden können – dass dies kein "normaler" Taxifahrer ist: "West Point? Hundert Mäuse? Klar, Mann! ... Wo ist denn West Point? " (S.49). Da wundert es nicht, wenn er später jammert "Ich bin noch nie im Dunkeln gefahren" oder sogar "Ich hab noch nie so viele Bäume gesehen" (S.50). Und dann noch die Militärpolizisten vor West Point. Da dauert es nicht mehr lange, bis der Taxifahrer sich schliesslich weigert, allein zurückzufahren.

So führt uns also Irving in gewohnt unkomplizierter Ausdrucksweise durch einen Teil seines Lebens. Mal ein wenig geraffter – was ja bei der Menge an Daten und Informationen, die ein gelebtes Leben so bietet, nicht überrascht – dann wieder inne haltend, um eine kleine Bgegebenheit aufzuspiessen.

Die letzte der hier beschriebenenen Anekdoten soll jene sein, die sich im Kollegium eines Colleges ereignete, an dem Irving kurz arbeitete. Der Autor also wieder als Lehrer, diesmal aber für die bekannten Creative Writing Kurse.

"Ich gehörte einmal ... zum Lehrkörper eines Englischen Institutes, an dem ein älterer Professor den Vorschlag machte, nicht-promovierte Dozenten nicht an den Abstimmungen über den Lehrplan teilnehmen zu lassen." So weit so gut – nun aber:

"Da ich in diesem Kreis der einzige ohne Ph.D. war, trat ich die Flucht nach vorn an.: Ich stimmte dem Vorschlag zu und schmeichelte meinen Kollegen, indem ich erklärte, eine Doktorarbeit sei wirklich eine gewaltige Leistung. Allerdings fände ich es nur recht und billig anzukündigen, dass bald mein erster Roman veröffentlicht würde, der einer Doktorarbeit doch gewiss ebenbürtig sei. Ich wolle also auf mein Stimmrecht verzichten, bis mein erster Roman erschienen war".- doch damit nicht genug:

"Weiter erschiene es mir nur recht und billig, anzukündigen, dass ich einen zweiten und dritten Roman – und nach Möglichkeit noch viele mehr – zu schreiben beabsichtige und selbstverständlich davon ausgehe, mir dem Erscheinen jedes neuen Romans eine zusätzliche Stimme zu erhalten." (S.120). Der vorschlag des älteren Kollegen wird mit knapper Mehrheit abgelehnt.


Neben all diesen kleineren und umfangreicheren Anekdoten und Legenden (letztere, da das Gedächtnis immer ein wenig den Realitäten zuzugeben oder abzuziehen beliebt) enthält das Büchlein aber auch wundervoller Weise eine Anzahl von Photographien.

Leider hat der Verlag zwar einige Kosten und Mügen gescheut, die in für diese print geeigneteres Papier hätten investiert werden dürfen – und vielleicht auch das eine oder andere Bild in Farbe statt Schwarz-Weiss geliefert hätten – aber dennoch: Gerade die Photographien bringen noch einen besonderen Reiz, liefern die Gesichter zu den Geschichten.

Wir sehen den kleinen pummeligen John 1945, mit drei Jahren, in Exeter, den hübsch geratenen Jüngling John beim Ringkampf – mal überlegen, mal unterlegen. Wir sehen den legendären Trainer Cliff Callagher, Vorbild für einige imaginierte Ringtrainer Irvings Romanen und Ted Seabrooke, nicht minder bekannt. Wir sehen den Ringer John in der Luft hängen, photographiert kurz vor der Rücken-Landung auf der Ringmatte und dann die Söhne Colin und Brendan – nun ist der Vater schon der Trainer.

Und neben dem den Vater um Kopfeslänge überragenden Colin, der eher dem hübscheren jungen Vater gleicht, und dem weniger gross und eher dem älteren Vater ähnelnden Sohn Bredan – gibt es auch ein Bild mit Frau Janet, die als Agentin die sicherlich nicht allzuschwer loszuschlagenden Werke des Mannes unters Volk bringt und zwei Photos spielerischen Herumringens mit Nästhäkchen Everett. Abgerundet wird die Sammlung mit wenigen Momentaufnahmen, die Irving neben anderen „Grössen“ aus dem Metier zeigen.

Neben dem kumpelhaft wirkenden Kurt Vonnegut – dem Bestseller-Kollegen Stephen King oder dem die obligatorische Pfeife haltenden Vorbild Günter Grass (dessen Kopf nahezu die doppelten Ausmasse des Irvingschen Schädels zu haben scheint). Die letzte Photographie ist von einer Lesereise durch Deutschland, die 1995 stattfand – so dass die Spanne der dann am Ende doch in nicht ausreichender Menge vorhandenen Bilder genau fünfzig Jahre umfasst.

So bleibt also übrig, ein kurzweiliges Buch für die, die Irving lesen und mögen und ein eher langweiliges für die, die so oder so keines kaufen würden, auf dem sein Name steht.


.....................................................................................

© 12/2000 ¤ 03/2002


 

Bilder von Die imaginäre Freundin / Irving, John
Die imaginäre Freundin / Irving, John Bild 2297 tb
John Irving © bookmagazine.com
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
postth

postth

18.12.2002 08:45

Schon wieder gut geschrieben, das wird ja zur Gewohnheit bei Dir! ;-) Thomas

Greywolf

Greywolf

24.06.2001 18:57

Ab ins literarische Quartett mit Dir!! Oder bist Du etwa ... LG, Greywolf

StonerMcT

StonerMcT

08.06.2001 22:03

Meine Süße ist John-Irving-Fan und hat bald Geburtstag. Ich glaub, das Buch hat sie noch nicht. Danke für den Tipp. Alles Liebe Sabine

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