Die imaginäre Freundin / Irving, John

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Muskelmann und Literat

4 13. Aug 2001

Pro:
Hintergründiges zu John Irving

Kontra:
nicht sehr detailliert; nur skizzenhaft (bis auf Irvings Verhältnis zum Ringen)

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau:

Unterhaltungswert:

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Cassini

Über sich: Mein Motto: Lieber ungenau richtig, als exakt falsch!

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Erfahrungsberichte:67

Vertrauende:12

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 26 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Der Schriftsteller John Irving wurde bekannt durch Romane wie 'Garp und wie er die Welt sah', 'Das Hotel New Hampshire', 'Gottes Werk und Teufels Beitrag' und 'Owen Meany'. Viele davon wurden sehr erfolgreich verfilmt.


_Wie es zu dem Buch kam___

Daß ihm der Erfolg nicht in den Schoß gefallen ist, beschreibt er in einer, wie er es nennt, 'autobiographischen Skizze'. Im Jahr 1994 mußte er sich einer Operation am linken Schultergelenk unterziehen, die danach eine aufwendige Krankengymnastik nötig machte. In dieser Zeit konnte er nicht richtig arbeiten, zumindest nicht an einem größeren Werk wie einem neuen Roman. Seiner Frau ging er dabei so auf die Nerven, daß sie ihn aus ihrem Büro vertrieb: 'Schreib deine Memoiren oder sonst was. Hauptsache, du verschwindest hier.' Also nahm er sich vor, in der Rehabilitationszeit hundert Seiten zu schreiben. Das Ergebnis war das Buch 'Die imaginäre Freundin - Vom Ringen und Schreiben'.


_Handicaps . . . ___

Die Voraussetzungen für Irvings Erfolg als Schriftsteller waren scheinbar nicht sehr günstig. Sein Vater unterrichtete Geschichte an der Exeter Academy. Als 'Lehrerkind' hatte Irving es nicht einfach, was eine Rechtschreibschwäche nicht gerade erleichterte. Diese Legasthenie wurde zudem damals von niemandem als solche erkannt. Exeter war also ziemlich hart für den jungen Irving.

In Genetik war er z.B. der einzige Schüler, der sein Fruchtfliegenexperiment vermasselte. In diesem Fach konnte er nur dadurch bestehen, daß er sich für den Biologie-Lehrer nützlich machte, indem er dessen Einführungskurs mit Tauben versorgte, die er vom Dach einer Scheune herunterschoß.

Trotz seiner Legasthenie las er gerne. Auf dem Lehrplan standen meist die kürzeren Bücher von Autoren, die ihn aber zu den dickeren Werken führten. Er las anscheinend so intensiv, daß er auch später noch bei manchen Romangestalten das Gefühl hatte, sie besser zu kennen als die meisten Menschen, denen er im Laufe seines Lebens begegnete. Diese intensive Lektüre wirkte sich allerdings verheerend auf seine übrigen schulischen Leistungen aus. In Mathematik und Latein durchgefallen, mußte er ein fünftes Jahr anhängen. So etwas war bis dahin an der Academy noch nicht vorgekommen. Für sich als Romanautor zog er folgende Lehre daraus: 'Geh voran, Schritt für Schritt - aber mach langsam. Warum sollte man es eilig haben, die Schule zu Ende zu bringen oder auch ein Buch?'


_ . . . und Stärken___

Ein Ort wo er sich wohlfühlte, war die Ringerhalle. Er fühlte sich beim Ringen wohl, obwohl er kein besonders guter Athlet war. Immerhin war Ringen das erste, was er einigermaßen gut konnte. Trotzdem gewann er nie einen Titel.

Einen prägenden Einfluß hatte sein Trainer Ted Seabrooke auf ihn. Seabrooke machte ihm klar, daß er wegen mangelnden athletischen Talents als Ringer nur halbwegs passabel sein würde. Sein fehlendes Talent könne er aber wettmachen, wenn er nur intensiv und gründlich trainierte. 'Daß du nicht besonders begabt bist, braucht nicht das Ende vom Lied zu sein.' Eine Lektion, die Irving wohl auch beim Schreiben guten Nutzen gebracht hat, nicht nur beim Ringen.

Für Unterrichtsstoff, für den seine Mitschüler in einer Stunde bewältigten, nahm er sich zwei oder drei Stunden Zeit. Und er schrieb alles ein zweites Mal. Dabei blieb es offenbar auch später. Über seine Arbeitsweise sagt Irving: 'Gut bin ich im Umschreiben; auf Anhieb bekomme ich nie etwas richtig hin, aber ich weiß, wie man verbessert, und verbessere immer wieder.' Beleg dafür ist, daß eine erste Fassung des Selbstporträts nur zehn Seiten über das Ringen enthielt. Auf Anregung seiner Frau Janet hin ('Soll das ein Witz sein? Wo bleibt das Ringen?') machte er sich nochmals ans Überarbeiten - mit dem Ergebnis, daß sich das Ringen nun im Buch wie ein roter Faden vom Anfang bis zum Ende zieht.


_Ringen als Gegenpart zum Schreiben___

Über den Nutzen, den das Ringen für seine Arbeit als Autor hat, sagt er : 'Meine Ringerzeit bestand aus einem Achtel Talent und sieben Achteln Disziplin. Und ich glaube, daß sich mein Leben als Schriftsteller ebenfalls aus einem Achtel Talent und sieben Achteln Disziplin zusammensetzt.' Die Nähe von Ringen und Schreiben für Irving wird noch dadurch unterstrichen, daß in seinem Haus in Vermont der Ringerraum nur wenige Meter vom Arbeitszimmer entfernt liegt.


_Auslandsaufenthalt und Ansichten zu Österreich und Wien(ern)___

Prägend wirkte auch ein Studienjahr im Ausland, das er in Wien verbrachte. Irving beobachtet anscheinend sehr genau, was ihn, gegründet auf persönliche Erfahrungen, zu nicht sehr freundlichen Worten über die Stadt und ihre Bewohner veranlaßt.

Über Wien und Österreich schreibt er:
'Wien ist eine Kleinstadt, sein berühmt berüchtigter Antisemitismus nur eine Facette der provinziellen Kleinkariertheit mit ihrer generellen Angst vor Fremden und einem Mißtrauen gegenüber allem, was von außen kommt, das irgendwann in Haß umschlägt. "Das geht bei uns nicht", lautet ein Standardspruch der Österreicher. Und das Wort "Ausländer" hat stets einen negativen Beigeschmack. Die Wiener Gemütlichkeit, eine Touristenattraktion, ist die falsche Liebenswürdigkeit von Menschen, die im Grunde unhöflich sind.'
Weiter sagt er zu diesem speziellen Klima, das er in Wien erlebt hat:
'Es ist nicht einfach nur Intoleranz, sondern die Toleranz gegenüber Intoleranz, die es dieser ermöglicht weiterzubestehen.'


_Ringen als Gruselkabinett___

Ein großer Teil des Buches wird von Geschichten rund ums Ringen eingenommem. Als aktiver Ringer, Ringertrainer und schließlich Kampfrichter kann er dabei aus dem Vollen schöpfen. Über ein Turnier und dessen ruppige und ungehobelte Teilnehmer, wo er als Kampfrichter tätig war, macht er folgende bissige Bemerkung: 'Schaurige Gestalten aus dem tiefsten Maine tauchten aus der Dunkelheit auf. Mein guter Freund Stephen King erfindet beileibe nicht alles; er kennt die Leute, die ich meine.'


_Einflüsse___

Über Lehrer und Mentoren, die für sein Schreiben wichtig waren, legt er ebenfalls Rechenschaft ab. Der wichtigste für ihn war wohl Kurt Vonnegut. Dieser habe ihm zwar nicht beigebracht wie man schreibt, 'aber er hat mir Zeit erspart und mich ermutigt'. Nicht zuletzt dadurch, daß Vonnegut es für möglich hielt, daß Irving irgendwann vom Schreiben leben könne, und sich nicht nur als Lehrer oder Dozent und nebenbei als Ringertrainer durchschlagen müsse, wie Irving selbst glaubte. Dazu kam, daß Ringen von seinen literarisch ambitionierten Freunden als extrem unpassend für einen angehenden Schriftsteller empfunden wurde. Eine Einschätzung, die Irving sogar zeitweilig dazu bewog, mit dem Ringen aufzuhören.


_Fazit___

So unterhaltsam das Buch 'Die imaginäre Freundin' auch ist, nennt Irving es nicht zu Unrecht nur eine 'autobiographischen Skizze'. So ist ein einheitliches zeitliches Korsett nicht deutlich erkennbar. Es treten immer wieder Sprünge im Erzählfluß auf. Persönliches wie z.B. seine Eltern oder Ehefrauen werden nur beiläufig erwähnt, die Söhne kommen nur im Kontext mit dem Ringen vor.

Gefühle läßt Irving nur selten erkennen; wenn überhaupt, dann immer in Verbindung mit Ringen, mit seinen Söhnen und bestimmten Ereignissen, wie z.B. dem Tod seines Trainers Ted Seabrooke. So bleibt Irving immer ziemlich nahe der Oberfläche und macht nicht eigentlich deutlich, was ihn als Schriftsteller antreibt und woher er seine Ideen nimmt.

Das Ringen und die Beziehung von Ringen und Schreiben nimmt einen sehr großen Teil des Buchs ein, während das Schreiben selbst nicht so prominent, eher beiläufig, behandelt wird. Trotzdem wird durch das Buch deutlich, daß ohne den Ringer der Schriftsteller nicht denkbar wäre. Beide Tätigkeiten ergänzen sich zeitweise. Verwandte Eigenschaften und Verhaltensmuster wie Üben und Trainieren beim Ringen sowie ständiges Überarbeiten von Texten beim Schreiben werden gut dargestellt und herausgearbeitet.

Im Mittelteil des Buches sind 26 Photos abgebildet, die Irving als Kind, als Ringer, mit Schriftsteller-Kollegen, mit seinen Söhnen oder seiner Frau zeigen. Dadurch wird das Buch sinnvoll ergänzt und beschriebene Personen bekommen Gesicht und Kontur.

Für Leser von John Irving ist das Buch 'Die imaginäre Freundin - Vom Ringen und Schreiben' eine nützlicher Einblick in die Welt dieses Schriftstellers. Für eine umfangreichere Biographie die mehr auf sein literarisches Werk eingeht, bleibt sicher in einem späteren Lebensabschnitt noch Zeit genug. Als Beschreibung der ersten Etappe und 'Skizze' ist das Buch gut geeignet.


_Bibliographische Angaben___

John Irving
Die imaginäre Freundin
Vom Ringen und Schreiben
Mit 26 Photos
164 Seiten
Diogenes
32,- - DM
ISBN 3 257 06121 8


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
kroetenfieber

kroetenfieber

14.08.2001 14:31

John Irving hat schon ein recht eigenwilligen Stil, seine Geschichten etwas ungewöhnlich, um es mal allgemein auszudrücken. Ich habe drei seiner Werke gelesen, und zwar Garp zuerst - ich empfand den Inhalt als etwas befremdend, war aber nach einiger Zeit neugierig geworden. kroetenfieber

Gering

Gering

14.08.2001 08:31

Ich habe nur "Garp .." gelesen, weil ich den Verdacht hegte, dass nach einem solchen Buch andere aus der Feder eines Autors kaum daran heranreichen können. Das GARP aber auch viel autobiografisches hat, zeigt sicherlich nicht nur allein der Ringsport.Michael

Cassini

Cassini

13.08.2001 23:05

@nahue: Überzeugen will ich beileibe niemanden. Ich wollte lediglich das Buch mit seinen Stärken und meiner Ansicht nach vorhandenen Schwächen darstellen, um eine Hilfe bei einer möglichen Kaufentscheidung zu geben.

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