Treue und Stolz
06.07.2002
Pro:
gelungene Darstellung des Sensationsjournalismus
Kontra:
1 kleiner Ausrutscher von Böll
Empfehlenswert:
Ja
 Araxas
Über sich:
Mitglied seit:10.05.2001
Erfahrungsberichte:78
Vertrauende:26
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Ich besitze das Buch schon ewig ( seit 1979 ), lese aber immer wieder gerne darin, weil ich jedes mal etwas neues entdecke. Damals war ich auch mit den politischen Ansichten von Böll hundertprozentig einverstanden so im Rückblick kann ich das gar nicht mehr behaupten, heute lehne ich Radikalismus in jeder Form ab. Ob links, rechts, rot, gelb, grün oder lila. 1.] Vorwort 2.] Handlung 3.] Gedanken und Bemerkungen zum Buch 4.] Das Buch 5.] Der Autor 6.] Fazit1.] Vorwort ========= Die Geschichte hat keinen chronologischen Verlauf. Der Roman beginnt am Ende und der Erzähler erklärt nach und nach wie es zu dem Mord an einem Zeitungsreporter kam. Interessant ist schon wie Böll den Aufbau seiner Geschichte erklärt und zwar vergleicht er den Ablauf der Handlungsstränge mit dem Zusammenführen von Regenpfützen die zusammenfließen, sich manchmal auch stauen, und >> möglicherweise << in eine >> behördlich << erstellte Abflussrinne gelenkt werden. 2.] Handlung ========== Im Gegensatz zu Bölls Erzählung ist meine Inhaltsangabe chronologisch aufgebaut.Katharina hat sich, nach einer gescheiterten Ehe, mit sehr großem Fleiß und Können eine bescheidene Existens als freiberuflich tätige Haushälterin mit einer Eigentumswohnung und einem eigenen Volkswagen aufgebaut. Von ihren verschiedenen Arbeitgebern, besonders von Rechtsanwalt Dr. Blorna und dessen Frau wird sie, wegen ihrer Bescheidenheit, ihres freundlichen Wesens und ihres Fleißes, sehr hoch geschätzt. Annäherungsversuchen von Männern, weist Katharina höflich aber bestimmt zurück, was ihr auch prompt den Spitznamen „Nonne“ einbringt. Auf einem Hausball bei den Blornas lernt sie Ludwig Götten kennen und verliebt sich auf Anhieb in ihn, sie tanzen den ganzen Abend miteinander und Ludwig folgt Katherina auch später in ihre Wohnung. Am nächsten Tag steht die Polizei vor der Tür und fragt nach Götten, der schon längere zeit von der Polizei gesucht wird. Ihre Wohnung wird durchsucht und Katharina wird von Polizei und Staatsanwaltschaft verhört. Während des Verhörs zeigt sich ein weiterer Wesenszug von Katharina, so korrigiert sie pedantisch gewisse Formulierungen im Protokoll. Im Protokoll steht z.B. dass die Blornas nett zu ihr gewesen seien, Katharina besteht aber auf dem Wort gütig. Sie gibt bereitwillig Auskünfte über sich und den Abend mit Ludwig. Als sie dann aber nach „Herrenbesuchen“ gefragt wird, verweigert sie die Aussage und möchte entweder in eine Zelle oder nach Hause gebracht werden.Der Beamte der sie nach hause bringt gibt ihr letztendlich noch den Rat: >> Lassen sie die Finger vom Telefon und schlagen Sie morgen keine Zeitung auf. << Die ZEITUNG ist natürlich am Ball und berichtet am nächsten Morgen unter der fetten Schlagzeile >> RÄUBERLIEBCHEN KATHARINA BLUM VERWEIGERT AUSSAGE ÜBER HERRENBESUCHE <<, über den Fall, so ist Ludwig Götten ein Bandit und Mörder und aus der Aussage Blornas Katharina sei klug und kühl wird > eiskalt und berechnend < gemacht. Werner Töttges, der Journalist der ZEITUNG nimmt nun das Leben der Blum auseinander, wobei es ihm nur darauf ankommt Schlagzeilen zu machen und Berichterstattungen von sich zu geben die möglichst weit unter der Gürtellinie liegen. Dazu werden Tatsachen verdreht, Aussagen von zeugen und Verwandten ins negative interpretiert oder einfach nur Gerüchte und Halbwahrheiten verbreitet. Die Reaktionen auf diese Art von Berichterstattung bleiben natürlich nicht aus, so erhält Katharina neben sexuellen Offerten, Beschimpfungen in denen sie als > Kommunistensau < tituliert wird auch religiöse Ermahnungen und sogar den Werbeprospekt eines Intim-Versandhauses.Auf der Suche nach neuem Material dringt der skrupellose Reporter der ZEITUNG, Werner Töttges schließlich zu Katharinas schwerkranker Mutter vor, die als Folge dieses Besuches stirbt. Katharina nimmt die Nachricht zunächst sehr gefasst und ruhig auf. Alle Beteiligten – und sogar Katharina selbst – empfinden die Lage sogar als relativ entspannt, inzwischen wurde Ludwig verhaftet, Katharina der Polizei gegenüber von allen Vorwürfen entlastet und die Mutter von ihren schweren Leiden erlöst. Doch am nächsten Tag erscheint ein Artikel in der ZEITUNG in dem Katharina für den Tod ihrer Mutter verantwortlich gemacht und ihre Entlastung durch Götten angezweifelt wird. Auch die Blornas, die bisher nur Seitenhiebe abbekommen hatten, werden nun Opfer der verleumderischen Kampange der ZEITUNG. Als Blorna den Artikel liest dreht er regelrecht durch, schreit, brüllt und sucht nach einer leeren Flasche und wird nur von seiner Frau daran gehindert sich einen Molotow-Cocktail zu basteln um damit einen Anschlag auf die Redaktion der ZEITUNG zu verüben. Zitat : ( ‚ist mit wichtig weil ich später darauf eingehen will ) >> man muß sich vor Augen führen: ein akademisch gebildeter Mensch von 42 Jahren,......, wegen seiner nüchternen und klaren Verhandlungsführung ( bekannt )....., also es handelt sich keineswegs um einen provinziellen, sondern um einen durch und durch weltläufigen Menschen; DER wollte Molotow-Cocktails basteln.<<Katharina besorgt sich nach der Lektüre des Artikels eine Pistole und macht sich auf die Suche nach dem Sensationsreporter, sie hat, an sich, nicht vor ihn zu erschießen, sie will zunächst nur wissen was für ein Mensch ihr Leben zerstört hat. Als sie ihn in seiner Stammkneipe nicht anonym beobachten kann, trifft sie sich mit ihm zu einem vereinbarten Interview. Ohne große Vorrede beginnt Töttges sofort Katharina zu bedrängen und will ihr an „die Wäsche“ gehen; worauf hin Katharina ihn erschießt. Sie zeigt nach der Tat keinerlei Reue, sie ist keineswegs deprimiert, sondern irgendwie glücklich weil sie nun >> unter den gleichen Bedingungen wie ihr lieber Ludwig lebt <<3.] Gedanken und Bemerkungen zum Buch =============================== ZEITUNG ó Bildzeitung ? ==================== Zitat: >> Personen und Handlungen dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der >Bild<-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.<<Die Erzählung ist immer noch aktuell und nicht nur wegen der Praktiken gewisser Boulevard-Blätter, es hat durch das Privatfernsehen sogar noch eine neue Dimension erfahren. Während man sich bei den Zeitungen wenigstens noch den Anschein von Seriösität gibt, geben die Sender offen zu dass nur die Quote zählt. Bei der „ Maschen-Drath-Zaun“-Geschichte wurde Frau Zindler von den Journalisten eindeutig zu Reaktion provoziert, die dann für bessere Quoten oder eine höhere Auflage sorgen sollten. Dieser Fall war von keinerlei öffentlichem Interesse und das Frau Zindler finanziell von dem ganzen profitiert hat, sind für mich nur Ausflüchte, hier wurde, ganz konkret, die Würde eines Menschen verletzt. Schlimmstes Beispiel für Sensationsjournalismus ist wohl das „Geiseldrama von Gladbeck“. Böll als RAF-Symphatisant ? ==================== Die BRD 1975: Radikalenerlass. Berufsverbote. Staatsdiener verlieren ihre Stellung weil sie im Ruf stehen Kommunisten zu sein.„ Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann „ lese ich oft als Untertitel, ich finde das Böll das schon sehr gut herübergebracht hat und es wird am Beispiel von Katharinas Leidensweg deutlich genug. In der Beschreibung der Handlung habe ich die Reaktion Dr. Blornas zitiert, hier schießt Böll, meiner Meinung nach, etwas über sein Ziel hinaus und bietet seinen Gegnern einen Angriffspunkt. Hier kommt es einem so vor als ob der Autor mit Linksradikalen symphatisiert, was an sich noch kein Verbrechen ist, er versucht aber darzustellen dass letztendlich jeder, in einer bestimmten Lage, dazu bereit wäre mit Molotow-Cocktails zu werfen. Zudem richtet sich Katharinas Aggression gegen eine Person, während Blorans Aggression auf eine Institution zielt. Blornas Reaktion ist nicht das nachvollziehbare Ergebnis eines logisch aufgebauten Handlungsstranges. Diesen Einschub fand ich nicht so toll Herr Böll, wäre vielleicht Stoff für eine eigene Geschichte gewesen? Böll und die Bildzeitung ================== Das Buck kann man als Antwort Bölls auf die Anfeindungen der Bildzeitungen ( Springer-Presse ) bezeichnet werden. Ausgelöst wurde das ganze von einem Spiegel-Artikel von Böll aus dem Jahre 1972 über Ulrike Meinhof, in der er sich kritisch mit der unwahren Berichterstattung der Bildzeitung auseinandersetzt. Die Bildzeitung reagiert nun ganz nach ihrer Art und vergleicht ihn mit Goebbels.Ich muß da nur lachen, Böll war zwar ein extrem politischer Mensch aber er war weder rechts noch ein Agigator. Da lag die Quick mit ihrem bösartigen Kommentar: >> Die Bölls sind gefährlicher als Baader-Meinhof << doch näher an der politischen Überzeugung von Heinrich Böll. Böll hat als Antwort auf die Hetzkampagne zwar nicht mit der Schusswaffe reagiert, aber mit seinem literarischen Molotow-Cocktail in Millionenauflage doch einigen Schaden bei der „ZEITUNG“ angerichtet.Der Auslöser des ganzen, den Spiegel-Artikel findet man unter: http://www.erft.de/schulen/abtei-gym/unterricht-online/htm/gnade.htmZeitgeschehen =========== Man kann das Buch und seine Entstehungsgeschichte auch als Zeitbild betrachten, mir macht es immer wieder Spaß, ausgehend von einem bekannten Roman den geschichtlichen Hintergrund zu erforschen, wobei das Internet, gerade bei dieser Erzählung, eine Fülle von Informationen bietet. Mein Eindruck nach der Recherche zum Buch ist folgender: in den 70ger Jahren wurde, teilweise, auf sehr hohem politischen Niveau diskutiert, natürlich gab es auch Schlammschlachten. Es kommt mir heute so vor als wäre, im Laufe der Zeit, das Niveau gnadenlos eingeebnet worden und das von den Politikern nur noch Phrasen gedroschen werden die sich noch nicht einmal als Anlass zu einer Schlammschlacht eignen.4.] Das Buch ========== Titel: Die verlorene Ehre der Katharina Blum Autor: Heinrich Böll 1.Auflage 176 Seiten: 122 Seiten Weitere Angaben schenke ich mir da ich eine 20 Jahre alte TB-Ausgabe besitze. 5.] Der Autor ==== Für Informationen über Heinrich Böll und sein Werk möchte ich auf die sehr, sehr ausführliche Homepage verweisen. http://www.heinrich-boell.de 6.] Fazit ====== Am Anfang des Berichtes habe ich noch darüber nachgedacht dass die besprochenen Themen eine Neuauflage in einer etwas moderneren Sprache verdient hätten, aber diese Neuauflage hat das Leben mit dem „Geiseldrama von Gladbeck“ schon längst geschrieben. Man sollte das Buch aber trotzdem lesen weil es von einer Frau handelt >>die zwei lebensgefährliche Eigenschaften hat: Treue und Stolz << ( Zitat von Dorothee Sölle im Merkur )© by Araxas / 06.07.2002
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05.08.2006 00:57
Super Bericht über ein super Buch! Hat uns unser Deutschlehrer schon jahrelang empfohlen. Bzw. eher den Film, da er der Meinung war, dass damals, als er den Film im Kino gesehen hat, am Ende kein Polizist oder Journalist vorbeigehen hätte dürfen, weil die Zuschauer so aufgewühlt waren, dass sie sofort auf ihn losgegangen wären....
29.05.2004 11:56
NAchdem ich vor 10 Jahren mit "Billard um halbzehn" den ersten Böll verflucht habe, wollte ich es nun damit nochmal wagen und ich muss sagen, ich fand es gut. Vor allem das Thema ist brandaktuell und gewinnt immer mehr an Bedeutung. Auch wenn ich die Handlung an manchen Stellen verwirrend fand, vor allem am Anfang, bin ich bis zum Ende gut durchgestiegen. Super Bericht übrigens
19.07.2002 15:12
Ich habe dieses Buch in der 9. Klasse gelesen. Viel zu früh meiner Meinung nach.... Aber trotzdem ist dieses Buch, im Gegensatz zu einigen anderen, doch in meinem Gedächtnis hängen geblieben...