Du stirbst nicht / Schmidt, Kathrin

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Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2009 verarbeitet in ihrem Roman "Du stirbst nicht" ihre eigene Krankheitsgeschichte zu einem Roman. So wie bei ihrem alter ego Helene Wesendahl platzte ihr ein Aneurysma im Gehirn. Nach dem Aufwachen aus dem Koma eroberte sie sich langsam ihre Welt, ... Bericht lesen





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Du stirbst nicht / Schmidt, Kathrin Du stirbst nicht / Schmidt, Kathrin
Buch, gebundene Ausgabe, 347 S., Roman, Erschienen: 2009
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Du stirbst nicht - Kathrin Schmidt Du stirbst nicht - Kathrin Schmidt
Seiten: 347, Ausgabe: 1., Auflage, Gebundene Ausgabe, Kiepenheuer & Witsch
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Erinnern, Sprechen, Schreiben, Leben
Erfahrungsbericht von Die_Buchhaendlerin über Du stirbst nicht / Schmidt, Kathrin
27. Oktober 2009


Produktbewertung des Autors:   

Niveau: anspruchsvoll 
Unterhaltungswert: hoch 
Spannung: durchschnittlich spannend 
Humor: ziemlich humorvoll 
Aufmachung: schön 

Pro: ergreifende Story unsentimental erzählt
Kontra: kein Kontra, es ist ein gutes Buch !

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Die Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2009 verarbeitet in ihrem Roman "Du stirbst nicht" ihre eigene Krankheitsgeschichte zu einem Roman. So wie bei ihrem alter ego Helene Wesendahl platzte ihr ein Aneurysma im Gehirn. Nach dem Aufwachen aus dem Koma eroberte sie sich langsam ihre Welt, ihre Sprache, ihr körperliches Funktionieren und ihre Erinnerung wieder.

Daten:

Kathrin Schmidt
"Du stirbst nicht"
Kiepenheuer und Witsch Verlag 2009
ISBN: 3462040987
347 Seiten
19,95 €

Autorin:

Kathrin Schmidt wurde 1958 in Gotha geboren, sie arbeitete unter anderem als Psychologin und Sozialwissenschaftlerin, aber auch als Redakteurin.
Ihr literarisches Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, so dem Leonce- und – Lena – Preis (1993) und dem Heimito – von – Doderer – Preis (1998) und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg Bachmann Preis (1998).
Diesen sowieso schon sehr renommierten Preisen wurde nun kürzlich noch der Deutsche Buchpreis 2009 quasi als Krönung hinzugefügt. Vielleicht nicht unbedingt der Preis, der literarisch als höchster anzusehen ist, aber ein Preis, der sich beim Publikum direkt – ersichtlich an den Verkaufszahlen – sehr gut durchgesetzt hat.

Am bekanntesten dürfte ihr Buch „Die Gunnar-Lennefsen-Expedition“ sein, in dem sie eine skurrile Familiengeschichte in der DDR aus weiblich-feministischer Sicht in einer barock anmutenden, sehr sinnlichen Sprache erzählte.

Im Jahr 2002 durchlitt die Autorin selber eine ähnliche Erkrankung wie ihre aktuelle Romanheldin. Sie kam nach einer Hirnblutung erst langsam wieder auf die Beine. Nach ihrer Erholung schrieb sie jedoch erst mal ein anderes Buch (Seebachs schwarze Katzen). Erst mit der Distanz von einigen Jahren wagte sie sich an dieses für sie sicher schwierige Thema heran. Dieser zeitliche Abstand hat dem Roman sehr gut getan, denn er hat dafür gesorgt, dass er nie zu einer weinerlichen Mitleid erregen wollenden Homestory wird.

Kathrin Schmidt lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Inhalt:

Helene Wesendahl ist 44 Jahre alt, Mutter von 5 Kindern, zwei davon aus ihrer ersten Ehe, drei hat sie mit ihrem Mann Matthes. Sie – ehemalige Psychologin und nun Schriftstellerin – wacht in einem Krankenhaus auf – nahezu ohne Erinnerung an ihr früheres Leben. Sie kann sich nicht bewegen, hat keine Kraft im Körper, kann nicht sprechen und hat fast alles vergessen.
Die Ärzte, Krankenschwestern und vor allem ihr Mann Matthes müssen ihr erzählen, wer sie ist. Nach und nach, doch nicht immer schön folgerichtig, sondern mitunter total chaotisch überfallen sie Eindrücke von ihrem früheren Leben. Mit dem langsamen, manchmal auch sprunghaft auftretenden Erinnern kommt auch die erschreckende Erkenntnis, dass sie dabei gewesen war, sich von ihrem Mann zu trennen. Was genau war da vorgefallen?

Einerseits schildert die Autorin sehr detailgetreu die Unbilden der Erkrankung, das Unvermögen sich zu artikulieren, unkontrolliert zu sabbern, nicht gehen zu können, die Arme nicht ordentlich bewegen zu können und immer wieder die Wut darüber, dass sich sogar im Kopf die Gedanken nicht so bilden lassen, wie sie das möchte.
Sonderbarerweise hat man den Eindruck, dass Helene sich ohne allzu sehr dagegen aufzubegehren in ihr körperliches Desaster fallen lässt. Sie macht zwar brav mit bei den diversen Physiotherapien, aber wichtiger scheint ihr die Zurückeroberung ihres Gedankenstroms und das Wiedergewinnen ihrer Sprache zu sein.

In sehr bildkräftigen kleinen Episoden bringt sie uns die Schwierigkeiten, klar zu denken und diese Gedanken dann auch auszudrücken ins Bewusstsein. Wie sehr sich Helene beispielsweise freuen kann über ein Sprichwort, das ihr wieder einfällt!

Andererseits handelt es sich eben nicht um eine Krankengeschichte oder um einen Bericht aus der Kategorie „Meine Erfahrung“, sondern um einen richtigen Roman. Der Dreh, mit dem Frau Schmidt das so gut hinbekommt, liegt an dem Wort „Erinnerung“.

Dadurch, dass Helene dabei ist, ihr ganzes Leben zu erinnern, wird eben auch dieses ganze Leben erzählt. Und das hat so einiges in sich: Kindheitseindrücke, Aufwachsen in der DDR, Liebeswirren, Erotik, das Verhältnis zu den eigenen Kindern und immer wieder Freunde von früher. Als Helene klar wird, dass die Ehe mit Matthes, der sich so rührend um sie kümmert – aber auch das mit nicht immer erklärlichen sonderbaren Einbrüchen – fast am Ende war, rätselt sie warum das so war und ob es wirklich so war. Sie weiß nur noch, dass sie gerade am Ausziehen aus der gemeinsamen Wohnung war.

Der Name Viola kommt ihr in den Sinn und zwischen Wachen und Träumen erinnert sie sich an eine Liebe, die sehr heftig und plötzlich über sie hereingebrochen war. Bei einem Interview, das sie für eine Zeitschrift wegen eines Essays über Geschiedene führte, lernt sie Viola kennen. Viola, die so männlich wirkt und doch eine Frau ist, besser gesagt: eine Frau geworden ist. Viola ist eine Transsexuelle, Vater von zwei Kindern, die er aber auf Wunsch seiner bzw. ihrer Exfrau nicht mehr sehen darf. Zwischen Helene und Viola ist es fast eine Liebe auf den ersten Blick, doch wie sich diese Beziehung weiter entwickelt hat, scheint sehr schmerzlich und kompliziert gewesen zu sein. Irgendetwas hindert Helene daran, die Geschichte bis zum Ende zu denken. Sie möchte mit Matthes darüber reden, doch so komplexe Sätze und Gedankengänge in Worte zu fassen – nein, das schafft sie noch nicht.

Eine Entwicklungsgeschichte, eine Sozialisation in der DDR also, eine Liebesgeschichte – oder besser gesagt: mehrere Liebesgeschichten, denn die Liebe zu Matthes ist ja nicht tot -, eine Krankheitsgeschichte – all das ist „Du stirbst nicht“, aber es ist noch viel mehr.

Wie nebenbei erzählt uns die Geschichte der Helene Wesendahl auch einiges über gelebten Feminismus, die Romanheldin ist so selbstbewusst, so in sich ruhend, so „sturköpfig“ auch manchmal, sich auch ihrer sexuellen Ausstrahlung (obwohl übergewichtig und nicht mehr ganz so jung) so sehr bewusst, dass es beeindruckt. Männer erscheinen eher als die abhängigen Wesen, aber all das wird nicht richtig ausgesprochen, es wird einfach klar, ohne dass es explizit gesagt werden muss.

Stil:

Ich habe vor vielen Jahren die Gunnar-Lennefsen-Expedition gelesen; mit gemischten Gefühlen damals. Mir war schon durchaus klar geworden, dass es sich um ein echtes Talent handelt, um eine junge Frau, die eine unverwechselbare Sprache spricht, weitab vom Mainstream. Andererseits war es genau diese Sprache, die mich nicht wirklich begeisterte. Die Story war eine richtig gute, sehr originell und gut umgesetzt. Aber die Sprache war mir zu sinnenfreudig, zu bildkräftig, zu barock, es gab zu viele Körperflüssigkeiten, zu viel Schweiß und zu viel Blutwurst und Speck. (erinnerte ein wenig an Grass).

Von daher hätte ich dieses neue Buch nicht unbedingt gelesen (wenn es denn nicht diesen Preis bekommen hätte), aber ich muss sagen, dass mich gerade ihr „neuer“ Stil sehr positiv überraschte.
Sie schreibt unprätentiös, sehr klar und ohne große Schnörkel.
Der Detailreichtum, gerade was die einzelnen Aspekte der Erkrankung und der langsamen Genesung (mit Rückschlägen, kleinen Erfolgen und allem) angeht, wirkt nicht etwa langweilig oder ermüdend, sondern es liest sich im Gegenteil sehr interessant.

Man kann sich als Leser ganz genau vorstellen, wie es sich wohl anfühlt, wenn man beide Arme heben will, aber nur der linke Arm macht mit, oder wenn die Gedanken schneller und klarer sind als das, was aus dem stammelnden Mund dann heraus kommt.
Ihr Sprechen über Körperliches, egal ob es sich nun um Krankenhausdetails oder aber um Sex handelt, ist deskriptiv und sachlich, dadurch konnte ich es sehr gut annehmen.

Wunderbar geraten ihr die Beispiele, in denen Helene um Sprache, um Sätze um Worte ringt. Dass sie sich sogar wieder der Lyrik zuwendet, das ist bewegend geschrieben. Bewegend, ohne kitschig zu sein. Toll!

Ich denke, dass es gerade bei einem so mit Gefühlen beladenen Thema, bei dem Reden über eine so gefährliche und schreckliche Krankheit, noch dazu wenn es sich um die Verarbeitung der in Teilen zumindest eigenen Geschichte handelt, bestimmt unheimlich schwierig war, nicht in einen gefühligen, larmoyanten oder wehleidigen Tonfall zu geraten. Ja, sie schafft es sogar, immer wieder mit einem sehr trockenen Humor den Leser (mich zumindest) zum Lächeln zu bringen...

Kathrin Schmidt jedoch versteht es wirklich, Literatur daraus zu machen!
Eine Art von Literatur, die gut lesbar ist, klar verständlich, wunderbar nachvollziehbar und dennoch auf hohem sprachlichem Niveau bleibt.

Ich mag eigentlich keine Leseproben, aber der letzte Satz des Buches (der eigentlich den Anfang der Geschichte erinnert), der ein „Gespräch“ Helenes mit Matthes aufzeigt, gefiel mir doch so gut, dass ich ihn zitieren möchte:
„Ich sterbe, sagt sie ruhig.
Du stirbst nicht, sagt er ruhig".

Schön, dass Matthes Recht behalten hat…

eine persönliche Anmerkung:

Es gibt noch einen Grund, warum ich mich – trotz Interesses – gescheut hatte, diesen Roman zu lesen: meiner eigene Tante ist vor vielen Jahren – kurz nachdem sie von einer Krebserkrankung genesen ist – ein Aneurysma im Hirn geplatzt. Sie liegt seitdem im Koma, das ist nun schon einige Jahre her. Auch sie ist noch nicht „gestorben“, aber sie lebt nicht mehr…

Fazit:

Weit mehr als eine banale Krankheitsgeschichte, als eine Betroffenheitsstory!

P.S. irgendwie ist es ja witzig, dass unser beiden berühmten Deutschen Literaturpreisträgerinnen Müller (Nobelpreis) und Schmidt (Deutscher Buchpreis) heißen...
 

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