Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Skurrile Stories, zurückhaltende Komik, schöne Zeichnungen . |
| Kontra: |
nichts |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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IN KÜRZE:
In den „Dulle"-Comics wird dem geneigten Leser eine wahres Schrottplatz-Idyll präsentiert: der extrem schwerfällige Chef Dulle und seine inkompetenten Mitarbeiter Kurt und Kapuste gehen ihrem Tagwerk derart gelassen nach, dass fast der Eindruck entsteht, die Zeit sei hier zum Stillstand gekommen. Wehe dem Kunden, der sich hierher verirrt - ein gesuchtes Ersatzteil ist in der Regel wegen des mangelnden Ehrgeiz der Mitarbeiter nicht zu bekommen oder wird, falls durch puren Zufall doch gefunden, lieber zum Eigenbedarf dabehalten. Da es mit der Arbeitsmoral auf dem Schrottplatz deutlich hapert, bleibt immerhin Zeit für ausgewählte Hobbies wie Schach oder Fußballübertragungen. Ein minimalistisches Meisterwerk des früh verstorbenen Zeichners Bernd Pfarr (1958-2004).
DER ZEICHNER:
Bernd Pfarr wurde 1958 geboren. Schon während seines Kunst-Studiums war er als Zeichner und Herausgeber der Comic-Zeitschrift „Hinz & Kunz" aktiv, die zwischen 1978 und 1981 mit elf Heften erschien. Danach veröffentlichte er im Semmel-Verlag (ehemals Semmel-"Verlach" genannt) die Comic- und Cartoon-Bücher „Dulle - schwer genervt" (1985), „Ich liebe dich" (1985) und „Nächte wie Samt" (1987). Damit hatte er sich als ein Meister einer zurückhaltenden Komik erwiesen, die auch in den „Dulle"-Comics auf große Aktionen und dramatische Verwicklungen verzichten kann. 1992 erschien ein weiterer „Dulle"-Band in der Edition Kunst der Comics.
Bereits 1987 hatte er die Cartoon-Serie „Sondermann" begonnen, die zu Pfarrs bekanntester Schöpfung werden sollte. Daneben schuf er auch großformatige Gemälde komischen Inhalts und war auch als Illustrator sehr aktiv. 2004 ist Bernd Pfarr an Krebs gestorben. Drei Jahre später erschien die umfangreiche Gesamtausgabe von „Sondermann" (Steidl-Verlag, 2007). Zu Ehren von „Sondermann" und seinem Schöpfer wird seit 2004 auf der Frankfurter Buchmesse der „Sondermann"-Comicpreis verliehen.
DIE SERIE:
Es existeren wie gesagt zwei Comic-Bücher, bei denen Dulle als Titel-Antiheld aktiv war, nämlich „Dulle - schwer genervt" (1985) und „Dulle" (1992). Im erstgenannten Buch sind relativ lange „Dulle"-Stories enthalten, während zweitgenanntes Buch ausschließlich kurze Episoden aus Dulles Leben enthält. Im Grunde sind dies „one page gags", die aber von einer äußerst unspektakulären Komik geprägt sind. Neben den beiden Büchern taucht Dulle auch an anderer Stelle auf, so bereits in „Hinz & Kunz" Heft 8 und 11.
Äußerlich betrachtet erinnert Dulle mit seinem Entenschnabel und seinen nur drei Fingern an bekannte Disney-Charaktere. Auch Dulles Mitstreiter Kurt und Kapuste ähneln mit ihren hundeartigen Köpfen der einen oder anderen Comic-Figur. Kurt hat überdies übergroße Zähne und eine dicke Brille und scheint den ganzen Tag lang fast bewegungslos in einem der Schrottautos rumzusitzen. Dagegen wirkt Kapuste geradezu aktiv, schraubt schon mal Teile an oder ab und kann über einzelne Autos oder deren Teile wahre Vorträge halten. So recht zum Nutzen der Firma ist dies allerdings auch nicht - und Dulle muss oft genug ein Wörtchen mit seinen zwei Mitarbeitern wechseln. Er selbst ist dabei ein Vorbild an Zähigkeit und kann in der Regel die Kunden, die sich zufällig zu ihm verirren, auch nicht zufriedenstellen.
Zu Dulles zur Schau gestellter Gelassenheit passt die völlig unaufregende Erzählweise von Bernd Pfarr, die sich für die kleinsten Kleinigkeiten viel Zeit lässt und auch schon mal Bildfolgen ohne erkennbare äußere Handlung präsentiert. Denn trotz allem vergeht die Zeit auf dem Schrottplatz irgendwie doch - und wird auch schon mal mit Schach oder Fußballübertragungen gefüllt.
DER INHALT:
Seinen allersten Auftritt hatte Dulle in zwei kurzen Episoden in den „Hinz & Kunz"-Heften 8 und 11, und zwar noch nicht als Titelheld, sondern als Nebenfigur in der Reihe „Uwe & Hans". In „Uwe & Hans suchen eine Fensterkurbel" (Heft 8) scheinen die beiden zwar konkret auf der Suche nach dem Schrottplatz zu sein, werden aber bei Dulle natürlich nicht fündig, und das liegt sicher nicht nur daran, dass er hier noch alleine zu werkeln scheint. Das gesuchte und gefundene Stück erklärt er für unverkäuflich, da er es noch selbst braucht - irgendwie schwer zu glauben bei seiner Lethargie. In „Uwe & Hans suchen eine Radkappe" (Heft 11) treffen die bekannten Herren zunächst auf Kurt, der zwar ausnahmsweise mal etwas tut, aber natürlich letzlich keineswegs hilfreich ist, genausowenig wie Chef Dulle natürlich.
„Dulle - schwer genervt" (1985)
Außer den längeren „Dulle"-Episoden enthält der Band noch einige Kurz-Comics mit den Figuren Helmut (hundeartig) und Pit (Vogel).
Nach einem Vorwort von Pfarrs altem Mitstreiter Michael Gutmann geht es gleich los mit der titelgebenden Story „Dulle: Schwer genervt!". Dulle ist schlechter Laune, da Kurt nur wieder in einem alten Cabrio rumsitzt und ihm auch schon wieder die Morgenzeitung weggenommen hat. Dulle fordert ihn auf, endlich den (Ford) 17M fertizumachen. Dies tut er freilich keinesfalls. Wie soll denn Kurt aber auch fleißig sein, wenn Kapuste ihm einen Vortrag über einen gerade renovierten „Benz" hält? Kurt geht lieber wieder frühstücken, während Kapuste das Radio im „Benz" ausprobiert. Später erscheint ein Kunde und fragt Dulle, ob er eine Heckleuchte mit Chromring für einen Mercedes 200/8 („200-Strich-8") hat. Der gefragte reagiert mit aufreizender Langsamkeit und ruft irgendwann nach Kurt. Als dieser nicht erscheint, schickt Dulle den Kunden nach hinten. Während Kurt überhaupt nicht auf den Kunden reagiert, sondern lieber eine Fußballübertragung verfolgt, führt Kapuste seine Ausführungen über seinen letzten „Benz" weiter. Der Kunde hat bald genug und sucht auf eigene Faust nach der Heckleuchte. Als er fündig wird, sieht es zunächst nach einem Happy-End für ihn aus...
Nach einigen kurzen Zwischenpielen gibt es mit „Dulle und Rötger" wieder eine längere Episode: Dulle holt seinen Neffen Rötger ab, der zwei Wochen bei ihm auf dem Schrottplatz leben soll. Was soll der Junge aber den ganzen Tag anfangen, wenn er sich doch nur für Schach interessiert? Nun, er führt Kapuste ins Spiel ein und sorgt bei diesem für echte Schach-Begeisterung. Dass wie üblich die Arbeit liegenbleibt, ist da geradezu selbstverständlich...
Nach einigen weiteren kurzen Beiträgen endet das Buch mit der Story „Dulles Traum", wo wir einen guten Einblick in die Gedankenwelt der Hauptfigur erhalten. Wir sehen Dulle ausnahmsweise bei sich zu Hause: spät abends geht er ins Bett und blättert noch ein wenig in einem Heft mit dem Titel „Südsee-Abenteuer". Dulle schläft ein und träumt, dass er mit einer Yacht auf einer einsamen Insel ankommt. Einsam? Leider nicht, denn Dulles unfähige Mitarbeiter Kurt und Kapuste sind nicht weit. Auch ein unzufriedener Kunde stört das Idyll...
„Dulle" (1992)
Im zweiten Buch sind auschließlich kurze Episoden enthalten, und zwar zu je zwei Seiten im kleinen Querformat. Im Gegensatz zum ersten Buch sind die Comics jetzt in Farbe. Den Umschlag ziert ein Gemälde mit Dulle, Kapuste und Kurt, das wie eine Kinderzeichnung wirken soll. Auch hier gibt es ein Vorwort eines Kollegen von Bernd Pfarr, und zwar hier von Volker Reiche.
Auch der bisher so unfähige Kurt scheint sich hier einmal nützlich zu machen: er kann offenbar die Lottozahlen vorhersagen, was Dulle und Kapuste denn auch dazu bringt, im Angesicht des sicheren Gewinns eine Menge Tippzettel auszufüllen. Der große Gewinn bleibt natürlich aus - ob Kurt die beiden absichtlich reingelegt hat, bleibt aber völlig offen. Zum Thema Geld noch ein schöner Beitrag: Kapuste verlangt eine Gehaltserhöhung, die aber von Dulle zunächst kategorisch abgelehnt wird. Immerhin gibt er ihm Bedenkzeit, damit ihm noch eine Begründung für mehr Geld einfällt. Nach einigen stummen Bildern, in denen Kapuste angestrengt nachdenkt, fällt ihm zum Glück eine sagenhaft logische Begründung ein: er möchte mehr Geld ausgeben. Eine weitere Episode mit sehr wenig Text handelt hauptsächlich davon, dass Dulle und Kapuste sich streiten, und dies sehr handgreiflich. Umwerfend das lakonische letzte Bild: Dulle sitzt am Schreibtisch, Kapuste holt etwas aus dem Regal. Dazu der Kommentar: „Keine fünf Minuten später vertrug man sich wieder (S.39):" Es geht eben doch sehr menschlich zu auf Dulles Schrottplatz. Als eines Tages Kurts Geburtstag bevorsteht, lässt Dulle sich sogar von Kurt breitschlagen, sich mit ihm zu Kurt in das Cabrio zu setzen, in dem dieser offenbar den Großteil seiner Zeit verbringt. Da kommt denn bei Kurt ein dankbares Grinsen auf.
DATEN:
„Dulle - schwer genervt"
von Bernd Pfarr
Vorwort von Michael Gutmann
144 Seiten in Schwarz-Weiß, Format 15x21cm, Softcover
Semmel-Verlag 1985
ISBN: 3-922969-28-3
Preis: nur noch antiquarisch zu bekommen„Dulle"
von Bernd Pfarr
Vorwort von Volker Reiche
56 Seiten in Farbe, Querformat 24x18,5cm, Hardcover
Edition Kunst der Comics 1992
ISBN: 3-923102-70-4
Preis: nur noch antiquarisch zu bekommen
MEINUNG:
Es gelingt dem Zeichner perfekt, eine eigene Welt um die drei Hauptfiguren aufzubauen, die von einer teilweise gut versteckten Komik geprägt ist. Die Stories sind mit einer oftmals aufreizenden Langsamkeit erzählt, die eine fast schon meditative Stimmung erzeugt. Klar, dass die Kunden, die konkrete Wünsche nach Ersatzteilen haben, hier nicht zufriedengestellt werden können: stellt ein Kunde eine Frage, so braucht Dulle erst einmal mehrere Bilder, um eine Bierflasche zu öffnen und zu trinken und ruft dann nach Kurt, der allerdings natürlich nicht erscheint. Überhaupt ist Kurt der ruhende Pol des Trios, steigt nur selten aus dem aufgebockten Cabrio und ist offenbar mit seinen Dasein sehr zufrieden - wenn man seinem Lächeln Glauben schenken darf.
Im Gegensatz dazu ist Kapuste ja schon fast als Aktivposten zu bezeichnen. Doch auch bei ihm gibt es angenehm ruhige Moments - so wenn er am Ende einer Story mehrere Bilder lang einen alten Mercedes bewundert, ohne dass noch irgendetwas passiert. Kein Wunder, dass der Chef da schon mal „schwer genervt" ist.
Für mich sind die „Dulle"-Stories ein Meisterwerk des unspektakulären Comics, die dem Leser viel Spielraum lassen, da keine großen äußeren Aktionen stattfinden und auch die Gags sehr zurückhaltend ausfallen. Nicht umsonst gibt es immerhin einen Einblick in Dulles Traumwelt, also in das Innenleben der Hauptfigur. Zeichnerisch ist die Serie nicht nur durch die langsame Erzählweise, sondern auch durch klare Linien gekennzeichnet, die sich an bekannte Disney-Vorbilder anzulehnen scheinen. Inhaltlich entsteht dagegen eine skurrile kleine Welt, für die der Leser Aufmerksamkeit und Verständnis mitbringen sollte. Ich jedenfalls fühle mich hier gut aufgehoben und kann Bernd Pfarrs „Dulle"-Comics nur empfehlen.