Mein Fehler, dass ich mich nicht umgebracht hatte.

3  31.10.2009

Pro:
beinhaltete Satire, detailgetreue Beschreibungen, Sprachwahl

Kontra:
detailgetreue Beschreibungen, schweift zu oft zu weit aus, fragwürdige Entwicklung

Empfehlenswert: Ja 

Cosmay

Über sich: "Es kommt mir obszön vor, wenn Menschen jederzeit erreichbar sind. Es ist nicht richtig." ...

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 107 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Offenkundig scheine ich mit meinem letzten Spontankauf in der Meyerschen Buchhandlung kein sonderliches Glück gehabt zu haben. Zwar klang Ernst Augustin's Roman

Eastend

nicht nur vom Klappentext her recht vielversprechend, sondern vermochte es ebenso, mich auf den ersten Seiten zu begeistern.

Die Story ist rasch zusammengefasst; im Grunde geht es um den Ich-Erzähler und Schriftsteller Almund Grau; welcher mit seiner Frau Kerrie an einer Art Gruppentherapie teilnimmt. Almund scheint jedoch der einzige zu sein, der diesen Sitzungen nichts abgewinnen kann ~ was dazu führt, dass er rasch ausgegrenzt wird und seine Ehe ins Wanken gerät. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch verlässt Almund somit das Land, verbringt eine Weile in England, um Monate später als Psychotherapeut zurückzukehren und seine Kerrie zurückzugewinnen.

Die Umsetzung

gestaltete sich dann letzten Endes doch genauso fragwürdig, wie der von mir niedergeschriebene Kern des Buches sich wohl auch anhören mag.
Das „besondere“ an dem Roman sollte die beinhaltete Satire sein; der die triviale sowie leidenschaftliche Geschichte witzig und bewegend zugleich gestaltet. Nun, ich muss sagen, dass ich wie gesagt zu Anfang arg begeistert war; auch die absolut detaillierten Beschreibungen Englands, die hier und dort immens poesielastig sind, gefielen.

Bis sich der Autor immer weiter aus dem Fenster lehnte und scheinbar sich selbst in seinem Umschreibungen und Ausschweifungen verlor. Hier und dort ist es einfach zu viel des Guten; hinzu kommt, dass die Erzählung nur bedingt chronologisch abläuft; ein paar mal greift Grau vor, geht wieder zurück und kommt schließlich auf etwas ganz anderes zu sprechen.

Sicherlich hat auch diese Schreibweise im gewissen Sinne etwas für sich, doch mein Amüsement bzgl. der nachfolgenden Schilderung des Auftaktes der Gruppentherapie wurd leider viel zu selten gestreut:

„Nach dreizehn Minuten also – es können möglicherweise insgesamt auch bloß zehn gewesen sein -, nachdem kein Mensch auch nur annähernd noch irgendeine Hoffnung hatte, sprach er plötzlich. Er sagte. Ich fühle mich wohl. (Eine phantastische Sache). Ich glaube, jedermann im Raum war genauso verblüfft wie ich: Das sollte ihm einer nachmachen, saß hier für mein Geld
Bilder von Eastend / Ernst Augustin
Eastend / Ernst Augustin P27-10-09_18.09 - Eastend / Augustin, Ernst
noch ein amüsierter Blick ins Buch....
– für unser Geld, ich darf nachrechnen, jeder zahlte dreißig Mark, das waren bei acht Leuten zweihundertvierzig Mark die Doppelstunde-, saß auf seinem Arsch für zweihundertvierzig Mark die Doppelstunde und ließ uns dreizehn Minuten lang warten. Und dann fühlte er sich wohl.“
(ZITAT; S. 25)

An diese Art von Schreibweise gewöhnte ich mich recht schnell, auch wenn hier und dort die vereinzelt gestreuten Klammern im ersten Moment etwas befremdlich auf mich wirkten. Doch der Autor Ernst Augustin versteht es, den Leser in diesen Erzählstil zu ziehen; der somit geschaffene Plauderton sorgt für eine völlig andere, weil persönlichere Atmosphäre.

„Eastend“ erzählt wie nebenbei von einer tiefen Liebe zwischen Almund und seiner Kerrie; viele Zeiten sind romantischer und bewegender, als man es durch Platte Romantik-Vermarktungen wie „nur die Liebe zählt“ gewöhnt wurde. Die große Kurve bekommt der Verfasser im buchstäblich letzten Moment, welches mich mit dem Werk doch wieder versöhnlich stimmte ~ aber eben nicht wirklich begeisterte.

Für Leser, die Wert auf Unterhaltung und eine möglichst umfangreiche Story lesen, wird dieser Roman nicht wirklich etwas sein. "Eastend" lebt vorrangig von und durch seine Beschreibungen; nicht aber von etwas, was dortig wirklich geschieht.

Sehr sympathisch an dem Buch sind zweifelsohne die detaillierten Beschreibungen der Stadt London nebst dessen Hotels und Unterkünfte. Der Leser kann sich ein absolutes Bild machen; wird bei einer eigenen Reise das ein oder andere wiedererkennen...doch will man das wirklich?

Für London-Fans sicherlich eine liebenswerte Idee, doch alle anderen, die nicht wirklich was auf solcherlei ausufernden Beschreibungen geben, sind von Zeilen wie die nachfolgenden womöglich eher gelangweilt:

„Sogar die U-Bahn war besonders stark desinfiziert. Man gelangt nach Bethnal Green mit der Central Line. Das ist die rote Linie, die man am Oxford Circus erreicht, und soweit war alles klar, nun versäumte ich es aber, am Oxford Circus umzusteigen, musste also bis zum Charing Cross weiter, wo ich mit der District – das ist die grüne Linie – bis Mile End fahren wollte, um dort wieder auf die Central zu stoßen; ich glaube, das kann man sich gut vorstellen. Allerdings hätte ich noch die Möglichkeit gehabt, mit der gelben Circle bis Liverpool Street und von dort mit der roten Central, also nicht über Holborn, sondern Blackfriars, Aldgate, auch klar. Nun laufen aber nicht alle Züge durch, manche gehen statt Ealing Broadway nur bis Holland Park und statt Upminster nur bis Plaistow. Meiner ging bis Whitechapel, dort musste ich aussteigen. Ist es möglich, sich davon einen Begriff zu machen. Whitechapel.“
(ZITAT; S. 140)

Wer sich durch solche Ausuferungen jedoch nicht abschrecken lässt, der schafft es womöglich, sich mit dem Werk anzufreunden. Mich persönlich störte es ein wenig, dass „Eastend“ durch vorgenannte Umschreibungen (de Luxe, sozusagen) hier und dort recht langatmig zu lesen war; das ganze fast schon „anstrengend“ war ~ obschon das Buch „nur“ 327 Seiten umfasst, brauchte ich diesmal mehrere Tage.

Und ich schätze, dass spricht irgendwie für sich.

Wer Stephen Kings Bücher kennt, kennt den Umstand, dass man gut und gerne 10-150 Seiten bloß überfliegen kann, ohne etwas zu verpassen. Ähnliches Phänomen findet sich bei „Eastend“, was im Grunde nun das meinige Geständnis auf den Tisch bringt, dass ich 5-10 Seiten so gut wie gar nicht gelesen habe.

Hervorzuheben ist an dem Buch genau das, was ich auch kritisiere: eben manche Beschreibungen. Zeilen wie

„Kerrie, meine Frau, scheint immer in Bewegung, verloren, gefunden und wieder verloren, wir waren noch nach Jahren überrascht, uns am nächsten Morgen im gleichen Zimmer zu finden, wir hätten einen Fluss als Wohnung haben können oder einen Fluss in der Wohnung, was sich in meinem „Vergnügungsschiff“ 1976 niederschlug. Damals war ich noch hoffnungslos verschlüsselt – ich kann nur in einem Vorher und Nachher denken -, meine Beziehung zu Kerrie war unbeschädigt, wir führten Frühstücksgespräche über das Leben: Das Leben ist ein Traum. Und über die Kunst: Wozu? Wegen des Ruhmes oder wegen der Auswirkung? Oder wegen des Traumes (das Leben ist ein Traum).“
(ZITAT; S. 9)

sind es, die ich mehrfach gelesen habe, einfach aus dem Grund heraus, dass sie sich so anfühlten, als seien sie es wert.
Und das sind sie; meiner Ansicht nach.

Summa summarum

fällt es mir schwer, bezüglich „Eastend“ zu einem „Urteil“ zu kommen.
Im großen und ganzen ist es unabstreitbar, dass mich das Buch insgesamt eher enttäuscht hat, eben weil es wunderbar plakativ und kritisch anfing; hier und dort mit seinem Sarkasmus zum absolut hingerissenen bestätigenden Grinsen meinerseits führte. Die Umstände, die sich Tag für Tag in sog. Psychotherapien abspielen, werden hier aufs herrlichste dargelegt:

„Naja, sagte B., ich glaube, wir hören auf. Er rückte wieder auf seinen Platz, und der arme Klemens, allein gelassen, setzte sich auch wieder zurück; ich konnte mich nicht enthalten, ein gewisses Bedauern zu empfinden. Anscheinend ein trauriges Kapitel, obwohl mir weder Anlass noch Ergebnis klar waren. Klemens saß wieder auf seinem Platz in der Reihe, starrte auf den Boden, und alle anderen (starrten) auch auf besonders sehende Weise, nur ich sah anscheinend weder den Anlass noch das Ergebnis. Das heißt, das Ergebnis sah ich: den auf den Boden starrenden Klemens. Nun bist du depremiert, sagte B. Nach einer Weile zu ihm. Klemens schüttelte den Kopf. Alle schwiegen. Doch, du bist deprimiert. Schweigen. Warum bist du deprimiert (aber nicht als Frage). Kannst du mir sagen, Klemens, warum du deprimiert bist?“
(ZITAT; S. 50)

~ Gut möglich, dass solcherlei Situationen nur von denjenigen wirklich als genial empfunden werden, die aus persönlichen Erfahrungen hinaus eben jenes (noch) sehr gut vor Augen haben. Die versteckte wie auch offensichtliche Kritik wurde in der Tat hervorragend platziert und schafft, ohne es explizit anzusprechen, darzulegen, welche Missstände dortig innewohnen.
Gleichermaßen werden eher Londonfans auf ihre Kosten kommen; da diese Schilderungen den Großteil (!) des Buches ausmachen.

Wie so oft im Leben habe ich von dieser Lektüre etwas anderes erwartet; wenn auf der Rückfront des Romans zu lesen steht „Fulminante Satire über die deutsche Psychoszene“ gehe ich trotz zig gegenteiliger Anti-Klappentext Erfahrungen irgendwo davon aus, dass dem auch so ist.

Offenkundig hat jener Klappentexttexter noch mehr Seiten überschlagen als ich ~ was den Autoren selbst angeht, so hat er sich im literarischer Hinsicht nicht gerade zur Höchstleistung getrieben. Falls dem doch so sein sollte, empfinde ich das aus weiteren Gründen als bedauerlich.

Ergo des Ergos:
„Eastend“ bekommt von mir eine sehr vorsichtige Empfehlung; obschon ich mir selbst kaum vorstellen kann, es im Laufe der nächsten 5 Jahre noch einmal lesen zu wollen, hat es irgendwas an sich, was mich trotzdem ansprach.

Nichtsdestoweniger halte ich mich mit der Lobhudelei bzgl. dieses Romanes (absichtlich) sehr bedeckt; eben weil ich mir nicht vorstellen kann, dass überhaupt jemand von diesem Buch regelrecht vom Hocker gehauen sein wird.



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
blueberry-dream

blueberry-dream

04.11.2009 09:10

Nääääää

Paukenfrosch

Paukenfrosch

04.11.2009 08:07

bh & lg

ruts91

ruts91

03.11.2009 17:56

Dass ich hier immer einen Kommentar hinterlassen muss, nur weil ich etwas sehr gut geschrieben finde... ;)

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