Erfahrungsbericht über

Efraim / Alfred Andersch

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Mein Gott, Alfred ...

2  17.03.2009

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Über sich: Ist eine Gesichtscreme, die 20 Jahre jünger macht, lebensgefährlich, wenn man erst 19 Jahre alt ist?...

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Erfahrungsberichte:55

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 229 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ein Vorwort


Erst kürzlich habe ich hier bei Ciao Alfred Anderschs Werk „Sansibar oder der letzte Grund“ vorgestellt und auch über die Maßen gelobt und gepriesen. Ich denke zurecht. Es gab da aber noch einen Roman von ihm, den ich noch nicht gelesen hatte: „Efraim“ aus dem Jahre 1967. Die Lektüre dieses Buches hat mich doch sehr überrascht; allerdings unangenehm. Ist das derselbe Alfred Andersch, der so meisterhaft zu erzählen weiß, wie in seinen vorherigen Werken?


Von den unzähligen Rezensionen dieses Romans, die bislang in deutscher Sprache zu lesen waren, kenne ich persönlich vielleicht rund fünf oder sechs. Diese sind fast ausnahmslos sehr freundlich, überaus respektvoll, zum Teil auch geradezu überschwenglich. Oftmals finde ich Superlative wie: Man habe es mit dem wichtigsten Werk von Alfred Andersch zu tun oder mit dem bedeutendsten deutschsprachigen Roman des Jahres 1967 oder sogar mit dem Höhepunkt der Literatur unserer Epoche überhaupt. Sicher, hier und da werden auch Bedenken geäußert, aber meist zögernd, zurückhaltend und rücksichtsvoll und gelegentlich in demselben nahezu weihevollen Tonfall, der sich in der Zustimmung bemerkbar macht.


Warum schweigen diejenigen, die das Buch ablehnen? Und warum liest man, von Ausnahmen abgesehen, die Ansichten nur jener, die es befürworten. Weshalb wird über den „Efraim“ in literarischen Kreisen oft mit geradezu aggressiver Verachtung gesprochen und in der Presse schonungsvoll und feierlich? Die deutsche Kritik ist doch sonst nicht eben zimperlich. Die Ursachen dieser nicht alltäglichen Situation sollten in dem Buch gesucht werden, um das es hier geht.


Ein kurzer Überblick


Andersch lässt einen deutschen Juden die Geschichte seines Lebens erzählen. Es handelt sich um Georg Efraim aus Berlin, der 1935, damals noch Gymnasiast, von seinen Eltern nach England geschickt wurde, während des Krieges in der britischen Armee gedient hat und später als Journalist erfolgreich war. Er ist nun ein Starreporter der englischen Presse, der sich im Auftrag eines großen Londoner Wochenblatts abwechselnd in verschiedenen europäischen und asiatischen Hauptstädten aufhält. Und Deutschland? Seine Mutter ist in Theresienstadt umgekommen, sein Vater in Auschwitz. Deutschland geht Georg Efraim nichts an.

Doch 1962 muss er der Kuba-Krise wegen für seine Zeitung nach Berlin fliegen. Hier sieht er eine Stadt, die ihm vertraut ist und dennoch fremd bleibt. Er kennt hier niemanden, man ist freundlich zu ihm, aber er spürt Distanz. Mit dieser deutschen Welt will er nichts mehr zu tun haben. Trotzdem irritiert sie ihn. Und das Mädchen, in das er sich verliebt hat, ist eine Deutsche.


Ein Heimatloser soll er also sein und dies gleich im mehrfachen Sinne. Weder fühlt er sich als Engländer noch als Deutscher. In London ist er offenbar nicht zu Hause und in Berlin erst recht nicht. Im Judentum konnte er nie einen Halt finden, das Christentum war ihm wohl immer gleichgültig. Die Engländerin, die er in Berlin liebt, wird nicht zu ihm kommen. Der Journalismus hat ihn enttäuscht, er sucht einen neuen Beruf, er möchte Schriftsteller werden. Was ihm das Leben verweigert hat, erhofft er sich von der Literatur: Glück.


Außenwelt und Innenwelt


„Efraim“ ist also ein Buch über Deutsche und Juden, über die Schuld von gestern und die Fragwürdigkeit von heute, über Auschwitz und die Folgen, über Gesellschaft, Politik und Moral. Da Anderschs Held viel über seine gescheiterte Ehe mit einer Fotografin und seine kurze Freundschaft mit der Berlinerin Anna erzählt, da er uns freimütig Einblick in seine zahlreichen erotischen Hemmungen und Komplexe gewährt, haben wir es zugleich mit einem Roman über Liebe, Sex und Ehe zu tun. Und schließlich wird uns hier noch die Geschichte der Entstehung eines Romans geboten, eben jenes ersten Buches, das Efraim, nachdem er auf den Journalismus verzichtet hat, schreibt und das nun vor uns liegt.

Kein Zweifel, Andersch geht auf die wichtigsten Fragen der Epoche ein. Warum bleibt „Efraim“ für mich dennoch so belanglos? Das Buch scheint reichhaltig zu sein. Weshalb ist es doch für mich so erschreckend armselig? Mehr: Warum erweist es sich als geradezu peinlich? Es sind, glaube ich, einige verschiedene Umstände, die dies bewirkt haben.


Zunächst einmal fällt die Ähnlichkeit des Romans „Efraim“ mit früheren Büchern Anderschs auf. Was er auch erzählen mag, immer stehen im Mittelpunkt enttäuschte, resignierte und meist verbitterte Menschen, die sich als Benachteiligte und als gescheiterte Existenzen fühlen. Nachdem ihnen ihre Ideale abhanden gekommen sind, wollen sie nicht mehr mitspielen. Sie möchten aussteigen und womöglich ein neues Leben beginnen. Sie kehren der als zweifelhaft oder als

Bilder von Efraim / Alfred Andersch
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Alfred Andersch in den frühen Fünfziger Jahren
verwerflich empfundenen Realität den Rücken und suchen Schutz, wenn nicht unmittelbar im Ästhetischen, so doch in einer Traumlandschaft und, vor allem, in der Introversion.


Worauf Andersch zurückgegriffen hat, ist nichts anderes als eine altehrwürdige, sehr beliebte und oft allzu bequeme Antithese des deutschen Romans, zumal des 19. Jahrhunderts: Außenwelt und Innenwelt. In der frühen Epik Anderschs ermangelt jedoch dieser Rückgriff nicht einer tieferen Berechtigung: Wenn in den „Kirschen der Freiheit“ und in dem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“, in Büchern also, die zwischen 1933 und 1945 spielen, die Flucht nach innen als Antwort des Individuums auf die Epoche und ihre Schrecken verstanden werden sollte, so fehlte dem Motiv weder die moralische noch die zeitgeschichtliche Legitimation. Aber was hier überzeugend wirken konnte, mutete in dem auf bundesrepublikanischem Hintergrund spielenden Roman „Die Rote“ schon einigermaßen anachronistisch an und zugleich unfreiwillig komisch.


Denselben Gegensatz, Außenwelt und Innenwelt, Politik und Kunst, will Andersch jetzt mit den Erlebnissen und Meditationen des Journalisten Efraim beglaubigen. Das Emigrantenschicksal soll noch einmal die etwas naive und auf jeden Fall romantisch verbrämte Antithese verdeutlichen. Nur wenig unterscheidet sich Efraim von seinen Vorgängern. Nur dass Andersch seinen Protagonisten diesmal judaisiert hat oder, richtiger gesagt, judaisieren wollte. Durfte er das? Das hängt immer nur vom Ergebnis an: Der Romancier darf alles, was er kann. Aber Andersch hat hier etwas versucht, was seine schriftstellerischen Möglichkeiten weit
übersteigt.


Efraim ist ein lieber Mensch


Gewiss ist sein Efraim ein lieber Mensch, dem viele Vorzüge nachgesagt werden können. Er erweist sich als zart und edel, taktvoll und ritterlich, gebildet und musisch, nachdenklich und skeptisch, elegant und gewandt. Obwohl ein nervöser und subtiler Ästhet, kann er seinem Gegner, wenn es darauf ankommt, auch einen kräftigen Kinnhaken versetzen.

Er stammt aus einem sehr vornehmen Hause, doch mangelt es ihm nicht an menschenfreundlichem Verständnis und aufrichtigem Interesse für das proletarische Milieu. Er mag ein cleverer Journalist sein, aber sein Idol ist Beckett. Indes werden auch ganz andere Dimensionen in dem Portrait Efraims, wohlgemerkt einem Selbstportrait, angedeutet. Der umsichtige Reporter beschreibt sein eigenes Gesicht als „trockene, ausgeglühte Landschaft, auf Wasser wartend, auf das Heil, auf die Erlösung“.


Dieser Efraim, dessen Gesicht also einer auf das Heil und die Erlösung wartenden Landschaft gleicht, spricht bei anderer Gelegenheit von dem „Indes werden auch ganz andere Dimensionen in dem Portrait Efraims, wohlgemerkt einem Selbstportrait, angedeutet, den wir Semiten, Abkömmlinge einer Mittelmeerkultur, auf die Nordländer machen“.

Dass Juden, auf wen auch immer, einen solchen Eindruck machen, scheint mir, mit Verlaub, purer Blödsinn zu sein. Trotzdem ist die Formulierung aufschlussreich. Denn der von Andersch unermüdlich stilisierte und in einer fatalen, süßlich-philosemitischen Aura gezeigte Held hat mit der Realität nichts gemein und erweckt in der Tat nur noch einen medaillonartigen Eindruck.


Efraims Angst vor Frauen


Andersch mag dies geahnt haben, weshalb er seinen Efraim zusätzlich mit allerlei Schwächen versieht, um ihn wenigstens etwas menschlicher zu machen. Sie betreffen meist das Sexuelle. So erfahren wir, dass er den Geschlechtsverkehr „eigentlich“ nicht möge, jedoch vor Sinnlichkeit vergehe, andererseits aber Angst vor Frauen habe. Im Grunde kann er es nur mit seiner Frau Meg „tun“, von der er weggegangen ist, weil sie ein Verhältnis mit seinem Londoner Chef hat. Der Leser wird viele Seiten mit der Frage beunruhigt, auf welchem Möbelstück die beiden es „miteinander getrieben“ haben.
Man erfährt es erst auf Seite 463: Ein Schaukelstuhl war es, aber beileibe kein gewöhnlicher, sondern „ein viktorianisches Möbel aus geschwungenem Bugholz“.


In Rom hatte Efraim eine Beziehung mit einer sympathischen Prostituierten; obwohl sie von ihm angemessen entlohnt und gut behandelt wurde, sei ihm bewusst geworden, dass er einen Menschen ausbeute und erniedrige. Gelegentlich onaniert er, worauf er besonders oft und gern zu sprechen kommt und was ihm großen Kummer bereitet; weiß der Teufel übrigens, warum er sich der diskreten Tätigkeit gerade im Lesesaal des Presseclubs in Rom hingeben muss, wo er denn auch prompt von einem taktlosen deutschen Journalisten gestört wird.

Ferner interessiert sich Efraim leidenschaftlich für pornographische Bücher und Zeitschriften, doch fehlt dem weitgereisten Journalisten, wie wir glauben sollen, der Mut, sie zu kaufen. War es Anderschs Absicht, uns einen Mann vorzuführen, er über vierzig Jahre alt ist und immer noch in seiner Pupertät steckt?


Leider nicht viel Verstand


Dass Efraim in England Starreporter werden konnte, ist schon deshalb vollkommen unvorstellbar, weil er sich nicht ausdrückt wie ein guter englischer Journalist, vielmehr wie ein besonders schlechter deutscher Schriftsteller. Wenn er uns mitteilen will, die Begegnung mit der jungen Anna habe ihn zu seinem Roman veranlasst, dann müssen wir lesen, dass „dieses große, schattenhafte Mädchen mich dazu disponiert hat, gewisse Zeichenanordnungen einzuleiten, mit derer Hilfe es mir hoffentlich möglich sein wird, meine Position auszumachen“.
Er habe sich versenkt, sagt Efraim bei anderer Gelegenheit, „in ein Meer von Erinnerungen und Überlegungen, auf dem Bruchstücke formulierter Texte schwimmen, mit deren Hilfe ich vielleicht ein Floß zimmern kann“.
Noch umständlicher und prätentiöser und schiefer geht es kaum.


Überdies fällt es schwer, an Efraims Journalisten-Karriere in England zu glauben, weil er von Andersch zwar mit allerlei Attributen versehen wurde, doch nicht mit viel Verstand. Das hat für den Roman, da ja ausnahmslos alles in Efraims Sicht geboten wird, verheerende Folgen. Efraim erzählt nicht nur über sich selbst, seine Erotik und seine Arbeit, sondern auch über die Welt schlechthin.

Andersch geizt nicht mit Schauplätzen und Milieus, Bildern und Themen. Hier Rom, da London, mal West-Berlin, mal Ost-Berlin, ein Restaurant in der Nähe der Spanischen Treppe und eine Redaktion in der Fleet Street, eine fesche Party am Kurfürstendamm und ein malerischer Friedhof in Neukölln, die Mauer und der Kommunismus, Kuba und Kennedy, Augstein und Strauß, Kriegsverbrecherprozesse und Studentendemonstrationen, der Jazz und das Umgangsdeutsch, Beckett und Virginia Woolf.


Als Reporter der englischen Presse habe er sich, behauptet Efraim, niemals mit der Oberfläche der Dinge begnügt. Das können wir nicht nachprüfen. Hier aber sind die meisten Darlegungen entwaffnend banal und naiv zugleich, ein Klischee jagt das andere. Der deutsche Verleger ist blond, ungeheuer humorlos und zeichnet sich durch Gründlichkeit aus. Der jüdische Journalist wird von Unrast beherrscht und trägt natürlich randlose Gläser, die ihn zum Intellektuellen machen. In Rom ist es trocken und sonnig, in London feucht, grau und neblig.


West-Berlin entdeckt Efraim, „ist nicht das gleiche wie der Westen“. Es sei, versichert er, „ein Unterschied zwischen Zyklon B und einer Bombe, die vom Himmel fällt“. Immer wieder wird uns der bare Kitsch offeriert: „Während eines langen Bass-Solos schüttelte sie ihn (ihren Körper) nur gerade so viel, dass ihr grünsilbernes Kleid über ihn hinfließen konnte wie Wasser über einen Weidenast“.
Der unfreiwillige Humor erreicht seinen Höhepunkt in den altväterlich-biederen erotischen Szenen: „Besonders die weiße Bluse, die ich Muße hatte zu betrachten, während sie das gehackte Schweinefleisch in die Pfanne tat, hat eine Bedeutung für mich gewonnen, weil ich nämlich versucht habe, ihre Knöpfe zu öffnen. Ich bin dabei nicht weitergekommen als bis zum allerobersten Knopf; dennoch weht manchmal noch die Vorstellung von weißem preußischen Leinen in meine römischen Tage und Nächte wie eine kühle Verheißung“.


Der Ich-Erzähler als Alibi


Ich weiß, Alfred Andersch war ein integrer, ein verdienstvoller und ehrenwerter Mann, aber seine Geschmacklosigkeit schrickt nicht einmal vor den Opfern der Gaskammern zurück. Da wird einmal „das alte rote römische Licht“ erwähnt. Dann lässt er seinen Efraim sagen: „Irgendwie bringt dieses Licht es fertig, einen die Tatsachen ertragen zu lassen, dass meine Eltern und Esthers Mutter maschinell getötet und verbrannt worden sind; es lässt einen vermuten, auch das schärfste, das sinnloseste Leiden würde am Ende eingeschmolzen in eine Summe des Schmerzes, in eine Dämmerung aus Rot.“
Hier zeigt sich, dass Kitsch auch eine moralische Kategorie sein kann.


Für manche Schwäche dieses Buches hat Andersch gleich die Rechtfertigung parat: Sein Ich-Erzähler können eben keine Romane schreiben („Ich bin gottseidank doch kein richtiger Romancier!“). Dass ein Autor die Mängel seines Produkts dem vorgeschobenen Ich-Erzähler zur Last legt, haben wir schon oft erleben müssen. Aber der Ernst, mit dem Andersch immer wieder auf die begrenzten Möglichkeiten seines Mediums hinweist, ist zumindest verblüffend.


So teilt uns Efraim mit, dass er seine Erinnerung „nur flüchtig notiere“ und „erst später ins reine schreiben werde“, was er offenbar nicht mehr geschafft hat. Nach rund 170 Seiten erklärt er, das alles besage nichts, und er könne das Manuskript in den Papierkorb werfen, was er indes leider nicht tut. Er fragt: „Soll ich unter diesen Umständen das Begonnene überhaupt fortsetzen?“ Plötzlich lesen wir: „Überhaupt ist der ganze vorige Absatz eine ziemlich genaue Rekonstruktion meines Primaner- und Barackenstils“ Nach einer fatalen Beschreibung heißt es: „Ich bin unzufrieden mit dieser Beschreibung“. Nach schauderhaften Vergleichen sagt uns der Ich-Erzähler treuherzig: „Es fällt mit kein anderer Vergleich ein.“


Einigermaßen überraschend ist die Behauptung: „Es ist gleichgültig, wo man lebt, was man tut, wer man ist.“ Einige Seiten weiter folgt die Rücknahme der Sentenz: Der Satz sei doch „übertrieben und sentimental“ und „wahrscheinlich ist er sogar falsch“. Nach einer eben nicht geistreichen Reflexion, die in der These „Beziehungen sind alles“ gipfelt, erkennt Anderschs Ich-Erzähler, sein Buch werde durch eine solche Reflexion nur schwerfällig, weshalb er sie „wahrscheinlich wieder streichen werde“. Dann heißt es in Klammern: „Ich habe mich entschlossen, sie doch stehen zu lassen.“


Kommen wir langsam zum Ende


Gegen Ende fügt Andersch die entschuldigenden Floskeln immer häufiger ein. Er könne, beruhigt Efraim, „das Ganze als absolut unverbindlichen Versuch betrachten“, ihm gehe der Ehrgeiz ab, einen Roman zu verfassen, er habe doch nur „eine ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte“ erzählt. Und auf der letzten Seite überlegt er sich, ob er sein Buch “noch einmal gänzlich umschreiben sollte“.


Sogar der Leitgedanke des ganzen Romans wird schließlich annulliert. Unzählige Male musste ich lesen, das Leben des Menschen sei „nichts als ein großes Durcheinander“ und „purer Zufall“. Und dies, was Efraim „sein großes Gedankengebäude über den Zufall und das Chaos“ ausgegeben hat, bezeichnet er am Ende als eine „philosophische Marotte“, die im Grunde das Buch überflüssig mache: „Wenn alles auf Zufall beruhte, dann wäre es nicht nötig gewesen, mich so zu demaskieren, wie ich mich in der Tat demaskiert habe“.


Aber alle selbstkritischen und rechtfertigenden Bemerkungen können die Sache nicht mehr retten. Sie wirken auf mich abstoßend kokett und machen diesen peinlichen Roman nur noch peinlicher. Allerdings scheint „Efraim“ erfolgreich gewesen zu sein. Und nicht ohne Grund. Sentimentalität und Gewissensbisse, Sex und Auschwitz, Binsenweisheiten und herbes Aroma, der Mief der Provinz und der Duft der großen weiten Welt – diese Mischung gefällt.


Mein Fazit


Die Rezension von Efraim ist allein schon deshalb ausführlicher und umfangreicher geworden, weil ich euch wirklich davon überzeugen wollte, dieses Buch nicht zu lesen. Es wird meiner Meinung nach der eigentlichen Klasse und Fähigkeiten von Andersch nicht gerecht. Lest lieber „Die Kirschen der Freiheit“ und/oder „Sansibar“ von ihm.

Efraim kann ich nun beim besten Willen niemandem empfehlen. Gut 500 Seiten literarisches Gewürge und Widersprüche, das braucht man wirklich nicht. Zum Glück war Efraim nicht Anderschs erstes Werk, er hätte sonst vielleicht nie die Gelegenheit bekommen zu zeigen, was er wirklich drauf hat.


Zum Autor


Alfred Andersch wurde am 4. Februar 1914 in München geboren und war einer von drei Söhnen eines gutbürgerlichen Tierarztes. Später versuchte sich sein Vater auch noch als Versicherungsagent und Buchhändler.

Nach seinem Ausschluss aus dem Gymnasium machte es Alfred seinem mittlerweile verstorbenen Vater gleich und begann 1930 eine Lehre als Buchhändler. Im Anschluss an die Lehre war Andersch aber zunächst arbeitslos und trat Anfang der Dreißiger Jahre in die Kommunistische Partei ein. Dort stieg er trotz seines noch jungen Alters von gerade mal 18 Jahren rasch zum Jugendleiter der Partei für Südbayern auf.


Im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde auch Alfred Andersch für einige Monate im Konzentrationslager Dachau bei München inhaftiert, konnte dieses aber dann mit viel Glück wieder verlassen. Aus Furcht vor weiteren Repressalien beendete er aber zunächst seine Tätigkeiten für die KP.


Im Jahre 1935 heiratete er seine Freundin Angelika Albert und siedelte mit ihr nach Hamburg um, wo er dann auch bald eine Stelle als Texter in einer Fotofabrik fand. Zu dieser Zeit begann Alfred Andersch sich auch immer ernster mit dem Schreiben von Erzählungen zu befassen.


Der Beginn des Zweiten Weltkriegs und seine Einberufung in die Wehrmacht verhinderten aber zunächst eine weitere Beschäftigung mit dem Schreiben. Schon 1941 wurde die Ehe mit Angelika Albert wieder geschieden. Nach den damals geltenden Nürnberger Rassegesetzen war sie Halbjüdin.
Im Juni 1944 gelang Andersch die Flucht aus der Armee und er desertierte zu den Amerikanern an der Westfront. Nach einem Jahr als Kriegsgefangener lebte Andersch direkt nach dem Krieg im hessischen Darmstadt.

Von Darmstadt kehrte er aber schon bald nach München zurück, wo er dann auch eine Anstellung als Redaktionsassistent bei der Neuen Zeitung (heute Süddeutsche Zeitung) unter der Obhut von Erich Kästner erhielt.

Dort blieb er allerdings nur kurze Zeit, da er sich der politischen Richtung der Zeitung (pro amerikanisch) nicht anschließen mochte. Er gilt dann als einer der Mitbegründer der „Gruppe47“, der bekanntesten deutschen Vereinigung von Künstlern und Schriftstellern nach dem Krieg.

Bis 1958 arbeitete Alfred Andersch dann als sehr angesehner und beliebter Redakteur im Bereich für Kultur und Literatur beim Hessischen und später beim Süddeutschen Rundfunk.


Seit 1958 lebte und arbeitete Andersch als freier und sehr erfolgreicher Schriftsteller im schweizerischen Tessin.
Am 21. Februar 1980 starb Alfred Andersch an den Folgen einer schweren Nierenkrankheit.


Wichtigste Werke und Auszeichnungen:

- Die Kirschen der Freiheit (1952, Erzählung)
- Sansibar oder der letzte Grund (1957, Roman)
- Deutscher Kritiker Preis (1958)
- Die Rote (1960, Roman)
- Efraim (1967, Roman)
- Nelly Sachs Preis (1968)
- Winterspelt (1974, Roman)
- Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
iguanadon

iguanadon

07.04.2010 16:45

bh! super Bericht!

facinum

facinum

03.10.2009 10:03

Ich würde jetzt so gerne ein BH hergeben - nur ist es noch in der Warteschleife... :-/ LG, Philipp

try-or-die87

try-or-die87

05.09.2009 18:51

BH :o)

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