und wieder einmal ist es Weihnachten
23. Dez 2000
(23. Dez 2001)
Pro:
ein Blick auf das Elend
Kontra:
aber es ist Weihnachten
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Humor:
Aufmachung:
mehr
 yorg
Über sich:
... die Zeit ist nur ein Bach, in dem ich angeln gehe (Thomas Hemerken, Mönch) ... doch wer angeln w...
Mitglied seit:05.12.2000
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 75 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Charles Dickens - Eine Weihnachtsgeschichte (Christmas Carol) - (1843) - diverse Ausgaben Wir befinden uns im 19. Jahrhundert. Ebenezer Scrooge ist ein Kaufmann. Ein Mensch, der sein Herz verfinstert hat und nicht nach Gefühl, sondern nach Zins seine Entscheidung trifft, selbst die Einsamkeit, in die Geiz und Gier zuweilen zu treiben vermag, noch begrüsst als Zustand, der seinen Geldbeutel geschlossen hält. Ein Mensch, der diesen Geldbeutel eifersüchtig bewacht und schon, weil er sich nichts anderes vorstellen kann, das seine Mitmenschen von ihm wollen könnten, einer, der Menschen nicht mag, ein Misanthrop also, der sein Gegenüber nur wollwpllend zu betrachten vermag, wenn etwas an oder mit ihm zu verdienen ist. Oder mit Dickens gesprochen: "Oh, er verstand sich auf Menschenschinderei, dieser Scrooge! Ein erpresserischer, ausbeutender, zusammengrapschender, Geiziger alter Sünder ..." (S.10).
Aber bislang war Scrooge nicht allein. Einsam vielleicht, aber nicht allein. Er hatte einen Mitgesellschafter und dieser Compagnon Marley war durchaus ein ähnliches Kaliber. Nicht, dass ein Scrooge der Wärme dann doch bedurft hätte – aber der Bestätigung, der unausgesprochenen Billigung dieses kühlen Lebens, die ihm ein Spiegelbild seiner als Gegenüber bot. Doch Marley ist nun tot - so beginnt die Geschichte. Und nicht nur tot - er hatte auch den Lohn
für seine Sünden empfangen. Das wird nirgendwo expliziert, aber ist doch für Marley ausreichend drängend, den Scrooge aus dem Jenseits zur Umkehr zu rufen. Nur eben dieser wehrt sich .....
Dickens ist liebevoll und doch auch ungeschminkt zornig, wie er seine Weihnachtsgeschichte darbietet. Wenn auch oft mit den resignativen Untertönen der Verzweiflung doch immer wieder das Elend zu porträtieren und dabei andererseits nicht darin stecken zu bleiben, ihm sogar starke Figuren, Helden wie David Copperfield oder Oliver Twist abzugewinnen - dies war immer Dickens'sche Stärke und vielleicht auch ein wenig seine Schwäche. Zwar wird niemand seine Figuren armuts-romantisierend gedeckelt zu fassen bekommen, - aber ein wenig der Liebe zu diesen Typen bleibt doch in all den Unbilden übrig.
Nicht aber in der Weihnachtsgeschichte. Zumindest nicht wie gewohnt. Denn die Geschichte hat einen Helden, der zu den Tätern, nicht den Opfern gehört. Scrooge ist ein Geizkragen alter granitener Provenienz, jenseits caritativ verschleiernder Tendenzen, jenseits wohlig-tümelnder Weihnachtsduselei, wie sie auch in heutiger Zeit noch zu einem sprunghaften Anstieg der Spendenbereitschaft führt (was besser ist als nichts) - Scrooge braucht Weihnachten nicht. Und dies vermag Dickens in einer Nähe darzustellen, die alle denklichen Aversionen gegen eine derartige Ausgeburt der Mammonverherrlichung zu mobilisieren beginnt.
Und doch tritt dem Zorn, auch anders, als von Dickens gewohnt, eine letztliche Läuterung, eine Abkehr vom Weltlichen, eine späte, dem finsteren Gemüt Scrooge'scher Desensibilität abgetrotzte Herzerweichung entgegen, die den eben noch zürnenden Autor nun als paulinisch in Glaube, Liebe und Hoffnung (1.Kor 13,13) verschränkt zeigt, als jemanden, der sich dann doch einreiht in eben jene christlich-korrekte Weihnachtsstimmung der pointiert-partiellen Fürsorge.
Scrooge wird, wenn auch nebst Marleys weitere drei Geister oder Engel (d.h. letztlich: Boten) dafür nötig sind, eines Besseren belehrt - und dieses in einer unglaublich komplex-komprimierten Dramaturgie, die beim Lesen kaum je Stellen bietet, einmal aufzuatmen. Dies alles - wieweit mir auch immer uneinleuchtend schien, gerade die Weihnachtsgeschichte für eine Kinder-taugliche story zu halten - erklärt nun endlich auch die (vor allem us-amerikanische) Begeisterung, dies Stück auf die Bühne zu bringen - zur Weihnachtszeit, wann sonst - das Gute siegt ja. So, wie jüngst verarbeitet im "Owen Meany" des bekennenden Dickens-Anhängers John Irving.
Für den Autoren ist diese Wendung, die die Weihnachtsgeschichte zu einem von nahezu jeder englischsprachigen Schule immer wieder dezemberlich aufgeführten Stück macht, aber mehr oder weniger, als ein Happy end, eine triefige Lösung, in der der Böse zum Guten bekehrt wird, wärmend in kalten Zeiten, Motor temporärer christlicher Barmherzigkeitstümelei – Dickens skizziert schroff, was heute noch wie gestern die Welt bestimmt und ruft zu einem Nachdenken auf, zu einem Nachdenken, das anhält über die restlichen elf Monate des Jahres. Denn nicht um einen kurzen Ablasshandel zwischen Glühwein und Geschenken geht es, sondern um die Ewigkeit, um (und hierin trifft Dickens‘ auch die puritanische Ader der angelsächsischen Christenheit) die Frage der Erlösung und Verdammung, die sich am Umgang mit dem Mitmenschen entscheidet. Hierin erst wird die Geschichte nahezu unspielbar und doch immer wieder gespielt. Und so wird das auch bleiben. Dickens Weihnachtsgeschichte ist über den englisch-sprachigen Raum hinaus ein kultureller Anker - und wird bei all der Liebe (der so wie so in diesen Tagen erwarteten und der zum Autoren und seinem Werk) auch immer seine Ambivalenz behalten, die Gemüter, kaum aufgewühlt, doch schnell wieder beruhigen zu wollen - es ist ja Weihnachten - aber, (noch einmal ein paulinisches:) hofentlich, auch die Seelen, kaum befriedet, noch etwas drücken und stechen - denn bald ist Weihnacht' auch vorüber, das Elend aber bleibt.
In diesem Sinne ein friedliches Fest
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Meine Ausgabe war: Charles Dickens. Der Weihnachtsabend. Eine Geistergeschichte. 1843. Aus: Werke. Bd. XII. Hrsg. Paul Th. Hoffmann. Gutenberg-Vlg. 1927. S.7ff. ..................................................................................
der Text findet sich bei Gutenberg auch online unter: ..... http://gutenberg.aol.de/dickens/weihlied/weihlied.htm zu Dickens siehe den Artikel bei Gutenberg (in Deutsch) unter: ..... http://gutenberg.aol.de/autoren/dickens.htm
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© 12/2000 / 12/2001
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04.12.2004 15:57
Schöner Bericht. :-)
07.10.2004 11:47
Sehr ausführlich und gut. Ich kann hierzu nur eine günstige Variante für die üblichen Ausgaben empfehlen: RECLAM Hefte allen bekannt aus der Schulzeit.
09.05.2002 18:24
deine formulierungen gefallen mir sehr gut; klingt alles sehr sachlich und wohlüberlegt- hast du dir die alle selbst ausgedacht ? MFG waterdrop