Erfahrungsbericht über

El Negro / Frank Westerman

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung El Negro / Frank Westerman

 

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El negro.

5  08.09.2009

Pro:
extrem interessant, schockierend, ehrlich, sehr gut recherchiert, Schreibstil

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

Pampashase

Über sich: +++ Kein Interesse an Leserunden +++ Liegengebliebene CIS-Mails werden langsam, aber sicher nachgeho...

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Erfahrungsberichte:2001

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 120 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Vor etwa sieben oder acht Jahren schon sah ich auf Arte eine Dokumentation über „El Negro“. Ich war damals ziemlich schockiert und so behielt ich diesen Film auch immer irgendwie im Hinterkopf. Als ich dann vor einigen Wochen im Internet stöberte, stieß ich auf ein Buch von Frank Westerman, das sich mit „El Negro“ beschäftigt und es war für mich klar, dass ich dieses Buch unbedingt lesen musste. Heute bin ich nun damit fertig geworden…


Autor & Buch:
*~*~*~*~*~*~*
Wer oder was ist „El Negro“? Es handelt sich um einen Afrikaner, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von französischen Tierpräparatoren ausgestopft wurde. Man war der Auffassung, dass es sich nur um eine Zwischenstufe zwischen Affe und Mensch handelte! Über die Jahrhunderte fand „El Negro“ seinen Weg in das Museum der katalanischen Stadt Banyoles, wo er in einer Vitrine in einem Raum zusammen mit Affen ausgestellt wurde. Bis vor wenigen Jahren!

In den frühen 1980ern befand sich der niederländische Student Frank Westerman mit einem Freund auf einer Europareise. Ein Zufall führte die beiden nach Banyoles, wo sie auch das Museum besuchten, in dem „El Negro“ ausgestellt wurde. Auch Westerman lässt „El Negro“ nicht los. Und so beschließt er, seiner Herkunft auf den Grund zu gehen. Er durchforstet Bibliotheken und spricht mit den verschiedensten Menschen um herauszufinden, wer „El Negro“ ist. Er hofft, durch die Klärung dieser Frage „El Negro“ seine Identität wiederzugeben. Das im Jahre 2004 erschienene Buch beinhaltet die Ergebnisse seiner Nachforschungen. Zudem beschäftigt sich Westermann darin auch mit den Problemen des Kolonialismus und Rassismus an sich und verknüpft dies mit den Schilderungen seiner eigenen Erfahrungen bei seiner Arbeit als Entwicklungshelfer.

Daten:
--------
„El Negro. Eine verstörende Begegnung“ (2005)
Frank Westerman
OT: „El Negro en ik“ (2004)

Deutsche Taschenbuchausgabe; erschienen im Berliner Taschenbuch Verlag.
Übersetzung aus dem Niederländischen: Stefan Häring & Verena Kiefer

Seitenzahl: 240 Seiten

Preis: 10,50€


Meine Meinung:
*~*~*~*~*~*~*~*
„El Negro. Eine verstörende Begegnung“ ist kein einfaches Buch – nicht aufgrund des Schreibstil, sondern aufgrund der Thematik. Als Westerman El Negro zum ersten Mal sieht, schämt er sich. Es ist für ihn unbegreiflich, wie mit einem Menschen auf solche Art und Weise umgegangen werden kann. Und er ist sich darüber im Klaren, dass auch er als Europäer eine Verantwortung gegenüber El Negro hat. Er will dem Mann in der Museumsvitrine seine Identität zurückgeben. Was scheinbar als Nachforschung aus einem privaten Interesse heraus beginnt, wird mit den Jahren zu einem wichtigen Anliegen für Westerman. Nachdem er über Jahre hinweg zahlreiche Informationen sammeln konnte und der Spur der Herkunft El Negros immer weiter folgen kann, beschließt er, ein Buch darüber zu schreiben. Für seine Recherchen reist er um die halbe Welt. Er führt Interviews mit den Verantwortlichen in Banyoles, mit Bibliothekaren und Menschen, die sich in irgendeiner Art und Weise für das Entfernen und eine angemessene Bestattung El Negros eingesetzt haben. Er spricht mit Wissenschaftlern der verschiedensten Richtungen: Archäologen, Historikern und Taxidermisten (d.h. Präparatoren für Wirbeltiere).

Man könnte jetzt meinen, dass die Schilderung dieser Gespräche trocken oder monoton sein können. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Westerman beschreibt sehr anschaulich und lebendig. Ich hatte manchmal fast ein wenig den Eindruck einen Kriminalroman zu lesen. Es ist, als würde Westerman ein Puzzle zusammensetzen und man selbst als Leser ist dabei, wenn er wieder ein neues Teil gefunden hat. Westerman gibt nicht nur wieder, was er einem bestimmten Dokument entnehmen konnte, sondern er schildern auch die Umständen, unter denen er zu dem Dokument gekommen ist. Er beschreibt, wie er in Archiven und Bibliotheken arbeitet, wen er dort kennenlernt... Dabei drückt er sich sehr anschaulich aus, sodass man die Szenerien geradezu vor dem inneren Auge sieht. Ich musste mich hin und wieder sogar ganz bewusst daran erinnern, dass dies kein Roman, sondern ein journalistisches Werk ist. Auch, wenn man das manchmal kaum glauben kann.

Westermans Schreibstil ist dem Thema angemessen nicht übermäßig ausschmückend, aber auch alles andere als nüchtern. Er verbindet den Weg und die Ergebnisse seiner Nachforschungen mit seinen eigenen Erfahrungen und Gedanken. Das Buch ist ehrlich und schonungslos. Westerman beschreibt nicht nur den unglaublich grausamen Umgang mit dem Leichnam des Toten (der im Museum letztendlich nur noch eine Konstruktion aus Haut, Knochen, Glas, Stroh und Metall ist…), sondern schildert auch die Meinungen von Historikern, Medizinern etc. Diese sind nicht immer, wie man meinen möchte, ebenso schockiert. Westerman setzt den Fall El Negros beispielsweise daher auch in einen Kontext zu anderen Fällen, in denen Afrikaner – vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jh. – zu Forschungszwecken auf die verschiedensten Arten und Weisen missbraucht und „konserviert“ wurden.

Besonderes Augenmerk legt Westerman in seinem Buch auf das Problem des Rassismus. Im spanischen Banyoles galt „El Negro“ als so etwas wie ein Wahrzeichen. Als die Proteste gegen seine Ausstellung in den späten 1990ern weltweit immer lauter wurden, gründeten die Einwohner des Dorfes eine Bürgerinitiative. Und es war vollkommen normal, dass man Postkarten und andere Souvenirs mit dem Bild „El Negros“ verkaufte. Doch wie würden Europäer reagieren, wenn ein ausgestopfter Weißer in Afrika in einem Museum stünde? …
Westerman verknüpft seine Überlegungen hierzu mit seinen eigenen Erfahrungen als Entwicklungshelfer und schildert die Probleme, die er beispielsweise bei seiner Arbeit in Peru, Sierra Leone, Jamaika und Südafrika selbst erfahren hat. Er schreibt über die Menschen, mit denen er gesprochen hat und über die Unterschiede zwischen den Kulturen. Auf diese Weise entsteht ein umfassender Blick auf einige der wichtigsten Probleme der Menschheit: die Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern, die Unterschiede zwischen den Kulturen, die Rolle der Poltik, die Geschichte des Rassegedankens und nicht zuletzt auch die mannigfaltigen Auffassungen über Würde und Wert von Menschen.


Fazit:
*~*~*
„El Negro“ ist meiner Meinung nach ein Buch, das man gelesen haben sollte. Es ist intelligent und anschaulich geschrieben. Gleichsam ist es aber auch unfassbar. Mir persönlich hat das Buch in mancher Hinsicht die Augen geöffnet für Probleme, die ich vorher nicht verstanden habe. Wieso funktioniert Entwicklungshilfe nicht? Wieso stört sich in Europa beinahe ein Jahrhundert lang niemand daran, dass ein ausgestopfter Mensch in einem Museum steht? Westerman probiert sich an den Antworten auf diese und weitere Fragen. „El Negro“ macht nachdenklich und hinterlässt einen unschönen Nachgeschmack. Gerade deswegen halte ich dieses Buch jedoch für so großartig. Ich vergebe 5 Sterne und spreche meine Empfehlung aus!

Liebe Grüße!

Bilder von El Negro / Frank Westerman
El Negro / Frank Westerman El Negro. Eine verstörende Begegnung /
El Negro. Eine verstörende Begegnung / Westerman, Frank - Die deutsche Taschenbuchausgabe
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Paukenfrosch

Paukenfrosch

13.09.2009 23:11

bh & lg

lushlife83

lushlife83

13.09.2009 13:25

sehr makaber *schüttel* würde mich mal interessieren, warum man diesem "ausstellungsstück" nicht endlich die letzte ehre erweist und es in einem menschenwürdigen grab zur ruhe bettet. da muss ich wohl zu diesen buch greifen. prima bericht! liebe grüße! =)

Cosmay

Cosmay

12.09.2009 15:03

Besonders gut find ich an deinem Buchbericht, dass du so explizit herausgehoben hast, das der Inhalt nicht zu "langatmig und trocken" ist. Von daher WOLLTE ich dir auch die Bestnote geben... hmpf. Erinner mich morgen mal dran, wenn ich die Umbewertung mal wieder vergessen sollte. Passiert mir immer wieder mal, und nur die wenigsten scheuen sich nicht vor meinem Hinweis, dass ich so gut wie kein Gedächtnis hab. ; )

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