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Ja, so muss ein Cowboy sein...?

3  12.07.2008

Pro:
Skurril und surreal, definitiv mal was anderes

Kontra:
Höchst merkwürdig, definitiv nichts für die breite Masse

Empfehlenswert: Nein 

TheBabz

Über sich: Vielen Dank für die zahlreichen guten Bewertungen & Kommentare zu meinem Wii-Fit-Plus-Bericht :)

Mitglied seit:24.03.2005

Erfahrungsberichte:111

Vertrauende:57

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 138 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Guten Tach zusammen!

Neulich las ich auf Ciao JoachimKrolls überaus vernichtende Kritik zu Alejandro Jodorowskys Film "El Topo". Trotz aller Warnungen neugierig geworden, versuchte ich, den Film aufzutreiben - was sich als gar nicht so schwer entpuppte, mein Bruder hat ihn nämlich auf Video. Und so kam es, dass ich mir "El Topo" anschaute - und ob ich mich JoachimKroll anschließe oder vollends begeistert war erfahrt ihr während der Lektüre dieses Berichts. Ich wünsche viel Spaß!


Technische Details

Original-Titel: El Topo
Regisseur: Alejandro Jodorowsky
Jahr: 1970
Land: Mexiko
Genre: gute Frage - surrealer Western?
Laufzeit: knapp 2 Stunden
Altersfreigabe [D]: ab 18
Darsteller: Alejandro Jodorowsky, Brontis Jodorowsky, Alfonso Arau, Robert John


Vorwort: Dieser Film ist seltsam!

Man kann es nicht anders sagen: "El Topo" ist ein surrealer, befremdlicher und mehr als merkwürdiger Film. Dies manifestiert sich nicht nur in den kaum charakterisierten Figuren (die meisten haben nicht mal einen Namen, und viel geredet wird in dem Film eh nicht), sondern in erster Linie im gesamten Handlungsablauf: Viele Sachen scheinen völlig willkürlich zu geschehen, werden nicht wirklich erklärt und/oder wandeln auf der Schwelle zwischen Realität und Surrealität. Aus diesem Grund fiel es mir in der Tat schwer, eine sinnvolle Handlungszusammenfassung zu schreiben - es gibt einfach sehr viele merkwürdige Wendungen. Deshalb gibt es heute mal zwei Inhaltsangabe: Eine sehr kurze für den groben Überblick und eine längere. Sucht euch halt aus, welche euch besser gefällt ;)


Der Inhalt (sehr kurz)

El Topo, seines Zeichens eine Art Cowboy, hat nach einem Rachefeldzug nur noch eines im Sinn: Er will der beste Revolverheld der Gegend werden, um eine Frau zu beeindrucken. Nach einigen Zwischenfällen kommen ihm jedoch Zweifel an seiner gewalttätigen Lebensweise und nach einigen Jahren "Zwangspause" wird er vom Bösewicht zum Erlöser einer in einer Höhle gefangenen Gruppe...


Der Inhalt (etwas ausführlicher)

El Topo, stets schwarz gekleideter und eher schweigsamer Revolverheld, reitet zusammen mit seinem siebenjährigen Sohn durch die Wüste und stößt auf ein völlig verwüstetes Dorf. Er sucht und findet die Schuldigen dafür in einem Kloster und bringt diese zur Strecke. Als er wieder aufbricht, lässt er seinen Sohn bei den befreiten Mönchen und nimmt stattdessen Mara, eine weibliche Geisel mit. Da diese jedoch nur Sieger liebt, verlangt sie recht bald von El Topo, dass er die vier begabtesten "Meister" besiegt, um ein für alle Mal der Beste zu sein.

Mit Hilfe verschiedener Tricks und Listen besiegt El Topo nach und nach die "Meister", welche alle eine mehr oder weniger tiefsinnige Lebensweisheit für ihn auf Lager haben. Während Mara sich daranmacht, mit einer geheimnisvollen Frau in schwarz anzubändelt, bekommt El Topo langsam Zweifel an seinem Lebensstil. Nachdem der letzte Meister tot ist, schwört El Topo der Waffe ab - was effektiv dazu führt, dass die Lady in Black ihn erschießt. Der schwer verletzte Pistolero wird von einer Gruppe missgebildeter Menschen eingesammelt und mitgenommen.

Die nächsten Jahre verbringt El Topo ohne Bewusstsein, von den Missgebildeten wie eine Art Gott verehrt. Als er "erwacht", erfährt er, dass die Gruppe in einer Höhle lebt, die man nur auf beschwerlichsten Weg verlassen kann. Er will den Leuten helfen und sucht zusammen mit seiner langjährigen, kleinwüchsigen Pflegerin einen nahen Ort auf, um Geld für den Bau eines Tunnels zu sammeln. Der Ort wird jedoch von einer seltsamen Religionsgemeinschaft beherrscht, welche ein besonderes Faible für Zweikämpfe und andere Dinge hat, die für "Ungläubige" zwangsläufig mit dem Tod enden...


Wer ist eigentlich dieser Alejandro Jodorowsky?

Alejandro (manchmal auch Alexandro) Jodorowsky, 1929 in Chile geboren, verdanken wir den Film "El Topo". Das Drehbuch stammt von ihm, er führt die Regie und übernimmt selber die Hauptrolle. Und das tut er alles auf eine Art und Weise, bei der man sich in erster Linie einmal gehörig wundern kann - denn eines steht außer Frage: Jodorowsky ist kein Mann der Konvention, sondern absoluter Merkwürdigkeit. Er versucht gar nicht erst, durch großartige Dialoge Handlungslücken zu schließen oder eine klare Grenze zwischen Realität, Illusion und Symbolik zu ziehen. Ob das jetzt Kunst oder purer Bullshit ist, sei mal dahingestellt - aber eines ist es auf jeden Fall: Mal was anderes.

Jodorowsky hat außer "El Topo" noch den ein oder anderen Film gemacht, wobei der berühmteste wohl "Santa Sangre" ist. Auch dieses Werk ist eher skurril veranlagt, insgesamt jedoch wohl schlüssiger als "El Topo". Hin und wieder treibt sich Jodorowsky auch im Comic-Bereich herum.

Und wer den Teil über die sonstigen Darsteller des Films vermisst: Da gibt es einfach nicht viel zu sagen. Wirklich bekannt genug zum erwähnen ist eigentlich niemand, und die Schauspielleistung kann man bei solch einem Film auch nicht mit herkömmlichen Maßstäben messen. Einzig erwähnenswert ist wohl, dass der Sohn von El Topo in der Tat Jodorowsky's Sohn Brontis ist.


Meine Meinung zum Film

Eines muss man "El Topo" lassen: Der Film ist skurril, merkwürdig, vielleicht sogar eine Spur fragwürdig und garantiert nichts für die breite Masse. Es passieren seltsame Dinge, insgesamt wird wenig geredet und die Handlung schlägt scheinbar wahllose Wendungen in beliebige Richtungen ein. Man hat mehr oder weniger den Eindruck, dass es diesen Film eigentlich nur gibt, um seltsame Dinge zu zeigen. Aber beginnen wir doch mal vorne...

Alles fängt mit einer Szene an, in der El Topo seinem (übrigens bis zu seiner Aufnahme bei den Mönchen nackten) Sohn erklärt, dass er nun sieben Jahre alt und damit ein Mann seie. Als Zeichen dafür soll der Bursche das Bild seiner Mutter sowie sein Spielzeug im Wüstensand begraben, was er auch ergeben tut. Auch eine ordentliche Ausbildung in Schießkunst erhält der Kleine von seinem Meister: Als der einzige Überlebende des Massakers El Topo anfleht, in zu töten, lässt er dies seinen Sohn tun. Man fragt sich wohl in erster Linie, warum das Kind außer Schuhe und Hut eigentlich nichts am Leib trägt, doch wie so viele Fragen bleibt auch diese unbeantwortet. Auch leicht skurril erscheint es, dass El Topo sich offensichtlich sehr sorgfältig um das Kind kümmert (er hebt ihn beispielsweise immer sehr behutsam auf das Pferd bzw. herunter) - ihn dann aber auch ohne jegliches Zögern komplett verstößt, um seinen weiteren Weg mit Mara zu gehen.

Die vier Meister, welche El Topo besiegen soll, um in Maras Gunst zu steigen, sind für mich echte Highlights des Films. Erstens mal erinnert mich die ganze Thematik ein wenig an Shakespear's Macbeth (Mann tötet Leute um Frau einen Gefallen zu tun). Aber auch davon abgesehen sind die einzelnen Meister selber sehr interessant zu beobachten. Jeder der Charaktere ist einfach sehr skurril und wartet mit einer besonderen Art von Kampf auf. Der erste ist laut eigener Aussage blind und kann nicht erschossen werden, da er die Hohlräume in seinem Körper nutzt, um die Kugel einfach durch sich hindurch gleiten zu lassen. Während der zweite seinen Körper und seine Geschicklichkeit jahrelang trainiert hat, lebt der dritte einfach in Mitten hunderter Kaninchen. Warum bei diesen ein Massensterben auftritt, als El Topo die Szene betritt - man weiß es nicht. Aber El Topo scheint generell über übernatürliche Fähigkeiten bzw. einen sehr guten Draht zu Gott zu verfügen. Anfangs bezeichnet er sich sogar selber als Gott ("¡soy dios!"), als er jedoch später tatsächlich als solcher verehrt wird, lehnt er dies ab. Scheinbar hat er mit seinem Wandel vom Bösewicht zum Helfer auch alles übernatürliche abgestreift?

Religiöse Symbolik in merkwürdigster Ausführung zieht sich eh durch den kompletten Film. Anfangs haben wir die bereits erwähnten Mönche, später El Topo mit gottähnlichen Fähigkeiten. In seiner Zeit in der Höhle wird er als Erlöser verehrt, was er ja später auch mehr oder weniger wird, da er den Bewohnern den Weg nach draußen sichert. In dem Dörfchen, in dem El Topo und die Kleinwüchsige betteln, ist ebenfalls ein etwas merkwürdiger, religiöser Kult ansässig, welcher als Symbol das Auge der Vorsehung (Auge im Dreieck, bekannt von der 1-Dollar-Note oder aus diversen Illuminaten-Verschwörungs-Theorien) benutzt. Bei einer Art Messe kommt es zu einer Runde Russischen Roulettes mit der Regel: Wer nicht überlebt, glaubt nicht an Gott!

Neben religiösen Anspielungen, welche jedoch nicht kritisch, sondern lediglich willkürlich und ziellos wirken, gibt es auch einige einfach surreale Szenen. Man fragt sich hin und wieder, ob das gesehene nun wirklich passiert ist oder ob sich das nur jemand vorgestellt hat, und wenn ja, wer. Eine ebenfalls mehr als irritierende Wendung ist die von El Topo selber, welcher vom eiskalten Killer im zweiten Teil des Films tatsächlich zum Comedian wird. Zusammen mit seiner kleinwüchsigen Freundin führt er im Dorf kleine Slapstick-Nummern auf, um Geld für den Tunnelbau zu verdienen. Klingt komisch, ist es auch!

Außer stetigen Verwirrungen gibt es bei Jodorowskys Werk jedoch auch einiges, was allein von der Optik her befremdlich wirken. Das in der Höhle angesiedelte Völkchen besteht dank bereits Generationen andauerndem Inzest fast ausschließlich aus Menschen mit irgendeiner Art von Missbildung. Einer der Meister hat zwei Diener, von denen einer keine Arme und der andere keine Beine hat - um über alle Gliedmaßen verfügen zu können, wurde der Beinlose dem Armlosen auf den Rücken gebunden. Auch hier fragt man sich: Was will uns der Autor eigentlich damit sagen? Will er provozieren, moralisieren oder einfach nur irritieren? Oder dienen solche Versatzstücke einfach nur dazu, dass man sich fragt, warum es sie eigentlich gibt?

Nebenbei gibt es natürlich auch noch eine Reihe von Szenen, welche die fehlende Jugendfreigabe durchaus rechtfertigt. Es gibt ein paar nackte Brüste zu bewundern, außerdem eine Kastration und auch ansonsten einiges an Blut. Hört sich für den Splatterfan jetzt vielleicht spannend (und für den Normalverbraucher eklig) an, ist aber insgesamt nicht übermäßig spektakulär. Diverse aufgeschlitzte und aufgehängte Tiere sehen recht gut aus, aber gerade den Schießereien merkt man auch einen gewissen Dilettantismus an - so gibt es mehrere Szenen, in denen Schussgeräusch, Einschusswunde und Reaktion des Angeschossenen zeitlich versetzt ablaufen. Alles in Allem hätten die Effekte jedoch wesentlich schlechter sein können - man muss ja auch immer im Hinterkopf behalten, dass der Film mittlerweile schon fast 40 Jahre auf dem Buckel hat und das Budget wohl eher gering ausgefallen ist.

Der Film wird im Übrigen von durchaus unterhaltsamer Musik untermalt. Insgesamt ist die Tonqualität des Filmes jedoch nicht übermäßig gut. Was durchaus gefällt, sind einige Aufnahmen sowie Einzelszenen, die einfach gut aussehen - beispielsweise, als El Topo von Zweifeln behaftet zu den Leichen der getöteten Meistern zurückkehrt, welche alle auf eine besondere Art und Weise "beigesetzt" worden sind.


Bezugsmöglichkeiten

Um den Film zu sehen, muss man scheinbar ein wenig tiefer in die Trickkiste greifen, denn eine richtig offizielle, deutsche DVD-Ausgabe scheint es nicht zu geben (OFDB.de nennt lediglich 2 Bootlegs?). Immerhin kam der Film vor einigen Monaten mal auf ARTE, und vielleicht habt ihr ja wie ich einen Bruder, der ihn aufgenommen hat. Diese Version ist zwar Spanisch mit Deutschen Untertiteln - aber hey, übermäßig viel geredet wird bei "El Topo" eh nicht. Ansonsten kann man sich diverse Fassungen aus dem Ausland besorgen, dann aber halt auch nicht in Deutsch.


Fazit?

Ob "El Topo" nun Kunst oder einfach nur pure Irritation ist wage ich kaum zu beurteilen, aber eines ist er definitiv nicht: Für die breite Masse geeignet. Mir hat der Film eigentlich ganz gut gefallen, da ich ja durchaus ein Herz für skurrile Dinge und Merkwürdigkeiten aller Art habe. Und immerhin ist "El Topo" mal etwas, was man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Trotzdem kann ich mich eigentlich nicht zu einer Empfehlung durchringen - aus den gleichen Gründen. Der Film ist einfach seltsam, merkwürdig und im Großen und Ganzen wohl nicht mal ein Film im eigentlichen Sinne. Aus purer Ratlosigkeit vergebe ich hier drei Sterne, spreche aber keine Empfehlung aus. Zumindest nicht für den Großteil der Menschheit.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
datOlli

datOlli

23.09.2008 10:43

Juhu! Brüste! :-D ... Eigentlich wollte ich ja was anderes schreiben, aber ich hab übers lesen vergessen was, und einen Bericht zu einem skurrilen Film kann man sicher auch skurril kommentieren, oder? :-)

pyragoon

pyragoon

02.08.2008 13:09

noch nie von dem gehört.

autoklinik

autoklinik

25.07.2008 02:32

Dass Jodorowsky einen gehörigen Knall gehabt haben musste, als er diesen sehr merkwürdigen Streifen gedreht hat ist für mich außer Zweifel. Der Film lief übrigens kürzlich auf arte - sinniger Weise unter der Rubrik "Trash". LG, Stefan

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