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Elisabeth I. - Königin von England / John E Neale

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Elisabeth I. - Königin von England / John E Neale

 

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Elisabeth I.

4  08.05.2010

Pro:
viel Information, leicht lesbar, spannend

Kontra:
zu unkritisch, kaum Illustrationen, keine Information über den Autor

Empfehlenswert: Ja 

nadine1978

Über sich:

Mitglied seit:22.08.2007

Erfahrungsberichte:218

Vertrauende:11

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 69 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

John E. Neales Biographie gilt als Standardwerk über Elisabeth I.

Für mich ist dieses Buch etwas Besonderes, weil es die erste Biographie ist, die ich gelesen habe – es war Geschenk meiner Patentante zum 15. oder 16. Geburtstag. Es war für mich eine Art Startschuß, der meine Faszination für Elisabeth I. geweckt hat – heute bin ich doppelt so alt und lese immer noch alles, was über Elisabeth I. zu finden ist. Es besteht eindeutig Suchtgefahr, wenn man damit einmal anfängt! Mittlerweile habe ich eine lange Reihe von Biographien, nicht nur über Elisabeth, sondern auch und über ihren Vater, ihre Mutter, ihre Schwester, ihre Stiefmütter und natürlich über ihre Cousine Maria Stuart. Die besten Werke sind m. E. “Elizabeth I.” von Anne Somerset und “Elizabeth and Mary – Cousins, Rivals, Queens” von Jane Dunn.

John E. Neales Biographie ist nicht mehr ganz jung – sie stammt von 1937, und der Autor war durch die 400-Jahr-Feier des Geburtstags von Königin Elisabeth I. motiviert. Die deutsche Version ist im Diederichs Verlag erschienen und hat 480 Seiten. Der Übersetzer Georg Goyer hat eine Vorliebe für das Wort “durchaus”, ich frage mich immer, was an den entsprechenden Stellen im Original steht. Die Aufmachung mit dem blauen Umschlag und einem Bild von Elisabeth und Robert Dudley beim Tanz finde ich sehr schön, schade ist nur, daß das Buch nur ein einziges weiteres Bild enthält – eines von Elisabeth in einem ausladenden Kleid.

Übrigens merkt man dem Werk sein Alter nicht an. Der Autor scheint kein Problem mit mächtigen Frauen gehabt zu haben, ganz im Gegensatz zu Stefan Zweig, der sich in seinem 5 Jahre später erschienenen Roman über Maria Stuart mehrmals despektierlich über “politische Frauen” äußert. Das Alter des Buches merkt man nur an einer einzigen Stelle, nämlich da, als der Autor die Protestantenverfolgungen unter Maria der Katholischen als “Holocaust” bezeichnet. Dieser Vergleich wirkt angesichts der Millionen Opfer des “echten” Holocausts unangemessen, aber die Biographie ist eben vorher entstanden.

Die große Leistung des Autors ist, daß er den Leser in die Welt des 16. Jahrhunderts “entführt”. Gleich auf den ersten Seiten wird einem klar, wie die Menschen damals “getickt” haben, z. B. bei der Frage, warum Elisabeths Vater Heinrich VIII. um jeden Preis einen Sohn haben wollte. Es war nicht nur Chauvinismus, der ihn die weibliche Thronfolge ablehnen ließ, sondern vor allem folgendes: “Zweifellos bedeutete eine Frau auf dem Thron eine ernste Gefahr. Sie konnte entweder einen Einheimischen oder einen ausländischen Fürsten heiraten. Heiratete sie einen Ausländer, wurde das Land zur Provinz eines anderen Staates herabgewürdigt, heiratete sie einen Inländer, drohte dem Land der Bürgerkrieg, weil die neue Macht ihres Gatten die Eifersucht des Adels wecken mußte.” Das hat Heinrich VIII. befürchtet – und man muß fairerweise sagen, daß er nicht ganz unrecht hatte, denn Elisabeth I. hat unter anderem aus diesem Grund nie geheiratet.

Am interessantesten finde ich Elisabeths Leben VOR ihrer Thronbesteigung. So unerwünscht sie ihrem Vater auch war, er hat ihr immerhin eine sehr gute Erziehung zukommen lassen – sie hatte ausgezeichneten Unterricht, nicht selbstverständlich für ein Mädchen. Elisabeth I. hatte Glück, daß sie in der Renaissance geboren war und daß die erste Frau ihres Vaters, die Spanierin Katharina von Aragon, einen neuen “Bildungsstandard” ins Land gebracht hatte. Elisabeth hatte aus heutiger Sicht keine einfache Kindheit und Jugend – die Mutter und eine Stiefmutter hingerichtet, zwei Stiefmütter im Kindbett gestorben – aber beides war damals nicht ungewöhnlich: Der Tod im Kindbett war alltäglich, und auch die Hinrichtung eines Verwandten war nichts Besonderes: “Das Schafott war eine Staatseinrichtung, der die großen Familien des Landes ihren Tribut zahlten”, stellt John E. Neale nüchtern fest. Verwandtschaft mit den Royals war also kein Schutz vor dem Henker, im Gegenteil, viele Adlige wurden hingerichtet, WEIL sie dem Thron nahestanden und eine Bedrohung für den König darstellten.

Elisabeth hatte noch ein relativ ruhiges Leben, solange ihr Vater da war – nach seinem Tod begannen politische Wirren, in die auch der Teenager Elisabeth verwickelt wurde. Neale schildert, wie das Mädchen Elisabeth schon sehr früh seine Umgebung beobachtet und Lehren gezogen hat – unter anderem die, daß es vom Thron in den Tower und umgekehrt ein sehr kurzer Weg sein konnte. Sie hatte definitiv nicht das Zeug zur Märtyrerin – statt heldenhaft für ihre Überzeugungen zu sterben, hat sie sich immer angepaßt und sich durch alle Schwierigkeiten hindurchgewunden. Also eigentlich eher eine Anti-Heldin!

Elisabeths Charakterzüge werden sehr deutlich – eine große Menschenkennerin, populär und volkstümlich – das “Bad in der Menge” war ihr Lebenselixier – , sparsam, intrigant und hinterhältig, aber in religiöser Hinsicht tolerant und Krieg und Gewalt abgeneigt. Die beiden letzten Punkte machen diese Herrscherin auch dem heutigen Leser sympathisch, denn da war sie ihrer brutalen Zeit sehr weit voraus. Auch Elisabeth I. hat foltern und hinrichten und Andersgläubige verfolgen lassen – aber nur, wenn es unbedingt sein mußte, und wesentlich seltener als damals üblich.

Man erfährt sehr viel über England und Europa im 16. Jahrhundert. Auffällig ist, daß damals sehr viele Frauen regiert haben – Maria die Katholische und Elisabeth I. in England, Marie de Guise und Maria Stuart in Schottland, Katharina de Medici in Frankreich und in den Niederlanden nacheinander drei Statthalterinnen. Elisabeth war die erfolgreichste von ihnen und bei ihren Untertanen sehr beliebt – soweit man das heute noch beurteilen kann; neutrale Meinungsumfragen und “Politbarometer” gab es zu ihrer Zeit schließlich noch nicht, und viele Quellen werden geschönt sein. Manche Historiker finden, der Elisabeth-Kult sei für die Engländer an die Stelle der Marien-Verehrung getreten.

Die Biographie hat leider einen Haken, nämlich den, daß der Autor etwas zu unkritisch gegenüber Elisabeth ist. Ihren Tod beschreibt er mit dem blumigen Zitat, sie sei gestorben, “wie am Ende auch die strahlendste Sonne in einer westlichen Wolke untergeht”. Er liebt und vergöttert “seine” Elisabeth so, daß er sie teilweise durch eine rosa Brille sieht, vor allem, wenn es um den Konflikt mit Maria Stuart geht – nach seiner Darstellung könnte man meinen, Elisabeth habe immer nur Marias Bestes gewollt. Allerdings ist hier auch sehr viel eine Frage der Interpretation. In Elisabeth-Biographien steht: “Elisabeth ließ Maria nur hinrichten, weil diese in eine Verschwörung gegen sie verwickelt war.” Maria Stuarts Biographen wiederum schreiben: “Maria beteiligte sich nur an Verschwörungen gegen Elisabeth, weil sie ohne rechtliche Handhabe gefangengehalten wurde und keine andere Möglichkeit sah, wieder freizukommen.” Beides stimmt – und bei jeder Biographie über eine der beiden Damen ärgert mich die Einseitigkeit. Auf der sehr guten Internetseite http://www.elizabethi.org/us/queenofscots/ habe ich folgende treffende Aussage gefunden: “There is a tendency for people to side with one Queen over the other, but it is better to treat them both as victims of the circumstances in which they found themselves.” 

Seltsamerweise habe ich über den Autor dieses Standardwerks keine Informationen im Internet gefunden – das ist schade, ich wüßte gern mehr über ihn. Bei aller Huldigung schreibt er doch ab und zu mit einem Augenzwinkern, z. B. schildert er seinen Kampf mit Elisabeths blumiger Sprache. Sympathisch ist sein Nachwort, in dem er schreibt: “Meiner Frau danke ich für ihre unermüdliche Hilfe am besten durch die Erklärung, daß ich jetzt verstehe, warum in jedem Vor- oder Nachwort die Frau des Verfassers erwähnt wird. Früher hielt ich das für eine konventionelle Formel.”


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
nadine1978

nadine1978

25.07.2010 19:02

Stimmt, Dr. Claudia! =)

Dr.Claudia

Dr.Claudia

19.07.2010 19:47

Du scheinst Bücher mit historischem Hintergrund sehr zu mögen. LG Claudia

AndreaMimi

AndreaMimi

16.05.2010 02:17

"“Elizabeth and Mary – Cousins, Rivals, Queens” von Jane Dunn" - falscher Titel. Maria Stuart und Elisabeth waren keine Cousinen, sondern Tante und Nichte 2. Grades mit dem gemeinsamen Vorfahren Heinrich VII. Heinrich VII. war Elisabeths Großvater und Marias Urgroßvater. Habe gerade eine Seminararbeit über Elisabeth (und noch einige andere Personen) geschrieben (positiv abgeschlossen) und mich daher mit viel Literatur zu diesem Thema befasst. Auch Neville Williams Biographie kann ich sehr empfehlen.

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