Elizabethtown

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Sarg oder Urne? Tragik oder ... was?

4  24.01.2006

Pro:
Abwechslungsreiche, originelle Story und Kirsten Dunst;

Kontra:
Ein bisschen zu viel des Guten und Orlando Bloom zu wenig präsent;

Empfehlenswert: Ja 

PetraSD

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:11

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 43 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

"Was wir jetzt hören ist das Geräusch von Scheiße, die auf einen Ventilator trifft." Mit dieser unflätigen aber anschaulichen Metapher beschreibt der Chef des Schuhdesigners Drew Baylor die Reaktion der Öffentlichkeit auf dessen neueste Kreation: Der klumpfußänliche Schuh mit dem sinnigen Namen Spasmatic hat dem Unternehmen bereits eine Woche nach seiner Markteinführung einen Verlust von 972 Millionen Dollar eingebracht! Drew Baylor wird gefeuert und seine Freundin Ellen wendet sich dem nächsten Designer zu.

Dies ist der Auftakt zu der romantischen Komödie Elizabethtown, die als Tragikkomödie beworben wird, obwohl die Tragik darin der Komik bei weitem unterliegt. Elizabethtown ist ein Film, der - ginge es nach mir - das Prädikat "die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" erhalten würde! Obwohl er von Verlusten und Suizidabsichten erzählt sowie von Menschen, die glauben, nur so etwas wie "Ersatzmenschen" für andere zu sein.

Plötzlich seines Lebensinhaltes beraubt, will Drew sich mittels einer selbstkonstruierten Tötungsmaschine ins Jenseits katapultieren. Bevor es zu der blutigen Tat kommt, erreicht ihn eine weitere Hiobsbotschaft: Sein Vater Mitch ist tot, und die Familie erwartet, dass er sich nach Kentucky aufmacht, um die Einäscherung und Überführung des Leichnams zu organisieren. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, sagt er sich und legt das Küchenmesser-Trimmrad-Massaker ein paar Tage auf Eis. Wie gut, dass ihn auf dem Flug nach Kentucky ausgerechnet die quirlige Stewardess Claire bedient: Obwohl sie ihn anfangs nervt schafft sie es, ihm neben ihrer Telefonnummer auch einen bleibenden Eindruck unterzujubeln. Und bewahrt ihn mit viel Charme und Feingefühl davor, die allergrösste Dummheit seines Lebens zu begehen - sich wie ein Dieb aus eben jenem davonzustehlen.

Soweit zum Inhalt des Films, der trotz der ernsthaften Thematik auf Schmetterlingsflügeln daherkommt und einen mehr lächeln als weinen lässt. Nun möchte ich mir nicht anmaßen, die schauspielerischen Fähigkeiten von Orlando Bloom generell zu kritisieren. In Elizabethtown hat er mich allerdings nicht ganz überzeugt. Dabei bestätige ich ihm ein durchaus komödiantisches Talent. Die Szenen zum Beispiel als Drew, in der ersten Nacht im Hotel, mit drei Telefongesprächen gleichzeitig jongliert und sich abwechselnd von einer schwierigen Frau zur nächsten hangelt; als er, grünbesockt und im Bademantel lospirscht um eine Flasche Hochzeitsbier zu klauen; oder seine Unbedarftheit, mit der er seiner Familie das Beileid ausspricht; sie alle sind wirklich komisch! Trauer bringt Orlando allerdings kaum zum Ausdruck. Seine Mimik und Gestik sind teilweise hoffnungslos übertrieben, manchmal weiss man gar nicht, ob er weint oder lacht. Und der allzeit abrufbare "Schaut-mal-wie-treu-ich-gucken-kann"-Blick erinnert mich sehr an die Sequenz in Herr der Ringe, wo Legolas "Der-Wald-ist-alt" in die Kamera hauchen darf. Zu sehr. Daher ist der Film für mich auch in erster Linie der von Kirsten Dunst!

Die knuddelige Blondine bezaubert vom ersten Moment als penetrant quasselnde Claire und ist als solche um ein Vielfaches präsenter als Orlando, der in dem Film häufig so wirkt, als habe er gar nichts damit zu tun. Ob sie sich als Stewardess die Abwesenheit von Fluggästen schönredet, in ihrer Badewanne Schaum schlägt, während sie den Hörer mit Drews Stimme am Ohr hat, oder mehrmals so tut, als halte sie einen besonders schönen Augenblick mit einer imaginären Fotokamera fest - immer wirkt sie auf eine natürliche Art charmant und spielt Orlando glatt an die Wand! Dass hinter dieser offenen und unkonventionellen Frau ein verletzlicher Mensch steckt merkt man nur dann, wenn sie von einem gewissen Ben erzählt, ihrem Freund, für den sie offenbar nur ein "Ersatzmensch" ist. Trotz dieses eigenen Mankos schafft sie es, den lebensmüden Drew zu reanimieren. "Irgendwie versuchst du ständig mit mir Schluss zu machen - dabei sind wir gar nicht zusammen!" Geschickte Strategie oder Resignation? Finden Sie's heraus. Eins sei schon mal verraten: Orlandos Reaktion darauf fordert trotz ihrer Vorhersehbarkeit die Lachmuskeln noch einmal tüchtig heraus.

Und genau darin liegt einer der beiden Kritikpunkte, die ich in Bezug auf Elizabethtown anbringen möchte. Mir ist das Ganze zu sehr Komödie, zu wenig tragisch, zu viel "ist-ja-alles-nur-halb-so-schlimm". Vielleicht bin ich zu "europäisch" und wehre mich dagegen, "grosse" Gefühle wie Trauer der Lächerlichkeit preiszugeben - jedenfalls erinnert mich Drews Ankunft in der Stadt seines Vaters eher an den Einzug einer Fussballmannschaft, Orlando selbst mehr an Prinz William auf Urlaub von der Militärakademie, als an jemand, der gerade seinen Vater verloren hat.

Der zweite Punkt sind die überflüssigen Längen, zum Beispiel als Drew's Mutter Hollie (Susan Sarandon) zu einem Endlosmonolog über ihr "Leben ohne Mitch" ausholt. Wen interessiert's? Erst als die Rede langsam zu einer, wenn auch unpassenden Stand Up Comedian Show mutiert, gewinnt man als Zuschauer wieder Interesse. Ein Interesse, das dann auch belohnt werden soll. Nach ihrem Slow-Motion-Steptanz fängt im wahrsten Sinne des Wortes der Saal zu kochen an… die Frage, ob der Gatte verbrannt oder konventionell beerdigt werden soll, wird auf recht unkonventionelle Art gelöst, und die Abwechslung in Bezug auf Tempo und Inhalt sorgt dafür, dass trotz der relativen Länge keine Langeweile entsteht und man sich fast wünscht, der Film möge immer so weiter gehen. Ich gebe zu, ein bisschen verzaubert hat er mich schon.

Lobend zu erwähnen sind noch die anderen Darsteller, angefangen von Alec Baldwin, dem "Scheisse-trifft-auf-Ventilator"-Chef bis hin zu Drews schrulliger Big-and-Easy-Familie in Elizabethtown. Auch die Filmmusik - eine gelungene Mischung aus 80er Jahre Hits, u.a. mit Tom Petty und Elton John - passt hervorragend zu allen Sequenzen des Films. Besonders gegen Schluss, als die Geschichte sich in ein Road-Movie verwandelt und in schönen Bildern und einer überraschenden Wendung endet.

Fazit: Heiter, originell und solide unterhaltend. Wer ihn im Kino verpasst hat, kann ihn sich ruhigen Gewissens auf DVD ansehen!


Titel: Elizabethtown
Genre: Tragikkomödie (USA 2005)
Länge: ca. 123 min.
Drehbuch & Regie: Cameron Crowe
Darsteller: Orlando Bloom (Drew Baylor), Kirsten Dunst (Claire Colburn), Susan Sarandon (Hollie Baylor), Judy Greer (Heather Baylor), Alec Baldwin (Phil DeVoss), Paul Schneider (Jessie Baylor), Gailard Sartain (Charles Dean), Bruce McGill (Bill Banyon), Loudon Wainwright (Uncle Dale), Jessica Biel (Ellen Kishmore), Paula Deen (Aunt Dora), Tim Devitt (Mitch Baylor), Jed Rees (Chuck Hasboro), u.a.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Felrog_Feroas

Felrog_Feroas

26.01.2006 21:19

Ich kannte den Film namentlich, aber ich wusste gar nicht, dass er von Cameron Crowe ist. Schon das ist eigentlich ein Grund, dem Film eine Chance zu geben. Und eigentlich finde ich das, was du geschrieben hast, auch ansprechend. Mehr Komödie als Tragödie stört mich nämlich durchaus nicht ;o)

Hautnah

Hautnah

26.01.2006 18:39

gut berichtet, im Kino habe ich ihn nicht gesehen, aber .... Tipp DVD ist gut

kerzenstube

kerzenstube

25.01.2006 12:11

Sehr interessant beschrieben...Bis eben hatte ich noch nichts über den Film gewusst. Ich glaube, das der Film nichts für mich ist. Ich lasse ihn mal im Hinterkopf :o)

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