zwei Jahre Belanglosigkeit und Pseudo-Tiefsinn
09.07.2001
Pro:
vielseitige Themen
Kontra:
alles nur oberflächlich, seeehr lehrerabhängig
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Arbeitsaufwand:
Schwierigkeitsgrad der Ausbildung:
Prüfungsanforderungen:
mehr
 Lenovo
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:116
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 64 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Nachdem ich nun zwei wertvolle Jahre fünf Stunden die Woche meine Zeit im Englisch-LK abgesessen habe, möchte ich allen, die mit dem Gedanken spielen, Englisch als Leistungskurs zu wählen, ein paar Tipps und Entscheidungshilfen mit auf den Weg geben und mit ein paar gängigen Klischees aufräumen. Es war mir leider nicht möglich total objektiv zu bleiben, aber es handelt sich ja auch um einen „Erfahrungsbericht“ und ich hoffe, dass Ihr von meinen (schlechten) Erfahrungen profitieren könnt. „Im Englisch-LK muss man nicht viel tun“
Tatsächlich meinen viele, dass der Englisch-LK ein weniger arbeitsintensiver Kurs sei. It depends ... wer über ein halbwegs vernünftiges Basiswissen verfügt und keine Ambitionen hat, im zweistelligen Punktebereich zu liegen, ist mit dem Englisch-LK tatsächlich gut beraten, da man sich nicht wirklich auf die Klausuren vorbereiten kann (außer die Pflichtlektüre lesen, sofern sie geprüft wird und da gibt’s Lektürehilfen). Wer aber etwas ehrgeizig ist, sollte neben grundlegender Kenntnisse auch noch ein gewisses Sprachgefühl mitbringen, mit Texten umgehen können, sich außerhalb der Schulzeit mit Englisch befassen wollen (Bücher und Filme auf englisch, etc) und außerdem Interesse am aktuellen Geschehen sowie etwas Gespür für Geschichte haben – den von irgendetwas handeln die zu bearbeitenden Texte schließlich und nur rumlabern bringen keine zweistelligen Notenpunkte, da ist oft auch einfach Detailwissen und ein Verständnis für Zusammenhängegefragt. Die Themen sind im Englisch-LK sehr breit gefächert, Politik, Gesellschaft, Geschichte, Literatur und Geographie. „Der Englisch-LK wird sehr bald zu einem intellektuellen Zirkel, in dem viel diskutiert und philosophiert wird“
Dies ist tatsächlich möglich, wenn zwei Faktoren zusammenkommen: - Der Lehrer hat Interesse an so etwas und lässt sich auch wirklich auf die Schüler ein, ist bereit, nicht nur zu lehren, sondern auch zu lernen und hat außerdem etwas mitzuteilen (Englisch-„Gurus“, zu denen man einfach nur aufsehen kann; eher die Seltenheit, die meisten wollen bewundert werden, obwohl sie gar nicht so toll sind) - Und: Zumindest der Großteil der Schüler muss aus echtem Interesse an der englischen Sprache und Literatur den Kurs gewählt haben. Und das ist schier unmöglich, wenn man sich überlegt, wie viele Leute in naturwissenschaftlichen Fächern und Franz eine Null sind, sonst kein Interesse für irgendwelche Fachgebiete wie Musik oder Geschichte aufbringen können, aber eben irgendwas wählen müssen. Diese Leute wählen im Normalfall den Englisch-LK, weil man ohne großen Aufwand durchkommt (siehe oben) und weniger lesen muss als im Deutsch-LK. Im Englisch-LK finden sich also die unterschiedlichsten Leute wieder, die überhaupt nichts miteinander verbindet (wie es zum Beispiel im Musik-LK der Fall ist). Und im Normalfall langweilen sich die wirklich interessierten und guten Schüler zu Tode, weil immer auf die anderen Rücksicht genommen werden muss, die dieses Fach gewählt haben, ohne auch nur einen Funken Talent dafür zu besitzen. Die den Text noch nicht fertig gelesen haben, während ihn andere schon fertig übersetzt haben. Die in Diskussionen nur dumpf vor sich hingucken und denen man noch in 13/1 erklären muss, dass die Regel „he, she, it, das s muss mit“ auch für die Oberstufe gilt. Den wenigsten Lehrern gelingt es, den Unterricht so zu gestalten, dass die schlechteren Schüler nicht untergehen und sich die besseren trotzdem nicht langweilen. Meistens werden alle Themen immer nur oberflächlich behandelt, weil auch wahnsinnig viel vom Lehrplan her abgedeckt werden muss. „Im Englisch-LK werden Inhalte vermittelt und man lernt fürs Leben“
Nur, wenn der Lehrer lebensfähig ist und tatsächlich etwas vermitteln kann bzw. will. In meinem Fall war der werte Pädagoge fachlich zwar fast überqualifiziert, aber ein totaler Zivilversager und sämtliche Lebensweisheiten, die er uns auf den Weg mitgeben wollte, hatte er zwar irgendwo gelesen, aber nicht verinnerlicht und für sich selbst auch nicht umgesetzt und demenstprechend kamen wir uns ziemlich verarscht vor, als er beispielsweise sagte, dass er uns nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zu Selbstständigkeit erziehen wolle (klingt gut, ne?!), uns aber vorschrieb, wann wir mit welchem Stift und wie sein Tafelbild exakt zu übernehmen hatten und wann wir in Pseudo-Diskussionen was sagen mussten, damit er zufrieden und wohlgestimmt aus dem Raum schweben konnte, wenn die Stunde zu Ende war. Und wehe, wir haben nicht gesagt, was er hören wollte ... !!!
„Im Englisch-LK befasst man sich intensiv mit Literatur“ Ganz ehrlich, ich habe im Englisch-LK nichts gelernt, was ich nicht auch vorher schon gewusst hätte. Und wenn Ihr einen Lehrer Marke „Ich weiss alles und Ihr wisst nichts“ habt, wird Euch die Literaturarbeit auch garantiert keinen Spass machen. Nur seine Interpretation ist richtig, nur das, was in der schlauen Lektürehilfe steht, ist richtig. Und da über die Hälfte meines Kurses kein Interesse am Fach hatte, wurde auch die Literatur nur oberflächlich behandelt, für tiefsinnigere Gedanken war da kein Platz. Wirklich befasst haben wir mit einem Roman, den eine Referendarin mit uns besprochen hat! Glücksfälle wie diese Frau gibt es immer wieder. Sie war eben noch jung, innovativ, offen und motiviert.
Generell gilt für die LK-Wahl: - Hört Euch um, lest die Abizeitungen, die sind meistens sehr aufschlussreich. Der Unterricht wird nun mal vom Lehrer gemacht und nicht alle Lehrer sind wirklich fähig, guten und interessanten, anspruchsvollen Unterricht zu machen.
-Wählt meinetwegen Englisch, wenn Euch nichts besseres einfällt, eine totale Katastrophe wird es nicht werden. - Und wenn Ihr aus echtem Interesse Englisch wählen wollt, macht Euch gleich klar, dass es nicht so supertoll werden wird, dann seid Ihr hinterher nicht so enttäuscht. Vielleicht habt Ihr ja Glück und erwischt einen der wenigen Englisch-„Gurus“.
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01.04.2005 01:16
Klasse Bericht. und ~ ich hasse diese lektürehilfen. Lehrer scheinen echt nicht ohne diese vorgedruckten antworten leben zu können!
15.05.2003 21:53
Zum Glück sind nicht alle Englischlehrer gleich. :-) Bezüglich: "Ich weiß alles eh besser, und nur meine Interpretation bzw. Analyse ist richtig" habe ich mit meiner Englisch-LK-Lehrerin nie Probleme gehabt. Viel schlimmer waren da sämtliche Deutschlehrer, die ich hatte ...
07.07.2002 18:34
Das mit dem Lehrerabhängig stimmt voll und ganz, ich hab so einen ICh weis alles und ihr nichts, ist schon ätzend! MFG