Zeig mir deine Lanze!
02.12.2004
Pro:
Literaturklassiker, spannende Heldensage, anschaulich erzählt
Kontra:
passagenweise langatmig, Charaktere überidealisiert, teilweise moralisch bedenklich
Empfehlenswert:
Ja
 DJBingo
Über sich:
Mitglied seit:17.07.2000
Erfahrungsberichte:78
Vertrauende:55
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 151 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Tach Ciaois :) Eigentlich ist Studieren eine wirklich nette Angelegenheit: etwas verschlafen in den Vorlesungsräumen hocken und Kaffee trinken, nebenbei viel Freizeit, viele nette Leute um einen herum und überall im Lande Vergünstigungen gegen Vorlage des Studentenausweises. Soweit zumindest die Theorie, die Praxis hingegen zeigt oftmals recht erbarmungslos auch die Schattenseiten eines eben solchen Studiums: 20 Stunden nebenher Jobben (schließlich braucht man auch als Nicht-BaFög-Student Essen im Kühlschrank), durcharbeitete Nächte und Unmengen an Lektüre, bei der man sich im Normalfall bestenfalls das Cover in der heimischen Buchhandlung anschauen würde. Kann man sich in den ersten Semestern noch einigermaßen um ein Gros dieser Bücher drücken, beginnt spätestens im Vorlauf zur Zwischenprüfung der erste Teil des „großen Lesens“, sofern man denn vor Augen hat, eben diese Prüfung auch erfolgreich zu meistern. So auch bei mir: die in ca. 3 Monaten anstehende Zwischenprüfung in Germanistik legt neben dem Punkt der Sprachwissenschaften insbesondere Wert auf den Bereich Literaturwissenschaften, der u.a. in Form einer schriftlichen 4-Stunden-Klausur von zwei hiesigen Professoren abgenommen wird und als Teilgebiet auch die Mediaevistik (also die Literatur des Mittelalters) umfasst. Eine der für mich hierfür relevanten Lektüren ist dabei der von Hartmann von Aue verfasste „Erec“, den ich Euch hiermit kurz vorstellen möchte. ::: ALLGEMEINES ::: ************************Das hier vorgestellte Buch trägt den Namen „Erec“, beschäftigt sich mit dem Leben des gleichnamigen Ritters und wurde um 1190 von dem mittelhochdeutschen Dichter Hartmann von Aue (~ 1170-1220) unter Nutzung der Vorlage des Franzosen Chrétien de Troyes („Erec et Enide“ von 1176) verfasst. Der „Erec“ gilt heute als einer der ersten deutschsprachigen Romane rund um die Sagen des König Artus und kann damit als Wegbereiter für spätere Artusromane wie den „Iwein“ oder den „Parzival“ angesehen werden. Stilistisch zählt der „Erec“ zur frühen höfischen Romanliteratur des Mittelalters und ist als Versdichtung verfasst, die sich in der hiesigen Ausgabe über 10135 Verse erstreckt: entsprechend schnell dürfte das Buch durchgelesen sein. Interessant ist, dass der Anfang dieser Dichtung nicht überliefert worden ist und die Geschichte entsprechend erst etwas weiter fortgeschritten einsetzt – wir haben es also mit einem Roman zu tun, bei dem bis heute einige Fragmente fehlen. Ursprünglich wurde der „Erec“ im für Laien heutzutage kaum verständlichen Mittelhochdeutsch verfasst und erst einige Jahrhunderte später auf das heutige Hochdeutsch übertragen. Wie bei höfischer Versdichtung üblich, hat sich auch Hartmann von Aue der Paarreim-Funktion bedient, bei der sich jeweils zwei aufeinanderfolgende Versenden reimen. In der hochdeutschen Übersetzung, die sich parallel Zeile für Zeile jeweils auf der gegenüberliegenden Seite im Buch befindet, sind diese Reime allerdings großteils verloren gegangen, was allerdings nicht an der Übersetzung
Bilder von Erec / Hartmann von Aue
als solches liegt: diese ist im Großen und Ganzen durchaus gelungen, wenngleich passagenweise einige kleinere Fehler zu beobachten sind. Die mir vorliegende Version wurde als 25. Auflage 2003 mit der ISBN-Nr. 3596260175 im Frankfurter „Fischer“-Verlag veröffentlicht und bietet dem Leser neben dem originalen, mittelhochdeutschen Text (zum Glück) auch die Übertragung ins Hochdeutsche von Thomas Cramer an, der hier vorrangig von der Edition Albert Leitzmanns aus dem Jahre 1939 Gebrauch macht. Entsprechend hat sich die Seitenanzahl dieser Ausgabe in Bezug auf das ausschließlich mittelhochdeutsche Original verdoppelt und kommt nun auf insgesamt 462 Seiten daher, wobei jeweils 217 Seiten auf den eigentlichen Roman entfallen: 217 Seiten mittelhochdeutsch, 217 Seiten hochdeutsch sowie nachfolgend einige bibliographische Hinweise zum Autor und den genutzten Quellen. Ich persönlich habe das Buch zum Preis von 10,90€ in der Buchhandlung der Uni Bremen erworben, günstigere Exemplare früherer Auflagen dürften für weniger Geld durchaus auch in Antiquariaten oder bei eBay zu erwerben sein.
::: AUTOR ::: **************Über den Autor Hartmann von Aue ist der Zeitspanne entsprechend leider nicht mehr all zuviel bekannt. Fest steht, dass er um 1170 aus einem edlen Geschlecht in Schwaben geboren wurde und um 1220 herum seinen Tod fand. Einigen Quellen zufolge, soll er als Ritter am Kreuzzug im Jahre 1197 teilgenommen haben und zuvor als Dienstmann tätig gewesen sein. Neben dem um 1190 verfassten „Erec“ sowie einigen Liedern sind weitere Handschriften von Aue überliefert, darunter als bekannteste v.a. der „Iwein“, einem weiteren höfischen Roman aus dem Kreis der Artussagen. ::: STORY ::: **************Als sich Ritter Erec, Sohn des König Lac, eines Tages zusammen mit der Königin Ginover von Britannien und einer ihrer Hofdamen im Wald um Karadigan auf der Jagd nach dem weißen Hirschen befindet, gerät er ungewollt mit dem Zwerg Maliclisier, einem Untergebenen des Ritters Ider, aneinander, der – zur damaligen Zeit höchst verächtlich – sowohl die Hofdame als auch Erec selbst mit einer Peitsche niederstreckt. Erec schwört seiner Königin Rache für die Schmach und folgt dem Gespann bis zur Burg Tulmein. Diese präsentiert sich ihm als äußerst festlich geschmückt, da am nächsten Tag von den Herren der Burg ein alljährlich stattfindendes Ritual angesetzt worden ist: hierbei soll derjenige, der die schönste Frau des Landes an seiner Seite wähnt, als Zeichen der Anerkennung einen wohl gewachsenen Sperber erhalten. Einen Sperber, der in den letzten Jahren wiederholt an den Ritter Ider gegangen ist, der unter Androhung von Gewalt seine Dame als die Schönste im Lande präsentiert hatte. Für Erec also DIE Chance, Vergeltung für die Missetaten des Zwergs zu nehmen, zumal er direkt nach dem Einquartieren in einem ärmlichen Gasthaus in der Nähe der Burg die Bekanntschaft mit der angeblich schönsten Frau der Erde gemacht hatte: Enite – „Man sagt, daß niemals ein junges Mädchen eine so vollkommene Gestalt gehabt habe. [...] Ihr Körper schimmerte durch die schäbige Kleidung wie eine Lilie, wenn sie weiß unter schwarzen Dornen blüht. [...] Gott hatte alle seine Sorgfalt an sie gewand in bezug auf Schönheit und Anmut.“ (S.21, V331f). Ihrem Vater, einem alten, verarmten Graf, verspricht er, Enite zu heiraten und somit zur Königin zu machen, sofern er denn mit ihrer Hilfe den Kampf gegen Ider gewinnen kann. Und tatsächlich: auch wenn die Zuschauer Tags drauf beim Turnier fest an einen Sieg Iders glauben, gelingt Erec die Sensation – er besiegt Ider, schickt ihn als Gefangenen zu seiner Königin zurück, gewinnt somit den begehrten Sperber für sich und heiratet kurz darauf, wie zuvor versprochen, am Hofe des König Artus seine Enite. Zusammen mit ihr und einem rund 60 Mann starken Gefolge kehrt er nach den Festlichkeiten zurück nach Karnant, der Hauptstadt des väterlichen Reiches namens Destregales, um dort fortan zusammen mit Enite als König und Königin zu herrschen. Doch schon bald erweist sich die Ehe zwischen den beiden als ein äußerst zweischneidiges Schwert: Erec vernachlässigt seine herrschaftlichen Pflichten mehr und mehr – Turniere und siegreiche Kämpfe, welche den ehrenvollen Ruf Erecs einst prägten, gehören der Vergangenheit an, vielmehr verbringt er zusammen mit Enite die Tage im Bett - schon dumm, wenn man vom Sex nicht genug bekommen kann. Nicht ohne Konsequenzen, beginnt sich doch unter seinen Untertanen zunehmende Entrüstung, Gespött und Enttäuschung über diesen Umstand breit zu machen. Schließlich wird sogar seine Frau für den Sinneswandel des Königs verantwortlich gemacht: „Verflucht sei die Stunde, da wir unsere Herrin kennenlernten! Durch sie gerät unser Herr ins Verderben!“ (S.135, V2996f). Einen Umstand, den Erec nicht weiter hinnehmen will – zusammen mit Enite, die er kurzerhand zu seinem Knecht degradiert und mit einem Schweigegebot belegt, zieht er erneut hinaus in die große, weite Welt, um zahlreichen Abenteuern zu trotzen. Wird es ihm gelingen, wieder sein altes Ansehen zurück zu gewinnen oder wird er für seine Entscheidung, das geruhsame Leben aufzugeben, am Ende sogar mit dem Tode bestraft? Und: kann er trotzdem wieder zu Enite, die weiterhin fest zu ihrer Liebe steht, zurückfinden oder wird seine Zukunft als Ritter einzig und allein ohne sie zu bewerkstelligen sein? Fragen, auf die das Buch eine Antwort geben wird – allerdings auch nur das Buch und nicht dieser Bericht, da diesem Meilenstein der deutschen Literatur sonst jegliche Spannung entsagt werden würde.
::: FORM & STIL ::: **********************Was kann man heutzutage als Leser von einem höfischen Roman erwarten, dessen Entstehungsjahr über 800 Jahre zurückreicht? In erster Linie erwartet den geneigten Leser eine durchaus spannende, teils märchenhaft wirkende Geschichte aus dem Bereich der Artussagen, die vom flüssigen, detailliert-ausschmückenden Sprachstil ihres Autors lebt und ausführlich die Abenteuer der beiden Hauptprotagonisten Eric und Enite erzählt. Dem einen oder anderen mag vielleicht die antiquierte Sprache beim Lesen etwas zu schaffen machen, wer sich jedoch auf das Buch einlässt, wird schon bald feststellen, dass ein flüssiges Lesen im Gegensatz zu einigen anderen Werken altdeutscher Literatur nur selten ein Problem darstellt. Zwar verfällt der Autor einige Male in sehr langatmige und kaum interessante Detailbeschreibungen von Pferden, Kampfhandlungen und Rüstungen, so dass man geneigt ist, die nächsten 5 Seiten ungelesen zu überblättern – großteils aber, vermag der Schreibstil zu überzeugen, vermittelt er doch sehr anschaulich die sagenumwogene Welt des alten Britannien. Mir persönlich hat es grundsätzlich Spaß gemacht, den „Erec“ zu lesen, wenngleich das Ende bereits recht früh absehbar ist: da reitet der so idealisierte, übermäßig starke Macho-Ritter mit seiner ach so schönen, gefügigen Angetrauten durch die dunkelsten Wälder, trifft auf Riesen und Zwerge, gute Könige und böse Grafen und kämpft ein ums andere Mal auf Leben und Tod – der Stoff aus dem die Träume sind? Aus damaliger Zeit sicherlich schon, aus der heutigen Perspektive allerdings kann der „Erec“ keinesfalls mehr vollkommen kritikfrei gelesen werden, wenngleich der Roman als Ganzes durchaus überzeugen kann. Vor allem zwei Hauptproblematiken gehen mit der Lektüre dieses Romans einher: ein dem Zeitalter entsprechendes Frauenbild, bei dem Feministinnen vor Grauen um Jahre altern dürften und zudem einer offenen Gewaltproblematik. Zweikämpfe gehören in dieser Dichtung ebenso zur Tagesordnung wie das Töten und Foltern von Personen, dass in vielen Fällen gar als rechtens und ehrenvoll dargestellt wird, zumindest wenn diese dem Hauptprotagonisten feindlich gesonnen sind. Bei der Beschreibung dieser Gewalttaten wird mit Details zudem nur selten gespart, vor allem wenn es sich um sog. „unrechte Gewalt“ (nicht von Rechtswegen geduldet) handelt. Als Beispiel sei hier eine Passage zitiert, in der ein vermeintlich unschuldiger Mann von zwei Riesen verschleppt wird: „Er ritt ohne Kleidung / und splitternackt. / Seine Hände waren / auf den Rücken gefesselt, / und die Füße waren / unten zusammengebunden. / Er musste viele Peitschenhiebe erdulden, / während er vor ihnen herritt. / Sie schlugen ihn ohne Erbarmen / so sehr, dass dem Armen / die Haut in Fetzen / vom Kopf bis zu den Knien herabhing. [...] Das Blut tropfte wie Regen / über die Flanken des Pferdes herab“ (S.239, V5400f) Auch Gewalt gegen Frauen, sei es nun körperlich und psychisch, wird thematisiert und ausgeführt: da erteilt der heroische Erec seiner Frau Enite ein Schweigegebot und droht ihr offen mit Mord, sobald sie auch nur ein Wort mit ihm sprechen sollte (ein frühzeitiger Macho also). Damit nicht genug: im weiteren Verlauf wird Enite vom Grafen Oringles blutig geschlagen, verbal erniedrigt und gegen ihren Willen zur Ehe gezwungen, wenngleich diese Hochzeit nicht mehr stattfinden wird. Zwar heißt Hartmann von Aue dieses Vorgehen nicht für gut, dennoch kommt ganz klar und deutlich das mittelalterliche, hierarchische Frauenbild zum Tragen: die Frau als Objekt und Besitztum des Mannes, die bei Bedarf gezüchtigt und in speziellen Fällen sogar erschlagen werden darf. Sicherlich kann man dem Autor solch eine Darstellung kaum vorwerfen, da solche Situationen in seiner Schaffenszeit im 12./13.Jh. „normal“ waren – fragwürdig sind sie aus heutiger Perspektive dennoch allemal. ::: FAZIT ::: ************* Mit dem „Erec“ erhält der Leser einen Klassiker der frühen deutschen Literatur, der sich über weite Strecken hinweg als spannendes, lesenwertes Werk entpuppt, welches ohne großen Zeitaufwand durchgelesen werden kann. Speziell die detaillierte Erzählweise des Autors vermag in diesem ersten deutschsprachigen Artusroman zu überzeugen, wenngleich selbige jedoch phasenweise in nervende Langatmigkeit verfällt. Den Ausgang des Buches fand ich persönlich einer Heldensage entsprechend wenig überraschend, ferner waren mir die beiden Hauptprotagonisten Erec und Enite bei weitem zu überspitzt idealisiert dargestellt – der stärkste Ritter und die schönste Frau ... ob das so stimmt? Die angesprochene Problematik v.a. in Hinblick auf die erniedrigende Darstellung der Frau und die Verharmlosung von Gewalt fällt zudem negativ auf, ist aber bei Werken solch früher Entstehungszeiten durchaus Gang und Gebe und kann dem Autor folglich kaum angelastet werden. Waz miac ich iu mêre sagen? Letztendlich gebe ich dem Werk 3 Ciao-Sternchen und eine Leseempfehlung zumindest für all diejenigen, die einem teilweise etwas komplizierteren Schreibstil nicht abgeneigt sind und genügend Interesse für altdeutsche Literatur des Mittelalters aufbringen. Feministinnen sei der Kauf aufgrund der oben angesprochenen Problematik ebenso abzuraten wie bekennenden Pazifisten, die Machos unter euch dürften mit diesem Buch wahrscheinlich einen weiteren Meilenstein in ihrem Buchregal verzeichnen können. So ... und jetzt schnell raus mit den «geiselruoten» (mhd: Peitschen) und auf zur «aventuire»!
LG aus Bremen, bingo* (© 12/2004)
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15.01.2007 20:31
Danke für den ausführlichen Bericht.
12.05.2005 11:25
sehr schöne Zusammenfassung! Ich hoffe, Du hast die ZP bestanden ... LG Livia
04.05.2005 20:43
ich bin mehr und mehr von deinen berichten begeistert! jasmin!