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An der Zeit

3  16.10.2006

Pro:
Manchmal ist es besser, zu gehen

Kontra:
Es fällt immer schwer

Empfehlenswert: Ja 

Milsch

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:192

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 80 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Kamps wusste, dass es an der Zeit war, zu gehen. Er kam niemals zu spät zu einem Termin. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige, hatte sein Vater immer gesagt, und daran hielt Kamps fest - vielleicht auch deshalb, weil dieser Ausspruch eine der wenigen Erinnerungen war, die er an seinen Vater hatte. Früher, als noch die gesamte Belegschaft in dem kalkweißen Altbau auf der anderen Straßenseite untergebracht war, kannte Kamps für jede der anderen Abteilungen exakt die Zeit, die er benötigte, um von seinem Büro aus dort hinzukommen. Er hatte es mit der Armbanduhr präzise gemessen und in seinem Notizbuch festgehalten, es gab keinen Irrtum und keine Unsicherheit in diesem Punkt. Wenn er in ein anderes Stockwerk musste, so benutzte er den Paternoster am Ende des Flures. Er liebte dessen trägen, gleichförmigen Lauf, der so berechenbar war wie das Schleichen seines Minutenzeigers und der ihm niemals seinen Zeitplan durcheinander brachte.

Schon vor Jahren war die Firma in den modernen, neu errichten Glasbau gezogen, nur die Auszubildenden und die Poststelle sowie einige Lagerräume befanden sich noch im Altbau, und der Paternoster diente längst nur noch als Lastenaufzug. Die elf Etagen des Neubaus wurden durch zwei moderne Aufzüge miteinander verbunden, und diese Aufzüge hätten beinahe zu Kamps einziger Verspätung in nun fast vierzig Dienstjahren geführt. Die Dinger waren unberechenbar: nie konnte man sagen, wie lange es dauerte, bis eine Kabine ankam und die Tür sich öffnete, noch wusste man, wieviele Personen sich bereits darin befanden oder unterwegs zu- und aussteigen würden. Die Dauer einer Aufzugfahrt war schlicht eine unplanbare Größe, und so kam es, dass Kamps einmal erst in letzter Minute das Besprechungszimmer erreichte. Freilich merkte das niemand, doch an jenem Tag beschloss er, künftig einen großzügigen Zeitpuffer von zehn Minuten einzuplanen, wenn er zu einem Termin ging.

Und jetzt war es zehn vor drei.

"Drei Uhr, Herr Westhoeffer", stand in seinem Notizbuch. Kamps konnte sich diesen merkwürdigen Namen einfach nicht merken, und er konnte dem Namen auch kein Gesicht zuordnen. Natürlich wusste er, dass Westhoeffer der neue Abteilungsleiter im Personalreferat war. Und natürlich wusste er auch, was es bedeutete, dass der Abteilungsleiter persönlich mit ihm über die Frühpensionierung reden wollte, nachdem Kamps in zwei Gesprächen bei der zuständigen Sachbearbeiterin keinerlei Bereitschaft gezeigt hatte, über den Vorruhestand überhaupt nachzudenken. Sie wollten ihn endgültig und zügig loswerden. Die Auftragslage war schlecht, der Personalstamm musste verkleinert werden, und man versuchte, Kündigungen durch Frühpensionierungen zu umgehen. Das stand ja bereits in der Zeitung.

"Herr Westhoeffer muss noch einige Telefonate führen, bitte nehmen Sie solange Platz", sagte die Sekretärin und deutete auf einen modernen Ledersessel. Kamps setzte sich. Sofort bemerkte er, dass die Sekretärin ihn mit einem abschätzigen Blick aus den Augenwinkeln heraus beobachtete. Sie war jung, Kamps schätzte sie auf unter 30, und vermutlich war sie noch nicht so lange in der Firma. Womöglich wäre sie deshalb betroffen, wenn es zu Entlassungen käme. Vielleicht hatte Westhoeffer deshalb schlecht über ihn gesprochen, den renitenten Kamps, der kaum noch Leistung bringe, aber sich weigerte, in den Ruhestand zu treten. Kamps wusste ja, was über ihn und die älteren Kollegen geredet wurde. Einen Moment lang wollte er aufblicken und sich vergewissern, ob sie ihn noch mit diesem zornigen Blick musterte, aber er wagte es nicht. Stattdessen saß er verkrampft in diesem Sessel und starrte seine Hände an, die er auf die Knie gelegt hatte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich zum letzten Mal so unwohl gefühlt hatte. Die sieben Minuten, bis Westhoeffers Bürotür endlich schwungvoll aufgestoßen wurde, kamen ihm vor wie eine Ewigkeit.

Kamps wollte seiner Missbilligung über die ungehörige Wartezeit deutlichen Ausdruck verleihen, er atmete schnaufend aus und schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. Doch die Geste verpuffte, denn der kräftige junge Mann im hellgrauen Anzug mit der modisch gestreiften Krawatte beachtete ihn gar nicht. Westhoeffer eilte mit langen Schritten direkt auf seine Sekretärin zu, drückte ihr einige Papiere in die Hand und gab Anweisung, diese zu kopieren und die Originale weiterzuleiten. Dann gab er noch weitere Anordnungen, die Kamps nicht verstand - es ging wohl um spätere Termine. Erst als die Sekretärin mit ihrem "Geht in Ordnung" das Verständnis der ihr gegebenen Aufträge quittiert hatte, drehte sich Westhoeffer abrupt um, setzte ein breites Lächeln auf und streckte Kamps den rechten Arm hin. Kamps gab dem jungen Mann die Hand, und Westhoeffer ergriff sogleich mit der Linken dessen Unterarm und zog ihn sanft zu sich heran, wie einen alten Vertrauten. "Herr Kamps", stellte Westhoeffer laut und breit fest und schob ihn in sein Büro. "Einen Kaffee vielleicht? Oder etwas anderes?" Kamps schüttelte den Kopf, Westhoeffer bedeutete ihm, Platz zu nehmen und schloss die Bürotür von innen.

In Gedanken sammelte Kamps Negatives, während der eben noch so dynamische Westhoeffer gemächlich um den Schreibtisch schritt, als müsse er sein Tempo aus Rücksicht auf Kamps Alter drosseln. Die Unpünktlichkeit, die unfreundliche Sekretärin, die unpassende Vertraulichkeit, all das schmeckte Kamps nicht. Und je mehr ihm nicht schmeckte, umso leichter würde es ihm fallen, im Gespräch hart und unnachgiebig zu bleiben. Westhoeffer war mittlerweile bei seinem Bürostuhl angekommen und ließ sich schnaufend hineinsinken, und Kamps schaute ihm zum ersten Mal bewusst ins Gesicht, denn beim ersten Händedruck hatte die beiden sich nicht angesehen.

Mischa.

Was immer es war, das Kamps in diesem Augenblick an seinen Sohn erinnerte - das Bild seines Jungen war auf einmal da. Westhoeffer sah Mischa zwar nicht übermäßig ähnlich, doch er war von vergleichbarer Größe, hatte einen ähnlichen Haarschnitt und mochte ungefähr in dessen Alter sein, Anfang bis Mitte 30.

"Herr Kamps, Sie sind jetzt 58?", fragte Westhoeffer und raschelte mit der Personalakte.

Kamps sah sich nicht genötigt, zu antworten, denn die Frage war doch eigentlich eine Feststellung. Mischa würde sicherlich ähnliche Anzüge wie Westhoeffer tragen, jetzt, wo er es bei der Zeisinger Maschinen GmbH doch recht weit gebracht hatte. Kamps versuchte sich seinen Sohn im Anzug vorzustellen, doch es gelang nicht. Das letzte Mal, als er ihn so gesehen hatte, war bei der Hochzeit mit Sabine gewesen, das war jetzt auch schon sieben Jahre her. Die wenigen Tage im Jahr, an denen er seinen Sohn noch sah - meist nur an Familienfesten und Feiertagen - war Mischa immer betont lässig gekleidet. Selbst am Heiligen Abend band er nie eine Krawatte um. Darauf angesprochen, hatte Mischa einmal lachend gesagt: "Ach, Paps, Du schimpfst doch immer auf die jungen Kerle in Deiner Firma mit ihren teuren Anzügen." Aber bei Zeisinger war Mischa nun selbst ein junger Kerl im teuren Anzug. Kamps hatte seinen Sohn nie wieder darauf angesprochen.

Während Kamps in Gedanken war, hatte Westhoeffer die ganze Zeit geredet, doch er schien einen Monolog zu halten und keine Antworten zu erwarten. Den wenigen Worten nach zu urteilen, die Kamps aufschnappte, ging es um die allgemeine wirtschaftliche Lage. Ob Mischa auch solche Gespräche mit Angestellten führen musste, mit älteren Angestellten? Kamps wusste nicht einmal genau, was Mischa bei Zeisinger machte. Er hatte damals im Controlling begonnen, aber alle paar Jahre die Stelle gewechselt, und irgendwann hatte Kamps den Überblick verloren. Er wusste nur, dass sein Junge seit zwei Jahren in leitender Funktion tätig war. Und dass er ihn seit Weihnachten, also fast seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatte. Wie es Sabse wohl ging? Und ob der Kleine schon seinen Namen schreiben konnte? Immerhin würde er nächsten Sommer eingeschult.

"Oder sehen Sie das anders?" Die direkte Ansprache riss Kamps aus seinen Gedanken. "Denken Sie nicht, dass die Älteren, die jahrelang gut verdient haben, auch eine gewisse Verantwortung gegenüber den jungen Mitarbeitern haben?"

Kamps dachte das nicht und wollte über diese Frage auch nicht nachdenken. Er schaute Westhoeffer in die Augen, aber er antwortete nicht. Und als habe Westhoeffer nur auf diese Reaktion gewartet, die ihm zu signalisieren schien, dass Kamps noch zuhörte, setzte er augenblicklich seine Ansprache fort, ohne auf dessen Antwort zu warten. Kamps begriff, dass er hier überflüssig war.

Er war zur Ausschussware erklärt worden, gehörte zu jenen, die abzufertigen und zu erledigen waren, und das war Westhoeffers Job. Kamps ließ ihn ausreden, eine geschlagene dreiviertel Stunde lang, nickte, als Westhoeffer zum Schluss mahnte, das Angebot der Firma ernsthaft zu erwägen, und gab dem jungen Mann zum Abschied die Hand.

In Wahrheit hatte Kamps sich das Angebot nicht einmal mehr aufmerksam angehört. Es interessierte ihn so wenig, wie sich die Firma noch für ihn interessierte. Der Rasen könnte mal wieder gemäht werden. Vielleicht hatte Magda ja Lust, heute auszugehen, ins Restaurant oder sogar ins Kino, das hatten sie schon seit Jahren nicht mehr gemacht. Und er musste Mischa anrufen, unbedingt. Vielleicht könnte er mit Sabse und dem Kleinen am Wochenende vorbeikommen. Kamps schaute auf die Uhr, es war bald vier.

Er beschloss, dass es an der Zeit war, zu gehen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
freetibet

freetibet

24.03.2010 09:52

Solche Perlen sollte es hier mal wieder häufiger geben.

Basti1285

Basti1285

12.11.2006 01:15

"An der Zeit" liegt wohl in der Zeit! Schade eigentlich! LG von solch einem jungen Spund in so einem (teuren) Anzug ^^

IlkaSehnert

IlkaSehnert

27.10.2006 22:12

Kamps`Gehen ist /und geht mir näher als Labudes Engel...

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