Eva – ganz und gar nicht mein Fall

2  06.10.2002

Pro:
Fälle, die so abstrus sind, dass es schon fast wieder lustig wird

Kontra:
das ZDF tut hier so, als sei alles real (außer den Fällen) und verdreht die Wirklichkeit dabei sehr

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Kultstatus:

Action:

Spannung

Spaß

Romantik:

Dialoge:

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nanna

Über sich: groß, blond, vollbusig... ach nee, das trifft wohl doch nicht ganz zu.... disneyfanatisch, allysü...

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Mein liebes ZDF!
Waren wir böse?
Unartig?
Oder hast Du uns am Ende gar nicht mehr lieb?
Anders kann ich mir schon fast nicht erklären, wie sich diese neue Serie ins dienstägliche Vorabendprogramm einschleichen konnte.

Gut ich weiß, Fehler können immer mal passieren (unvergessen ist mir noch die Szene bei „Unser Lehrer Dr. Specht“, als einer der Lehrer zum Rektor wollte um eine Gehaltserhöhung zu erlangen – ähm ja…) – aber dermaßen gravierende Fehlvorstellungen den Zuschauern zu präsentieren – was ich davon halten soll, weiß ich wirklich nicht.

Also nun gut, was ist geschehen?
Ich muss zugeben, ich bin nicht gerade unvoreingenommen an die Sache herangegangen, als ich in der Fernsehzeitung las, es würde eine neue Serie geben, über eine Rechtsreferendarin und sie würde „ihre“ Fälle mit Witz und Charme lösen.
Ah-ja, das klang schon etwas hochtrabend, aber schließlich will man im Fernsehen auch etwas Außergewöhnliches zu sehen bekommen, normalen Alltag hat man ja selbst schon genug.

Da fällt mir ein – habe ich es schon erwähnt? Ich bin ein wenig vorbelastet, war ich doch bis zum letztjährigen November selbst Rechtsreferendarin und bringe auf diesem Gebiet also etwas eigene Erfahrung mit. Wieder finden konnte ich davon aber bisher nicht das kleinste Bisschen in dieser neuen Serie. Aber, wie ich schon sagte, wer will schon gewöhnlichen Alltag auch noch im Fernsehen erleben?

Nun gut, frohen Mutes ans Schauen und Staunen:

Die Charaktere:
die Heldin, natürlich, Eva (Lara Joy Körner), gerade mit dem Studium fertig und nun…
der Großvater – damit es etwas interessanter wird, hat unsere Heldin also eine zerrüttete Familie und darf seither beim Großvater leben,
die Freundin, Rosl (Julia Dahmen),
die Schlange, Sue(Fleur S. Marsh), erst Freundin, aber schon ab Folge 1 zur Gegenspielerin mutiert,
die gute Seele, Gisela (Lisa Kreuzer) und
die Undurchschaubare, Ilona (Tatjana Winter), Anwaltsgehilfin oder Sekretärin? Eins von beiden sind sie jedenfalls, ganz klar wird’s nicht…
der Typ, Thomas (Stephan Hornung), und ach ja…
der Anwalt, Alexander Hardenberg (Anian Zollner) plus
Senior, Anwalt Dr. Hardenberg (Jürgen Hentsch).

Begeistern konnten mich die Schauspieler nicht so recht. Und auch die Charaktere waren mir etwas überladen, warum braucht die Freundin 2 Jobs, die zeitlich kaum vereinbar sind, die Undurchschaubare dafür bekommt ein Doppelleben, die Schlange dafür scheint schon einen amerikanischen Abschluss zu haben, der schwerer als der Deutsche war (wozu dann auch noch den?) Der Typ kann sich nicht zwischen den Frauen entscheiden und hat am Ende gar keine…
Und was haben alle bloß für Mittagspausen, die es gestatten, mal eben von München zum Tegernsee und zurück zu fahren?

Die Fälle:
Teils abstrus und nur dadurch etwas unterhaltsam, was das Ganze wieder etwas witzig macht (da hast Du, liebes ZDF wohl ein Bisschen amerikanische Serien geschaut und gedacht, „das kommt gut an, das will ich auch“?). Und hier stimmt nun wirklich – „wer will schon Alltag sehen?“

Die Geschichte (oder das, was uns als solche verkauft werden soll):
Unsere Heldin feiert das bestandene 1. Staatsexamen (soweit - so gut, das ist ein Ereignis, dass es wirklich zu Feiern gilt, bedenkt man nur die bis dahin durchlittenen Qualen und die hohe Durchfallquote) und wird noch während der Feier vom Anwalt angesprochen, denn seine Kanzlei suche noch Referendare. Aha!? Na gut, dass ein Anwalt auf der Suche nach Referendaren durch die Gegend oder gar über Parties rennt, hab’ ich noch nicht erlebt, aber ist ja auch nur ein Film und vielleicht auch nur eine doofe Anmache? (später erfahren wir immerhin, die Heldin sei dem Anwalt vom Dekan empfohlen worden – die Gegenspielerin übrigens auch…)

Am nächsten Tag bereits erscheint sie in der Kanzlei des Anwalts und stellt ganz unerwartet fest, mit 9 weiteren Bewerbern einen mehrseitigen Test machen zu dürfen, für den 5 Minuten Zeit bleiben…Ah hm.
Kurzum, die Heldin und die Schlange erhalten beide einen Platz und dürfen das Referendariat nun gemeinsam (der Spannungen wegen) in der gleichen Kanzlei beginnen.

Weil unsere Heldin nun aber gar so forsch ist, verliert sie den Platz schon am 1. Tag wieder, sitz dann zu Hause und telephoniert nun herum „ich möchte ein Referendariat bei Ihnen machen“ – und weil sie keiner will, denkt sie, jetzt kann sie’s ganz vergessen. (oh, keine Sorge, den Job hat sie schon am nächsten Tag wieder)

So, und ungefähr ab diesem Moment bin ich denn aus dem ungläubigen Staunen und Kopfschütteln nicht mehr herausgekommen (nicht, dass ich das nicht schon vorher mehrfach getan hätte).
Also, mein liebes ZDF, ich weiß ja, die Serie spielt in München, also in Bayern und ich habe mein Referendariat in Baden-Württemberg gemacht und ein jedes Bundesland hat so seine Eigenheiten und kleinen Unterschiede, was die Ausbildung angeht, aber so unterschiedlich kann’s doch gar nicht sein.

Will heißen: hat man das 1. Staatsexamen hinter sich gebracht, sucht man sich ein Oberlandesgericht in dessen Regierungsbezirk man ausgebildet werden möchte, hofft dann, einem dem Wohnort nahe gelegenem Landgericht zugewiesen zu werden, an dem man für die nächsten 2 Jahre den Unterricht besucht, lässt sich, je nach zu durchlaufender Station vom Oberlandesgericht einem Richter, Staatsanwalt, Behörde, Anwalt oder einer Firma zuweisen und verbringt dort seine „Stationen“, indem man alles tut, was der jeweilige Ausbilder einem so zuschiebt, vom Urteil bis zum Mandantengespräch, aber natürlich wird stets alles überprüft. Daneben findet noch ganz normaler theoretischer Unterricht statt. (aber ich will mich hier nicht in zu vielen Details verzetteln, das würde an dieser Stelle wohl doch zu weit führen). Im Übrigen liegen, schon allein des Verwaltungsaufwandes wegen, meist mehrere Monate zwischen dem 1. Examen und dem Beginn des Referendariats.

Gut, in Bayern scheint es die Möglichkeit zu geben, auf Wunsch einen größeren Zeitabschnitt als ursprünglich vorgesehen, beim Anwalt zu verbringen, ein Zugeständnis an die Realität, wonach am Ende doch die Meisten der Juristen in diese Richtung gehen werden. Andere Stationen und vor allem regelmäßiger Unterricht sind aber auch in Bayern zumindest derzeit noch in diesen 2 Jahren unverzichtbar.

Nichts desto trotz, wird es hier doch etwas anders dargestellt, als es eigentlich wäre.
Und genau da fängt auch mein Unverständnis an – warum werden ganz normale feststehende Alltäglichkeiten so einfach und unbedacht über den Haufen geworfen? Der tiefere Sinn dieser Änderung entzieht sich mir gänzlich.
Ein Zugeständnis mag ich dem Drehbuchautor machen: vielleicht war es ja einfach nur so, dass er etwas Aufgeschnappt hat, von dem, was so Groß als „Reform der Juristenausbildung“ bezeichnet wird. Vielleicht hat er einfach nur zukünftige (ungewisse) Ausbildungsmodelle mit derzeitigen verwechselt?

Dennoch, Ausbildung (und das ist ein Referendariat letztlich), hat auch etwas mit „ausbilden“ zu tun, also damit, dass ein Mensch einem anderen etwas beibringt, stattdessen aber wird unsere Heldin ins kalte Wasser geworfen, muss allein und unvorbereitet zu einem Prozess und plädiert dann vor Gericht noch gegen die eigenen Mandanten, damit die endlich mal kapieren, wie doof sie sind.

Das böse Erwachen:
Eigentlich war an dieser Serie fast alles vorhersehbar.
Die Heldin bekommt den Anwalt, die Schlange wickelt sich den Senior um den Finger (und bekommt sogar Kanzlei Anteile, wow, wie großzügig, anderswo muss man dafür erst mehrere Jahre in der Kanzlei als Anwalt tätig sein, wenn überhaupt). Der Großvater und die Gute Seele werden auch ein Paar – was mich aber hier interessierte, jedoch nie aufgeklärt wird – warum wollen die beiden das erst geheim halten.

Manchmal hab ich auch einfach nur gelacht:
Vom erstinstanzlichen Urteil in die Revision, natürlich vor dem gleichen Richter – sehr realistisch (nein, das war jetzt ironisch gemeint, natürlich nicht realistisch).

Oder dann, wenn die Heldin mit zu einer Veranstaltung soll: „Aber ich hab gar nichts zum Anziehen“ (mal tatsächlich ein reales Problem unter unterbezahlten Referendaren) – aber dafür die Antwort des Anwalts: „Kaufen Sie etwas auf Rechnung der Kanzlei.“ So eine Kanzlei will jeder, aber im wahren Leben wird es auch so einen Satz nie geben.

Und irgendwann zwischen Folge 1 und 2 schwante mit Übles:
die Heldin ging nicht zum Unterricht, davon war auch nie die Rede – und schien auch ihre 2 Jahre Referendariat, ja, so lange dauert das, auch wenn man den 6 Folgen nicht anmerkt, wie viel Zeit es sein sollte, voll und ganz nur beim Anwalt zu verbringen. Und das Examen?

Tja, ich weiß nicht, was ich hier jetzt sagen oder denken soll?
Ob Dir, liebes ZDF, das schriftliche Staatsexamen nicht so wichtig erschien, dass Du es einfach nicht erwähnt hast?
Oder, was mir wahrscheinlicher erscheint, Du es einfach vergessen hast? (Oder gab es am Ende gar eine Sendeminute, die mir entgangen sein sollte?)

Immerhin, in Baden-Württemberg sind es 8, in Bayern gar 11 Klausuren, die zu bewältigen sind, etwa ½ Jahr, bevor das Mündliche kommt.
Der normale Referendar erlebt diese Zeit als recht stressig.
Und auch die Zeit danach, denn es dauert Monate, bis der alles entscheidende Brief kommt, der sagt, ob man zur mündlichen Prüfung darf oder nicht. Dieser gibt auch schon mal das Ergebnis des schriftlichen Teils bekannt, anhand dessen sich grob einschätzen lässt, was nach der Mündlichen an Note oder besser Punkten zumindest möglich ist.

Nein, unsere Heldin darf irgendwann aufs Examen lernen. Auf das Mündliche. Und Lernen heißt bei ihr, Auswendiglernen von Paragraphen.
Soll dies die Vorbereitung sein?
Paragraphen auswendig lernen?
Ist es also das, was der Fernsehzuschauer sich unter einem Juristen vorstellen soll?
Wo der Inhalt der Paragraphen doch im Gesetz steht - und das nimmt man mit in die Prüfung.

Aber es wird noch besser.
Die alles entscheidende und übertreffende Szene:
Es ist geschafft, das Examen vorbei und bestanden – natürlich, was sonst.
Ich hab es schon irgendwo vorhergesehen, wollte es aber nicht glauben, bis es im Fernsehen passierte:
Beide (!) Heldin und Schlange bestehen das Examen mit Note 1!!!
Ich glaube, da ist es schon wahrscheinlicher, dass dieselbe Person 2x 6 Richtige im Lotto hat, als ein solches Ereignis bei zwei Personen, die sich auch noch kennen.

Hier, liebes ZDF zeigst Du nun wirklich, dass Du Dein Publikum nicht würdig erachtest, wenigstens etwas Reales zu sehen.
Sicher, ich gönne der Heldin das gute Ergebnis.
Allein: ich kenne niemanden mit solchen Noten.
Wie auch.
Bei Juristen gibt es Noten, ausgedrückt normal in Punkten, von 0 bis 18 (aufgeteilt in Schritte: 18-14: Note 1, 13,99 – 11,5: Note 2, 11,49-9: gute 3, 8,99-6,5: normale 3, 6,49-4: Note 4…). Ab 4 Punkten ist alles bestanden, alles über 10 sehr selten.
In den 3 Jahren vor meinem Examen gab es in Baden-Württemberg immerhin 1x mehr als 13,99 Punkte, in Bayern im Jahr 2000 z.B. keinen einzigen mit Note 1 und immerhin 1,56% mit Note 2.
Aber dem Publikum zu erklären, dass es eine Ausbildung gibt, bei der im Schnitt etwa 45% mit Note 4, etwa 30% mit einer normalen 3 enden, dass passt halt nicht ins heile Serienleben – oder?

Ein Satz aber war wahr:
„Mit dieser Note kannst Du Dir doch aussuchen, wo Du arbeiten möchtest.“
Ja. Auf alle anderen wartet dafür der Gang zum Arbeitsamt. Allein im letzten Jahr ist die Zahl der arbeitslosen Juristen um fast 30% angestiegen. Aber auch das passt eben nicht in die heile Vorabend-Welt.

Ganz ehrlich liebes ZDF:
Mein Serien-Weltbild ist mit dieser Serie stark ins Schwanken geraten. Ja, ich wusste schon vorher, es stimmt nicht alles. Und Kanzleien wie bei „Ein Fall für 2“ mit eigenem Detektiv sind auch nicht normal, zumindest nicht hierzulande.

Aber so wenig Realismus?
Ich weiß, Fernsehen will unterhalten, will uns etwas vom Alltag entführen, aber so wenig, wie hier der Realität entsprach, will ich lieber nicht fragen, wie es dann mit anderen Sendungen steht.

Und jetzt bin ich etwas in Erklärungsnot, muss all meinen Freunden und Bekannten, die nicht Juristen sind, erklären, warum in meiner Ausbildung alles so anders war…

Eine Bitte habe ich jetzt noch:
Erbarme Dich und verschone uns vor einer Fortsetzung.
Danke.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Pessoa

Pessoa

04.11.2003 16:04

Sei gegrüßt. Nun, im Anbetracht des normalen alltäglichen Fernsehprogramms, könnte man Deine Bitte um Verschonung vor Fortsetzungen verallgemeinern. Leider ist in den Programmen das Gute die Ausnahme. In diesem Sinne - Pessoa

Robert.Winterstein

Robert.Winterstein

26.04.2003 08:41

Zumindest das Auswendiglernen ist so abwegig nicht. In Frankreich werden die Paragraphen tatsächlich auswendig gelernt.

Lambertus

Lambertus

10.12.2002 18:46

Hallo Bianca, es ist bei solchen TV-Produktionen immer wichtig, dass man nichts von der Materie versteht, in welche die Fernsehmacher das liebe Publikum hineinschnuppern lassen möchten. - Ich krieg auch immer 'n Lachkrampf, wenn da kluge Sachen aus meinem Fachgebiet anklingen, oder wenn zum 3728mal ein defekter Toaster regelrecht explodiert, als habe man ihm versehentlich an 3000 Volt angeschlossen... Verdummung ist halt so schön unterhaltsam! - Dennoch - eine schöne Vorweihnachtszeit wünscht Dir Kurt

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