Evil (2004)

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... Diese Erbärmlichkeit des Oberschurken, wie auch die seiner Anhänger, weiß "Evil" hervorragend herauszuarbeiten. Genau wie Erik scheinen sie frühere Schädigungen ihrer selbst heutzutage an andere weiterzugeben. Seelenlos haben sie dabei jedwede Grenze vergessen, erscheinen wie Ungeheuer. Nicht ... Bericht lesen





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Grundschlechte Menschen
Erfahrungsbericht von Eminencia über Evil (2004)
20.06.2006


Produktbewertung des Autors:   


Pro: authentisch, meisterhaft gespielt
Kontra: leichte Anfangsschwächen, zwischendurch sehr hart

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Filmkritik zu:

------------------------------------------------

EVIL

------------------------------------------------


"Grundschlechte Menschen"


In den 50ern in Schweden: Erik Ponti (Andreas Wilson) ist 16 Jahre alt und einer der brutalsten Schläger auf der Schule.
Nach einem besonders blutigen Zwischenfall mit einem seiner Opfer ist der Ofen aus. Voller Entsetzen und Abscheu verweist der Rektor ihn der Schule und gibt ihm zuvor noch mit auf den Weg, was er von ihm hält:
"Grundschlecht. Solche Menschen wie Dich nennt man grundschlecht."
Erik verlässt also die Schule - und mit ihm entweicht die Hoffnung, dass er jemals das Abitur erreichen wird. Denkt er. Hofft er?
Doch es kommt anders: Zu Hause ist seine Mutter schon vom neuerlichen Eklat ihres prügelwütigen Jungens in Kenntnis gesetzt. Panisch verkauft sie nun einen Großteil ihrer Möbel, um dem Kind doch noch eine gute Ausbildung zu garantieren - auf dem Elite-Internat Stjärnsberg.
Bevor Erik sich auf die Reise macht, zwingt die um die Zukunft ihres Jungen besorgte Mutter dem Schläger allerdings noch das Versprechen ab, alles dafür zu tun, um das Jahr dort zu schaffen.
Er willigt ein - und reist los. Fort von zu Hause, fort von seiner Mutter. Und auch fort von seinem Stiefvater, der ihm stets für jedes minimale Vergehen dutzende Schläge mit einem Lederriemen verpasst hat.
Auf dem Elite-Internat angekommen hat Erik zunächst das Gefühl, an einem gut situierten Ort angelangt zu sein. Doch der Schein trügt. Der Oberstufen-Vorsitzende, Otto Silverhielm (Gustaf Skarsgård), der ihm zunächst noch mit besten Manieren die Schule zeigt, entpuppt sich im weiteren Verlauf von Eriks Aufenthalt als gefährlicher Sadist. Gemeinsam mit den anderen Oberstufen-Schülern terrorisiert er systematisch die ,Frischlinge', wie Neuankömmlinge hier genannt werden.
Auch Erik soll Silverhielms bestialischen Gier zum Opfer fallen, genauso wie Eriks Zimmernachbar Pierre Tanguy (Henrik Lundström), der sich als körperlich schwacher, dafür aber intelligentester Schüler des Internats erweist.
Ein Martyrium setzt sich in Gang. Erik, der auf keinen Fall zurückschlagen darf, weil er sonst der Schule verwiesen würde, schreitet durch einen scheinbar nicht enden wollenden Krampf aus Demütigung, Schikane und Schmerz. Er erträgt tapfer, fast regungslos - so wie er es von zu Hause gewohnt ist. Niemand vermag ihn mit körperlicher Gewalt zu brechen.
Im Laufe der Zeit greifen die sadistischen Oberstufen-Schüler jedoch zu subtileren Methoden, um Erik auf die Knie zu zwingen. Es liegt nicht mehr allein an seiner Zähigkeit, die Situation zu meistern. Der Eklat bahnt sich an - und passiert. Doch Erik ist ein Kämpfer…

Und mit ,Kämpfer' ist keineswegs nur ein ,Schläger' gemeint.
Es ist nicht Erik Ponti, der in diesem Film "grundschlecht" ist. Wirklich "grundschlecht" ist tatsächlich niemand.
Die sadistischen Oberstufen-Schüler nähern sich diesem Begriff aber mehr und mehr an. Immer aggressiver und menschenverachtender werden ihre Taten. Während sie anfänglich vor allem psychologische Kniffe anwenden, mit denen man ein Individuum erniedrigen kann, werden sie mehr und mehr physisch - irgendwann bleibt ihnen auch nichts anderes mehr übrig, irgendwann sind sie mit ihrem Erniedrigungs-Latein am Ende.
Erik Ponti ist nämlich niemand, der sich mal eben mit ein paar Schlägen beugen lässt. Er musste und muss zu Hause ganz andere Dinge ertragen, muss mit ansehen, wie seine Mutter Tag für Tag von ihrem schmierigen Ehemann erniedrigt und unterjocht wird.
Daheim hat er nie zurückgeschlagen. Seine aufgestaute Wut, die längst zur Stauungs-Aggression herangewachsen war, ließ er dann mit exponentieller Brutalität an seinen Mitschülern aus. Es war ihm egal, ob seine Opfer irgendeine konkrete Schuld trugen. Fakt war, dass er enormen Hass in sich trug. Irgendwer musste dran glauben. Es war ihm gleich wer. Schließlich hatten er und seine Mutter auch zu leiden, ebenso schuldlos mussten sie sich von seinem Stiefvater schikanieren lassen.

Zu Anfang des Films hat man tatsächlich das Gefühl, dass Erik einer jener Schläger ist, die überhaupt nicht differenzieren können. Dreschend, wütend, mit Schaum vorm Mund, kennt er kein Ende, schlägt und tritt, bis die Knochen splittern.
Auch sein Auftritt beim Rektor wirkt noch rotzig und desinteressiert. Mit einer ,Du kannst mich mal, Alter!'-Lässigkeit nimmt er den Verweis entgegen. Man sieht ihm keine Betroffenheit oder Sorge an.
Beim Eintritt in das Zuhause wird aus dem reißenden Wolf allerdings ein zahmes Lamm. Wortlos und mit mildem Blick nimmt er das Urteil seiner Mutter entgegen, beugt sich ihrem Willen und hat stets das Zürnen des Stiefvaters im Hinterkopf.
Er zieht dann los, zum Elite-Internat - und dort zeigt sich, mit was für einem Menschen wir es hier wirklich zu tun haben.
Erik Ponti ist alles, aber kein Schläger. Fernab der häuslichen Provokation, mit einem ganz neuen Problemkomplex konfrontiert, entpuppt er sich als reifer Adoleszent mit Verantwortungsgefühl - aber auch mit reichlich Stolz und Repressionswiderwillen.
Warnungen der ,schwachen' Mitschüler bläst er in den Wind und rennt zunächst gegen die Tischregeln der Oberstüfler an, kann er die Konsequenzen seines mild-aufsässigen Trotzes doch noch gar nicht abschätzen.
Sofort bildet er sich damit selbst zur größten Feindfigur der Sadisten heraus. Diese bekommen neben den üblichen Quälereien der ,Frischlinge' ein ganz neues Lebensziel:
Ponti brechen. Egal wie.

Otto Silverhielm ist hierbei der abartigste, gleichzeitig aber auch armseligste, Maltreteur. Nichts anderes als die Erniedrigung der ,Kleinen' im Sinn gehen ihm alsbald die Nerven durch, wenn man ihn selbst irgendwie trifft.
Als ihm beispielsweise ein unerfreuliches Ereignis mit Kot geschieht, weiß er nicht anders zu reagieren als zu speien. Und das wird nicht das einzige Mal sein, dass er sich aus kindlicher Hilflosigkeit übergibt.
Dieser stramme Recke von fast zwei Metern hat keine andere Möglichkeit sich zu sozialisieren, als demagogisch über sein Volk zu herrschen. Jede andere Form der Interaktion setzt ihn in eine ängstliche Starre. Der Mann ist ein erbärmliches Arschloch.

Diese Erbärmlichkeit des Oberschurken, wie auch die seiner Anhänger, weiß "Evil" hervorragend herauszuarbeiten.
Genau wie Erik scheinen sie frühere Schädigungen ihrer selbst heutzutage an andere weiterzugeben. Seelenlos haben sie dabei jedwede Grenze vergessen, erscheinen wie Ungeheuer.
Nicht aber Erik - und das stellt der Film ebenso heraus. Er schließt Freundschaft zu Pierre, verteidigt ihn, wo es nur geht - bis ihm eben diese emotionale Bindung das Genick zu brechen droht.

Besonders erschreckend an "Evil" ist aber nicht der Fakt, dass emotionale Bindungen von Schädigungslustigen auf übelste Weise missbraucht werden können, sondern dass der Film so grässlich real rüberkommt.
Das schwedische Internat in malerischer Landschaft könnte ebenso gut eine Schule irgendwo im Schwarzwald sein. Der sadistische Otto, der in seiner Freizeit so gerne fernab des Internats reiten geht, könnte auch Nachbar XY sein, der nach außen hin vollkommen integer und liebenswürdig erscheint.
Die Schule ist wie eine entartete Darwin-Übung. Der Stärkste regiert, wobei Stärke Brutalität und Brutalität Wesenskastration meint.

Manche Schnitte, und hiermit sind Kamera-Schnitte gemeint, sind etwas rasch und unerklärlich.
Warum Eriks Vorgeschichte so rasend schnell ablaufen muss, ist nicht nachzuvollziehen.
Wieso seine Mutter es binnen ein paar Minuten vollbringen kann, ihr Möbelinventar umzusetzen, damit Erik das Internat besuchen darf, wird nicht klar.
Der Anfang von "Evil" ist in der Tat etwas unplausibel.
So wirkt es auch etwas schwachsinnig, dass der zuvor wie ein reißender Dschungel-James Dean erscheinende Erik binnen Stunden von hyperaggressiv auf lammfromm umschalten kann.
Wie ist das zu erklären? Kann das gelingen, weil seine Mutter ihm ein Versprechen abgezwungen hat?
Hätte sie das nicht viel eher tun können - dann könnte sie sich auch heute noch an ihren schönen, alten Möbeln erfreuen.

Trotz der nicht kausalen Anfänge entwickelt sich "Evil" zur authentischen Darstellung einer extremen Situation.
Es ist kein Geist, kein Sensenmann und kein Dämon, der im Internat sein Unwesen treibt. Es ist eine Gruppe von mittelkräftigen Jungen, die sich selbst nicht im Griff haben.
Zwar ist es unverständlich, warum auf diesem Internat kein Lehrer irgendetwas gegen diese himmelschreiende Furchtbarkeit unternimmt - aber wieso sollte es irgendwo auf dieser Welt nicht wirklich so zugehen?

Der Verlauf des Films ist kaum zu ertragen. Die Anspannung steigt, weil auch die Wahl der Repressiva immer heftiger wird. Lebensgefährliche Grenzen werden überschritten. Was dabei am meisten weh tut, ist die allgemeine Wegguck-Mentalität der anderen, während Eriks scheinbare Indolenz nach und nach gebrochen wird.
Man vermutet eine Katastrophe am Ende des Films. Irgendwie kommt sie dann auch, irgendwie aber auch nicht.
Erik ist ein Kämpfer.
Erik ist nicht grundschlecht. Vielleicht aber wenigstens ein bisschen - er kann's gebrauchen!
Ein Hollywood-Ende gibt es jedenfalls nicht.

Apropos Hollywood: Es ist erstaunlich, dass sich die amerikanische Wolkenfilm-Industrie noch nicht Erik-Darsteller Andreas Wilson herbeigezogen hat.
Er gibt mit dieser Vorstellung sein Debüt - und spielt so stark, glaubwürdig und fehlerlos, dass man meint, er habe nie etwas anderes getan. Sein im Verlauf des Films immer grimmiger werdender Blick verdeutlicht die latente Anspannung von Erik, erinnert daran, dass er in seiner alten Schule längst auf seine Widersacher losgegangen wäre.
Dieser Darsteller wird irgendwann auch in einem amerikanischen Film auftauchen.

So auch Gustaf Skarsgård. Der zweitälteste Sohn von Stellan Skarsgård liefert den arroganten, pervertierten Adligen so glaubwürdig ab, dass man zwischendurch mit einer Pfanne auf ihn losgehen möchte.
Aber spätestens, wenn Otto das erste Mal zu spucken beginnt, legt man die Gedanken-Pfanne beiseite und lässt die Mundwinkel nach unten sacken.

Auch sehr wichtig ist Pierre-Darsteller Henrik Lundström. Er weiß den kuschenden Moppel stets geistig überlegen darzustellen. Anfänglich völlig unterwürfig, versucht sich Pierre dann auch in zunehmender Resistenz, zunächst zumindest. Lundström stellt es tadellos dar.

Es bleibt nichts weiter zu sagen. Außer dass man diesen Film gesehen haben sollte. Das Hinsehen ist zwar nicht immer einfach, aber wichtig - denn es kann jederzeit und überall derartig ,evil' zugehen.

- - -

© Eminencia / Divalein, 20.06.2006   
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