Erfahrungsbericht über

EVIL / Jack Ketchum

Gesamtbewertung (15): Gesamtbewertung EVIL / Jack Ketchum

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Man wird einfach dazu getrieben.

4  14.08.2009

Pro:
erschreckend realistisch

Kontra:
extrem harter Tobak

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Stil

Unterhaltungswert

Spannung

mehr


BulmaZ

Über sich: Blogtip: http://ente.antispe.org/

Mitglied seit:19.04.2004

Erfahrungsberichte:1386

Vertrauende:398

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 228 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Bisher habe ich es mit Romanen stets folgendermaßen gehalten: Interessiert mich, wird gekauft, wird gelesen. Bei dem nachfolgend vorgestellten Roman lief dies etwas anders. Interessiert war ich bereits, als ich das erste Mal etwas von diesem Buch gehört hatte. Gekauft habe ich es auch recht bald, gelesen allerdings erst nach fast einem Jahr. Der Grund dafür war, dass ich schlichtweg ein bisschen Magengrummeln vor der Lektüre hatte. Denn im Vorfeld habe ich einige Rezensionen gelesen, in denen stets darauf hingewiesen wurde, dass es sich bei dem Buch um sehr harten und nicht leicht zu verdauenden Tobak handeln würde. Ob ich diese Einschätzung nun, nachdem ich mich doch getraut habe, teilen kann, gibt’s nachfolgend zu lesen.

>> Evil – Jack Ketchum <<

// Bezugsquelle & Preis //

Gekauft habe ich das Taschenbuch bei www.buecher.de.
Dort habe ich 8,95 € bezahlt.

// Eckdaten //

Titel: Evil
Originaltitel: The girl next door
Autor: Jack Ketchum
Übersetzung: Friedrich Mader
Verlag: Heyne
Genre: Horror / Thriller
Seitenanzahl: 334 Seiten

// Jack Ketchum //

Jack Ketchum ist das Pseudonym des US-amerikanischen Schriftstellers Dallas Mayr (* 1946). Mayr tritt als Autor ausschließlich unter diesem Pseudonym auf; sein richtiger Name ist relativ unbekannt. Jack Ketchum ist ein Kunstwort, nach dem Henker Jack Ketch (gestorben 1686). Da die Haupt- und Nebenfiguren in Ketchums Romanen häufig kein glückliches Ende erwartet, passt der Name des Autors als Scharfrichter. Zudem ist der Name als „Jack, Catch 'em“ (Jack, fang' sie) lesbar.

Quelle: www.wikipedia.de

// Evil //

Eine kleine Vorstadtsiedlung im Amerika der 50er Jahre:
Es ist Sommer, die Kinder haben Ferien und die werden ausgiebig für alles genutzt, was man als Kind gerne tut. So vertreiben sich die Jungs David, Woofer, Willie, Donnie und einige mehr die Zeit damit, ins Kino zu gehen, Flusskrebse zu sammeln oder nachts im Garten zu zelten.

Eines Tages ziehen im Nachbarhaus von David die beiden Mädchen Susan und Meg bei ihrer Tante Ruth ein, die aufgrund eines Autounfalls nun Waisen sind. David ist von der etwas älteren und sehr hübschen Meg fasziniert und mag sie sofort. Doch die Tante der beiden Mädchen, Ruth, hegt ganz offensichtlich einen tief verwurzelten Groll gegen die beiden – besonders gegen Meg. So ist ihr keine Gelegenheit zu schade, Meg auf jede erdenkliche Weise zu demütigen. Ruths Hass gipfelt schließlich in einer Gewaltorgie, an der sie auch ihre Söhne und die Jungs aus der Nachbarschaft nur zu gerne teilhaben lässt…

// Eindrücke //

„Psychologischer Horror vom Feinsten“ und „Der Furcht einflößendste Autor Amerikas“ – so titeln Mike Baker und Stephen King auf der Rückseite des Romans. Bekanntermaßen sind derartige Lobhudeleien stets mit Vorsicht zu genießen. In Ketchums „Evil“ allerdings ist dies anders. Nicht umsonst ist der Roman in Heynes Hardcore – Reihe erschienen.

Der Roman beginnt recht unspektakulär. Die idyllische Sommerferienatmosphäre wird ohne viele Worte auf den Leser transportiert. Aber selbst, wenn man den Roman liest, ohne auch nur das Geringste zu wissen, ja, ohne auch nur den Klappentext gelesen zu haben, spürt man deutlich, dass etwas Dunkles, Böses über den Figuren und dem gesamten Setting schwebt. Ketchum zögert es hinaus, lässt es zu Beginn wie eine unbegründete Vorahnung erscheinen – um dann quasi aus dem Hinterhalt zuzuschlagen. Denn Schlag auf Schlag geht es in „Evil“ tatsächlich zu.
Sind die Gemeinheiten Ruths gegenüber ihrer Nichten zu Beginn noch wirklich nicht viel mehr als kleine Boshaftigkeiten, die man ohne Probleme auch auf einen schlechten Tag schieben könnte, wird der Ton alsbald sehr viel rauer und rohe Gewalt bahnt sich ihren Weg. Eine Art unsichtbare Schranke wird dabei wohl gebrochen, als die jüngere der beiden Schwestern vollkommen zu Unrecht eine Tracht Prügel einsteckt, bei der die Nachbarsjungs zusehen dürfen. Die Intensität dieser Gewaltakte steigert sich in halsbrecherischem Tempo, sodass man als Leser kaum noch hinterherkommt – sofern man dies jemals im Verlauf der rund 300 Seiten überhaupt tut.

Auf den ersten Blick sind die Gewalt, die später nur noch der älteren Meg angetan wird, und die unaussprechliche Folter, die Taten einer offenbar völlig kranken Person. Im weiteren Verlauf des Romans zeigt sich allerdings, wie unglaublich realistisch die Schilderungen sind, nicht zuletzt in Anbetracht der jüngsten Nachrichten einen Fritzl betreffend. Sämtliche Folterakte an dem kleinen Mädchen, werden eiskalt begründet und man merkt deutlich, dass die Initiatorin des Ganzen all dies selbst glaubt. Man selbst als Leser ist durchaus geneigt, genau die gleiche Verzweiflung zu spüren, wie das Opfer Meg. Man möchte ihr helfen, sie aus den Fängen dieses Monsters retten. Aber nicht nur Ruth, diejenige, die all die schrecklichen Taten angezettelt hat und Meg fortan im Keller einsperrt, ist schuldig. Sie macht ihre Söhne und einige der Nachbarsjungen zu Mitschuldigen. Denn die gehen bald vom bloßen Zuschauen zum Mitmachen über. Dabei stehen sie der Erwachsenen in ihrer Mitte in Sachen Sadismus in nichts nach. Immerhin kann es ja nicht falsch sein, wenn ein Erwachsener es erlaubt. Es stellt sich beim Leser immer wieder und mit stetig steigender Frequentierung die Frage nach dem Warum. Warum sehen die Kinder zu? Warum tut niemand etwas? Selbst Jungs im Alter von elf und zwölf muss doch klar sein, dass geholfen werden muss. Nun, dass es nichts bringen würde, würde einer der Jungs reden, wird in der Mitte des Romans klar. Denn einer der Zuschauer wendet sich mit den Geschehnissen im Nachbarkeller an die Eltern. Die reagieren vollkommen anders, als man erwarten würde. Sie versuchen noch, Entschuldigungen und Begründungen zu finden für das Verhalten Ruths. Auch ein zugegebenermaßen kläglicher Versuch des Erzählers David scheitert, als er seinen Vater danach fragt, ob man Frauen schlagen dürfe. Das perfide Ausmaß an Hilflosigkeit wird besonders in Passagen wie diesen deutlich. Das Schlimmste daran ist aber allerdings, dass es keine reine Fiktion ist. Die Darstellung ist erschreckend realistisch. Denn die den Erwachsenen vollkommen logisch erscheinenden Begründungen zerstören beim Leser auch noch die letzte Hoffnung auf Rettung der beiden Mädchen im Keller.

Dies erzeugt ein unheimlich beklemmendes Gefühl von Hilflosigkeit. Es verdeutlicht die Schlechtigkeit der Menschen auf eine Weise, die einen kaum mehr ängstigen könnte. Wie weiter oben angedeutet, ist vermutlich jedem Leser klar, dass das gezeigte Szenario mit all seinen Schattierungen keine pure Fiktion ist. Immer wieder hört man von Eltern, die ihre Kinder erschlagen, verhungern lassen oder jahrelang in einem Kellerloch gefangen halten. Vermutlich ist es genau das, was einen auch so erschreckt. Vielleicht überspitzt Ketchum das Ausmaß an Folter in „Evil“. Vielleicht kann man sich aber auch derartige Grausamkeiten einfach nicht in der Realität vorstellen – oder möchte es nicht.

Der Stil in „Evil“ kann fast als sachlich nüchtern bezeichnet werden.
Obwohl der Roman aus Sicht des damals elfjährigen David erzählt wird, kommen Emotionen nur selten zum Tragen. Meist handelt es sich um eiskalte Schilderungen, die durchaus dafür sorgen könnten, dass man Ketchum als Gewaltpornographen bezeichnen könnte. Meiner Ansicht nach trifft dies nicht zu. Ketchum zeichnet in einer einfachen, aber dennoch bildgewaltigen Sprache, die menschlichen Abgründe. Wozu dabei auf die Tränendrüse drücken? Seine Sprache spiegelt das Bewusstsein seines Protagonisten über die Taten wider, seine innere Zerrissenheit und sein Hin- und Hergerissensein zwischen Faszination an der Gewalt und seinem Drang, etwas dagegen zutun. Die Schilderungen der Folterakte verschleiern dabei nichts. Ohne Rücksicht auf den Leser wird schonungslos geschildert, was dem Mädchen im Keller angetan wird. Zwischen den Zeilen gibt es nichts zu lesen, der Autor verlässt sich nicht auf das Kopfkino des Lesers. Er will offenbar, dass man ganz genau weiß, wie weit die menschliche Perfidie gehen kann. Dabei geht er stets genau dann einen Schritt weiter, wenn man denkt, zu mehr Grausamkeit kann kein Mensch fähig sein. Der Leser wird stets aufs Neue geschockt, bis er fast atemlos die letzte Seite gelesen hat.
Ketchum schafft es sogar beim Leser Verzweiflung hervorzurufen. Denn es gibt genau zwei Stellen, an denen man meint, es würde vielleicht noch eine Rettung geben und alles gut werden, sofern man von ‚gut’ überhaupt sprechen kann. Fast fühlt es sich an wie die Peripetie aus dem klassischen griechischen Drama, bei der man glauben soll, es gibt noch Hoffnung. Wird diese dann jäh zerstört, kann man es nicht fassen.

Alle agierenden Figuren in „Evil“ sind Stellvertreter der allgegenwärtigen Gewalt.
Dabei wäre es unnütz, auf jeden einzeln einzugehen, da sie während ihrer Taten, ja schon während sie nur als Voyeure agieren, zu einer undurchsichtigen grauen Masse werden. Keiner ist besser oder schlechter als der andere. Niemand zeichnet sich nur besondere Charaktermerkmale aus. Dennoch steht an der Spitze wohl Ruth, die Tante von Meg und Susan. Was bei Ruth psychisch schief gelaufen ist und welche Annahmen sie zu dem treiben, was sie tut, wird nach und nach aufgedeckt. Ähnlich wie das Szenario im Ganzen, sind auch Ruths Beweggründe realistisch. Vielleicht auch deshalb, weil sie in sich logisch erscheinen. In ihrer Anatomie erinnern jene Beweggründe stark an die Begründungen, die man immer wieder hört, wenn es darum geht, Serienmörder und ihre Taten zu analysieren.
Der Einzige, der sich zu keinem Zeitpunkt an Meg vergreift, sich aber dennoch genauso an dem schuldig macht, was in dem Keller passiert, ist David. David ist der Ich – Erzähler in diesem Roman und gibt wieder, was in jenem Sommer 1958 geschieht. Besonders bei David ist man wohl hin- und hergerissen. Er schaut einerseits nur zu und ist fasziniert, von den Möglichkeiten und der Macht, die sich bietet angesichts der gefesselten Meg. Andererseits ist ihm aber offensichtlich irgendwo bewusst, dass das absolut falsch ist. Er besitzt nur leider viel zu spät die Stärke, etwas zu unternehmen.

Alles in allem ist „Evil“ ein Roman, der mir nach nächtlichem Auslesen immer noch recht schwer im Magen liegt. Zwar wird man nicht ständig mit der Nase vom Autor darauf gestoßen, dass es sich bei Tätern und Opfern um Kinder handelt, aber man vergisst es dennoch nie. Die offenen Schilderungen der massiven Gewalt, der Folter und der aberwitzigen Begründungen dafür, jagen einem einen gehörigen Schauer über den Rücken. „Evil“ ist meiner Ansicht nach auch aufgrund seiner nicht eben versteckten Gesellschaftskritik ein starkes und wichtiges Buch, das aber wohl nicht jeder erträgt. Zartbesaitete sollten tunlichst die Finger von Ketchums Roman lassen. Dennoch möchte ich eine allgemeine Empfehlung aussprechen. „Evil“ zeigt schonungslos, was im Verbogenen überall stattfinden kann und welches unbeschreibbare Böse in jedem Menschen jedes Alters steckt.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lianchen666

Lianchen666

10.02.2010 19:34

Am meisten schockiert mich, das der Roman auf wahren Begebenheiten basiert...Hab den Mordfall dazu gelesen und das erschreckende ist, es ist fast 1 zu 1 wie im buch....

Cherry86

Cherry86

07.09.2009 20:17

Für mich wäre das definitiv nichts ... mir liegen ja schon die Auszüge aus dem Bericht schwer im Magen ^^

knopfi.de

knopfi.de

07.09.2009 09:56

Ist gemerkt! merci@knopfi

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