Deutschland hat Untertemperatur
13.04.2003
Pro:
bissige Satire auf das Gesellschaftssystem
Kontra:
nix
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Blutwasser
Über sich:
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Erfahrungsberichte:51
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 94 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Erich Kästner ist den meisten Menschen ein Begriff, wenn sie an Kinderliteratur denken und sicher haben sich einige in ihrer Schulzeit mit „Emil und die Detektive“ oder dem „Fliegenden Klassenzimmer“ beschäftigt. Kästner ist aber mehr als ein bloßer Kinderbuchautor, er schrieb zunächst Gedichte, in denen er bereits begann, seine Zeit kritisch und satirisch zu betrachten. Die Geschichte um „Fabian“ wurde 1931 geschrieben und ist ein satirischer Zeitroman. Wer den Stil Kästners ein bisschen kennt, muss sich über diesen banalen Titel wundern. Kästner selbst wollte dieses Buch „Der Gang vor die Hunde“ bzw. „Sodann und Gemorrha“ (eine Abwandlung von Sodom und Gomorrha) nennen, womit jedoch die Verleger nicht zufrieden waren und diese Titel ablehnten. Da Jakob Fabian die Hauptperson im Buch ist, wurde sein Name zum Titel. Nun gut. Jakob Fabian, ein arbeitsloser Germanist, 32 Jahre alt und seine Erlebnisse im Berlin Anfang der 30er Jahre. Die Welt um ihn herum besteht aus Trägheit, abartigen Liebesbeziehungen, aus Arbeitslosigkeit, sinnlosen Schießereien und politischen Extremen. 1931 stand die Welt Kopf, es gab viele Arbeitslose, die Wirtschaft in der Krise und die NSDAP wurde immer stärker. Fabian streift durch die Stadt und blickt fassungslos auf die Welt, die ihn umgibt. Er versteht sie nicht mehr. Fabian ist auf der Suche nach einer Frau und geht deshalb zu einer Vermittlungsagentur, die Kästner als „Institut für geistige Annäherung“ nennt; dort lernt er Irene Moll kennen, die ihn mit zu sich nach Hause nimmt und ziemlich fordernd auf ihn eingeht. Später kommt deren Mann heim und blick ganz locker auf die Szene, er gibt Fabian selbst noch den Wohnungsschlüssel, damit er wiederkomme. Fabian ist völlig irritiert von solch einem Verhalten. Er bekommt Arbeit als Reklamefachmann für Zigaretten und kann davon relativ gut leben, Miete und Essen sind gesichert. Fabians Vermieterin ist sehr prüde, was wohl normal für die Zeit ist, was Kästner aber auch aufs Korn nimmt: „Gnädige Frau, es ist weithin bekannt, daß sich, von einem gewissen Alter ab, beim Menschen Bedürfnisse regen, die im Widerspruch zur Moral der Vermieterin stehen.“ Es gibt aber auch ein paar Hoffnungsschimmer für Fabian. Zum einen ist das sein Freund Dr. Labude, der gerade seine Doktorarbeit über Lessing schreibt. Er selbst stammt aus einem Elternhaus, in dem Geld alles ist, wo Liebe und Zusammenhalt aber nicht zählen. Zum anderen Cornelia, Fabians Freundin, die ihn auch eine Weile stützt, jedoch Schauspielerin werden will und sich für gute Rollen „hochschlafen“ muss. Nachdem Fabian wieder arbeitslos wird und Cornelia sich von ihm verabschiedet, steht Fabian am Tiefpunkt seines Lebens. Jetzt wendet er sich auch nicht mehr an Labude, denn der hat mit sich selbst zu tun. Jeder für sich. Allein. In einer Großstadt. Fabian erfährt nun vom Tode Labudes. Durch einen Gag, den sich der Assistent des Doktorvaters erlaubte, nämlich Labude zu sagen, er hätte die Arbeit nicht bestanden, bringt sich Labude um. Er hinterlässt Fabian einen Brief sowie Geld. Und Fabian, der arme Haltlose läuft durch die Stadt und weiß weder ein noch aus. Er steht auf einer Brücke, sieht unten im Fluss ein Kind, das zu ertrinken droht und springt voller Helferdrang nach. „Zwei Straßenbahnen blieben stehen. Die Fahrgäste kletterten aus dem Wagen und beobachteten, was geschah. Am Ufer rannten aufgeregte Leute hin und wieder. Der kleine Junge schwamm heulend ans Ufer. Fabian ertrank. Er konnte leider nicht schwimmen.“Kästner beschreibt in „Fabian“ seine schonungslose Satire auf die Krise des bürgerlichen Gesellschaftssystems. Dabei spielt die gesellschaftliche Veränderung eine Rolle. Fabian will, dass die Menschen sich von Vernunft und Anständigkeit leiten lassen, er selbst bleibt aber passiv. Labude widerspricht dieser Illusion, denn er meint, erst wenn das System vernünftig und anständig ist, werden es auch die Menschen. Damit steht These neben Antithese. Der Untergang der Gesellschaft Deutschlands und Europas ist das Thema, vor dem Kästner warnt. Fabian und Labude sind wie Hoffnung und Verzweiflung. Die Nazis bekommen immer mehr Macht und das Volk geht wortwörtlich unter, weil es nicht schwimmen kann. Weil es diesem System nicht gewachsen ist. Der Tod des Fabian kann zweierlei bedeuten: zum einen ist er sinnlos und zufällig, wie sowieso alles in dieser Zeit. Oder Kästner will uns warnen: lebe nicht so wie Fabian! Auch heute noch ist diese Geschichte auf unsere Gesellschaft übertragbar. Auch wir leben ständig in Krisen, angeln uns von einem Ufer zum anderen, kommen irgendwie durch (nur wie weiß keiner) und sind ständig in Angst vor Arbeitslosigkeit. Kästners Lehre im „Fabian“ ist, dass sich ein lebendiger Fabian nicht aus solch einer Gesellschaft wegstehlen, sondern laut mitreden soll. Kästner wurde 1899 in Dresden geboren. Später lebte er in Berlin und München, wo er 1974 starb. Sein Debut gab er 1927 mit „Herz auf Taille“, einem Gedichtband. Er war Redakteur und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften und schrieb v.a. realistische Kinderromane, die oft in der Großstadt spielen, weshalb er von den Nazis als „Asphaltliterat“ beschimpft wurde. Im „Fabian“ ist Labude mit autobiografischen Zügen von Kästner versehen worden, denn Kästner studierte u.a. Germanistik und schrieb seine Doktorarbeit über Lessing. In jedem von Kästners Büchern arbeitet er seine Vergangenheit auf. Die Mutter, die Fabian in Berlin besucht, besucht auch Erich Kästner, als er in Berlin lebte und sie haben eine so gute und innige Beziehung. Kästner hat mit seinen Werken ein Zeichen gesetzt. Er hat die Zeit kritisch beschrieben und doch immer den Glauben an die Menschen gegen den Schlamassel der Welt gesetzt.„Fabian“ ist eines der besten und tiefgründigsten Bücher, die ich kenne. Ich kann es guten Gewissens empfehlen: aus historischem und biografischem Interesse sowie für eine Selbstreflexion. Jetzt bleibt noch die Frage, warum dieses Buch noch nicht verfilmt wurde.Deutscher Taschenbuch Verlag 8 Euro
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04.07.2003 20:20
Und du hast es wieder geschafft, mich neugierig auf dieses Buch zu machen!
30.05.2003 20:02
schöner bericht, liest sich echt gut :)
16.04.2003 00:26
klasse bericht,mfg