Dieser Erfahrungsbericht wurde von 70 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich hatte es euch doch versprochen, es werden jetzt wieder ein paar mehr Berichte von mir werden (Themen habe ich genug im Kopf, ich muss nur mal die zeit finden, sie auch aufzuschreiben) Heute geht es mal um eine DVD – um einen recht alten Film (1947 gedreht), der allerdings erst in jüngster zeit auf DVD erschienen ist. Spricht das nun für die Qualität des Films – oder einfach nur für den Namen des Regisseurs, der immerhin niemand geringerer als Alfred Hitchcock ist?!
Ich denke, ich werde euch den Film
DER FALL PARADIN (The paradin case)
einfach mal kurz vorstellen und euch dann meine Gedanken zu diesem Film verraten.
Mrs Paradin ist jung, hübsch und vor ihrer Heirat mit dem alten, blinden Oberst Paradin war sie auch noch arm. Jetzt ist sie Witwe, reich – und steht unter Mordverdacht!
Ein junger Anwalt übernimmt ihre Verteidigung – und schon bald erliegt er den Reizen der jungen Frau. Mit allen Mitteln will er einen Freispruch erwirken, obwohl es durchaus Umstände gibt, die gegen die junge Frau sprechen. Doch er ist wie besessen – kennt nur noch das Ziel, die junge Frau um jeden Preis vor dem Galgen zu retten. Dafür setzt er seine glückliche Ehe aufs Spiel – seinen guten Ruf als Anwalt – und selbst seine Mandantin bringt er gegen sich auf, als er gegen ihren Willen den Burschen des Obersts in den Zeugenstand ruft.
Hat sie vielleicht doch zu verbergen?!
Tcha, die Inhaltsangabe ist kurz – sehr kurz diesmal, selbst für meine Verhältnisse, denn ich versuche eigentlich immer neugierig zu machen auf einen Film, aber trotzdem nicht zuviel zu verraten. In diesem Fall bietet der Film eigentlich nicht viel mehr.
Es geht um die Gerichtsverhandlung gegen Madeleine Paradin – es geht um ihren Anwalt, der sich hoffnungslos in sie verliebt hat. Doch was auf den ersten Blick wie ein „alter Kriminalfilm“ klingt, geht eigentlich viel tiefer – er beschäftigt sich nämlich in erster Linie nicht mit der Geschichte an sich, sondern mit den Menschen, die dahinstehen. Und genau das macht diesen Film interessant – nicht wirklich spannend, sondern einfach nur interessant.
Natürlich stellt man sich als Zuschauer die Frage: Wer hat denn nun den Oberst ermordet? War es die hübsche Madeleine oder vielleicht doch der zwielichtige Bursche des Obersts? Wird es dem Anwalt gelingen, Licht in der Dunkel dieser Geschichte zu bringen? Aber viel interessanter fand ich es, die einzelnen Charaktere zu beobachten, ihr Verhalten, ihre Gestik, ihre Reden …
Der Film ist mit wirklich großartigen Schauspielern besetzt. Namen wie Gregory Peck und Charles Laughton (als Anwalt und als Richter) dürften auch heute noch bekannt sein – ersterer als junger Mann noch ziemlich am Anfang seiner Karriere, aber durchaus schon überzeugend – letzterer als gestandener Schauspieler in einer zwar kleinen aber tollen Rolle! Namen wie Ann Todd und Ethel Barrymore (die Angeklagte Madeleine Paradin und die Ehefrau des Anwalts) sind heute wohl eher unbekannt – damals waren beide gute und beliebte Schauspielerinnen, die überzeugend rüberkommen. Erwähnen möchte ich noch eine kleine Cameo Szene mit dem „Meister Hitchcock“ persönlich: er steigt aus einem Zug – mit einem Cello in der Hand – na ja, keine große Rolle, einfach eine nette Spielerei, die sich auch heute noch mancher Regisseur gern erlaubt.
Besonders beeindruckt hat mich das Spiel von Ann Todd – die Angeklagte – diese hübsche, junge Frau – aber in der Gestik versteinert, eiskalt – jedenfalls wirkt sie so nicht nur auf den Zuschauer, sondern auch auf viele Beteiligte im Film. Trotzdem strahlt sie eine Schönheit aus, so das man es verstehen kann, das der Anwalt Herz und Verstand an diese Frau verliert. Ihre Rolle ist mehr als überzeugend gespielt!
Der Gegenpart dazu Gregory Peck als Anwalt. Ein guter Anwalt, glücklich verheiratet … der sich plötzlich (fast ungewollt) in den Fängen dieser Frau wieder findet. Der sich hingezogen fühlt, an ihre Unschuld glauben will, um jeden Preis … der seine bis dahin glückliche Ehe aufs Spiel setzt, aber nicht leichtfertig, oh nein, der unter der Entfremdung von seiner Frau leidet! Der innerlich völlig zerrissen ist - der mich mehr so richtig zwischen Gut und Böse unterscheiden kann ...
Ja, das ist es, was diesen Film ausmacht – die durchweg gute Darstellung der handelnden Personen – intensiv, lebendig – als Zuschauer kann man sich hineinversetzen in die Gefühlswelt dieser Leute. DAS ist es ,was diesen Film spannend sein lässt – nicht etwa der Mordfall an sich, dessen Lösung dem Zuschauer eigentlich von Anfang an klar ist (und die uns sogar auf der DVD Hülle verraten wird) … ungewöhnlich einerseits, weil ein Film ja eigentlich darauf bedacht ist, die Spannung bis zum Schluss zu erhalten … andererseits gar nicht so erstaunlich, weil eben typisch für diesen Film – die Lösung an sich ist nicht so wichtig – wichtig ist der Weg der Hauptpersonen, der schließlich dorthin führt!
Wenn ihr mich jetzt fragt, ob mir dieser Film gefallen hat, bin ich ein wenig zwiegespalten. Es ist sicher nicht der beste Hitchcock den ich kenne – und das liegt keinesfalls daran, dass es sich hier um eines seiner älteren Werke handelt. Es gibt Hitchcock Filme die sind älter und gefallen mir trotzdem besser. Es ist einfach die Art, wie dieser Film aufgebaut ist und wie er sich entwickelt die mich schwanken lässt zwischen Faszination und Langeweile! Die Darstellung der Personen hat mir sehr gut gefallen – der Ablauf des Films an sich ist eher ein wenig öde. Es kommt sicher darauf an, wie man an diesem Film herangeht. Wenn man einen spannenden Hitchcock Thriller erwartet, wird man enttäuscht sein!
Jetzt noch ein paar nackte Daten zur DVD: Lauflänge 110 Minuten
Sprache: Deutsch (dolby digital) und englisch (mono) Sprache: ein wenig dumpf und unklar, was ich aber dieser DVD nicht zum Vorwurf mache, denn das ist eben typisch für ältere Filme und macht einen Teil des Reizes aus, wenn man sie guckt!
Schwarz/weiß Film
FSK 16 Jahre (na ja … DASS halte ich für übertrieben – obwohl sich jüngere Kinder bei diesem Film sowieso mehr langweilen werden)
Extras: zwei Trailer – dazu Filmographien und Biographien der Darsteller (nichts besonderes, ein wenig lieblos dahingeklatscht – ich werde hier auch nicht weiter darauf eingehen, weil es in dieser Kategorie ja sowieso nur um den Film an sich gehen soll)
Preis: 19,99 Euro Neupreis (was ich eigentlich für zu teuer halte) Kleiner Tipp am Rande für Leute, die an älteren Hitchcockfilmen interessiert sind: bei Ebay wird häufiger recht günstig eine Sammleredition mit 5 DVDs angeboten, die neben "Der Fall Paradin" noch Die 39 Stufen - Rebecca - Ich kämpfe um dich und Berüchtigt enthält - die Edition geht meist um die 30,-- Euro weg!
Und nun mein Fazit: Es ist kein Hitchcock, der mich in Begeisterungsstürme ausbrechen lässt, denn er baut nicht wie üblich auf Spannung auf. Vielmehr ist hier das Zwischenmenschliche in den Vordergrund gerückt, was durchaus auch interessant sein kann – man muss nur mit einer anderen Erwartungshaltung an diesen Film herangehen.
Alles in allem verdient der Film für mich eine gute Durchschnittswertung mit der Empfehlung, ihn sich zumindest einmal anzusehen. Man muss ihn sich ja nicht gleich kaufen, denn die 19,95 Euro halte ich doch für recht hoch!
@ Prisca – Mai 2003 – ich schreibe für Dooyoo, Yopi und Ciao
17.05.2003 08:49
...komisch, kenne ich gar nicht, obwohl ich sonst eigentlich immer darauf geachtet habe, nix von Hitchkock zu verpassen... LG
15.05.2003 14:28
Hab ich noch nicht gesehen! Guter Bericht! Benji
15.05.2003 13:45
Toller Bericht, sehr schön. Gruß Geimel