Algerien - historisch, poetisch & persönlich
15.04.2003 (17.04.2003)
Pro:
faszinierendes Ineinandergreifen aus Geschriebenem, Erzähltem und Persönlichem . Interessantes zur Geschichte Algeriens . Lebendige Sprache .
Kontra:
Nicht einfach zu lesen .
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 logan
Über sich:
unchain the colours before my eyes / yesterday's sorrows, tomorrow's white lies
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 39 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Die Algerierin Assia Djebar hat dank ihres fortschrittlichen Vaters als einziges Mädchen in ihrem Dorf die Möglichkeit, eine französische Schule zu besuchen. Später studiert sie in Paris und kehrt schließlich nach Algerien zurück, wo sie Zeitzeugen der bewegten Geschichte des Landes befragt. Als Historikerin hat sie Zugang zu französischen Quellen und Berichten über die Eroberung der Kolonie im 19. Jahrhundert. In „Fantasia“ erinnert sich Assia Djebar an ihre Kindheit zurück, beschreibt das traditionelle und zeitgenössische Leben in den Dörfern, lässt Zeitzeugen und historisch dokumentierte Personen durch ihre Sprache zu Worte kommen, die doch die Sprache der Eroberer ist. Der Leser wird zum Zeugen ihres Kampfes mit sich selbst und mit der sie sich selbst und ihren Traditionen entfremdenden Sprache, der sie nicht traut, obwohl es längst ihre eigene Sprache ist, einer Sprache, die in ihrem Empfinden die ursprünglichen Gedanken mehr zu verschütten als zu erklären droht; das Französisch, in dem sie über den französischen Alltag las, lange bevor sie diesen überhaupt kennen, geschweige denn verstehen, lernen konnte; das Schulfranzösisch, in dem ihre eigene Welt keinen Platz hatte, schlichtweg nicht vorkam; das Französisch, das mittlerweile das Arabische überlagert hat ohne zur Heimat werden zu können. Assia Djebar berichtet von den Eroberungszügen der Franzosen, von erbittertem Widerstand und Kollaboration, vom Kampf der algerischen Stämme untereinander, von Frauen, die wie Waren gehandelt werden, vom Völkermord des 19. Jahrhunderts, von dem Foltern und Brandschatzen der Besetzer, das bis weit in die 1950er Jahre anhielt. Sie erweckt, in zweifelnder, fragender und doch poetischer Sprache historische Personen wieder zum Leben, gibt den letzten Zeitzeugen und den mündlichen Überlieferungen eine in französische Worte gekleidete Sprache, und berichtet dazwischen in schüchternen, verschleierten Worten immer wieder auch von ihrem eigenen Werdegang. Die einzelnen Stimmen umschlingen sich, ja vermischen sich fast, und so ist „Fantasia“ nicht gerade einfach zu lesen; zahlreiche Personen tauchen auf, verschiedene Perspektiven wechseln sich ab, und die Sprache gleitet von mal nüchternen mal persönlichen Berichten über blumige Szenengemälde hin zu einer eigentümlichen Poesie, die sich nicht so recht erschließen will. Dennoch fasziniert der sehr lebendige Sprachstil Assia Djebars, und sie macht deutlich, dass es ihr ein großes Anliegen ist, ihren gebrochenen Eindruck und ihr gespaltenes Empfinden für Algerien ebenso mitzuteilen wie ihre Verbundenheit mit den einfachen Bewohnerinnen, mit dem Volk des Landes, und dabei die Stimmen der letzten Zeitzeugen festzuhalten, die noch von den Verbrechen der Besatzer und vom Freiheitskampf Algeriens berichten können. „Fantasia“ bietet vor allem aber auch einen Einblick in das Leben der algerischen Frauen, ihre zunächst relativ freie Kindheit, dann schließlich ihre verschleierte Jugend und ihr Erwachsensein in einer eigenen, abgeschirmten Welt, aber auch in die subtilen Ausdrucksformen, die sich dort unter dem Druck der Öffentlichkeit herausgebildet haben, und nicht zuletzt in ihre nicht mit Gewalt zu brechende Bereitschaft, zu den Männern zu stehen und ihre doch so eingeschränktes Lebensart gegenüber den Eindringlingen zu behaupten, ein fest verankertes Leben in der und für die Gemeinschaft zu führen. Auch Assia Djebar stellt ihre eigene Biographie nie in den Mittelpunkt; sie ist vielmehr ein (Ausnahme-)Beispiel unter vielen, das kein Vorbild sein soll, sondern lediglich ihre eigene Position und ihr Empfinden begründen und erklären soll. Mein Fazit: „Fantasia“ ist ein sehr interessantes, lebendig geschriebenes Buch, das durch die verschiedenen, ausschnittartigen Blickwinkel auf unterschiedliche Aspekte Algeriens dauerhaft zu faszinieren weiß, auch wenn einige Passagen dem unbedarften Leser nur schwer verständlich sind. [Mein Dank geht an Die_Buchhändlerin , die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat.]
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21.04.2003 13:43
na, das freut mich aber! Ich liebe dieses Buch, wie du weißt und finde es toll, dass ich dich dazu motiviert habe, es zu lesen. Schön, dass es dir gefallen hat - ein sehr schöner Bericht!
18.04.2003 23:05
Puh, du bist ja echt im Schreibfieber gewesen was? *nocheinenvorsichhat* Aber sind alle sehr gut muss ich sagen, Respekt! :)
17.04.2003 23:48
Ja, Elvira verdanken wir alle sehr viel... Auch diesen tollen Bericht, oder?