Faust - ein Trauerspiel / ... Goethe

Faust - ein Trauerspiel / ... Goethe

ISBN: 9783111703497, 9783112195178, 9783111314723 - Verlag: De Gruyter mehr

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"Faust" ist ein Superlativ. Ein Werk, dessen literarische Wirkung im deutschsprachigen Raum vergleichbares sucht; über dessen Interpretation sich seit knapp 200 Jahren Generationen von Gelehrten die Köpfe zerbrechen, und das unauslotbar wie das Meer bleiben wird. Es gibt in Deutschland wohl ... Bericht lesen





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1-6 von 115 Erfahrungsberichten    
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Ein Teil von jener Kraft
Erfahrungsbericht von Hugin_Munin über Faust - ein Trauerspiel / ... Goethe
20.10.2008


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Anspruchsvoll und unterhaltsam; intelligent, doch nie abgehoben
Kontra: Dramatik geht zu wenig auf den Leser über; zweiter Teil für viele schwierig zu lesen

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

"Faust" ist ein Superlativ. Ein Werk, dessen literarische Wirkung im deutschsprachigen Raum vergleichbares sucht; über dessen Interpretation sich seit knapp 200 Jahren Generationen von Gelehrten die Köpfe zerbrechen, und das unauslotbar wie das Meer bleiben wird. Es gibt in Deutschland wohl niemandem, dem der Titel und die Geschichte - Gelehrter verkauft seine Seele an den Teufel - nichts sagen. Und eben aufgrund dieser Dominanz, dieser Omnipräsenz des Faust in der deutschen Literatur, möchte ich mich in dieser Rezension auf einige Punkte konzentrieren, um die Qualität des Werkes von einer anderen Seite zu beleuchten, als dies in den meisten Rezensionen getan wird. Wer einen allgemeinen Überblick über das Werk sucht, sollte also gar nicht erst weiterlesen - ich möchte hier eher ins Detail gehen.

~

1. Goethe und sein Werk

Goethe wäre vor allem gerne eines gewesen: das umfassende Universalgenie, wie es die frühe Neuzeit seit der Zeit der Renaissance immer wieder hervorgebracht hatte. Doch das Wissen seiner Zeit war bereits zu breit gefächert, die Fülle der Kenntnisse unüberschaubar geworden. Dennoch war der gebürtige Frankfurter weit mehr als nur der Autor, als den ihn viele kennen; sich selbst sah er zuallererst als Wissenschaftler, und er war davon überzeugt, dass vor allem seine Farbenlehre (die trotz aller Schmähungen eine der ersten psychologischen Farblehren überhaupt darstellt) in Erinnerung bleiben sollte. Damit lag er falsch. Wofür er bis heute vor allem unvergessen ist, ist sein zweiteiliges Magnum Opus "Faust - eine Tragödie".

Wie wenige andere literarische Werke ist "Faust" aufs Engste mit seinem Autor und seiner Zeit verknüpft, und dabei dennoch - so paradox es klingen mag - zeitlos wie eh und je. In der Figur des Faust, dem betagten Universalgelehrten, der an der Schwelle zur Neuzeit lebt und sein Lebenswerk hinterfragt, ist nur eine der vielen Parallelen zu Goethe und seiner Zeit zu finden. Wie Faust lebte auch sein Schöpfer am Übergang zweier Zeiten, von früher Neuzeit zu Moderne. Faust möchte alles wissen, doch erkennt, dass es mit Wissen allein nicht getan ist; so holt er sich die Hilfe des Mephisto hinzu, dem "Geist, der stets verneint", auf dass er ihn durch das Leben führe und ihm die Augen öffne. Die Geschichte ist den meisten wohl bekannt.
Eine weitere Parallele zum Leben und Wirken des Autors findet sich in der übergreifenden Kernthematik des Werkes. Es geht nicht, wie noch in früheren Interpretationen der Faust-Sage, primär darum, dass ein Gelehrter seine Seele für Erkenntnis verkauft - vom christlich-didaktischen Ton des 16. Jahrhunderts, der kritisch auf den Humanismus und das Fortschreiten der Technik sah, ist nichts mehr zu spüren. Hier findet sich stattdessen eine große Parabel über das Leben und die Existenz an sich. Zu Beginn des Stückes schließen der "Herr" und "Mephisto" scheinbar eine Wette um die Seele des Doktor Faust. "Scheinbar" deswegen, weil der Herr nie von einer Wette spricht - er weiß von Beginn an, dass Mephistos finsteren Kräfte gegen ihn keine Chance haben. Sein teuflischer Antagonist hingegen ist überzeugt, diesmal gegen den Herrn siegen zu können - vergeblich. In seiner grandiosen Vorstellungsrede bezeichnet er sich selbst als "einen Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" und gibt damit bereits die Antwort auf den Ausgang der Wette: was immer Mephisto zerstört, etwas Neues wird daraus entstehen. Der Teufel ist hier das verneinende, das vernichtende Prinzip, das der Natur innewohnt; er ist nur Werkzeug in Gottes großem Plan des Existenzkreislaufes. Auch hier rückt Goethe von der christlichen Erzähltradition seiner Vorgänger ab; dieser Teufel im sich gegenseitig bedingenden Dualismus von Erschaffung und Zerstörung erinnert eher an den Angra Mainyu des Zoroastrismus. Zugleich fließt hier Goethes Naturverständnis, sein Selbstverständnis als Wissenschaftler, überdeutlich ein.

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2. Der Faust-Stoff

Der Faust-Stoff, zuerst literarisch verarbeitet im Volksbuch "Historia von D. Johann Fausten" von 1587, geht zurück auf den spätmittelalterlichen Quacksalber Johann Faust, der als Astrologe und Wahrsager durch Deutschland zog. Auf diesen historischen Faust werden einige Höllenzwänge, Zauberbücher in heidnischer Tradition, zurückgeführt, die dieser angeblich um 1500 verfasste. Wie beim literarischen Faust fällt auch die Zeit des historischen Faust in die Übergangszeit zwischen Mittelalter und Moderne; eine Zeit, in der - sicher nicht zuletzt aufgrund der allgemeinen Sinnkrise, die aus der Kollision der beiden Epochen entstand - gleichzeitig Frauen als Hexen verbrannt wurden und geniale Erfinder die Möglichkeiten der Wissenschaft aufzeigten. Fausts "Höllenzwänge" und sein eigenes, recht spärlich bekanntes Leben, gaben rasch Anstoß zu literarischer Verarbeitung, in die sich verschiedene Erzählinhalte mischten: prächristliche Motive wie die Geschichte um Prometheus (interessanterweise auch von Goethe lyrisch verarbeitet), der typisch mittelalterliche "Teufelspakt" und das humanistische Bildungsideal. Letzteres, ausgedrückt im faustschen Erkenntnisstreben, wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich bewertet; in den meisten Bearbeitungen, wie im Volksbuch von 1587, scheitert Faust und endet in der Hölle. Dass die hier vom Teufel für ihn beschworene Helena und sein Sohn verschwinden, demonstriert die Subsumption der Diesseitigkeit unter die Ewigkeit des Gottesreiches (und der Hölle als dessen Gegenpol). Das rein aufs Diesseits gerichtete Erkenntnisstreben wird in diesem Zusammenhang als etwas Negatives gesehen; entsprechend wird der faustsche Hunger nach Erkenntnis in manchen Bearbeitungen ins Gigantomanische übersteigert und somit auf einen reinen diesseitsorientierten Hedonismus reduziert. Diese Interpretation hat etwas zutiefst mittelalterliches.
Eine andere Herangehensweise ist hingegen die Interpretation des Erkenntnisstrebens als Ausdruck der pansophischen Forschung des 16. Jahrhunderts, die auf dem Wege der Erforschung der Naturwissenschaften die Gedanken Gottes nachvollziehen wollte; quasi eine naturwissenschaftliche Theologie. Fausts Fehler wäre dann nicht mehr das Streben an sich, sondern die Mittel, derer er sich zu diesem Zweck bedient, nämlich in Form des Teufelspaktes. Eine solche Herangehensweise finden wir zum Beispiel bei Marlowe ("Dr. Faustus").
Ähnlich lässt sich die dritte und moderne Sichtweise verstehen, die wir in Goethes Faust vorfinden: die Naturwissenschaft und der menschliche Drang nach Bildung und Erkenntnis sind hier ebenfalls nichts Negatives, zugleich fehlt aber der Bezug zur Pansophie: der Versuch, die Wahrheit zu erfassen, wird vielmehr als Lebenssinn des Einzelnen auf ein personelles Ich reduziert, das sowohl der mittelalterlichen, rein theologischen, als auch der naturwissenschaftlich-theologischen Sicht der frühen Neuzeit fremd ist. Als Konsequenz muss Faust am Ende gerettet werden, denn sein Erkenntnishunger verurteilt ihn nicht mehr, sondern zeichnet ihn im Gegenteil sogar aus: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen".

~

3. Die Qualität des Werkes

Über die literarische Qualität des Faust lässt sich nicht streiten. Das Werk ist zweifellos eines der großartigsten, die je zu Papier gebracht wurden. Welche Fülle an Ideen sich in diesen Zeilen, die zum höchsten der deutschsprachigen Dichtkunst zählen, findet, ist mit nur Wenigem vergleichbar. Hier ist kein Wort zufällig, alles hat Sinn, Ursache, Notwendigkeit - wie jedes kleinste Element der Natur. Jeder Sprecher hat seinen eigenen Rhythmus - man vergleiche nur den uniformen Klang der Engel mit der lebendigen Rede des Mephisto - und trotz aller poetischen Eloquenz bleibt das Werk flüssig und verständlich zu lesen. Die "schöne Sprache" Goethes steigert sich nie, wie gelegentlich bei Schiller, ins Kitschige oder wird unverständlich komplex.
Was die größte Stärke des ersten Teils ist, ist jedoch seine Unterhaltsamkeit. Zwar gibt es immer wieder Passagen, die den Literaturliebhaber verzücken, das Publikum aber eher kalt lassen (Goethes Remineszenz an Shakespeares Sommernachtstraum im "Walpurgisnachtstraum" beispielsweise), doch handelt es sich im Großen und Ganzen um eine abwechslungsreiche, spannende Geschichte, in der besonders Mephisto als genialer Antagonist heraussticht. Dieser Teufel ist ein wahrer Verführer; charmant, humorvoll und weise kommt er daher und lässt nur gelegentlich seine wahre Teufelsfratze durchblicken. Besonders bezeichnend für diese Bilateralität ist die Szene in Auerbachs Keller.
In Mephisto hat der Leser eindeutig seine Identifikationsfigur; viel mehr als im alternden Faust, der sich - wie von Mephisto prophezeit - in die erstbeste Frau vergafft und von seinem höllischen Gefährten fordert: "schaff mir dieses Weib!". Jenes Weib, Gretchen, bekommt trotz ihrer relativ geringen Präsenz im Werk ein abgerundetes Profil als gottesfürchtige, unschuldige junge Frau, obwohl ihre Dramatik für den Leser weniger unmittelbar bleibt als beispielsweise das Schicksal der Ophelia im Hamlet.

Der zweite Teil liest sich weitaus schwieriger, ist aber im Grunde die einzige logische Konsequenz. Der Horizont erweitert sich; alles wird größer, heller, bedeutender. Liebhaber des ersten Teils sollten auch den zweiten kennen, doch als durchschnittlicher Leser ohne besonderes Hintergrundwissen kann man auf ihn getrost verzichten.

~

Fazit: Goethes "Faust" ist eines der größten Werke der Weltliteratur; nicht nur aufgrund des meisterhaften Umgangs mit dem Erzählstoff, der den Weg in die Moderne weist, sondern auch und vielleicht vor allem, weil er nach 200 Jahren noch immer frisch und lebendig wirkt und vergnügliche, intelligente Unterhaltung bietet - etwas Toleranz gegenüber älterer Literatur vorausgesetzt.   
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15.12.2000
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28.01.2002
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15.06.2003


Faust - ein Trauerspiel / ... Goethe

Haupteigenschaften

Produktform: Einband - fest (Hardcover)

Seitenzahl / arabisch: 168

ISBN: 3111314723

EAN: 9783111314723

Titel: Faust

Untertitel : ein Trauerspiel

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