Fenster zum Hof, Das

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Hitchs Fenster in unsere Seele ......

5  10.02.2004

Pro:
Klasse Kammerschauspiel

Kontra:
Nix für Actionfans

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

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thomas_kretschmer

Über sich: Zur Zeit wenig Zeit für CIAO. Ich wünsche allen einen schönen Sommer ! Thomas & und seine Testtier...

Mitglied seit:17.12.2003

Erfahrungsberichte:194

Vertrauende:51

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 21 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Die Welt ist eine Ansammlung von Voyeuren, die sich gegenseitig beobachten, weil ihnen ihr eigenes Leben zu langweilig geworden ist. Diese Erkenntnis muß bei Hitchcocks erstem Paramount-Film von 1953 DAS FENSTER ZUM HOF ( Rear window ) eine dominante Rolle gespielt haben.

James Stewart und Grace Kelly, neben Cary Grant und Ingrid Bergmann die absoluten Lieblingsstars von „Onkel Hitch“ übernahmen die Hauptrollen in diesem kammerspielartig angelegten Werk, das praktisch nur in Stewarts Junggesellenbude spielt. Nach eigenen Angaben war Hitchcock noch nie so glücklich und zufrieden bei seiner Arbeit wie im Falle dieses Filmes. Hitchs Lieblingsfilm gehört auch zu meinen Favoriten !
Grundlage war eine Kurzgeschichte von Cornell Woolrich, die der junge Drehbuchautor John Michael Hayes mit einem guten Gespür für interessante Dialoge umsetzte.

Der Hinterhof wurde aufwendig in einem Studio nachgebaut und die Fenster der einzelnen Wohnungen erscheinen wie kleine Leinwände, auf denen sich die kleinen Dramen der jeweiligen Bewohner abspielen.
Eines entwickelt sich aber zum großen Drama ......

Handlung

Selten war die Handlung eines Hitchcockfilmes so übersichtlich : James Stewart spielt den Fotografen Jeffries, der sich wegen eines gebrochenen Beines nur in seinem Appartement aufhält und sich aus Langeweile mit einem Teleobjektiv seine Nachbarn anschaut. Seine Freundin Lisa ( Grace Kelly ) und die Krankenschwester Stella ( Thelma Ritter ) besuchen ihn regelmäßig. Als er den Nachbarn Thorwald ( Raymond Burr ) berechtigterweise verdächtigt, dessen Frau umgebracht zu haben, will Thorwald ihn töten und dringt in seine Wohnung ein.
In letzter Minute kommt die Polizei. Aber beim Kampf mit dem Mörder hat Jeffries sich auch das andere Bein gebrochen.

Musik ? Action ? War da was ?

Die Musik vom berühmten Franz Waxman ( Das Gewand, Taras Bulba ) spielt keine große Geige in diesem Opus. Schwelgende Orchesterklänge wären in diesem „engen, klein angelegten“ Film auch nicht passend gewesen.

Zugegeben : Explodierende Autos, Verfolgungen und Schießereien findet man in anderen Hitchcockfilmen häufiger, erst recht bei Bruce Willis. Aber kann man Bruce mit Hitch vergleichen ? Nööööö !
Die Spannung kommt aus ganz anderen Quellen, die im heutigen Kino offensichtlich fast versiegt sind. Hitch zeigt allen, wie es geht !

Grace konnte begeistern

Hitch war von kühlen Blondinen schon immer angetan, besonders von Grace Kelly, der ehemaligen Soap Opera-Schauspielerin, die eine steile Karriere hingelegt hatte.
Beinahe wäre die atemberaubend schöne Grace kurz vorher in BEI ANRUF MORD ( Dial for a murder ) erwürgt worden.
Nur die glücklicherweise greifbare Schere hatte ihre Rettung ermöglicht - und damit ihren Auftritt noch im gleichen Jahr in DAS FENSTER ZUM HOF .

Superstar Stewart

Eine Aufnahme mit Stewart wurde interessanterweise zweimal identisch im Film verwendet, durch entsprechend eingeschobene Schnitte aber in jeweils anderem Zusammenhang : einmal beobachtet er ein Mädchen beim Ausziehen und das andere Mal eine Mutter mit ihrem Baby. Der gleiche Gesichtsausdruck lässt ihn entweder als Lüstling erscheinen oder zeigt rührende Anteilnahme – ein faszinierendes, aber auch ein wenig hinterhältiges Spiel mit den Zuschauern.
Aber die Rolle des Jeffries` war durchaus differenziert : Sein Voyeurismus unterscheidet ihn nicht von uns allen – und genau das löst im Zuschauer ein ambivalentes, also widersprüchliches Gefühl aus. Einerseits verabscheuht man Voyeuristen, andererseits kann man sich gegen die eigene Neugierde gar nicht wehren.
Daß Jeffrie als Fotograf „berufsmäßiger Voyeurist“ ist, scheint ihn nur wenig zu entschuldigen.
Als sich die Indizien mehren, dass tatsächlich ein Mord geschehen ist, spürt man geradezu, dass Jeffrie ( und damit wir alle ) dies herbeisehnt, um mit seinen Vermutungen am Ende recht behalten zu können. Aber darf man sich einen Mord wünschen ?

Eine kleines Häppchen Gesellschaftskritik gefällig ? Darf`s auch etwa mehr sein ?

Seine Freundin Lisa möchte gerne heiraten, er aber scheint sein Junggesellenleben zu genießen. Diese Tatsache in Verbindung mit den voyeuristischen Elementen versinnbildlicht die Vereinsamung in unserer modernen Gesellschaft.
Jeffrie beobachtet einsame Frauen, die mit dem Gedanken an Selbstmord spielen, gescheiterte Beziehungen, einen toten Hund – ein ziemlich trauriges Abbild unserer Gesellschaft.

Dem Filmton ist ständiger, entfernter Verkehrslärm unterlegt, da wegen der schwül-sommerlichen Witterung ständig alle Fenster geöffnet sind. Dies und die räumliche Enge der Filmkulissen verschafft dem Zuschauer das Gefühl, dass das wirkliche Leben draussen stattfindet – ausserhalb der Wohnung. Die Enge, die Bewegungsunfähigkeit des Hauptdarstellers, die Hitze und die Tristheit des Appartements werden allmählich unerträglich ......
Für das reinigende Gewitter sorgt dann der Besuch des Mörders ( der das Klingeln vergaß, um bei Jeffrie die Spannung zu erhöhen ) !

„Hör auf die Schwester !“ oder „Stella hat recht !“

Ausgerechnet die KRANKENschwester Stella sagt im Film : „Wir sind alle zu Voyeuren geworden. Die Leute sollten mal aus ihren Häusern rausgehen und sich nach etwas anderem umsehen“.

Ein besseres Schlusswort hätte ich mir selber gar nicht ausdenken können !!!

Euer Thomas

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
clavigo88

clavigo88

10.02.2004 23:49

Hallo! Ein interessanter Film, habe ich damals im Fernsehen gesehen (da gab es mal eine Hitchcock-Reihe). Das mit der zwei Mal eingespielten Szene hatte ich noch nie gehört. Gruß Klaus

Posdole

Posdole

10.02.2004 17:43

Dein Bericht ist aber auch nicht von schlechten Eltern. "Rear Window" und "North by Northwest" sind übrigens glaube ich meine Lieblings-Hitchs, trotz "The Birds" und "Psycho".

donailena

donailena

10.02.2004 17:20

Ein Filmbericht nach dem anderen - langsam merke ich was Du am Wochenende gemacht hast. LG donailena

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