Fern Interview

1  21.04.2011

Pro:
Hat das was Gutes ?

Kontra:
So etwas darf es nicht mehr geben

kerstin1303

Über sich: Nun sind die schriftlichen Prüfungen hinter mir und geschafft, es fehlt die Mündliche im Juni.

Mitglied seit:14.01.2011

Erfahrungsberichte:121

Vertrauende:44

Diesen Bericht teilen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 74 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Fern Interview

Hallo liebe ciao Gemeinde .
Hier ist ein Bericht über ein schriftliches ===Fern Interview ===, dass ich mit einem in der ehemaligen DDR Inhaftierten geführt habe . Ich habe seine Antworten nicht verändert oder umgeschrieben , sondern nur höchstens ein Wort ergänzt , wenn es auch nur dringend notwendig schien zum Verständnis .
Ich möchte die Anonymität des Betroffenen wahren und bitte daher um Verständnis , wenn ich keine Namen nenne , noch sonstige familiäre Verbundenheit .
Ich habe das gemacht , damit davon auch erzählt wird , jawohl , das ist auch passiert und alle , die davon wussten , haben geschwiegen , weil sie schweigen mussten oder wollten. Denn wer davon erzählte , war quasi schon selber Kandidat eingesperrt zu werden .
Der , den ich berichten lasse , wurde auch in seinem zu Hause immer wieder geprügelt und gedemütigt , da er nicht der eigene Sohn des Vaters war oder aus anderen unerfindlichen Gründen . Ich kenne ihn selbst und ich weiß , er ist ein hochanständiger , ehrlicher , einfacher Mann und er würde Niemanden etwas Schlechtes auch nur wünschen .
Über diese Geschehnisse zu berichten fiel ihm nicht leicht , aber er möchte , dass es alle wissen , was passiert ist und dass es passiert ist und ich finde es richtig . Denn wenn ein Staat , immer sagt er ist ein humaner , friedlicher Staat , wie kann er dann zulassen , dass das passiert ?
Einige , die mitverantwortlich waren , wissen es nicht besser und wenn sie ihre Opfer von damals wieder sehen , sind diese wieder nicht sicher , wenn auch nur vor Belästigung und Beschimpfung .
Die Geschichte , die ich erzähle , wird in Antworten auf meine Fragen erzählt , denn dadurch möchte ich den Zeitgeist wahren und nicht so viel meiner Worte verwenden .
Das ist alles wirklich passiert .

1
. Wo warst Du inhaftiert ?===

„Das erste Mal war es 1973. Da war ich in der Jugendstrafvollzugseinrichtung Ichtershausen bei Erfurt , ein Jahr lang .“
„Das war gleich nach oder mitten in der Lehre .Davor wurde ich in der Untersuchungshaft durch die Stasi festgehalten in Dresden . Die waren da , wie Du es aus den KZ - Filmen kennst so brutal zu uns . Nachts ging immer das Licht an und aus und wir wurden durch Folter mürbe gemacht.
Dann ging es in einem Transportzug , wie Du es schon in KZ-Filmen gesehen hast auf Loren ( Der Zug hieß in der Häftlings-Sprache „Otto-Grothewohl-Express ) von Stasi-U-Haft zu Stasi-U-Haft quer durch die DDR ;von Dresden nach Weimar , dann nach Prenzlau , Magdeburg und Rostock . Immer in diesem Zug in dieser Lore unter ca. 40 anderen Häftlingen .
„Das zweite Mal war es 1975 im Strafvollzug Naumburg , das war schon für Erwachsene .“
„Das war 1 Jahr und 3 Monate .“

2
.Wie lange , von wann bis wann ?===

„Das erste Mal war ich 1 Jahr im Jugendstrafvollzug. Das war von Juli 1973 bis Juli 1974 .
Und das zweite Mal war ich 1 Jahr und 3 Monate im Erwachsenen-Strafvollzug. Das war von Januar 1975 bis März 1976 .“
3
. Warum wurdest Du dort festgehalten ?===

Antwort : „Damals wusste ich noch nicht , was Republikflucht heißt .
Denn wir waren damals als Jugendliche einfach von der Lehrausbildung abgehauen . Wir , das waren ...3..Jugendliche mit einem Ziel : Etwas erleben , die Welt sehen und frei sein . So zogen wir zu Fuß los .“
Nachfrage : Was genau war der Grund für das „Abhauen“?
Antwort :“Wir hatten keine Lust mehr , wie man so sagt , wir waren jung , wollten was erleben .Das war für uns keine Flucht . Also hieß es , wir haben die DDR verraten , weil wir abhauen wollten . So hieß das Urteil : Versuchte Republikflucht .“

4
. Gab es eine Gerichtsverhandlung ?
Antwort : „Ja , es gab eine Gerichtsverhandlung , damals in Bad Doberan .
Den damaligen Staatsanwalt gibt es nicht mehr , nach dem Mauerfall hat er sich selbst erschossen .“
5
. Wenn ja , wie lautete die Anklage ?
Antwort : „Die Anklage lautete - versuchte Republikflucht-„
6
. Gab es eine auf damalige Rechtsverhältnisse basierende Verurteilung ?
Antwort : „Ich wurde damals ohne Rechtsbeistand verurteilt ".
7
. Wie standen Deine Eltern dazu ?
Antwort :“Den Eltern war es ein Dorn im Auge . Vor allem Vater , ich hatte damit seine politische Karriere versaut bei der SED .
Mutter konnte oder wollte nichts sagen .“
8
. Wussten Deine Geschwister davon ?
Antwort : „Nein , die Geschwister wussten nichts davon . Konnten sie auch nicht , weil das ja alles heimlich geschah . Ich war einfach weg .“
9
. Gab es Folterungen ?
wenn ja welche ?
Antwort : „Oh , ja , die gab es wirklich .
Wir wurden an die Zellen Gitter gekettet und dann ausgequetscht .
Dann mussten wir unterschreiben , dass wir draußen , wenn wir entlassen werden , nichts erzählen .
Oder sogar getreten , die hatten so Reiter Hosen an und Stiefel , wenn wir zu langsam gingen; haben sie dir einfach in den Hintern getreten .“
10
. Welche Krankheiten verfolgen Dich heute noch von diesen Folterungen ?
Antwort : „Naja , mittlerweile habe ich das alles etwas verdrängt . Aber man hat ja von anderen Häftlingen gehört , dass es Selbstschussanlagen gab
und man hat einfach auf dich geschossen , das reicht dann schon ...“
Wir haben immer im Dunkeln unter Neon-Licht ohne Fenster gearbeitet , davon habe ich heute Seh - Probleme “.
11
. Was hast Du gefühlt während der langen Zeit ?
„Was kann man fühlen in so einem Staat , der Dich einsperrt und Dir keine
Gelegenheit gibt , Dich zu erklären . Die haben das gar nicht für wahr genommen , wenn Du gesagt hast , dass Du nur abhauen wolltest von der Lehre und auch beim zweiten Mal bin ich ja einfach nur so weggelaufen .
Wir wussten ja gar nicht , dass es Republikflucht überhaupt gab . Das haben wir dann alles später erfahren .“
Nachfrage : Was genau waren Deine Gefühle ?
Antwort : „Ich will mich auch nicht so genau daran erinnern , es ist so schrecklich gewesen als junger Mensch , eingesperrt. Auf jeden Fall war ich sehr einsam und verlassen.“
12
. Musstet Ihr Arbeiten verrichten ?
„Ja , in der Jugendstrafanstalt haben wir auf dem Bau gearbeitet , das war wenigstens draußen . Da habe ich dann meine Lehre abgeschlossen . Wir hatten da mehr Freiheit :
Im Erwachsenen - Gefängnis wurden wir mit dem Bus zur Arbeit gefahren . Wir haben in einer dunklen Halle im Neon-Licht Metall-Arbeiten machen müssen “:

Nachfrage : Hat man euch Lohn ausgezahlt ?
„Ja , wir haben Lohn bekommen in Form von Marken . Rote Marken hatten den Wert von 5 Mark , blaue 2 Mark , gelbe 1 Mark und rosa 50 Pfennig . Mit diesen Marken mussten wir unser Frühstück , Mittag und Abend Essen , sonstige Lebensmittel am Kiosk , Wäsche waschen usw. bezahlen .
Den Rest haben wir nach der Entlassung ausbezahlt bekommen . Das war ein minimaler Betrag von ca. 145 Mark “:
13
. Wer gab Dir die Kraft durchzuhalten ?
„Wir haben uns gegenseitig Mut gemacht . Und es wurde ja auch viel gemacht . Es gab Kino und Freizeit . Da ging es eben so “:
14
. Schildere den ersten Tag der Entlassung
„Ach , das war schon echt cool , wir hatten ja 14 Tage vor Entlassung schon einen Trainingsanzug an .Denn die Strafsachen brauchten wir nicht mehr tragen und wir hatten dann alle Freiheiten . Wir konnten uns frei bewegen .
Und dann der Tag der Entlassung war sehr schön..............die Luft atmen ,
die Freiheit ......
15
. Wie ging es für Dich dann weiter ?
Dann ist man zur Gemeinde zum Rathaus gegangen .
Von der Haft aus hat man Wohnung und Arbeit - Adressen bekommen , wo man sich zu melden hat .
16
. Hast Du Deine Peiniger noch einmal wieder getroffen ?
„Ja . einige hat man wieder gesehen. Die von der U-Haft oder vom Gericht . Aber , die haben sich später alle selbst umgebracht , weil sie es nicht mehr ertragen konnten . Sie konnten mit Rechtfertigungen nicht umgehen“:
17
. Wer gab Dir Unterstützung und wie ?
„Man hat von Betrieben und Freunden Unterstützung bekommen . Die haben Dir auch weitergeholfen ; wenn es um Arbeit ging oder alles aufzuarbeiten “:
18
. Wurdest Du weiter beobachtet von den Sicherheitsorganen und wie ?
„Ja , als wir aus der Jugendstrafeinrichtung entlassen wurden . Da waren wir zu Hause , da kam die Stasi ins Dorf . Wir hatten ja keine Ahnung , wir waren zu jung .Dann fuhren die Stasi - Leute mit uns so herum und wollten , dass man als Spitzel arbeitet. Aber , nein-danke haben wir gesagt . Die haben Geld und Papiere geboten als Bestechung , aber wir haben das nie gemacht , die eigenen Leute bespitzeln ......Das geht gar nicht “:
Hast Du eine Haft-Entschädigung erhalten?

Ja, in 1992 kam das Gesetz zur Rehabilitation ehemals in der DDR politisch Verfolgter heraus und ich bekam eine Haftentschädigung .

Abschließende Infos :

SED- Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
U-Haft - Untersuchungshaft
KZ-Konzentrationslager
DDR-Deutsche Demokratische Republik
Stasi-Staatssicherheit

Liebe ciao Gemeinde , solltet Ihr Fragen haben , werde ich diese sammeln und weitergeben und sie werden auf jeden Fall beantwortet , das kann ich versprechen .
Die Antworten werde ich dann hier einstellen .
An dieser Stelle vielen Dank für die Antworten , die ich von meinem Interview-Partner bekommen habe .
Vielen Dank für das Lesen .

Diesen Bericht teilen auf Google+
Sponsorenlinks
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
wechmida

wechmida

15.03.2013 19:17

...ist schon schlimm -meine Hochachtung für den Inhaftierten, aber auch für Dich!

pinkdawn

pinkdawn

09.07.2012 18:51

Keiner sagt, dass in der DDR alles supertoll war - das ist es auch im Westen nicht ... Warum hast du dieses Interview eigentlich gemacht? lg

giselamaria

giselamaria

08.05.2011 11:49

diese bzw. ähnliche Geschichten sind leider tausendfach passiert. - Ich hoffe dass die Zeit die Wunden mal heilt.... - LG gisela

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 318 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (15%):
  1. wechmida
  2. giselamaria
  3. ditho1911
und weiteren 8 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (85%):
  1. pinkdawn
  2. miss_chocolate
  3. muttibremer
und weiteren 60 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.