Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
sehr informativ, interessante Frauengeschichten |
| Kontra: |
zu sehr "Sachbuch" |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
Fern von Medina ist ebenso wie Djebars andere Bücher im Unionsverlag erschienen. Es ist sowohl gebunden als auch als Taschenbuch erhältlich. (Tb kostet unter 20 DM).
Ich habe ja schon einige Bücher von Assia Djebar hier vorgestellt. Diese hatte ich schon alle vor längerer Zeit gelesen. Als ich jetzt bei einer Lesung von ihr war (eine wirklich tolle und beeindruckende Frau übrigens), erfuhr ich ein bisschen was über ihre Beweggründe, gerade dieses Buch zu schreiben.
Sie schrieb es Anfang der 90er Jahre nach einem Besuch in Algerien. Sie war damals schon einige Zeit nicht mehr in Algerien gewesen und war völlig entsetzt darüber, wie sehr das Land durch radikale Islamisten beeinflusst worden war in der Zwischenzeit.
Sie unterbrach also das Buch, an dem sie eigentlich gerade geschrieben hatte (L'ombre sultane-weiß gar nicht ob es das auf deutsch gibt) um sich persönlich mit dem Islam auseinander zusetzen.
Unter dem Eindruck der fundamentalistischen Bedrohung in ihrem Land begann sie mit einer Geschichte der Frauen aus der Frühzeit des Islam.
Die islamische Geschichte wurde hauptsächlich von Männern überliefert.
Djebar wollte am Beispiel verschiedener Frauengestalten ein neues Licht auf die Geschichtsschreibung werfen.
Sie schreibt nicht gerade einen "neuen" Islam, aber es ist ihre Motivation, gegen die Fundamentalisten, die ja nahezu alle Rechte der Frauen beschneiden, ein Bild eines "anderen" Islam zu entwerfen.
Ein Hauptanliegen ist es ihr, historisch einwandfrei zu arbeiten. Sie hält sich total an historische Quellen, beschreibt auch immer, wo sie ihre Informationen her hat .
Leider merkt man das dem Buch ein bisschen an, es erinnert stellenweise an ein geschichtliches und auch theologisches Sachbuch!
Ihre Ernsthaftigkeit, ihr brennender Wunsch sich einzumischen in den Diskurs, ihr Eintreten für Frauen haben sie dazu gebracht, unheimlich genau und lange zu recherchieren, um sich ja keine Blöße zu geben.
Das ist sehr löblich und es erfüllt mich auch mit Respekt - dennoch führt es dazu, dass dieses Buch schwieriger zu lesen ist als ihre anderen.
Ich brauchte länger, um reinzukommen, aber ich kam rein - und es hat sich gelohnt!!!
Ich hoffe ich habe jetzt niemanden abgeschreckt , das wäre schade!
Kurz zum Inhalt: Die Frauengestalten um Mohammed werden alle vorgestellt in einzelnen Kapiteln, also seine Tanten, Frauen, Töchter und auch sonst Frauen aus dem Umkreis.
Selbstverständlich erfährt man auch viel über den Propheten selbst, über seine Mitstreiter und über die Zeit damals im allgemeinen, aber ihr Hauptaugenmerk ist wirklich die Geschichte der Frauen.
Auch wenn sie dicht bei den historischen Quellen bleibt, kommt ihre wunderbare Gabe, tolle Geschichten zu erzählen, wieder voll zum Zuge.
Da gibt es die Dichterin, die Kriegerin, die Witwen, die wiederverheiratet werden, die freigelassenen Sklavinnen, die Frauen der "Ungläubigen", die Ehefrauen, es gibt sehr romantische Liebesgeschichten, aber eben auch viele, die "verstoßen" wurden von ihren Männern.
Jede einzelne der Frauengestalten, die sich zum größten Teil ja kennen, also auch ihre Beziehungen untereinander, werden in manchmal faszinierenden Geschichten dargestellt, manchmal ist es aber auch ein bisschen trocken.
Ich habe das Buch gerne gelesen, und ich muss sagen, ich weiß jetzt viele interessante Dinge, die ich sonst nie kennen gelernt hätte .
Mit der Zeit habe ich eine Technik entwickelt über die "nervigen" Passagen wegzulesen. Mit "nervig" meine ich z.B. Aufzählungen über Verwandtschaftsgrade oder welcher Stamm mit welchem gerade Krieg führte. Ich habe mich voll auf die Schicksale konzentriert.
Fazit: nicht als Einstiegslektüre in ihr Werk geeignet!
Aber Menschen, die sich für fremde Religionen und für Geschichte, aber auch für Frauenschicksale interessieren, und die ein bisschen Durchhaltevermögen (ach ja und möglichst noch mit einem guten Namensgedächtnis -sie wirft mit vielen, vielen ähnlichen Namen um sich, ich wusste manchmal nicht mehr, wer wer ist), denen kann ich Fern von Medina empfehlen!